Nach althergebrachter Auffassung unterscheidet sich jeder Buddha von gewöhnlichen Sterblichen rein äußerlich durch 32 physiologische Merkmale. So sind zum Beispiel die Fußsohlen eines Buddha flach (Merkmal 1) und tragen die Symbole des „Rades der Lehre“ (dharmacakra, Merkmal 2). Viele dieser Merkmale sind intuitiv verständlich, andere wirken aus heutiger Sicht befremdlich. Auch von den buddhistischen Bildhauern sind viele nicht berücksichtigt worden. Was die meisten Statuen allerdings mit der Liste der 32 Merkmale gemeinsam haben, ist ein Schönheitsideal, das jedem Bodybuilder diametral entgegengesetzt ist. Sehnen und Muskeln sollen sich nicht an der Körperoberfläche abzeichnen.
Auf der Fußsohle dieses Yakushi Nyorai zeichnet sich unter anderem das Rad der Lehre (dharmacakra ab, was dem zweiten der 32 Merkmale eines Buddhas entspricht. Nara-Zeit (Bildquelle: unbekannt)
Die einzelnen Merkmale
Die 32 Merkmale sind u.a. in Kumarajivas Kommentar zum Sutra der Großen Weisheit (Mahaprajnaparamita Upadesha, 402–405; jp. Daichi dōron) kanonisch festgelegt worden. Sie lauten im einzelnen folgendermaßen:
Plattfuß: die Fußsohle hat keine Wölbung und berührt zur Gänze den Boden.
Auf den Sohlen kreisförmige Abbilder des „Rades der Lehre“
Obwohl das letztgenannte Merkmal auf den meisten Buddhastatuen Japans nur als dezenter Punkt erscheint, ist es eines der wichtigsten. Im Meditations Sutra Kanmuryōju-kyō heißt es z.B., dass dieser Haarwirbel ein Licht aussendet, das alle umfängt, die Buddhas Namen gedenken (nenbutsu) und sie niemals im Stich lässt. Auf manchen Bildern des Buddha Amida ist diese spirituelle Stirnlampe daher auch sehr gut zu erkennen.
Die 32 Merkmale spielen bereits in der Biographie des historischen Buddha Śākyamuni eine gewisse Rolle: Nach seiner Geburt wird er von den Wahrsagern am Hof seines Vaters Śuddhodana untersucht. Diese schließen aus den Merkmalen, dass er entweder ein mächtiger König werden wird, sofern er den Palast nicht verlässt, oder ein Erleuchteter, sofern er sich auf Wanderschaft begibt. Suddhodhana ist verständlicherweise für die erste Option und sperrt seinen Sohn quasi in einem goldenen Käfig ein, bis der Buddha schließlich aus eigenem Antrieb dem Palast entflieht (s. dazu Buddhas Leben nach der buddhistischen Überlieferung). Die 32 Merkmale sind also auch die Merkmale eines Königs.
Gabriele Greve, Buddhastatuen, Who is Who: Ein Wegweiser zur Ikonografie von japanischen Buddhastatuen. Kamakura: Paradise Publishers, 1994. 2. Auflage.
Quellen und Erläuterungen zu den Bildern auf dieser Seite
^Auf der Fußsohle dieses Yakushi Nyorai zeichnet sich unter anderem das Rad der Lehre (dharmacakra ab, was dem zweiten der 32 Merkmale eines Buddhas entspricht. Nara-Zeit (Bildquelle: unbekannt)
nenbutsu 念仏 ^Anrufung des Namens von Buddha Amida, Gebetsformel der Amida-Anhänger
Śākyamuni (skt.) शाक्यमुनि ^„Der Weise des Shakya-Klans“, buddhistischer Name des historischen Buddha (GautamaSiddhārtha); jap. Shaka 釈迦oder Shakamuni 釈迦牟尼
Śuddhodana (skt.) शुद्धोदन ^Vater von Buddha Shakyamuni, König in Nord-Indien; jap. Jōbon-ō 浄飯王