Dem Arten- und Formenreichtum japanischer Dämonen sind im Grunde keine Grenzen gesetzt, doch gibt es einige sehr charakteristische Figuren, die auf dieser Seite näher vorgestellt werden sollen: oni, tengu und kappa. Im Gegensatz zu den auf der vorangehenden Seite beschriebenen Totengeistern (yūrei) besteht ihre Gemeinsamkeit darin, dass sie menschliche und tierische Züge kombinieren. Die tierischen Deformationen deuten besondere Fähigkeiten an, durch die sie den Menschen überlegen sind. Sie sind daher gefährlich, aber im Unterschied zu Gottheiten nicht unbesiegbar.
Die hier abgebildete Parade nächtlicher Geister (hyakki yakō) beruht auf dem Glauben an die sogenannten tsukumogami, Geister (yōkai), die aus altem Hausrat (insbesondere bereits hundert Jahre alte Gegenstände) entstanden sind. Die meisten Geister tragen Gegenstände auf dem Kopf, manche scheinen mit ihnen verwachsen. Viele dieser Gegenstände haben einen religiösen Bezug. Es wird daher vermutet, dass auch eine Kritik an „vom Weg abgekommenen“ Mönchen in der Darstellung mitschwingt. Die originale Querbildrolle soll von einem Künstler der Muromachi-Zeit stammen. Die vorliegende Kopie aus dem Zen-Tempel Daitoku-ji ist die älteste heute bekannte Version und wird auf das 16. Jh. datiert. Aus der Edo-Zeit sind zahlreiche spätere Kopien bzw. Varianten des Themas bekannt. Werk von Tosa Mitsunobu (zugeschrieben) (1434?–1525). Muromachi-Zeit, 16. Jh. (Bildquelle: unbekannt)
Die obige Abbildung stammt aus einer Querbildrolle namens „Nächtliche Parade der Hundert Geister“ (hyakki yakō), die wahrscheinlich im frühen 16. Jahrhundert entstand. Diese Querbildrolle wurde zum Vorbild für zahlreiche späteren Darstellungen und verdeutlicht die spielerische Phantasie, mit der man die Welt des Unsichtbaren ausgestaltete. In der Edo-Zeit wurden die einzelnen Geister dann mit Namen versehen und in eigenen Gespenster-Enzyklopädien genauer beschrieben (s. dazu auch Hundert Geschichten: Horrorklassiker aus der Edo-Zeit). Dieser Prozess der Detailbeschreibung führte oft zu eine gewissen Verharmlosung der yōkai, sodass manche von ihnen sogar zu richtigen Sympathieträgern werden konnten.
Oni sind von menschenähnlicher Gestalt, tragen jedoch Hörner, raubtierartige Zähne und (zumeist nur drei) Krallen. Ihre Haut ist oft feuerrot. Diese Ikonographie dürfte bereits durch den frühen japanischen Buddhismus standardisiert worden sein, da oni u.a. als Folterknechte in der buddhistischen Hölle (jigoku) auftreten. Auch außerhalb der Hölle zählen sie zu den gefährlichsten aller japanischen Dämonen, denn es wird ihnen eine besondere Vorliebe für Menschenfleisch zugeschrieben.
Die vielleicht berühmteste dieser Menschenfresser-Geschichten spielt in der Heian-Zeit und handelt von einem oni namens Shuten Dōji, der vom Krieger Minamoto no Yorimitsu und seinen Gefährten zur Strecke gebracht wird. (Mehr dazu...)
Abgesehen von den bösen und gefährlichen oni gibt es bereits im dreizehnten Jahrhundert Darstellungen, in denen die oni eher tölpelhaft als dämonisch wirken und in dieser Hinsicht stark an den Teufel in deutschen Märchen erinnern. Beispielhaft ist dafür die Geschichte des alten Holzsammlers, der an einem Gelage der oni teilnimmt und dabei seine entstellende Beule verliert (s. die Übersetzung der Geschichte). Auch in der Populärkultur der Edo-Zeit wurden oni oft karikaturhaft dargestellt und verloren dabei einen Teil ihrer furchteinflößenden Aura.
Schließlich gibt es einzelne oni-Gestalten, die es mit den Menschen eindeutig gut meinen. So soll der eminente Mönch Ryōgen (912–985) — einer der wichtigsten Patriarchen des Tendai Buddhismus — das Aussehen eines Dämons angenommen haben um einen Seuchengott in einer ähnlichen Gestalt zu bekämpfen. Als guter oni erhielt Ryōgen den Spitznamen Tsuno Daishi, „Großmeister Horn“, und wird als solcher heute noch auf Talismanen (o-fuda) abgebildet. (S. den Essay Feuer mit Feuer bekämpfen: Der Gehörnte Meister und sein Kult.)
Tengu sind menschenähnliche Figuren, die entweder Vogelgesichter und Flügel haben oder durch eine überlange Nase charakterisiert sind. Beide Arten von Tengu können fliegen bzw. sich augenblicklich von einem Ort zum anderen „beamen“. Die Herkunft ihrer Ikonographie ist ebenso rätselhaft wie ihr Name, der wtl. „Himmelshund“ bedeutet. Die Bezeichnung stammt aus der chinesischen Himmelskunde, doch lässt sich die tengu-Figur selbst nicht nach China zurückverfolgen. Dagegen besitzen die tengu, ähnlich wie die oni, einen starken Bezug zum Buddhismus: ehemals galten sie nämlich als transformierte sündhafte Mönche. Heute ist diese Erklärung zwar kaum noch präsent, doch werden sie eng mit dem synkretistischen Orden der Bergasketen (yamabushi) assoziiert. Sie tragen das charakteristische Gewand von yamabushi und werden in vielen yamabushi-Tempeln als Gottheiten verehrt. Insofern veranschaulichen sie den klassischen japanischen Umgang mit Geistererscheinungen in seiner gesamten Bandbreite: Von gefürchteten Monstern zu Verehrungsgestalten in Tempeln und Schreinen (mehr dazu...).
Kappa sind Kobolde, die an den Ufern von Gewässern hausen. Auf vielen Abbildungen tragen sie eine Art Schildkrötenpanzer auf dem Rücken, gehen allerdings aufrecht und wirken behände. Sie scheinen somit aus einer Kombination von Affe und Schildkröte entstanden zu sein. In der modernen Manga-Kultur werden sie oft niedlich und putzig (jap. kawaii) dargestellt. Auf älteren Darstellungen wirken kappa jedoch meist ziemlich grob und unheimlich. Man sagte ihnen nach, dass sie heimtückisch seien und insbesondere Kinder gerne ins Wasser zögen, um sie zu ertränken. Trotz dieser unheimlichen Vorliebe wurden und werden kappa auch in ländlichen Schreinen oder Volksfesten verehrt. Um sie günstig zu stimmen und die von ihnen ausgehenden Gefahren abzuwehren, wird ihnen dabei ihre Lieblingsspeise, Gurken, dargeboten. (Mehr dazu...)
Royall Tyler (Ü.), Japanese Tales. New York: Pantheon Books, 1987.
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^Die hier abgebildete Parade nächtlicher Geister (hyakki yakō) beruht auf dem Glauben an die sogenannten tsukumogami, Geister (yōkai), die aus altem Hausrat (insbesondere bereits hundert Jahre alte Gegenstände) entstanden sind. Die meisten Geister tragen Gegenstände auf dem Kopf, manche scheinen mit ihnen verwachsen. Viele dieser Gegenstände haben einen religiösen Bezug. Es wird daher vermutet, dass auch eine Kritik an „vom Weg abgekommenen“ Mönchen in der Darstellung mitschwingt. Die originale Querbildrolle soll von einem Künstler der Muromachi-Zeit stammen. Die vorliegende Kopie aus dem Zen-Tempel Daitoku-ji ist die älteste heute bekannte Version und wird auf das 16. Jh. datiert. Aus der Edo-Zeit sind zahlreiche spätere Kopien bzw. Varianten des Themas bekannt. Werk von Tosa Mitsunobu (zugeschrieben) (1434?–1525). Muromachi-Zeit, 16. Jh. (Bildquelle: unbekannt)
kawaii かわいい ^„süß“, „niedlich“; Kanji (nicht in Gebrauch): 可愛い (vgl. kawaii bunka)
Manga 漫画 ^wtl. „zehntausend Bilder“; ehemals eine Art von Infotainment, heute japanische Comics
Minamoto no Yorimitsu 源頼光 ^948–1021, auch Minamoto Raikō; Krieger aus der Dynastie der Minamoto; zusammen mit seinen vier Vasallen, die auch als Shi-Tennō bezeichnet werden, ist er Held zahlreicher Legenden
o-fuda お札 ^Amulett oder Talisman in Gestalt eines symbolischen Zeichens, meist aus Papier; auch shinsatsu; das Zeichen 札 kann auch „Geldschein“ bedeuten, wird dann aber sinojap. satsu ausgesprochen;
oni 鬼 ^Dämon, „Teufel“; in sino-japanischer Aussprache (ki) ein allgemeiner Ausdruck für Geister