Der Großschrein von Izumo
I zumo Taisha, der Großschrein von Izumo, bezeichnet den bedeutendsten Schrein der Region Izumo. Einem alteingesessenen Glauben zufolge versammeln sich sämtliche Götter Japans jedes Jahr im Oktober (bzw. im 10. Monat) an diesem Ort, weswegen dieser Monat den Beinamen „Monat ohne Götter“ (Kannazuki) trägt. Nur in Izumo heißt er „Monat der anwesenden Götter“ (Kamiaritsuki). Diese Vorstellung macht Izumo zumindest temporär zum Zentrum der japanischen Götterwelt und hat den Schrein daher immer wieder zu einem ernsthaften Konkurrenten der Ise-Schreine als Spitze der japanischen Schreinhierarchie werden lassen.
Bildquelle: unbekannt.
Optische Eindrücke
Bildquelle: Photo Dokuritsuken, 2008, über Internet Archive.
Das Luftbild zeigt das hoch aufragende Hauptgebäude umschlossen vom Inneren Schreinareal. Normalerweise ist es Besuchern nicht gestattet, dieses innere Areal zu betreten.
Edo-Zeit, 1744. Kokugakuin University.
Ein Charakteristikum für den Schreinstil von Izumo sind die besonders massigen Strohseile (shimenawa) an der Gebäudefront. Sie sind in der Region rund um den Izumo Schrein häufig zu finden, in der Anlage von Izumo selbst schmücken sie allerdings nur die Seitengebäude.
Yasuda Eiki, flickr, 2013.
1980er Jahre. Nanzan Institute for Religion and Culture, Ian Reader.
Auch in Izumo erfreuen sich Glückslose (o-mikuji) großer Beliebtheit. Sie werden hier an Zweige und Rindenstücke der Zedern im Schreinareal gebunden.
Umino Tomoko, flickr 2007.
Hauptgottheit
Der Schrein hieß ursprünglich Kizuki no Ōyashiro und wird bereits in den ältesten Quellen Japans erwähnt. Als Hauptgottheit wird Ōkuninushi, wtl. der „Große Herr des Landes“, verehrt.1 In den japanischen Mythen deutet sich an, dass Izumo einst ein eigenes Reich oder Stammesgebiet darstellte, das nur unter Schwierigkeiten in den frühen japanischen Staat integriert werden konnte. Dementsprechend stellt Ōkuninushi in der mythologischen Erzählung einen Gegenpol zur kaiserlichen Ahnengottheit Amaterasu dar. In historischer Zeit nahm die Bedeutung der Gegend allerdings sukzessive ab (s. Ōkuninushi als heimlicher Gegenspieler der Himmlischen Götter). Ōkuninushi wurde zwar in neuen Schreinen verehrt – u.a. im Miwa Schrein nahe der alten Hauptstadt Nara — verlor aber seine führende Rolle in der Götterwelt und wurde schließlich mit dem populären Glücksgott Daikoku assoziiert. In Izumo selbst kann man allerdings erahnen, warum die mythologische Aura dieser Gottheit nie ganz hinter den Ahnen des Kaiserhauses verblasste.
Werk von Utagawa Kuniyoshi. Waseda University Library.
Ein sagenhafter Riesenschrein in grauer Vorzeit
Die Anlage des Izumo Schreins stammt in ihrer heutigen Form aus 1744. Ähnlich wie in Ise wird auch Izumo in periodischen Abschnitten von Grund auf renoviert (allerdings nicht vollständig neu erreichtet). Im Zuge der jüngsten Renovierungen (2008–2013) wurden z.B. die Dächer komplett erneuert, die meisten Bilder auf dieser Seite zeigen jedoch noch den Zustand davor.
Shintō jiten, 1994, S. 174.
Die Haupthalle ist mit 24m Höhe für einen Shintō-Schrein ungewöhnlich groß, doch soll sie in alter Zeit sogar noch größer gewesen sein. In den Mythen aus Kojiki und Nihon shoki (8. Jh.) wird ein riesiger Palast von knapp 100m Höhe erwähnt, der für Ōkuninushi errichtet wurde, nachdem er seine Herrschaft an den Enkel der Sonnengottheit abgegeben hatte. Alles deutet daraufhin, dass es sich dabei um eine Frühform des Izumo Schreins handelt, doch die Ausmaße erscheinen mythologisch übertrieben. Allerdings existiert aus der Heian-Zeit (10. Jh.) ein weiterer Bericht, laut dem der Izumo Schrein höher war als die damalige Halle des Großen Buddha von Nara, nämlich 16 jō = 48m. Schließlich haben archäologische Ausgrabungen aus jüngerer Zeit die Stümpfe von riesigen Holzpfeilern freigelegt, die zu derartigen Angaben passen könnten. Sie stammen aus dem dreizehnten Jahrhundert und bestätigen eine weitere schriftliche Quelle, nach der die Hauptpfeiler des Schreins jeweils aus drei zusammengebundenen Riesenstämmen bestanden.
Bildquelle: unbekannt.
Die Ausgrabungen legen somit nahe, dass der Izumo Schrein noch in historischer Zeit wesentlich größer war als heute. Man nimmt an, dass er auf einer riesigen Plattform stand, zu der eine mächtige Treppe hinauf führte. Rekonstruktionen sind in modellhafter Form im Museum des Izumo Schreins zu besichtigen.
Während des japanischen Mittelalters wurde die Haupthalle des Schreins auf ein bescheidenes Maß reduziert. Abgesehen von politischen Wirren mag dabei auch von Ausschlag gewesen sein, dass irgendwann einmal die Baumriesen ausgingen, um Izumo in seiner ursprünglichen Dimension zu errichten. Erst Anfang der Edo-Zeit erhielt der Schrein wieder finanzielle Unterstützung durch das Tokugawa Shōgunat und konnte seine Gebäude im heutigen Maßstab herstellen.
Der Ursprung des Izumo Schreins ist ein weiterer Punkt, der nach wie vor kontrovers diskutiert wird. Nach den besagten Mythen müsste es sich um den ältesten Schrein Japans handeln. Es gibt jedoch auch eine Stelle des Nihon shoki, die so interpretiert werden könnte, dass der Schrein 659 errichtet wurde und seine Errichtung somit keineswegs in mythische Zeiten zurückreicht.
[659] In this year, the Izumo magistrate was ordered to repair/create (tsukuri yosowashimu) the shrine of the god.2
Der strittige Punkt in diesem Zitat ist die Bedeutung des Verbs tsukuru, das entweder als reparieren oder als errichten ausgelegt werden kann. Es ist zudem nicht ganz sicher, ob mit dem „Schrein“ tatsächlich der Izumo Schrein gemeint ist.
Monat mit und ohne Götter
Werk von Utagawa Kunisada (1786–1865). Edo-Zeit, Mitte 19. Jh. Privatsammlung Michael O’Clair (mit freundlicher Genehmigung).
Die Idee, dass sich alle Götter im 10. Monat in Izumo versammeln und dass dieser Monat deshalb „gottloser Monat“ (Kannazuki) heiße, dürfte einer Volksetymologie entsprungen sein, deren Ursprünge im Dunklen liegen. Sie findet sich erstmals in einer Gedichtanthologie aus dem 12. Jh. erwähnt. Dass dieser Monat in Izumo selbst „gotthafter Monat“ (Kamiaritsuki) heißt, findet sich hingegen in einem Lexikon des fünfzehnten Jahrhunderts zum ersten Mal vermerkt.3 In dieser Zeit taucht zudem die Vorstellung auf, dass die Götter über die Heiratsverbindungen (enmusubi) beratschlagen, die sie unter den Menschen knüpfen wollen. Dieses Thema machte aus der Gottheit von Izumo eine Gottheit der ehelichen Beziehungen (enmusubi no kami). Auf dem obigen Bild aus der späten Edo-Zeit überwachen Ōkuninushi und Amaterasu gemeinsam die restlichen Götter beim kombinieren von Namen, die auf kleine Täfelchen geschrieben sind, das Knüpfen von Ehen wird somit zu einem Gesamtprojekt der shintōistischen Götterwelt. In anderen Zusammenhängen begegnet uns auch der Glücksgott Daikoku, ein buddhisiertes alterego von Izumos Ōkuninushi, als enmusubi no kami.
Verweise
Verwandte Themen
Fußnoten
Internetquellen
- Shinwa no kuni Izumo o otozureru (jap.)
- Izumo Ōyashiro (jap.)
Offizielle Homepage des Schreins.
Literatur
Bilder
- ^ Innere Einfriedung des Izumo Schreins mit Haupthalle.
Bildquelle: unbekannt. - ^ Luftaufnahme des Schreinanlage von Izumo an einem Fasttag.
Bildquelle: Photo Dokuritsuken, 2008, über Internet Archive. - ^ Haupt- und Seitengebäude der inneren Anlage des Großschreins von Izumo, Izumo Taisha. Aufnahme nach der Renovierung von 2013.
Edo-Zeit, 1744. Kokugakuin University. - ^ Izumo Schrein, Haupt- und Seitengebäude
Bildquelle: unbekannt. - ^ Innere Schreinanlage des Izumo Schreins.
Jenny Huang, flickr 2006. - ^ Izumo Schrein, Haupthalle (honden)
Bildquelle: unbekannt. - ^ Haupthalle des Izumo Schreins, vom rückwärtigen Teil der Anlage aufgenommen.
Wikimedia Commons, 663highland. - ^ Das riesige shimenawa an der Kagura-Halle des Izumo Schreins, darunter eine Schreindienerin (miko) neben einem Verkaufsstand für Glücksbringer.
Yasuda Eiki, flickr, 2013. - ^ Das möglicherweise größte shimenawa Japans befindet sich im Izumo Taisha.
1980er Jahre. Nanzan Institute for Religion and Culture, Ian Reader.
- ^ Ein junger Priester (shinshoku) des Izumo Schreins.
Jenny Huang, flickr 2006. - ^ Schreinbesucher befestigen o-mikuji an den Zweigen und Rinden der alten Zedern auf dem Schreingelände von Izumo.
Umino Tomoko, flickr 2007. - ^ Ōkuninushi, der Anführer der „irdischen Gottheiten“, begegnet Sukunabikona, der als winzige Gottheit auf dem Kamm einer Welle an Land gespült wird
Werk von Utagawa Kuniyoshi. Waseda University Library. - ^ Izumo Schrein, Hauptgebäude, Vorder- und Seitenansicht
Shintō jiten, 1994, S. 174. - ^ Stümpfe riesiger Pfeiler, welche 1999 bei Ausgrabungen gefunden wurden. Sie legen nahe, dass der Izumo Schrein einst viel größer war.
Bildquelle: unbekannt. - ^ Rekonstruktion eines Pfeilers des Izumo Taisha, welche man bei Ausgrabungen gefunden hat.
Bildquelle: unbekannt. - ^ Modellgraphische Rekonstruktion des ursprünglichen Izumo Schreins.
Bildquelle: unbekannt. - ^ Darstellung der in der Edo-Zeit geläufigen Vorstellung, dass sich die Götter Japans alljährlich in Izumo zusammenfinden, um unter der Leitung des dortigen Gottes Ōkuninushi die Heiratsverbindungen des folgenden Jahres festzulegen. Ōkuninushi und Amaterasu sind hier als fürstliches Paar dargestellt, das die anderen Götter beim Ausrechnen und Notieren künftiger Paarungen überwacht. Als ihre Buchhalter fungieren Kasuga und Kashima Daimyōjin, weitere wichtige Schreingötter lassen sich anhand ihrer Namensschilder identifizieren. Außerhalb der Halle, unter einem heiligen Baum, scharen sich einfacher gekleidete Figuren, wahrscheinlich „Armen-Götter“ (binbōgami), um ein Lagerfeuer. Das Bild illustriert die Bedeutung von Izumos Ōkuninushi als Gott der ehelichen Verbindungen (enmusubi no kami).
Werk von Utagawa Kunisada (1786–1865). Edo-Zeit, Mitte 19. Jh. Privatsammlung Michael O’Clair (mit freundlicher Genehmigung).
Glossar
- Daikoku 大黒 ^ Gott des Reichtums und Stellvertreter der Sieben Glücksgötter (Shichi Fukujin); skt. Mahakala = „Großer Schwarzer“; auch Daikoku-ten
- enmusubi no kami 縁結びの神 ^ wtl. „Gottheit, die Verbindungen knüpft“; Gottheit für Verliebte, japanischer Amor
- Kizuki no Ōyashiro 杵築大社 ^ Ursprünger Name des Izumo Taisha; kizuki bedeutet in etwa „festes Fundament“
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- Yasukuni: Der Schrein des ‚friedlichen Landes‘
- Herrigels Zen und das Bogenschießen
„Der Großschrein von Izumo.“ In: Bernhard Scheid, Religion-in-Japan: Ein digitales Handbuch. Universität Wien, seit 2001
