Himiko: Die erste historisch fassbare Herrscherin Japans

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Himiko Die erste historisch fassbare Herrscherin Japans

Die ersten historischen Berichte über Japan entstammen einem chinesischen Geschichtswerk aus dem dritten Jahrhundert, das landläufig als Weizhi (Chronik der Wei Dynastie) bezeichnet wird. Dieses Weizhi ist Teil der „Chronik der Drei Reiche“ (Sanguo zhi) und wurde von Chen Shou (233–297) verfasst, im fünften Jahrhundert aber nochmals von Pei Songzhi bearbeitet. Die meisten Berichte gelten aus heutiger Sicht als mehr oder weniger authentisch. Das Weizhi enthält unter anderem elf Kapitel über die „Ostbarbaren“ (tung-i), also Völker im Osten Chinas, die sich im Wesentlichen in han (Koreaner) und wo (jap. wa, Japaner) unterteilen lassen. Wir entnehmen dem Weizhi jedoch, dass innerhalb dieser Reiche oder vielleicht besser „Ethnien“ zahlreiche, zum Teil verfeindete Länder bzw. „Stammesgebiete“ existierten.

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Bericht über die wo aus dem Sanguo zhi (3. Jh.), Titelseite; früher chin. Buchdruck (Pona-Edition, 12. Jh.; Nachdruck 1958) China, 12. Jh.
Bildquelle: Inues.net
1 Bericht über die Wo/Wa

Berichte über Himiko

Das Weizhi berichtet verhältnismäßig detailliert von der japanischen Königin Himiko oder Pimiko (chin. Pei-mi-hu), wobei es sich höchst wahrscheinlich um einen Herrschaftstitel mit der Bedeutung „Kind der Sonne“ handelt. Die Königin beherrschte ein Reich, das möglicherweise Yamatai hieß1 und eine lose Konföderation kleinerer Reiche/Stämme darstellte. Folgt man allerdings der in der Chronik enthaltenen Wegbeschreibung zur Residenz Himikos, so würde man mitten im Pazifischen Ozean landen, was mannigfachen Spekulationen über den geographischen Ort des Reiches Tür und Tor öffnete. Im Wesentlichen stehen das Nara-Becken in Zentraljapan oder Kyūshū zur Auswahl. Interessant ist aber vor allem, was das Weizhi über die politisch-religiösen Verhältnisse im Japan des dritten Jahrhunderts berichtet:

In ihrem Lande hat man ursprünglich auch Männer zu Königen gemacht, siebzig, achtzig Jahre lang. Dann gab es im Lande Wo Unruhen. Gegenseitig griff man sich an und bekämpfte sich über Jahre hin. Daraufhin erhob man gemeinsam eine Frau zur Königin. Sie heißt Pei-mi-hu. Sie dient dem Geisterglauben und ist fähig, damit das Volk zu verleiten. Sie ist im fortgeschrittenen Alter, hat aber keinen Ehemann. Sie hat einen jüngeren Bruder, der unterstützend das Land mitregiert. Es gibt nur wenige, die sie bisher, seit sie Königin geworden ist, gesehen haben. Von tausend Dienerinnen lässt sie sich persönlich bedienen. Es gibt nur einen Mann, der sie mit Essen und Trinken versorgt und Nachrichten übermittelt. Er geht in der Residenz ein und aus. Der Palast, die Wachtürme und Befestigungsanlagen sind imposant ausgeführt.

Übersetzung nach Seyock 2004, S.56, leicht modifiziert

Das Weizhi berichtet weiter, dass die Königin im Jahr 238 mit der chinesischen Wei-Dynastie Kontakt aufgenommen und Tribute gesendet hätte, die mit freundlichen Gegengeschenken belohnt wurden. Dies war eine besondere Auszeichnung, die selbst koreanische Herrscher der damaligen Zeit nur selten erfuhren und zeigt, dass Japan unter Himiko schon relativ weit auf dem Weg der politischen Zentralisierung voran gekommen war. Allerdings berichtet die chinesische Chronik auch von innerjapanischen Kriegen im Jahr 247. Schließlich heißt es über Himikos Ableben im Jahr 248:

Als Pei-mi-hu starb, baute man in großartiger Weise einen Grabhügel mit einem Durchmesser von mehr als hundert Schritt (pu). Es waren mehr als hundert Diener und Dienerinnen, die ihr zum Geleit mit begraben wurden. Man setzte nun wiederum einen Mann als König ein. Im Lande jedoch unterwarf man sich ihm nicht. Wiederum tötete man sich gegenseitig. Zu jener Zeit tötete man mehr als tausend Menschen. Dann wiederum setzte man eine Tochter Pei-mi-hus ein, das Mädchen I-yü, dreizehn Jahre alt, und machte sie zur Königin. Im Lande war es daraufhin wieder ruhig.

Übersetzung nach Seyock 2004, S.58, leicht modifiziert

Dass die Zeit Himikos mit dem Beginn der hier erwähnten Hügelgräber zusammenfiel, ist archäologisch erwiesen,2 Einige Archäologen meinen sogar, das Grab Himikos in der Region Makimuku (südliches Nara-Becken) lokalisieren zu können.3 Auf jeden Fall scheinen die chinesischen Berichte trotz ihrer problematischen geografischen Angaben hinsichtlich ihrer Zeitangaben verlässlich zu sein. Dies wirft natürlich die Frage auf, ob und wie sich Himiko in japanischen Geschichtswerken der Frühzeit wiederfindet.

Kaiserin Jingū

Himiko wird in Japans erster offizieller Geschichtsquelle — Nihon shoki, 720 — zwar nicht namentlich erwähnt, doch ist hier von einer Priesterin zur Zeit des Sujin Tennō die Rede, die nach ihrem tragischen Tod das erste Hügelgrab, das sogenannte Essstäbchen-Grab (Hashihaka) in Makimuku erhielt.4 Es spricht vieles dafür, dass in diese Episode zumindest Teile der Himiko-Geschichte eingeflossen sind, doch aufgrund ihres mythologischen Charakters kann die Erzählung nicht als historisch verlässlich gewertet werden.5

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Darstellung der mythologischen Kaiserin Jingū Kōgō. Bestandteil einer der ältesten plastischen Darstellung japanischer Gottheiten, bestehend aus Jingū, ihrem Sohn Hachiman und dessen Frau Himegami. Heian-Zeit, 9. Jh.
2 Kaiserin Jingū in einer Darstellung aus dem 9. Jh.

Teile des Weizhi sind aber auch in die Berichte über die legendäre Herrscherin Jingū Kōgō (mythologische Daten 169– 269 u.Z.) übernommen worden. Sie spielt als Anführerin eines Feldzugs gegen den Erzfeind des frühgeschichtlichen japanischen Staates, das koreanische Königreich Silla, eine bedeutende Rolle in der kaiserlichen Mytho-Genealogie und wurde später immer wieder im Zusammenhang mit Kriegszügen gegen das Nachbarland als Vorbild herangezogen. Die historischen Rohdaten für diese Feldzüge, die sicher keine effektive „Eroberung“ Koreas darstellten, dürften aus dem vierten Jahrhundert, also einige Zeit nach Himiko stammen. Die staatlichen Chronisten des siebenten und achten Jahrhunderts bemühten sich aber offenbar, die Figur der Himiko mit späteren militärischen Heldentaten in der Gestalt Jingū Kōgōs zu verschmelzen. Möglicherweise hängt die besondere Heroisierung der legendären Herrscherin damit zusammen, dass zur Zeit der schriftlichen Fixierung der kaiserlichen Chroniken, also in der Zeit um 700, immer wieder Frauen das Tennō-Amt innehatten.

Epilog

Als Japan kurz nach der Meiji Restauration (1868) eine neue Währung und Papiergeld nach westlichem Vorbild einführte, stellte sich die Frage, welche Motive diese neuen Zahlungsmittel zieren sollten. Den amtierenden Monarchen selbst abzubilden, wie es damals in Europa üblich war, kam aus Gründen der Pietät nicht in Frage. Die Tatsache, dass solche kaiserlichen Portraits von jedem beliebigen angefasst werden konnten, widersprach der traditionellen herrschaftlichen Repräsentation durch Verhüllung. Um aber das Kaiserhaus dennoch im allgemeinen Bewusstsein zu verankern, bot sich das Bild der legendären Kaiserswitwe Jingū an, die laut offizieller Lesart selbst nicht das Amt eines Tennō inne gehabt hatte.6

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Geldschein (1 Yen) mit dem (europäisierten) Portrait der mythischen Kaiserin Jingū Kōgō, designed von Edoardo Chiossone, der damals im Auftrag der Meiji-Regierung auch andere Scheine nach westlichem Vorbild gestaltete. Werk von Edoardo Chiossone. 1878
The British Museum
3 Banknote mit Motiv der Jingū Kōgō, 1878

Verweise

Verwandte Themen

Fußnoten

  1. Den Namen kennen wir nur aus chinesischen Transliterationen, also aus einer Art „Stiller-Post-Verfahren“; manche Linguisten nehmen an, dass es sich um den Namen Yamato, also die aus späteren Werken bekannte erste Selbstbezeichnung Japans, handelt.
  2. S. Piggott 1997, Seyock 2004 oder Barnes 2012.
  3. Kidder 2007.
  4. Aston 1972, I, S. 159.
  5. S. dazu auch Scheid 2016b.
  6. Trede 2008; s.a. Die rätselhafte Karriere des Daikoku.

Internetquellen

  • 魏志倭人伝 (Wikisource). Primärtext der Beschreibung Japans im Sanguo zhi.
Letzte Überprüfung der Linkadressen: Jul. 2020

Literatur

William George Aston (Ü.) 1972
Nihongi: Chronicles of Japan from the Earliest Times to A.D. 697. Rutland, Vt: Tuttle 1972. [Erste Ausgabe: London 1896.]
Gina Barnes 2012
„The Emergence of Political Rulership and the State in Early Japan.“ In: Karl Friday (Hg.), Japan Emerging: Premodern History to 1550. New York: Routledge 2012, S. 77–88.
Jonathan Edward Kidder 2007
Himiko and Japan’s elusive chiefdom of Yamatai. Honolulu: University of Hawaii Press 2007.
Joan Piggott 1997
The Emergence of Japanese Kingship. Stanford, CA: Stanford University Press 1997.
Bernhard Scheid 2016
„‚Sie stach sich in den Schoß und verstarb‘: Zwei seltsame Todesfälle in den kiki-Mythen.“ In: Birgit Staemmler (Hg.), Werden und Vergehen: Betrachtungen zu Geburt und Tod in japanischen Religionen. (Bunka-Wenhua Bd. 24.) Münster: Lit Verlag 2016, S. 95–114.
Barbara Seyock 2004
Auf den Spuren der Ostbarbaren: Zur Archäologie protohistorischer Kulturen in Südkorea und Westjapan. Münster: Lit Verlag 2004.
Melanie Trede 2008
„Banknote design as a battlefield of gender politics and national representation in Meiji Japan.“ In: Doris Croissant, Catherine Vance Yeh, Joshua S. Mostow (Hg.), Performing “nation”: gender politics in literature, theater, and the visual arts of China and Japan, 1880–1940. Leiden: Brill 2008, S. 55–104.

Bilder

Quellen und Erläuterungen zu den Bildern auf dieser Seite:

  1. ^ 
    Wajinden.jpg

    Bericht über die wo aus dem Sanguo zhi (3. Jh.), Titelseite; früher chin. Buchdruck (Pona-Edition, 12. Jh.; Nachdruck 1958) China, 12. Jh.
    Bildquelle: Inues.net

  2. ^ 
    Jingu.jpg

    Darstellung der mythologischen Kaiserin Jingū Kōgō. Bestandteil einer der ältesten plastischen Darstellung japanischer Gottheiten, bestehend aus Jingū, ihrem Sohn Hachiman und dessen Frau Himegami. Heian-Zeit, 9. Jh.

  1. ^ 
    Jingu banknote.jpg

    Geldschein (1 Yen) mit dem (europäisierten) Portrait der mythischen Kaiserin Jingū Kōgō, designed von Edoardo Chiossone, der damals im Auftrag der Meiji-Regierung auch andere Scheine nach westlichem Vorbild gestaltete. Werk von Edoardo Chiossone. 1878
    The British Museum


Glossar

Namen und Fachbegriffe auf dieser Seite:

  • Chen Shou (chin.) 陳壽 ^ 233–297; Autor der Chroniken der drei Reiche (Sanguo zhi); auch bekannt als Chengzuo 承祚
  • han (kor.) ^ älteste chin. Bez. für Koreaner bzw. koreanische Reiche (Drei Han), heute Selbstbezeichnung Südkoreas (Hanguk 韓国)
  • Hashihaka 箸墓 ^ wtl. Essstäbchen-Grab; Hügelgrab aus dem 4. Jh. nahe Berg Miwa
  • Himiko 卑弥呼 ^ ca. 170–248; frühgeschichtliche Priesterkönigin; auch Pimiko (wahrscheinliche Bedeutung: „Kind der Sonne“); chin. Pei-mi-hu
  • I-yü (chin.) 壹與 ^ 235–?; Tochter der japanischen Königin Himiko (da der Name nur aus chin. Chroniken bekannt ist, ist die jap. Aussprache unklar)
  • Jingū Kōgō 神功皇后 ^ mytholog. Herrscherin; Witwe des 14. Tennō, Chūai, und Mutter des Ōjin Tennō
  • Kyūshū 九州 ^ „Neun Provinzen“; süd-westliche der vier japanischen Hauptinseln, drittgrößte und zweitbevölkerungsreichste Insel; heute bestehend aus acht Präfekturen
  • Makimuku 纏向 ^ Region im Nara-Becken, wo die frühesten Hügelgräber (kofun) des Yamato-Reichs verortet werden
  • Nara-bonchi 奈良盆地 ^ Becken im Norden der Präfektur Nara in welchem auch die Stadt Nara liegt
  • Nihon shoki 日本書紀 ^ Zweitältestes Schriftwerk und erste offizielle Reichschronik Japans (720)
  • Pei Songzhi (chin.) 裴松之 ^ 372–451; chinesischer Historiker der Liu Song-Dynastie; bekannt für seine Überarbeitung der Chroniken der drei Reiche (Sanguo zhi) von Chen Shou
  • pu (chin.) ^ „Schritt“; chin. Längenmaß, 1 pu ≈ 1,67m)
  • Sanguo zhi (chin.) 三国志 ^ Chroniken der Drei Reiche; verfasst 233–297 von Chen Shou
  • Silla (kor.) 新羅/신라 ^ frühes koreanisches Reich, das die Halbinsel von 668 bis 935 beherrschte
  • Sujin Tennō 崇神天皇 ^ 97–30 v.u.Z. (mythol. Regierungszeit); 10. japanischer Kaiser
  • Tennō 天皇 ^ jap. „Kaiser“-Titel, wtl. Herrscher des Himmels
  • tung-i (chin.) 東夷 ^ „Ostbarbaren“; chinesische Bezeichnung für Japaner und/oder Koreaner
  • Weizhi (chin.) 魏志 ^ Chin. Chronik der Wei Dynastie aus dem 3. Jh. u.Z.; enthält die frühesten Berichte über Japan (Wa)
  • wo (chin.) ^ älteste chin. Bez. für Japaner (wtl. „Zwerg“); jap. wa; in Japan wurde schon früh das Homonym 和 („Harmonie“) als Selbstbezeichnung gewählt
  • Yamatai 邪馬台 ^ Reich der Königin Himiko im Japan des dritten Jhdts; in der chin. Chronik Weizhi beschrieben
Religion in JapanGeschichtePraehistorieHimiko
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„Himiko: Die erste historisch fassbare Herrscherin Japans.“ In: Bernhard Scheid, Religion-in-Japan: Ein digitales Handbuch. Universität Wien, seit 2001