In der Edo-zeitlichen buddhistischen Bildenzyklopädie Butsuzō zui findet man im Abschnitt „Himmelskunde“ u.a. zwölf Figuren, die hier als „Zwölf Paläste“ (jūni-kyū) bezeichnet und ansonsten nicht weiter kommentiert werden. Mit ein bisschen Phantasie lassen sich darin die im Westen bekannten Sternzeichen erkennen, auch wenn sich die beigefügten Zahlen nicht nach der hierzulande bekannten Abfolge richten. Da in Japan ja sowohl für Horoskope als auch zur Einteilung der Zeit ein anderes Set von zwölf Zeichen (jūni shi) herangezogen wurde, stellt sich die Frage, wie es zu dieser Edo-zeitlichen Abbildung kam.
Diese Seite enthält zwei weitere Beispiele für die Verwendung der hierzulande geläufigen Tierkreiszeichen in einem astrologischen Kontext und skizziert die historische Verbindung zwischen den verschiedenen Sterndeutungsystemen.
Das obige Beispiel stammt aus einem astrologischen Lehrbuch der späten Heian-Zeit (12. Jh.). Die Zeichnung ist ähnlich einem maṇḍala in diverse konzentrische Bereiche gegliedert, die jeweils auf bestimmte Erscheinungen am Sternenhimmel Bezug nehmen. In einem schmalen Band, dem von außen gesehen zweiten Rahmen, lassen sich wieder die zwölf Sternzeichen – diesmal in richtiger Abfolge — erkennen. In der rechten unteren Ecke beginnend sind dies (gegen den Uhrzeiger):
Fisch, Widder, Stier, Zwillinge (hier ein Ehepaar), Krebs, Löwe, Jungfrau(en), Waage, Skorpion, Schütze (Bogen), Steinbock (makara), und Wassermann (Krug).
Die prominenteren Figuren, die jeweils mit Kreisen umgeben sind, stellen die „Neun Planeten“ (jap. kuyōsei) dar, die kleinen Figuren im innersten Bereich repräsentieren die 28 „Stationen“ (nijū hasshuku) des Mondes, welche mit chinesischen Sternbildern assoziiert sind. In der Mitte ist Manjushri (jap. Monju Bosatsu), Bodhisattva der Weisheit, auf seinem Löwen zu sehen, darunter der Planet Saturn (jap. Doyōsei). Während die chinesischen Sternbilder jeweils durch eine mehr oder weniger bekannte buddhistische Gestalt repräsentiert sind (Saturn etwa hat die Gestalt des Königs der Unterwelt, Enma), haben die „westlichen Sternzeichen“ ihre hierzulande bekannte Form zum Großteil behalten.
In der Mitte thront Buddha auf dem Weltenberg Shumisen, um den Berg herum sind die Neun Planeten sowie die Sterne des Großen Wagens zu sehen. Außerhalb befinden sich die westlichen Sternzeichen und die chinesischen Sternbilder. Edo-Zeit, 18.- 19.Jh. ( Museum of Fine Arts, Boston)
Diese Abbildung nennt sich Sternen Mandala und zeigt ein ähnliches Schema. In der Mitte sieht man den buddhistischen Weltenberg Sumeru (jap. Shumisen), auf dem Buddha mit dem Rad der Lehre in Händen trohnt. Den Sanduhr-förmigen Weltenberg umgibt ein Ozean (in dessen südlichem Teil die bekannte Welt einen eigenen Kontinent namens Jambudvīpa, jap. Enbudai, bildet, der hier aber nicht abgebildet ist). Rund um den Weltenberg scharen sich die Neun Planeten sowie die sieben Sterne des Großen Wagens (hokuto). In einem weiteren Kreis finden sich wieder die Sternzeichen der westlichen Astrologie. Im äußersten Bereich sind schließlich die 28 chinesischen Sternbilder zu sehen.
Sukuyōdō
Die obigen Darstellungen und die entsprechenden Methoden der buddhistischen Astrologie werden als sukuyō-dō, Weg der Sternbilder und Planeten, bezeichnet und gehen auf ein apokryphes Sutra der Sternbilder (Sukuyō-kyō) zurück. Der volle Titel lautet in etwa „sūtra der von guten und schlechten Tage gemäß den Sternbildern, wie sie von Bodhisattva Mañjuśrī und diversen Weisen erklärt wurden.“ Manjushri ist also nicht zufällig auf dem Bild aus der Heian-Zeit abgebildet. Er wurde offenbar als der Entdecker astrologischer Geheimnisse angesehen.
Das Sutra selbst lässt sich bis zum großen Übersetzer Amoghavajra (705–774) zurückverfolgen. Dieser übertrug v.a. Texte des esoterischen Buddhismus (mikkyō) aus dem Sanskrit ins Chinesische. In manchen Fällen, so auch in diesem, ist allerdings unklar, ob tatsächlich ein entsprechendes Sanskrit-Original existierte oder ob es sich nicht um Amoghavajras eigene Schriften handelt.
Zu Amoghavajras „Enkelschülern“ zählte auch Kūkai, der das Sutra der Sternbilder in Japan bekannt machte. Der darauf beruhende Weg der Sternbilder wurde in der Folge vor allem in esoterisch-buddhistischen Kreisen und ihrer aristokratischen Klientel gepflegt, geriet aber mit dem Niedergang des Hofes im japanischen Mittelalter weitgehend in Vergessenheit.
Butsuzō zui, Ehime University Library Digitalisierte Ausgabe einer Edo-zeitlichen Bildenzyklopädie buddhistischer (und tlw. nicht-buddhistischer) Gestalten, auf der auch die entsprechenden Darstellungen in Siebold's Japanbeschreibungen [über Internet Archive] beruhen.
文殊師利菩薩及諸仙所説吉凶時日善惡宿曜經. Originaltext des Sutras der Sternbilder in der SAT Daizōkyō Text Database, der digitalisierten Version des Taishō Kanons der Universität Tokyo.
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^In der Mitte thront Buddha auf dem Weltenberg Shumisen, um den Berg herum sind die Neun Planeten sowie die Sterne des Großen Wagens zu sehen. Außerhalb befinden sich die westlichen Sternzeichen und die chinesischen Sternbilder. Edo-Zeit, 18.- 19.Jh. ( Museum of Fine Arts, Boston)
Amoghavajra (skt.) अमोघवज्र ^705–774; buddh. Mönch aus Samarkand, Autor und Übersetzer zahlreicher Schriften des esoterischen Buddhismus aus dem Sanskrit ins Chinesische; chin. Bukong Jingang; jap. Fukū Kongō 不空金剛
Edo 江戸 ^Hauptstadt der Tokugawa-Shōgune, heute: Tōkyō; auch: Zeit der Tokugawa-Dynastie, 1600–1867 (= Edo-Zeit);
Enbudai 閻浮提 ^skt. Jambudvīpa. Kontinent der irdischen Welt in der trad. indischen Kosmologie. Im Buddhismus Kontinent südlich des Weltenbergs Sumeru
Enma 閻魔 ^skt. Yama; König oder Richter der Unterwelt; auch Enra; meist als Enma-ten oder Enma-ō angesprochen
Heian 平安 ^auch Heian-kyō 平安京, „Stadt des Friedens“; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit)
hokuto 北斗 ^Sternbild des Großen Wagens (chin. Nördlicher Schöpflöffel)
Jambudvīpa (skt.) जम्बूद्वीप ^„Rosenapfelland“, in der trad. indischen Kosmologie: Kontinent der irdischen Welt südlich des Weltenbergs Sumeru; jap. Enbudai 閻浮提
jūni-kyū 十二宮 ^wtl. „Zwölf Paläste“; traditionelle jap. Bezeichnung für die 12 Sternzeichen der westl. Astrologie
jūni shi 十二支 ^Zwölf Erdzweige (chin. Tierkreiszeichen)
kuyōsei 九曜星 ^Neun Planeten (Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus, Saturn und die sog. „Mondknoten“, also die astronomischen Punkte, an denen eine Mondfinsternis eintreten kann); skt. Navagraha
makara (skt.) मकर ^„Meeresungeheuer“, meist eine Kombination von Fisch und Landtier; entspricht in der Astrologie dem Zeichen des Steinbocks; jap. makera 摩竭羅oder shachi 鯱
Mañjuśrī (skt.) मञ्जुश्री ^Bodhisattva der Weisheit; jap. Monju 文殊
mikkyō 密教 ^esoterischer Buddhismus, Tantrismus; wtl. geheime Lehre; Gegenstück zu kengyō; in Japan vor allem durch den Shingon, aber auch durch Teile des Tendai Buddhismus vertreten
Monju Bosatsu 文殊菩薩 ^Bodhisattva Manjushri; Schüler des historischen Buddha
nijū hasshuku 二十八宿 ^Die 28 Stationen des Mondes am Nachthimmel, aufgeteilt in vier mal sieben Gruppen nach den vier Himmelsrichtungen; Einteilung des Sternenhimmels
Shumisen 須弥山 ^Buddhistischer Weltenberg; skt. Meru oder Sumeru;
sukuyō-dō 宿曜道 ^wtl. Weg der Sternbilder und Planeten; indisch-chinesisches astrologisches System, das vor allem im esoterischen Buddhismus (mikkyō) gepflegt wurde