Komainu („Korea-Hunde“) lassen sich im Widerspruch zu ihrem Namen auf den Löwen zurückführen, der zusammen mit dem Buddhismus von Indien nach Ostasien fand. Da er dort allerdings nicht heimisch ist, wurde er zu einem imaginären Tier und zum Gegenstand zahlreicher ikonographischer Variationen. Zunächst galt der Löwe wohl auch in Ostasien als herrschaftliches Symboltier, verlor aber mit zunehmender Vertrautheit seine majestätischen bzw. gefährlichen Züge und wurde von den Künstlern stattdessen — freiwillig oder unfreiwillig — mit einer gewissen Komik ausgestattet.
Löwen-Wächter aus einem Mandala, das die Schutzgottheiten des Klosterbergs Kōya darstellt. Hier ist deutlich zu erkennen, dass es im Mittelalter zwei leicht unterschiedliche Varianten gab, eine mit Horn (komainu), eine ohne Horn (karajishi). Muromachi-Zeit, 14. Jh. ( Metropolitan Museum of Art, New York (bildbearbeitet))
Morphologie und Bezeichnung
Komainu sehen zumeist wie eine Mischung aus Hund und Löwe aus und werden daher auch als „Löwenhunde“ bezeichnet. Sie treten fast immer paarweise als Wächterfiguren religiöser Gebäude auf. Ähnlich wie die anthropomorphen Wächterfiguren buddhistischer Tempel (niō) gehorchen sie dem A-UN Schema (A-gyō, UN-gyō), d.h. ein Exemplar hat das Maul offen, das andere geschlossen. Auf diese Weise intonieren sie zusammen das mantra „A-UN“ (auch „aum“), welches Anfang und Ende, also eine Totalität, repräsentiert. Diese Symbolik ist zugleich ein Hinweis auf die buddhistischen Herkunft der komainu.
Ältere Exemplare, wie z.B. die Abbildung oben, unterscheiden sich außerdem durch ein Horn, das nur die Tiere mit geschlossenem Maul besitzen. Ursprünglich wurden nur diese als „Korea-Hund“ (komainu) bezeichnet, während die hornlosen mit offenem Maul „China-Löwen“ (karajishi oder schlicht shishi) hießen. Da die geographischen Bezeichnungen kara und koma aber sehr unspezifisch sind und oft synonym verwendet wurden, kann man beide Ausdrücke als Hunde- oder eben „Löwen“-artige Wesen aus einem Land auf dem Kontinent verstehen.
Im Lauf der Zeit kam es jedoch zu einem Bedeutungswandel: Heute ist komainu eine generische Bezeichnung für alle Löwenwächter, wenn es sich um paarweise frei stehende Statuen handelt. Löwenartige Kreaturen im Gebälk von Tempeln und Schreinen oder als Masken heißen dagegen shishi. Im übrigen ist auch das Horn, das Korea-Hunde ursprünglich auszeichnete, bei vielen modernen Exemplaren abhanden gekommen. Lediglich das A-UN Schema ist nach wie vor fester Bestandteil der komainu-Ikonographie.
Das Bild zeigt den Mönch Subhūti und Buddha Śākyamuni im Dialog, wie er im Diamant Sutra wiedergegeben ist. Es handelt sich um die einzige Illustration in der ersten Druckversion dieses Textes aus dem Jahr 868. Dargestellt sind Subhuti und der wesentlich größere Buddha, umringt von seinen Hauptschülern (zu denen auch Subhuti zählt), zwei Bodhisattvas, zwei Wächtern niō, zwei Löwenhunden (komainu), zwei Himmlischen Wesen, sowie einem weltlichen Herrscher mit Gefolge (unten rechts).
Der Text gilt als das älteste gedruckte Buch der Welt. Er überdauerte Jahrhunderte in Vergessenheit in einer der Höhlen von Dunhuang, wo er vom Altösterreicher in britischen Diensten Sir Aurel Stein (1862–1943) in den Jahren 1906–1908 entdeckt wurde. Tang-Zeit, 868 ( Wikimedia Commons)
Löwen auf einer Tang-zeitlichen Sutra-Illustration
Anhand der obigen chinesischen Abbildung aus dem Jahr 868 lässt sich folgern, dass komainu-artige Löwen bereits im chinesischen Buddhismus der Tang-Zeit Teil des Gefolges eines Buddhas sein konnten. Schon in diesem frühen Beispiel findet man sie als Paar. Das älteste bekannte Löwen-Paar aus Japan stammt ebenfalls aus dem neunten Jahrhundert. Allerdings ist schon hier die Unterscheidung eines hornlosen shishi (A) und eines gehörnten komainu (UN) feststellbar. Meines Wissens gibt es dafür keine chinesischen Vorbilder, es scheint sich also um eine in Japan entstandene Variante der Löwenwächter zu handeln.
Diese beiden aus Holz gefertigten Löwenwächter sollen aus dem frühen neunten Jahrhundert (Heian-Zeit) stammen und stellen wahrscheinlich die ältesten in Japan erhaltenen Beispiele dar. Man erkennt bereits hier eine Differenzierung in komainu (mit Horn) und shishi. Heian-Zeit, 9. Jh. (Bildquelle: komainu.net)
„China-Löwe“ (karajishi) ohne Horn und mit offenem Maul (A-gyō) als Torwächter des Ninna-ji in Kyōto. Edo-Zeit, 1645 ( Wikimedia Commons, 663highland, 2010)
Löwenhunde als Tempelwächter, Ninna-ji, Kyōto
Die ältesten bekannten Löwenwächter aus Japan sind bemalte Holzfiguren. Sie wurden entweder an der Außenveranda von Schreingebäuden aufgestellt oder an der Rückseite von buddhistischen Tempeltoren, quasi als Verstärkung der niō-Wächter an der Vorderfront (s. dazu Berühmte Tempeltore Japans und Niō-Wächterstatuen).
Erst gegen Ende des japanischen Mittelalters ging man dazu über, komainu im Freien zu platzieren, wo sie der Witterung ausgesetzt sind. Entsprechend wurde zumeist Stein als Material gewählt. Diese steinernen komainu stehen typischerweise an den Zugangswegen zu Shintō-Schreinen. Es waren üblicherweise Opfergaben von gläubigen Anhängern des betreffenden Schreins, die ihre Namen und das Datum der Herstellung in das Objekt meißeln ließen. Daher weiß man über das Alter von komainu relativ genau Bescheid.
Laut einer Statistik auf einer komainu-Fanseite, scheint die Produktion von steinernen komainu ab dem achtzehnten Jahrhundert stetig zugenommen zu haben, wurde dann durch die Meiji-Restauration kurzzeitig reduziert und erreichte in den 1930er Jahren ihren Höhepunkt.1 Die Tatsache, dass sich Löwenfiguren ähnlich wie Steinlaternen zu beliebten Spendenobjekten entwickelten, begünstigte wahrscheinlich die vielen individuellen Variationen, die an rezenten komainu-Statuen zu beobachten sind (s.u.).
Historische Beispiele
Löwenhunde im Tsurezuregusa
In älterer Zeit waren komainu zumeist aus Holz und wurden üblicherweise an der Außenveranda einer Schreinhalle aufgestellt. Dies lässt sich nicht nur an alten Abbildungen erkennen, sondern auch aus einer Anekdote des Tsurezuregusa (Aufzeichnungen aus Mußestunden, um 1330), in der sich Autor Yoshida Kenkō mit dem ihm eigenen Sarkasmus über die Frömmelei eines hochrangigen Buddhisten seiner Zeit lustig macht:
In Tanba2 gibt es einen Ort namens Izumo, wo man einen prächtigen Zweigschrein des Ōyashiro3 errichtet hat. Ein gewisser Shida So-und-so, auf dessen Besitz der Schrein lag, trat einmal im Herbst an den Ehrwürdigen Shōkai und einige andere heran: „Wollt Ihr nicht Izumo einen Besuch abstatten? Ich will euch gerne Geleit geben“, worauf sich die ganze Gruppe dorthin begab und ein jeder der Gottheit voll Inbrunst seine Ehrerbietung zollte.
Da aber der shishi und der komainu vor dem Heiligtum verdreht waren und mit dem Rücken zu einander standen, war der Ehrwürdige zutiefst bewegt: „Wie wunderbar! Diese Art, die Löwen aufzustellen, ist wirklich einzigartig! Das muss einen tiefen Grund haben,“ rief er mit Tränen in den Augen, „Nicht wahr, meine Herren, eine derartige Subtilität kann niemanden kalt lassen. Das wäre unerhört.“ Auch die anderen wunderten sich: „In der Tat außergewöhnlich.“ „Das müssen wir in der Hauptstadt erzählen.“ Der Ehrwürdige aber wollte es genauer wissen und wandte sich an einen älteren Priester4, dessen Miene einen kundigen Mann verriet: „Die Art, wie Ihr in diesem Schrein die Löwen aufstellt, hat wohl nirgendwo ein Gleiches. Darf man den Grund dafür erfahren?“
— „Ach, das meint Ihr. Das waren irgendwelche Lausbuben, welch ungeheuerlicher Frevel!“ Und flugs ging er hin und drehte die Löwen in die richtige Richtung. So hatte denn der Ehrwürdige seine Tränen umsonst vergossen.
Ein hoher buddhistischer Geistlicher vermutet hier „einen tieferen Sinn“ in der besonderen Aufstellung von Löwenhunden, die explizit als „shishi und komainu“ (also gehörnt und ungehörnt) hervorgehoben sind. Der vermutete tiefere Sinn hängt wohl mit der den Tierfiguren eingeschriebenen Symbolik (Anfang und Ende, etc.) zusammen. Es stellt sich jedoch heraus, dass die Aufstellung einem Kinderstreich geschuldet ist, was wiederum nahe legt, dass es sich um keine schweren Steinstatuen handelt. Sie waren vermutlich aus Holz und an der Außenveranda einer Schreinhalle aufgestellt, wie auch in folgenden Abbildungen ersichtlich. Diese zeigen einen Schreinritus aus der Kamakura-Zeit und ein Beispiel aus dem Hie Taisha nahe von Kyōto, wo sich diese komainu-Form bis heute erhalten hat.
Das riesige Südtor (nandaimon) des Tōdaiji in Nara stammt aus der Zeit des Wiederaufbaus der Anlage im zwölften Jahrhundert und ist vor allem für seine beiden niō-Giganten von Meistern der Kei-Schule bekannt. Das Tor selbst folgt aber einem damals in China vorherrschenden Stil und auch die Löwenwächter an der Rückseite wurden von chinesischen Steinmetzen gemeißelt.
Die Löwen des Nandaimon sind die ältesten japanischen Exemplare aus Stein. Sie wirken archaischer und machtvoller als die meisten japanischen komainu und gehorchen nicht dem A-UN Schema.
Ein Löwenhund (komainu) am Eingang des Yasukuni Schreins, stilistisch den sog. Chinesischen Löwen des Tōdaiji in Nara nachempfunden (siehe Sidepage Komainu), allerdings noch triumphaler gestaltet. Die Statue wurde von der Industriellenfamilie Katakura gestiftet und stammt aus der Zeit, als der Schrein unter dem Architekten Itō Chūta (1867–1954) erweitert wurde. Werk von Itō Chūta (Entwurf). 1933 ( Bernhard Scheid, flickr, 2012)
Yasukuni Schrein, 1933
Erst viel später wurde der machtvolle Stil der Nandaimon-Löwen auch anderswo angewandt. Im frühen zwanzigsten Jahrhundert schuf der Architekt Itō Chūta einen neuen Prototyp, der in seiner militärisch aufrechten Haltung deutlich vom Nandaimon inspiriert ist, aber dennoch das japanische A-UN Schema befolgt. Beispiele dafür finden sich vorzugsweise in Projekten des Staatsshintō wie etwa dem Yasukuni Schrein.
Der legendenumwobene Bildhauer Hidari Jingorō (Bildmitte) ist unter anderem als Schöpfer der „schlafenden Katze“ im Tōshō-gū in Nikkō bekannt. Seine geschnitzten Fabelwesen sollen so lebensecht gewesen sein, dass sie sogar Verbrecher, die es auf die Tochter des Fürsten abgesehen hatten, attackieren konnten. Auf Kuniyoshis Bild ist einer der Löwenhunde (komainu) mit Horn, der andere ohne dargestellt, was wohl als klassischen Form angesehen werden kann. Werk von Utagawa Kuniyoshi. Edo-Zeit, 1845-1846 ( The British Museum)
Die obigen Beispiele zeigen zwei sehr schön erhaltene Löwenhunde des Hofmalers Kanō Tsunenobu aus der mittleren Edo-Zeit (um 1710). Wie man sieht, gehören diese beiden Tiere der gleichen Spezies an, besitzen kein Horn und unterscheiden sich lediglich durch ihre Gestik, die Farbe der Mähne und vor allem die Öffnung des Mauls. Auf einem Holzschnitt von Utagawa Kuniyoshi (1797–1861) sind ganz ähnliche Exemplare zu erkennen. (Kuniyoshi stellt allerdings ein Exemplar mit Horn dar.) Sie wurden der Legende nach vom Meisterbildhauer Hidari Jingorō so lebensecht gestaltet, dass sie tatsächlich Räuber in die Flucht schlagen konnten (und sich in diesem Sinne eher wie Hunde als Löwen verhielten).
Löwen (shishi) (bzw. „Löwenhunde“, komainu) aus der Edo-zeitlichen Bild-Enzyklopädie Kinmo zui (urspr. Fassung 1666, erweiterte Fassung 1719). Das Werk bezeichnet den komainu hier als kaichi und nimmt damit auf das chinesische Fabeltier xiezhi Bezug, das tatsächlich einen Einfluss auf die ursprünglichen komainu gehabt haben könnte. Der „Löwe“ ist hier als verschiedene Spezies ausgewiesen. Das Werk verfolgt insgesamt einen eher naturwissenschaftlichen Zugang und kennzeichnet die Tiere als „ausländisch“, übernimmt aber unterhinterfragt die religiöse Ikonographie. Werk von Tachibana Morikuni. Edo-Zeit, 1789 (Vorlage 1719) ( National Diet Library, Tōkyō)
Eine Bild-Enzyklopädie aus dieser Zeit erklärt die Löwenhunde als reale Tiere, unterscheidet aber wieder zwischen gehörnt und hornlos. Sie bezeichnet das hornlose Exemplar rechts als „Löwe“ (shishi), das gehörnte hingegen als „Einhorn“ (kaichi) und nimmt damit auf ein chinesisches Einhorn namens xiezhi Bezug, das tatsächlich einen Einfluss auf die ursprünglichen komainu gehabt haben könnte (s.u.). Ikonographisch folgt die Enzyklopädie allerdings dem gleichen Schema wie der Hofmaler.
Zusammen repräsentieren die obigen Beispiele die Standardform der Löwenhunde in der Edo-Zeit, die auch heute noch das Bild dieser imaginären Tiere prägt. Freiwillig oder unfreiwillig kommt es jedoch besonders bei in Stein gehauenen Skulpturen zu komisch-grotesken Abwandlungen dieses Schemas.
Humorvolle komainu
Die folgenden Beispiele sind von einer populären komainu-Bildersammlung des Internet-Pioniers Takuki Yoshimitsu inspiriert. Takuki hebt vor allem die humorvollen Züge der japanischen Löwenhunde hervor.
Kominu folgten in ihrer Funktion den klassischen buddhistischen Wächterfiguren (niō) und beeinflussten ihrerseits eine Reihe ähnlicher paarweiser Figuren, die man heute in erster Linie vor Shintō-Schreien finden kann. In den zahlreichen Inari Schreinen Japans findet man stets Füchse (kitsune) als Wächter und Tierbegleiter der Gottheit. Anstelle des A-UN Schemas unterscheiden sie sich durch die Gegenstände in ihrem Maul: ein sogenannter Dharma-Schlüssel (hōyaku) oder ein Wunschjuwel (hōju).
Wolf (ōkami) bzw. „Berghund“ (yamainu) als tierischer Beschützer (komainu) des Mitsumine Jinja. Das rote Lätzchen soll der Abwehr von Dämonen dienen und ist zugleich Symbol für eine Spende an den Schrein. ( Bernhard Scheid, flickr, 2007)
Seltener dienen Wölfe (ōkami) als Schreinwächter, vereinzelt stößt man auch auf Wildschweine, Tiger oder Mäuse. Grundsätzlich werden komainu dann durch andere Tiere ersetzt, wenn den betreffenden Schreingottheiten eine besondere Beziehung zu diesen Tieren nachgesagt wird.
Löwenwächter außerhalb Japans
Auch in den Nachbarländern Japans findet man Löwen als Wächter, oft ebenso humorvoll gestaltet wie die komainu. Während letztere allerdings fast ausschließlich vor religiösen Gebäuden zu finden sind, bewachen chinesische und koreanische Löwen in erster Linie weltliche Paläste (auch wenn sie wohl ursprünglich durch den Buddhismus bekannt gemacht wurden).
Löwen-Stele des Königs Aśoka, des ersten mächtigen Förderers des Buddhismus. Die Löwen trugen ursprünglich ein „Rad der Lehre“ (dharmacakra), wie es auch unter ihren Füßen abgebildet ist. Es symbolisiert sowohl im Buddhismus als auch in anderen Religionen Indiens die Lehre selbst. Die Stele diente aber in erster Linie als Markierung der berühmten Edikte, die Ashoka ebenfalls in Stein eingravieren ließ. Sie wurde Anfang des 20. Jh. wiederentdeckt und ist heute ein nationales Emblem Indiens. Die Aufnahme aus dem Jahr 1905 zeigt die Statue am Ort ihrer Entdeckung. Indien, 3. Jh. v.u.Z. ( Wikimedia Commons)
Die Inspiration für die Darstellung von Löwen im Buddhismus dürfte wohl von Indien ausgehen. Hier ist die Verwendung dieses Tiers als Herrschaftssymbol bereits für die Zeit des Königs Aśoka (3. Jh. v.u.Z.) belegt. Eine berühmte Stele aus seiner Zeit stellt drei Löwen dar, die ursprünglich das buddhistische „Rad der Lehre“ (dharmacakra) trugen.
In China findet man Löwenwächter in mannigfachen Variationen, manche davon durchaus realistisch, andere zu drolligen hundeähnlichen Geistern mutiert. Ein gemeinsames Merkmal ist ihre Unterscheidung in Männchen und Weibchen, wobei der männliche Part einen Ball in den Pfoten hält, während das Weibchen mit kleinen Welpen spielt.
In Korea kennt man ein imaginäres Tier namens haetae, dessen bekannteste Vertreter den alten Königspalast in Seoul bewachen. Sie haben eine entfernte Ähnlichkeit mit den komainu und treten wie diese paarweise auf, besitzen aber eine geschuppte Haut (wie Drachen oder kirin). In Korea dienen haetae vor allem dazu, Gebäude vor Feuer zu schützen. Darüber hinaus sollen sie in der Lage sein, Verbrecher zu identifizieren und zu bestrafen.
Haetae wurden ursprünglich mit Schriftzeichen geschrieben, die in China ein Einhorn namens xiezhi bezeichnen. Es trat schon unter dem legendären Kaiser Shun in Aktion und besaß ein Horn, mit dem es Verbrecher aufspießte. Auf diese Weise wurde es bereits im China der Han-Zeit zum Inbegriff der Gerechtigkeit bzw. der Justiz. Dieses Tier soll jedoch laut den ältesten Beschreibungen einem Schaf oder Rind geähnelt haben. Offenbar wurde es erst später — vielleicht unter buddhistischem Einfluss — mit der Gestalt des Löwen vermischt. Das löwenähnliche xiezhi wurde so in Korea zum hornlosen haetae, während es wahrscheinlich auch die Urform der ehemals einhörnigen japanischen komainu darstellt.
Die Inselgruppe Okinawa im Süden Japans, die heute zu Japan gehört, aber ehemals ein unabhängiges Königreich war, besitzt eine eigene Löwenwächtertradition. Die Löwen heißen hier shīsā und werden auch in privaten Häusern aufgestellt, z.B. auf dem Dach. Vorzugsweise werden sie aus Ton gebrannt. Diese Tradition hat sich erst am Beginn der Moderne entwickelt. Shīsā sind wahrscheinlich stärker von China beeinflusst als von Japan. Allerdings hat man auch in Okinawa das A-UN Schema übernommen, wenn man die Löwen paarweise aufstellt.
Oskar Benl (Ü.), Betrachtungen aus der Stille: Tsurezuregusa. Frankfurt/Main: Insel Verlag, 1963. Erste Auflage 1940.
Bilder
Quellen und Erläuterungen zu den Bildern auf dieser Seite
^Löwen-Wächter aus einem Mandala, das die Schutzgottheiten des Klosterbergs Kōya darstellt. Hier ist deutlich zu erkennen, dass es im Mittelalter zwei leicht unterschiedliche Varianten gab, eine mit Horn (komainu), eine ohne Horn (karajishi). Muromachi-Zeit, 14. Jh. ( Metropolitan Museum of Art, New York (bildbearbeitet))
^Das Bild zeigt den Mönch Subhūti und Buddha Śākyamuni im Dialog, wie er im Diamant Sutra wiedergegeben ist. Es handelt sich um die einzige Illustration in der ersten Druckversion dieses Textes aus dem Jahr 868. Dargestellt sind Subhuti und der wesentlich größere Buddha, umringt von seinen Hauptschülern (zu denen auch Subhuti zählt), zwei Bodhisattvas, zwei Wächtern niō, zwei Löwenhunden (komainu), zwei Himmlischen Wesen, sowie einem weltlichen Herrscher mit Gefolge (unten rechts).
Der Text gilt als das älteste gedruckte Buch der Welt. Er überdauerte Jahrhunderte in Vergessenheit in einer der Höhlen von Dunhuang, wo er vom Altösterreicher in britischen Diensten Sir Aurel Stein (1862–1943) in den Jahren 1906–1908 entdeckt wurde. Tang-Zeit, 868 ( Wikimedia Commons)
^Diese beiden aus Holz gefertigten Löwenwächter sollen aus dem frühen neunten Jahrhundert (Heian-Zeit) stammen und stellen wahrscheinlich die ältesten in Japan erhaltenen Beispiele dar. Man erkennt bereits hier eine Differenzierung in komainu (mit Horn) und shishi. Heian-Zeit, 9. Jh. (Bildquelle: komainu.net)
^Ein Löwenhund (komainu) am Eingang des Yasukuni Schreins, stilistisch den sog. Chinesischen Löwen des Tōdaiji in Nara nachempfunden (siehe Sidepage Komainu), allerdings noch triumphaler gestaltet. Die Statue wurde von der Industriellenfamilie Katakura gestiftet und stammt aus der Zeit, als der Schrein unter dem Architekten Itō Chūta (1867–1954) erweitert wurde. Werk von Itō Chūta (Entwurf). 1933 ( Bernhard Scheid, flickr, 2012)
^Der legendenumwobene Bildhauer Hidari Jingorō (Bildmitte) ist unter anderem als Schöpfer der „schlafenden Katze“ im Tōshō-gū in Nikkō bekannt. Seine geschnitzten Fabelwesen sollen so lebensecht gewesen sein, dass sie sogar Verbrecher, die es auf die Tochter des Fürsten abgesehen hatten, attackieren konnten. Auf Kuniyoshis Bild ist einer der Löwenhunde (komainu) mit Horn, der andere ohne dargestellt, was wohl als klassischen Form angesehen werden kann. Werk von Utagawa Kuniyoshi. Edo-Zeit, 1845-1846 ( The British Museum)
^Löwen (shishi) (bzw. „Löwenhunde“, komainu) aus der Edo-zeitlichen Bild-Enzyklopädie Kinmo zui (urspr. Fassung 1666, erweiterte Fassung 1719). Das Werk bezeichnet den komainu hier als kaichi und nimmt damit auf das chinesische Fabeltier xiezhi Bezug, das tatsächlich einen Einfluss auf die ursprünglichen komainu gehabt haben könnte. Der „Löwe“ ist hier als verschiedene Spezies ausgewiesen. Das Werk verfolgt insgesamt einen eher naturwissenschaftlichen Zugang und kennzeichnet die Tiere als „ausländisch“, übernimmt aber unterhinterfragt die religiöse Ikonographie. Werk von Tachibana Morikuni. Edo-Zeit, 1789 (Vorlage 1719) ( National Diet Library, Tōkyō)
^Linker Fuchswächter vor dem Haupttor des Fushimi Inari Taisha. (Bildquelle: unbekannt)
^Rechter Fuchswächter vor dem Haupttor des Fushimi Inari Taisha (Bildquelle: unbekannt)
^Wolf (ōkami) bzw. „Berghund“ (yamainu) als tierischer Beschützer (komainu) des Mitsumine Jinja. Das rote Lätzchen soll der Abwehr von Dämonen dienen und ist zugleich Symbol für eine Spende an den Schrein. ( Bernhard Scheid, flickr, 2007)
^Löwen-Stele des Königs Aśoka, des ersten mächtigen Förderers des Buddhismus. Die Löwen trugen ursprünglich ein „Rad der Lehre“ (dharmacakra), wie es auch unter ihren Füßen abgebildet ist. Es symbolisiert sowohl im Buddhismus als auch in anderen Religionen Indiens die Lehre selbst. Die Stele diente aber in erster Linie als Markierung der berühmten Edikte, die Ashoka ebenfalls in Stein eingravieren ließ. Sie wurde Anfang des 20. Jh. wiederentdeckt und ist heute ein nationales Emblem Indiens. Die Aufnahme aus dem Jahr 1905 zeigt die Statue am Ort ihrer Entdeckung. Indien, 3. Jh. v.u.Z. ( Wikimedia Commons)
A-gyō 阿形 ^Bez. für einen Typ von Wächtergottheit (niō) mit geöffnetem Mund; wtl. „A-Form“ (Figur, die ein „A“ ausspricht); Gegenstück von UN-gyō; im Fall von menschlichen Figuren zumeist mit einer aufbrausenden Geste (mudrā) verbunden.
Aśoka (skt.) अशोक ^„Der Unbesorgte“, 304?–232 v.u.Z., König von Nord-Indien; jap. Muu 無憂oder Aikuō 阿育王
dharmacakra (skt.) धर्मचक्र ^„Rad der Lehre“, Symbol des Buddhismus; jap. hōrin 法輪
Di Shun (chin.) 帝舜 ^Kaiser Shun; legendärer chinesischer Herrscher, lebte laut Überlieferung zw. 2294 und 2184 v.u.Z; zusammen mit seinem Vorgänger Yao Inbegriff eines weisen und gerechten Herrschers
Edo 江戸 ^Hauptstadt der Tokugawa-Shōgune, heute: Tōkyō; auch: Zeit der Tokugawa-Dynastie, 1600–1867 (= Edo-Zeit);
haetae (kor.) 해태/獬豸 ^imaginäres Tier in Korea, löwenähnlich, ähnlich den japanischen komainu; schützt vor Feuer; geht auf ein chinesisches Fabelwesen (xiezhi) zurück, das als Inbegriff der Gerechtigkeit aufgefasst wurde
Han (chin.) 漢 ^chin. Han-Dynastie (207 v.u.Z.–220 u.Z.)
Hidari Jingorō 左甚五郎 ^sagenumwobener Meisterbildhauer der frühen Edo-Zeit, der Statuen so naturgetreu anfertigte, dass sie zum Leben erwachten
Hie Taisha 日吉大社 ^Schutzschrein des Tendai-Tempelkomplexes von Berg Hiei bei Kyōto; auch bekannt als Hiyoshi Taisha oder Sannō Schrein
hōju 宝珠 ^wtl. Schatzperle; auch nyoi no tama, „Perle, die jeden Wunsch erfüllt“; skt. cintamani; magische Perle, meist, aber nicht nur, im buddhistischen Kontext
hōyaku 宝鑰 ^wtl. Dharma-Schlüssel; Glückssymbol, das sich von einem Gerät zum Öffnen von Schiebetüren ableitet
Inari 稲荷 ^Reisgottheit, häufig von Fuchswächtern (myōbu) bewacht
Itō Chūta 伊東忠太 ^1867–1954; Star-Architekt des frühen 20. Jh., der traditionelle japanische Architektur mit Elementen aus Asien und Europa verband
ōkami 狼 ^Wolf; dem Wortlaut nach „große Gottheit“, dem Zeichen nach „gutes“ (良) „Tier“ (犭)
shīsā シーサー ^Löwenwächterfiguren in Okinawa; verwandt, aber nicht identisch mit den komainu der japanischen Hauptinseln; der Name leitet sich von der lokalen Aussprache von „Löwe“ (shishi) her
Tōdaiji 東大寺 ^Tempel des Großen Buddha von Nara; wtl. Großer Ost-Tempel
Tsurezuregusa 徒然草 ^„Aufzeichnungen aus Mußestunden“; Gedanken und Anekdoten von Yoshida Kenkō, verfasst ca. 1330–1332
UN-gyō 吽形 ^wtl. „HUM-Form“; Figur, die das Sanskritzeichen „HUM“, jap. un, ausspricht, und daher mit geschlossenem Mund dargestellt wird; Gegenstück von A-gyō (offener Mund); im Fall von menschlichen Figuren zumeist mit einer beruhigenden Geste (mudrā) verbunden; s.a. niō
Utagawa Kuniyoshi 歌川国芳 ^1798–1861; Maler und Zeichner. Bekannter Verteter des ukiyo-e-Farbholzschnitts
xiezhi (chin.) 獬豸 ^chin. Fabeltier, das mit seinem Horn Verbrecher bestraft, aber Unschuldige verschont; jap. kaichi, kor. haetae
Yasukuni Jinja 靖国神社 ^Yasukuni Schrein, Tōkyō; Schrein zum Gedenken an Kriegsgefallene
Yoshida Kenkō 吉田兼好 ^1283?–1350?; japanischer Dichter und Hofbeamter, Autor des Tsurezuregusa; zu seiner Zeit wahrscheinlich als Urabe Kaneyoshi bekannt