Japans klassische Mythentexte

< Denken
Version vom 4. Oktober 2021, 18:11 Uhr von Bescheid (Kommentar | Beiträge)
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Japans klassische Mythentexte

Die bekanntesten und bis heute wichtigsten Werke, die uns Auskunft über die ältesten japanischen Mythen und Legenden geben, sind zugleich die ältesten Zeugnisse der japanischen Literatur überhaupt: Kojiki („Berichte alter Begebenheiten“, 712) und Nihon shoki („Berichte über Japan“, 720, auch als Nihongi bekannt). Für beide zusammen hat sich der Ausdruck kiki eingebürgert.

Nihonshoki kanekata.jpg
Bei diesem Manuskript handelt es sich um eine der ältesten fragmentarischen Abschriften des Nihon shoki aus dem Jahr 1286 durch den Priester und Hofgelehrten Urabe Kanekata. Neben dem Haupttext finden sich zahlreiche Anmerkungen und Angaben zur Lesung, die auf eine lange Tradition der „Textpflege“ innerhalb der kaiserlichen Hofgelehrten hindeuten. Werk von Urabe Kanekata. Kamakura-Zeit, 1286
e-kokuhō
1 Erste Seite aus der Nihon shoki Abschrift von Urabe Kanekata

Wie bei fast allen frühen Schriftwerken handelt es sich bei den kiki um staatlich geförderte Mammutunternehmungen. Sie entstanden im Auftrag des kaiserlichen Hofes und repräsentieren daher die offizielle Sichtweise der Geschichte des Landes und seiner Herrscher. Beide Werke verstehen sich als historische Chroniken, doch werden sie von Berichten über das „Zeitalter der Götter“ eingeleitet, die man heute als Mythen klassifiziert. Man darf sich Kojiki und Nihon shoki also nicht als trockene Chroniken vorstellen. Mythen, Legenden und penible Aufzeichnungen gehen vielmehr ineinander über und vermischen sich.

Die Erzählung beginnt mit der Erschaffung der Erde (bzw. der japanischen Inseln) und reicht beinahe bis zum Zeitpunkt der Abfassung (Kojiki bis 628, Nihon shoki bis 697). Zahlreiche Gottheiten, bzw. ihre Nachkommen steigen im Laufe der Erzählung auf die Erde herab und werden zu den Ahnen menschlicher Familien. Wie sie sich von nicht-göttlichen Menschen unterscheiden, wird nicht beschrieben. Ebenso wenig wie es eine Trennung zwischen Mythos und historischer Chronik gibt, gibt es eine markante Trennlinie zwischen Göttern und Menschen. (Für eine genauere Inhaltsangabe siehe das Kapitel Mythen, Zeitalter der Götter).

Schriftlicher Stil und inhaltliche Interessen

Im Unterschied zu anderen Mythologien, z.B. der griechischen, zeigen beide Chroniken, vor allem aber das Nihon shoki, eine große Bedachtnahme auf eine genaue Genealogie und auf die Datierung von Ereignissen. Es sind dies Merkmale, die auch die spätere japanische Geschichtsschreibung auszeichnen und den Einfluss der chinesischen Geschichtstradition widerspiegeln. Dieser Geschichtstradition, die zusammen mit der Schriftlichkeit von China übernommen wurde, entspricht es auch, dass wir sogar über die Autoren der Chroniken relativ gut informiert sind. Zugleich verdeutlicht uns der Stil der Chroniken, dass wir es nicht mit der unmittelbaren Niederschrift von Erzähltem zu tun haben. Sowohl der Inhalt als auch die Art der Erzählung sind vom Bemühen bestimmt, das damals noch verhältnismäßig junge japanische Staatswesen zu legitimieren und zu stärken bzw. den Führungsanspruch der Tennō-Dynastie über dieses Staatswesen zu begründen. Herman Ooms schreibt dazu:

Es muss von Anfang an deutlich unterstrichen werden, dass unsere Kenntnisse der politischen Entwicklungen im sechsten und siebenten Jahrhundert aus Quellen stammen, die von und für den Hofadel geschrieben wurden. Die Texte, die Historiker als „Primärquellen“ verwenden, sind daher selbst das Ergebnis einer spezifischen narrativen Organisation. Sie bestehen fast ausschließlich aus retrospektiven Annalen, die in offiziellem Auftrag hergestellt wurden. [...] Trotz dieses offiziellen Charakters sind es zugleich auch die Familienchroniken der regierenden adeligen Häuser, sodass es schwierig ist, die vielfältigen darin eingebetteten Interessen zu entflechten. Individuen, Fraktionen, Verwandtschaftsgruppen, der Hof und der Staat – Instanzen, die nahezu untrennbar verwoben waren – beeinflussten die Herstellung von Fakten durch Datenselektion, Kontextualisierung, Euphemisierung, assoziative Verbindungen und Auslassungen [...]

Ooms 2008, S. 5; Ü.: B. Scheid

Man sollte sich bei der Lektüre von Kojiki oder Nihon shoki also bewusst sein, dass uns beide Werke keinen unmittelbaren Blick auf die älteste Mythologie ermöglichen, sondern dass wir durch verschiedene Filter auf die vorgeschichtlichen Erzähltraditionen blicken. Besonders das Vorbild der chinesischen Geschichtsschreibung einerseits und die Interessenslage der Tennō-Dynastie andererseits sind solche Filter, die die Chroniken sowohl stilistisch als auch inhaltlich prägen.

Das bedeutet jedoch nicht, dass die mythologischen Erzählungen ausschließlich als ideologische Werkzeuge zu verstehen sind. Zweifellos enthalten sie sehr viel „mythologisches Allgemeingut“, also Erzählungen, die tatsächlich für das allgemeine religiöse Weltbild im damaligen Japan repräsentativ sind. Der Einfluss oraler Traditionen lässt sich außerdem in der Lyrik erkennen und diese wird vor allem im Kojiki ausgibig zitiert. Aus diesem Grund wird das Kojiki oft als der „ursprünglichere“ Text angesehen. Andererseits bietet das Nihon shoki zu vielen Episoden gleich mehrere Varianten an, was das Verständnis der großen Handlungszusammenhänge zwar erschwert, zugleich aber auch zeigt, dass es zu einem Thema oft mehrere, widersprüchliche Erzähltraditionen gegeben haben muss, und damit in gewisser Weise einen Blick hinter die Kulissen ermöglicht.

Als historische Quelle betrachtet, ist das Kojiki im Vergleich zum Nihon shoki ungenauer, auch werden Festlandkontakte kaum und der Buddhismus gar nicht erwähnt. Offenbar wurden diese Themen bewusst ausgeklammert. Das Nihon shoki ist dagegen stärker von chinesischen Geschichtswerken beeinflusst, z.T. wird daraus sogar zitiert. Die neuere japanische Forschung sieht den Unterschied der beiden Chroniken als Reflexion von zwei unterschiedlichen Haltungen gegenüber China an, die zur damaligen Zeit wahrscheinlich gleichzeitig vorhanden waren: Im Fall des Kojiki ein Negieren des Vorbildcharakters von China und ein bewusster Versuch, autochthone Traditionen soweit als möglich zu bewahren. Dies drückt sich sowohl auf sprachlicher Ebene (weniger Anleihen aus dem Chinesischen), als auch auf inhaltlicher Ebene (Ausklammern auslandsbezogener Themen) aus. Zum anderen der Versuch, China zwar als Vorbild anzuerkennen, aber ihm als gleichrangiger Partner gegenüber zu treten (Nihon shoki). Daher ist das Nihon shoki stilistisch näher bei chinesischen Geschichtswerken, betont aber den von China vollkommen unberührten mythologischen Ursprung Japans und seiner Herrscher.

Philologische Aufarbeitung

Fehler im Ausdruck: Unerwarteter Operator <px
Erstes Blatt einer frühen, Edo-zeitlichen Druckversion des Kojiki mit handschriftlichen Notizen von Motoori Norinaga. Werk von Motoori Norinaga. Edo-Zeit
Museum of Motoori Norinaga
2 Norinagas Kojiki

Was die kiki-Texte bis heute zu einem unerschöpflichen Reservoir neuer Forschungen und Interpretationen macht, ist die Tatsache, dass man in vielen Fällen weder die genaue Aussprache noch die genaue Bedeutung einzelner Begriffe kennt. Das liegt vor allem an der damals noch nicht standardisierten Verwendung der chinesischen Schriftzeichen, die teils als Sinngeber (also wie heute zur Wiedergabe eines ganzen Begriffes), teils als Lautträger (zur lautlichen Wiedergabe japanischer Silben, ähnlich den modernen kana-Zeichen) verwendet wurden.

Erst seit dem 17. Jahrhundert gibt es systematische Bemühungen, eine allgemeingültige Lesart der kiki zu rekonstruieren und diese der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Davor wurden die alten Chroniken Jahrhunderte lang innerhalb weniger Priester- und Gelehrtendynastien geheim weiter gegeben. Selbst wenn Außenstehende sie zu Gesicht bekamen, wussten sie damit nichts anzufangen. Interessanterweise wurde dem Nihon shoki durch viele Jahrhunderte hindurch die größere Bedeutung beigemessen. Erst durch die Wirkung des Gelehrten Motoori Norinaga (1730–1801), dem wichtigsten Repräsentanten der Edo-zeitlichen kokugaku (wtl. „Nationale Lehre“, s. Kapitel Geschichte, Kokugaku) erhielt das Kojiki eine Aufwertung.

Im Westen erhielt die Mythologie zu Beginn der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der japanischen Kultur große Aufmerksamkeit. Die ersten Übersetzungen von Kojiki und Nihon shoki entstanden bereits Ende des 19. Jahrhundert in Japan, wo Pioniere wie Basil Hall Chamberlain, William George Aston oder Karl Florenz sowohl untereinander als auch mit Kokugaku-Gelehrten in regem Austausch standen. Noch heute gelten die Übersetzungen dieser Gelehrten als Standardwerke.

Verweise

Verwandte Themen

Internetquellen

Letzte Überprüfung der Linkadressen: Jul. 2020

Literatur

William George Aston (Ü.) 1972
Nihongi: Chronicles of Japan from the Earliest Times to A.D. 697. Rutland, Vt: Tuttle 1972. [Erste Ausgabe: London 1896.]
Basil Hall Chamberlain (Ü.) 1981
Kojiki: Records of Ancient Matters. Tokyo: Tuttle 1981. [Erste Auflage 1919, basierend auf einer ersten Übersetzung aus dem Jahr 1882.]
Karl Florenz (Ü.) 1901
Japanische Mythologie: Nihongi, „Zeitalter der Götter“, nebst Ergänzungen aus anderen alten Quellenwerken. Tokyo: Hobunsha 1901. [Supplement der „Mittheilungen“ der deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens.]
Karl Florenz (Ü.) 1919
Die historischen Quellen der Shinto-Religion. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1919. [Übersetzungen von Kojiki und Nihon shoki (in Auszügen) sowie Kogo shūi (ganz).]

Seither sind andere Themen in den Vordergrund getreten. Nach dem 2. WK hat sich der allgemeine Trend in der Japanologie immer mehr hin zur Gegenwart verlagert. Geschichte und Religion stehen nicht mehr im Zentrum der wissenschaftlichen Auseinandersetzung und selbst innerhalb dieser Bereiche nimmt die Mythologie wiederum nur einen geringen Stellenwert ein. Dennoch gibt es mit der im Jahr 2000 verstorbenen Nelly Naumann eine Expertin, deren Bedeutung weit über den deutschen Sprachraum hinausgeht. Naumanns Thesen zur Mythologie finden sich neben zahlreichen Aufsätzen in:

Nelly Naumann 1988
Die einheimische Religion Japans, Teil 1: Bis zum Ende der Heian Zeit. Leiden: Brill 1988.
Nelly Naumann 1996
Die Mythen des alten Japan. München: Beck 1996.

Im deutschen Sprachraum wurden Naumanns Forschungen u.a. von Klaus Antoni weitergeführt. S. z.B.:

Klaus Antoni 1982
Der weiße Hase von Inaba: Vom Mythos zum Märchen. Analyse eines japanischen "Mythos der ewigen Wiederkehr" vor dem Hintergrund altchinesischen und zirkumpazifischen Denkens. Wiesbaden: Steiner 1982.
Klaus Antoni 1988
Miwa - Der Heilige Trank: Zur Geschichte und religiösen Bedeutung des alkoholischen Getränkes (sake) in Japan. Wiesbaden: Steiner 1988.
Klaus Antoni (Ü.) 2012
Kojiki: Aufzeichnungen alter Begebenheiten. Berlin: Verlag der Weltreligionen (Insel Verlag) 2012. [Mit einer begleitenden Studie und ausführlichen Text-Anmerkungen.]

Zum geschichtlichen Hintergrund zur Zeit der Abfassung der Mythen:

Herman Ooms 2008
Imperial Politics and Symbolism in Ancient Japan: The Tenmu Dynasty, 650–800. Honolulu: University of Hawaii Press 2008.

Bilder

Quellen und Erläuterungen zu den Bildern auf dieser Seite:

  1. ^ 
    Nihonshoki kanekata.jpg

    Bei diesem Manuskript handelt es sich um eine der ältesten fragmentarischen Abschriften des Nihon shoki aus dem Jahr 1286 durch den Priester und Hofgelehrten Urabe Kanekata. Neben dem Haupttext finden sich zahlreiche Anmerkungen und Angaben zur Lesung, die auf eine lange Tradition der „Textpflege“ innerhalb der kaiserlichen Hofgelehrten hindeuten. Werk von Urabe Kanekata. Kamakura-Zeit, 1286
    e-kokuhō

  1. ^ 
    Kojikiden.jpg

    Erstes Blatt einer frühen, Edo-zeitlichen Druckversion des Kojiki mit handschriftlichen Notizen von Motoori Norinaga. Werk von Motoori Norinaga. Edo-Zeit
    Museum of Motoori Norinaga


Glossar

Namen und Fachbegriffe auf dieser Seite:

  • Aston, William George (west.) ^ 1841–1911; brit. Diplomat und Pionier der Japanologie; Übersetzer des Nihon shoki
  • Chamberlain, Basil Hall (west.) ^ 1850–1935, brit. Pionier der Japanforschung
  • Edo 江戸 ^ Hauptstadt der Tokugawa-Shōgune, heute: Tōkyō; auch: Zeit der Tokugawa-Dynastie, 1600–1867 (= Edo-Zeit);
  • Florenz, Karl (west.) ^ 1865–1939; Pionier der deutschen Japanforschung
  • kana ^ 2 japanische Silbenalphabete: hiragana (ひらがな) und katakana (カタカナ); bestehend aus 46 Zeichen
  • kiki 記紀 ^ Sammelbezeichnung für KojiKI und Nihon shoKI (ki, Bericht, ist jeweils mit einem leicht abweichenden Zeichen geschrieben)
  • Kojiki 古事記 ^ „Aufzeichnung alter Begebenheiten“; älteste jap. Chronik (712)
  • kokugaku 国学 ^ „Lehre des Landes“, Nationale Schule, Nativismus; in der Edo-Zeit entstandene Gelehrtentradition, die ihren Fokus auf das nationale Erbe Japans richtete
  • Motoori Norinaga 本居宣長 ^ 1730–1801; Shintō-Gelehrter der „nationalen Schule“ (kokugaku)
  • Nihon shoki 日本書紀 ^ Zweitältestes Schriftwerk und erste offizielle Reichschronik Japans (720)
  • Ooms, Herman (west.) ^ belgisch-amerikanischer Japanologe, Prof. emer. der University of California, Los Angeles
  • Tennō 天皇 ^ jap. „Kaiser“-Titel, wtl. Herrscher des Himmels
Religion in JapanDenkenMythentexte
Logo ebisu 150.png
Religion in JapanInhaltsübersicht

Diese Seite:

„Japans klassische Mythentexte.“ In: Bernhard Scheid, Religion-in-Japan: Ein digitales Handbuch. Universität Wien, seit 2001