I zumo Taisha, der Großschrein von Izumo, bezeichnet den bedeutendsten Schrein der Region Izumo. Einem alteingesessenen Glauben zufolge versammeln sich sämtliche Götter Japans jedes Jahr im Oktober (bzw. im 10. Monat) an diesem Ort, weswegen dieser Monat den Beinamen „Monat ohne Götter“ (Kannazuki) trägt. Nur in Izumo heißt er „Monat der anwesenden Götter“ (Kamiaritsuki). Diese Vorstellung macht Izumo zumindest temporär zum Zentrum der japanischen Götterwelt und hat den Schrein daher immer wieder zu einem ernsthaften Konkurrenten der Ise-Schreine als Spitze der japanischen Schreinhierarchie werden lassen.
Luftaufnahme des Schreinanlage von Izumo an einem Fasttag. (Bildquelle: Photo Dokuritsuken, 2008, über Internet Archive)
Das Luftbild zeigt das hoch aufragende Hauptgebäude umschlossen vom Inneren Schreinareal. Normalerweise ist es Besuchern nicht gestattet, dieses innere Areal zu betreten.
Haupthalle des Izumo Schreins, vom rückwärtigen Teil der Anlage aufgenommen. ( Wikimedia Commons, 663highland)
Ein Charakteristikum für den Schreinstil von Izumo sind die besonders massigen Strohseile (shimenawa) an der Gebäudefront. Sie sind in der Region rund um den Izumo Schrein häufig zu finden, in der Anlage von Izumo selbst schmücken sie allerdings nur die Seitengebäude.
Der Schrein hieß ursprünglich Kizuki no Ōyashiro und wird bereits in den ältesten Quellen Japans erwähnt. Als Hauptgottheit wird Ōkuninushi, wtl. der „Große Herr des Landes“, verehrt.1 In den japanischen Mythen deutet sich an, dass Izumo einst ein eigenes Reich oder Stammesgebiet darstellte, das nur unter Schwierigkeiten in den frühen japanischen Staat integriert werden konnte. Dementsprechend stellt Ōkuninushi in der mythologischen Erzählung einen Gegenpol zur kaiserlichen Ahnengottheit Amaterasu dar. In historischer Zeit nahm die Bedeutung der Gegend allerdings sukzessive ab (s. Ōkuninushi als heimlicher Gegenspieler der Himmlischen Götter). Ōkuninushi wurde zwar in neuen Schreinen verehrt – u.a. im Miwa Schrein nahe der alten Hauptstadt Nara — verlor aber seine führende Rolle in der Götterwelt und wurde schließlich mit dem populären Glücksgott Daikoku assoziiert. In Izumo selbst kann man allerdings erahnen, warum die mythologische Aura dieser Gottheit nie ganz hinter den Ahnen des Kaiserhauses verblasste.
Die Anlage des Izumo Schreins stammt in ihrer heutigen Form aus 1744. Ähnlich wie in Ise wird auch Izumo in periodischen Abschnitten von Grund auf renoviert (allerdings nicht vollständig neu erreichtet). Im Zuge der jüngsten Renovierungen (2008–2013) wurden z.B. die Dächer komplett erneuert, die meisten Bilder auf dieser Seite zeigen jedoch noch den Zustand davor.
Die Haupthalle ist mit 24m Höhe für einen Shintō-Schrein ungewöhnlich groß, doch soll sie in alter Zeit sogar noch größer gewesen sein. In den Mythen aus Kojiki und Nihon shoki (8. Jh.) wird ein riesiger Palast von knapp 100m Höhe erwähnt, der für Ōkuninushi errichtet wurde, nachdem er seine Herrschaft an den Enkel der Sonnengottheit abgegeben hatte. Alles deutet daraufhin, dass es sich dabei um eine Frühform des Izumo Schreins handelt, doch die Ausmaße erscheinen mythologisch übertrieben. Allerdings existiert aus der Heian-Zeit (10. Jh.) ein weiterer Bericht, laut dem der Izumo Schrein höher war als die damalige Halle des Großen Buddha von Nara, nämlich 16 jō = 48m. Schließlich haben archäologische Ausgrabungen aus jüngerer Zeit die Stümpfe von riesigen Holzpfeilern freigelegt, die zu derartigen Angaben passen könnten. Sie stammen aus dem dreizehnten Jahrhundert und bestätigen eine weitere schriftliche Quelle, nach der die Hauptpfeiler des Schreins jeweils aus drei zusammengebundenen Riesenstämmen bestanden.
14 Die 1999 freigelegten Stümpfe der alten Pfeiler des Izumo Schreins
Stümpfe riesiger Pfeiler, welche 1999 bei Ausgrabungen gefunden wurden. Sie legen nahe, dass der Izumo Schrein einst viel größer war. (Bildquelle: unbekannt)
Rekonstruktion eines Pfeilers des Izumo Taisha, welche man bei Ausgrabungen gefunden hat. (Bildquelle: unbekannt)
Die Ausgrabungen legen somit nahe, dass der Izumo Schrein noch in historischer Zeit wesentlich größer war als heute. Man nimmt an, dass er auf einer riesigen Plattform stand, zu der eine mächtige Treppe hinauf führte. Rekonstruktionen sind in modellhafter Form im Museum des Izumo Schreins zu besichtigen.
Modellgraphische Rekonstruktion des ursprünglichen Izumo Schreins. (Bildquelle: unbekannt)
Während des japanischen Mittelalters wurde die Haupthalle des Schreins auf ein bescheidenes Maß reduziert. Abgesehen von politischen Wirren mag dabei auch von Ausschlag gewesen sein, dass irgendwann einmal die Baumriesen ausgingen, um Izumo in seiner ursprünglichen Dimension zu errichten. Erst Anfang der Edo-Zeit erhielt der Schrein wieder finanzielle Unterstützung durch das Tokugawa Shōgunat und konnte seine Gebäude im heutigen Maßstab herstellen.
Der Ursprung des Izumo Schreins ist ein weiterer Punkt, der nach wie vor kontrovers diskutiert wird. Nach den besagten Mythen müsste es sich um den ältesten Schrein Japans handeln. Es gibt jedoch auch eine Stelle des Nihon shoki, die so interpretiert werden könnte, dass der Schrein 659 errichtet wurde und seine Errichtung somit keineswegs in mythische Zeiten zurückreicht.
[659] In this year, the Izumo magistrate was ordered to repair/create (tsukuri yosowashimu) the shrine of the god.2
Der strittige Punkt in diesem Zitat ist die Bedeutung des Verbs tsukuru, das entweder als reparieren oder als errichten ausgelegt werden kann. Es ist zudem nicht ganz sicher, ob mit dem „Schrein“ tatsächlich der Izumo Schrein gemeint ist.
Die Idee, dass sich alle Götter im 10. Monat in Izumo versammeln und dass dieser Monat deshalb „gottloser Monat“ (Kannazuki) heiße, dürfte einer Volksetymologie entsprungen sein, deren Ursprünge im Dunklen liegen. Sie findet sich erstmals in einer Gedichtanthologie aus dem 12. Jh. erwähnt. Dass dieser Monat in Izumo selbst „gotthafter Monat“ (Kamiaritsuki) heißt, findet sich hingegen in einem Lexikon des fünfzehnten Jahrhunderts zum ersten Mal vermerkt.3 In dieser Zeit taucht zudem die Vorstellung auf, dass die Götter über die Heiratsverbindungen (enmusubi) beratschlagen, die sie unter den Menschen knüpfen wollen. Dieses Thema machte aus der Gottheit von Izumo eine Gottheit der ehelichen Beziehungen (enmusubi no kami). Auf dem obigen Bild aus der späten Edo-Zeit überwachen Ōkuninushi und Amaterasu gemeinsam die restlichen Götter beim kombinieren von Namen, die auf kleine Täfelchen geschrieben sind, das Knüpfen von Ehen wird somit zu einem Gesamtprojekt der shintōistischen Götterwelt. In anderen Zusammenhängen begegnet uns auch der Glücksgott Daikoku, ein buddhisiertes alterego von Izumos Ōkuninushi, als enmusubi no kami.
^Stümpfe riesiger Pfeiler, welche 1999 bei Ausgrabungen gefunden wurden. Sie legen nahe, dass der Izumo Schrein einst viel größer war. (Bildquelle: unbekannt)
^Rekonstruktion eines Pfeilers des Izumo Taisha, welche man bei Ausgrabungen gefunden hat. (Bildquelle: unbekannt)
^Modellgraphische Rekonstruktion des ursprünglichen Izumo Schreins. (Bildquelle: unbekannt)