Alltag und religiöse Praxis (Einleitung)

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Einleitung:Alltag und religiöse Praxis

In Japan — und wohl auch in anderen ostasiatischen Ländern — ist Religion von einer anderen Stofflichkeit als im christlichen Europa. Weniger dogmatisch und wesentlich diskreter durchdringt sie den Alltag auf kaum merkbare Weise. Für die meisten Japaner ist es ganz selbstverständlich, religiöse Bräuche zu befolgen und sich sogar an detaillierte religiöse Gebote zu halten, ohne sich als „religiös“ oder gar „fromm“ zu bezeichnen. Ja, viele Japaner stufen sich sogar selbst als „areligiös“ ein, obwohl sie religiöse Riten befolgen. Wer heute einen Shintō-Schrein besucht, kann morgen in einem buddhistischen Tempel beten und umgekehrt. Selbst eine Hochzeit nach christlichem Ritus sagt in Japan noch nichts über die konfessionelle Zugehörigkeit des betreffenden Brautpaars aus. Religiöses Handeln ist also nicht unbedingt Ausdruck religiöser Überzeugung, sondern macht für viele Japaner ganz einfach einen Teil ihrer Identität aus, über den sie sich gar nicht immer bewusst Rechenschaft ablegen. Das geht natürlich nur, wenn die Religion selbst keine allzu großen Anforderungen an die Überzeugungen des einzelnen stellt, sondern sich mit einigen simplen Praxisformen begnügt. Und genau das ist heute sowohl im japanischen Buddhismus als auch im Shintō der Fall.

In diesem Kapitel

Auf den folgenden Seiten geht es um verschiedene Facetten der Religion im Verlauf des Alltags, des Jahres und des individuellen Lebens. Die meisten Einzelseiten betreffen religiöse Praxis aus Sicht der Laien, es werden aber auch buddhistische Mönche und Shintō-Priester vorgestellt. Auf dieser Seite folgen hingegen einige allgemeine Überlegungen zum Verhältnis zwischen Alltagskultur und Religion in Japan.

Glaube und Praxis

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1 Glücksbringer
In allen Tempeln und Schreinen gibt es ein reiches Angebot an Glücksbringern (o-mikuji), die man sowohl erwerben, als auch nach eigenen Vorstellungen gestalten und als Opfergaben darbringen kann. Hier: Votivbilder (ema) und zu Ketten aneinander gefädelte Papierkraniche (senbazuru). Werk von Erika Kiffl. 1984
Museen Köln

Glaube ist zweifellos eine wichtige Tugend in Japan, doch äußert er sich selten in Worten oder Überzeugungen, sondern im Nachvollzug ritueller Handlungsmuster. Glaube existiert daher nicht ohne rituelle Praxis. Anders ausgedrückt: Die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft wird im Regelfall durch den Vollzug gemeinsamer Handlungsmuster unter Beweis gestellt (egal ob es sich um eine etablierte Richtung oder eine neureligiöse Sekte handelt). Was ihren Glauben betrifft, wird von den Mitgliedern einer solchen religiösen Gruppe im Allgemeinen weder verlangt noch erwartet, Rechenschaft darüber abzulegen. Hingegen wird angenommen, dass sich innere Überzeugung in der Art manifestiert, wie rituelle Handlungen vollzogen werden. Diese Grundeinstellung gegenüber dem religiösen Handeln findet sich bereits in einer berühmten Forderung des Konfuzius:

Opfern ist sein. Den Göttern opfern bedeutet die Götter dasein zu lassen. (Konfuzius, Analekte, III.12)
祭如在。祭神如神在1

In Japan ist es daher höchst ungewöhnlich, eine eigene, individuelle Form von Religiosität zu suchen, wie dies unter modernen Christen im Westen üblich ist. Religiöse Ernsthaftigkeit wird vielmehr mit dem Bemühen assoziiert, religiöse Handlungen getreu einem bestimmten Vorbild mit Achtsamkeit und Aufmerksamkeit nachzuvollziehen. Es kommt dabei nicht sosehr darauf an, woran man sich orientiert (einem Sprichwort zufolge kann es sich dabei auch um den Kopf einer Sardine [iwashi no atama mo shinjin kara (jap.) 鰯の頭も信心から „Für den Gläubigen zählt selbst ein Sardinenkopf ...“; sinngemäß: Wer fest daran glaubt, für den wird selbst der Kopf einer Sardine zu etwas Göttlichem werden. Tatsächlich werden Sardinenköpfe manchmal zur Dämonenabwehr eingesetzt.] handeln). Es kommt vielmehr darauf an, dass man sich dem Objekt religiöser Verehrung mit innerer Aufrichtigkeit und Respekt zuwendet und dabei keine individuellen Veränderungen an einmal etablierten Mustern vornimmt. Auf diese Weise wird gerade das Festhalten an solchen Mustern zum Maßstab religiöser Ernsthaftigkeit.

Andererseits ist religiöses Handeln zweckorientiert: Man wendet sich an höhere Mächte, um ganz bestimmte Wünsche erfüllt zu bekommen. Transzendente Ziele — etwa das oft zitierte satori [satori (jap.) 悟り Erleuchtungserfahrung (bes. im Zen Buddhismus)] — sind zwar im Buddhismus keineswegs unbekannt, spielen aber im religiösen Alltag eine geringe Rolle. Umgekehrt gibt es gegenüber diesseitigen Wünschen an kami [kami (jap.) Gottheit; im engeren Sinne einheimische oder lokale japanische Gottheit, Schreingottheit (s. jinja), Gottheit des Shintō] und Buddhas [Buddha (skt.) बुद्ध „Der Erleuchtete“ (jap. butsu, hotoke 仏 oder Budda 仏陀)] auch von streng gläubigen Buddhisten keinerlei Vorbehalte.

Tradition und Moderne

Zweifellos gibt es in Japan auch Parallelen zur Situation der Religion in westlichen Industriegesellschaften. Besonders im urbanen Bereich nimmt das Engagement für traditionelle religiöse Institutionen generell ab, während neureligiöse Richtungen, ähnlich wie in Amerika, überall aus dem Boden schießen. Auf dem Land sind traditionelle Religionen hingegen fester verankert. Lokale Gemeinden und religiöse Gemeinden sind hier meist deckungsgleich und der soziale Druck an gemeinschaftlichen religiösen Handlungen teilzunehmen ist entsprechend höher.

Ähnlich wie im Westen ist das Prinzip der Trennung von Religion und Staat im modernen Japan verfassungsmäßig verankert. Die negativen Erfahrungen mit dem Staatsshintō haben sogar soweit geführt, dass es in öffentlichen Schulen keinerlei Religionsunterricht gibt und dass jegliche Förderung religiöser Gemeinschaften durch den Staat (mit Ausnahme von Steuererleichterungen) grundsätzlich untersagt ist. Dennoch können sich die etablierten Religionsgemeinschaften nicht über mangelnden Zulauf beklagen. Auch in materieller Hinsicht kommt ihnen — teils durch bescheidene Beiträge unzähliger Einzelpersonen, teils in Form von Spenden finanzstarker Unternehmen — ein nicht unerheblicher Teil der japanischen Wirtschaftskraft zugute.

Verweise

Fußnoten

  1. Eine andere Interpretation wäre: „Die Götter ehren bedeutet, dass die Götter [gleich lebenden Menschen] anwesend sind.“ Vgl. Li 1999, S. 35. Der Spruch macht sich die ähnlichen Aussprache der chin. Begriffe zhài 祭 (Ritus vollziehen) und zài 在 (anwesend sein, existieren) zunutze.

Literatur

David H. Li (Ü.) 1999
The Analects of Konfuzius: A New-Millennium Translation. Bethesda, Maryland: Premier Publishing 1999.

Bilder

Quellen und Erläuterungen zu den Bildern auf dieser Seite:

  1. ^ 
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    In allen Tempeln und Schreinen gibt es ein reiches Angebot an Glücksbringern (o-mikuji), die man sowohl erwerben, als auch nach eigenen Vorstellungen gestalten und als Opfergaben darbringen kann. Hier: Votivbilder (ema) und zu Ketten aneinander gefädelte Papierkraniche (senbazuru). Werk von Erika Kiffl. 1984
    Museen Köln


Glossar

Namen und Fachbegriffe auf dieser Seite:

  • Buddha (skt.) बुद्ध ^ „Der Erleuchtete“ (jap. butsu, hotoke 仏 oder Budda 仏陀)
  • iwashi no atama mo shinjin kara 鰯の頭も信心から ^ „Für den Gläubigen zählt selbst ein Sardinenkopf ...“; sinngemäß: Wer fest daran glaubt, für den wird selbst der Kopf einer Sardine zu etwas Göttlichem werden. Tatsächlich werden Sardinenköpfe manchmal zur Dämonenabwehr eingesetzt.
  • kami^ Gottheit; im engeren Sinne einheimische oder lokale japanische Gottheit, Schreingottheit (s. jinja), Gottheit des Shintō
  • satori 悟り ^ Erleuchtungserfahrung (bes. im Zen Buddhismus)
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„Alltag und religiöse Praxis (Einleitung).“ In: Bernhard Scheid, Religion-in-Japan: Ein digitales Handbuch. Universität Wien, seit 2001