Fudō ist der einzige unter den esoterischen „mantra-Königen“ (myōō), der auch im modernen Japan allgemein bekannt und populär ist. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass die furchterregenden Züge anderer myōō bei Fudō meist abgeschwächt — oder unterentwickelt — sind. Er wirkt meist eher schlecht gelaunt als zornig. In manchen Texten wird sein Aussehen als „jugendlich und fett“ beschrieben.
Fudō Myōō (skt. Acala) stehend. Frühes Beispiel des „asymetrischen Typs“ mit schiefem Mund, asymmtrischen Eckzähnen und einem halb geschlossenen Auge. Die Statue ist — typisch für die Heian-Zeit — aus einem Stamm geschnitzt. Innen ist sie zwar ausgehöhlt, besitzt aber noch keine eingelegten Augen. Heian-Zeit, 11. Jh. ( Bernhard Scheid, flickr, 2024)
Ikonographie
Fudō Myōō besitzt im Unterschied zu den meisten anderen myōō kein drittes Auge oder sonstige paranormale anatomische Eigenheiten. In vielen Fällen ist sein Gesicht allerdings von einer erstaunlichen Asymmetrie gekennzeichnet: Aus dem rechten Mundwinkel ragt ein Eckzahn nach oben, aus dem linken ein Eckzahn nach unten; sein rechtes Auge ist weit offen, das linke halb geschlossen. Bemerkenswert ist auch sein Zopf, der ihm über die linke Schulter hängt.
FudōMyōō (skt. Acala) des Meisterbildhauers Unkei. „Asymmetrischer Typ“ mit schiefen Zähnen und asymmetrischen Augen, die hier aus Kristall angefertigt und nachträglich in die Statue eingefügt wurden. Werk von Unkei (1150?–1224). Kamakura-Zeit, 1189 (Bildquelle: unbekannt)
Daneben existiert auch ein Fudō, der sich mit den Oberzähnen auf die Unterlippe beißt. Diese Ikonographie dürfte die ursprüngliche sein, da sie sich auch bei anderen zornvollen Gottheiten, sowie bei Acala-Darstellungen außerhalb Japans findet (s.u.). Sie wird auch als „Daishi-Stil“ bezeichnet, wobei sich Daishi auf Kōbō Daishi, also auf Kūkai, den Begründer des Shingon-Buddhismus, bezieht. Kūkai dürfte sich Fudō somit nicht mit schiefen Eckzähnen, sondern mit verbissenem Mund vorgestellt haben.
FudōMyōō (skt. Acala); man erkennt hier gut den „verbissenen Typ“, der sich fest auf die Unterlippe beißt. Werk von Kaikei. 1203 (Bildquelle: unbekannt)
In dieser Darstellung aus der späten Heian-Zeit ist der Charakter eines trotzigen Kindes, der ja auch in den klassischen Beschreibungen angedeutet wird, gut zu erkennen. Späte Heian-Zeit, 12. Jh. ( Metropolitan Museum of Art, New York)
FudōMyōō (skt. Acala) mit eingelegten Glasaugen. Werk von Kaikei, einem Repräsentanten der Kei-Schule. Werk von Kaikei. Kamakura-Zeit, 1203 (Bildquelle: unbekannt)
Die eigentümliche Ikonographie des asymmetrischen Fudō ist vor allem in Japan verbreitet, lässt sich aber auf Yixing, einen chinesischen Patriarchen des Shingon Buddhismus zurückführen. Dieser beschrieb Fudō in seinem Kommentar zum Dainichi-kyō folgendermaßen:
Er besitzt die Gestalt eines Kindes. In der rechten Hand hält er das Siegel des Schwerts der Weisheit, in der Linken ein Lasso. Das Haar seines Kopfes ist zu einem Zopf geflochten, der ihm über die linke Schulter fällt. Sein linkes Auge ist halb geschlossen. Seine Zähne stehen hervor, sodass er sich rechtsseitig auf die Oberlippe, linksseitig auf die Unterlippe beißt. Die Stirn ist wellenförmig gefurcht. Er sitzt auf einem Felsen. Sein Leib ist jugendlich und fett. Er wirkt in höchstem Maße zornig.1
Die besonderen Zähne des japanischen Fudō stammen also aus kanonischen Quellen, die sich zumindest bis nach China zurück verfolgen lassen, doch scheinen sie sich erst nach und nach gegenüber dem Daishi-Typus durchgesetzt zu haben.
Auf bildlichen Darstellungen wird Fudō außerdem häufig von (zwei oder acht) jugendlichen Begleitern (dōji) umringt. Dieses Gefolge scheint eine japanische Innovation zu sein, die die starke Beziehung des japanischen Buddhismus zu diesem myōō unterstreicht. In den ältesten indischen Quellen wird Acala/Fudō lediglich als Bote oder Gefolgsmann eines Buddhas geschildert, im esoterischen Buddhismus Japans erhält er hingegen selbst ein Gefolge und wird in manchen Texten sogar als Personifizierung der Weisheit des Dainichi Nyorai interpretiert.
Diese Bevorzugung geht möglicherweise auf die besondere Verehrung des Fudō durch den bereits erwähnten Schulgründer Kūkai zurück.
Fudō wird u.a. von den synkretistischen Bergasketen (yamabushi) besonders verehrt und gerne in den Mittelpunkt von Feuerriten (goma) gestellt. Daher findet man in den Zentren des yamabushi-Kultes (Shugendō) häufig Darstellungen des Fudō, mitunter auch als überdimensionale Felsskulpturen. Eines dieser Zentren befindet sich auf der Halbinsel Kunisaki in Kyūshū, wo z.B. ein „Fudō im Fluss“ anzutreffen ist.
Auch in den Tempeln der Shikoku-Pilgerroute, die überwiegend dem Shingon Buddhismus angehören, ist Fudō in mannigfachen, oft (unfreiwillig?) komischen Varianten anzutreffen.
Die obigen Abbildungen zeigen einen tibetischen Acala (Fudō) aus dem zwölften bzw. dreizehnten Jahrhundert. Dieser Acala entspricht in Haltung und Gestus dem Grundtyp der zornvollen Gestalten des tibetischen Tantrismus (s.a. Vajrapani), hat aber dennoch einige bemerkenswerte Gemeinsamkeiten mit dem japanischen Fudō, nämlich die dunkle Haut, das Schwert, ein Seil (allerdings verknotet mit einer Schlange) und die verbissene Unterlippe. Laut Himalayan Art war Acala vom elften bis zum dreizehnten Jahrhundert in der Himalaya Region populär. Später scheint er von anderen zornvollen Gestalten überfügelt worden zu sein.
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Aus dem Dainichikyō sho, einem Kommentar zum Dainichi-kyō erstellt zwischen 724 und 727 von Yixing (683–727). In weiterer Folge werden den aufgezählten Eigenschaften präzise symbolische Bedeutungen zugeschrieben (nach Sawa Ryūken, Mikkyō daijiten, S. 1955; für ein ähnliches Zitat aus dem Dainichi-kyō s. Kreiner und Steineck 2008, S. 15–16).
Das Dainichi-kyō wurde 724 ins Chinesische übertragen und beruht entweder auf einem (verlorenen) indischen Original oder auf einer Zusammenfassung mehrerer Texte des indischen esoterischen Buddhismus durch die Übersetzer Śubhakarasiṃha und Yixing (Digital Dictionary of Buddhism). Es zählt zu den zentralen Texten der Shingon-shū.
Quellen und Erläuterungen zu den Bildern auf dieser Seite
^Fudō Myōō (skt. Acala) stehend. Frühes Beispiel des „asymetrischen Typs“ mit schiefem Mund, asymmtrischen Eckzähnen und einem halb geschlossenen Auge. Die Statue ist — typisch für die Heian-Zeit — aus einem Stamm geschnitzt. Innen ist sie zwar ausgehöhlt, besitzt aber noch keine eingelegten Augen. Heian-Zeit, 11. Jh. ( Bernhard Scheid, flickr, 2024)
^FudōMyōō (skt. Acala) des Meisterbildhauers Unkei. „Asymmetrischer Typ“ mit schiefen Zähnen und asymmetrischen Augen, die hier aus Kristall angefertigt und nachträglich in die Statue eingefügt wurden. Werk von Unkei (1150?–1224). Kamakura-Zeit, 1189 (Bildquelle: unbekannt)
^FudōMyōō (skt. Acala); man erkennt hier gut den „verbissenen Typ“, der sich fest auf die Unterlippe beißt. Werk von Kaikei. 1203 (Bildquelle: unbekannt)
^In dieser Darstellung aus der späten Heian-Zeit ist der Charakter eines trotzigen Kindes, der ja auch in den klassischen Beschreibungen angedeutet wird, gut zu erkennen. Späte Heian-Zeit, 12. Jh. ( Metropolitan Museum of Art, New York)
^FudōMyōō (skt. Acala) mit eingelegten Glasaugen. Werk von Kaikei, einem Repräsentanten der Kei-Schule. Werk von Kaikei. Kamakura-Zeit, 1203 (Bildquelle: unbekannt)
Kunisaki-hantō 国東半島 ^Halbinsel Kunisaki, Präfektur Ōita, Kyūshū; Region im Hinterland des Usa Hachiman-gū, bekannt für ihre zahlreichen Tempel und Steinskulpturen
tantra (skt.) तन्त्र ^„Gewebe“, Lehrschrift des esoterischen Buddhismus (ähnlich sūtra, aber meist mit rituellem Inhalt)
yamabushi 山伏 ^Bergasket, wtl. der in den Bergen schläft; Praktikant des Shugendō
Yixing (chin.) 一行 ^683–727; chin. Astronom, Erfinder und Mönch des esoterischen Buddhismus (mijiao), vor allem als Übersetzer des Mahāvairocana Sutra (Dainichi-kyō) und Autor des zugehörigen Kommentars (Dainichi-kyō sho) bekannt