Neue Religionen

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Neue Religionen

Ein unübersehbares Element in Japans religiöser Landschaft sind die sogenannten Neuen Religionen, die man landläufig auch als „Sekten“ bezeichnen könnte. Heute zählen etwa 300 Gruppierungen dazu. Der Ausdruck „Neue Religionen“ (shinshūkyō) ist selbst bereits in die Jahre gekommen und bezeichnet daher nicht unbedingt die allerneuesten Trends. Die ältesten „Neuen Religionen“ entstanden bereits im frühen neunzehnten Jahrhundert, in der politisch instabilien Bakumatsu-Zeit. Da man diese Bewegungen meist weder dem Buddhismus noch dem Shintō eindeutig zuordnen kann, hat sich der unbestimmte Begriff „Neue Religion“ als praktisch erwiesen.

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Haupttempel der Sekte Sukyō Mahikari (Verehrung des Lichts), errichtet 1979. 1979
© Religious Information Center
1 Seikai Shōhonzan, ein neureligiöser Tempel

Viele Neue Religionen, die nach Beginn der japanischen Modernisierung/ Verwestlichung (1868) entstanden, bekennen sich zu einem monotheistischen Gottesbegriff: Der Eine Gott ist der Schöpfer aller Dinge, alle Menschen sind seine Kinder. Christliche Einflüsse sind dabei unverkennbar. Die Neue Religion Seichō-no-ie zählt z.B. das Johannes Evangelium zu ihren heiligen Büchern. Andere identifizieren die einzige Gottheit mit der Sonnengöttin Amaterasu und wollen alle Religionen der Welt durch die Sonnenverehrung vereinigen. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Bewegungen weisen drüber hinaus auch Einflüsse aus dem indischen und tibetischen Buddhismus auf.

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Deguchi Nao ist die Gründerin der neureligiösen Sekte Ōmoto. Sie stammte aus einer verarmten Tischlerfamilie.
© Oomoto
2 Deguchi Nao
Gründerin der Neureligion Ōmoto

Bei aller Vielfalt haben die meisten Neuen Religionen ein Merkmal, das sie von den traditionellen Formen abhebt, nämlich die starke Einbeziehung der Laien. Viele sind überhaupt als Laienbewegungen aus bereits existierender Richtungen entstanden. Regelmäßige Gottesdienste, wie sie im Christentum zwar gebräuchlich, im traditionellen Buddhismus aber ungewöhnlich sind, zählen ebenso zu den Kennzeichen Neuer Religionen wie von allen Gläubigen befolgte tägliche Rituale und Gebete. Auch die Gründer der Neuen Religionen sind in der Regel charismatische Laien, nicht selten Frauen, wie z.B. Deguchi Nao, die erste Vorsitzende der Ōmoto Bewegung (die diese Funktion allerdings mit ihrem Schwiegersohn, Deguchi Onisaburō, teilte). Diesen Gründerfiguren wird ein messianischer Charakter zugesprochen, sie gelten als Mittler und Verkünder einer Heilslehre, die von nun an die Menschheit retten soll.

Nicht nur auf dem Gebiet des Zeremoniells, auch ökonomisch ist der Beitrag der einzelnen Gläubigen zu den neuen Religionsgemeinschaften meist überproportional hoch. Einzelne neureligiöse Gemeinschaften verfügen daher über beachtliche ökonomische Resourcen, was sich in Form von spektakulären Tempelbauten, aber auch im Besitz von Museen und Bildungsinstitutionen äußern kann. Einige Religionsgründer neueren Typs, wie etwa Fukami Tōshū von WorldMate, versuchen erst gar nicht, den Verdacht der Geschäftemacherei von sich zu weisen, sondern erklären ökonomischen Erfolg zum Beweis ihrer spirituellen Fähigkeiten.

Beispiele

Tenri-kyō

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Anhänger der Tenri-kyō bei einer Messe im Haupttempel.
© Tenrikyo Kyunsang Church, über Internet Archive
3 Gottesdienst der Tenri-kyō

Unter den alten Neuen Religionen möchte ich als Beispiel die Tenri-Schule (Tenri-kyō) anführen. Sie wurde 1838 von der damals 41-jährigen Nakayama Miki nach einer göttlichen Offenbarung gegründet. Ihre Anhänger sehen in Nakayama einen lebendigen Schrein, in den sich die höchste Gottheit eingenistet hat und durch den sie spricht. Nakayama wird von den Gläubigen ehrfürchtig als oya-sama (ehrwürdige Mutter) bezeichnet. In ihrer Lehre finden sich bekannte Motive aus Shintō und Buddhismus wieder, allgemein wird die Tenri-kyō allerdings zu den Shintō-artigen Neuen Religionen gezählt. Wichtig ist vor allem eine klösterlich anmutende Abfolge von rituellen Gesängen, die auch von Laienanhängern über den ganzen Tag verteilt regelmäßig praktiziert werden. Gläubige sind weiters dazu angehalten, ihre Zugehörigkeit durch eine Art Uniform zum Ausdruck zu bringen. Schließlich legt die Tenri-kyō besonderen Wert auf Sauberkeit, nicht nur innerlich sondern auch im wörtlichen Sinn. Das Zentrum der Glaubensrichtung ist ein riesiges Holzbauwerk im Stil buddhistischer Tempel unweit von Nara. Rundherum ist mittlerweile die Stadt Tenri entstanden, die u.a. auch über eine eigene Universität verfügt. Die Universität zieht aufgrund ihrer reichhaltigen Bibliothek auch Wissenschaftler außerhalb der Tenri-kyō an. Die Betonung der Bildung in der Tenri-kyō steht in einem merkwürdigen Gegensatz zu der sehr einfach und beinahe naiv anmutenden Struktur der Religion.

Wie auch in anderen „shintō-artigen“ Neuen Religionen, steht der Tennō nicht im Zentrum der Verehrung. Wenn die Tenri-kyō sich auch eindeutig als japanische Religion versteht, hat sie im Ausland eine erfolgreiche Missionstätigkeit entwickelt. Insgesamt hat sich die Tenri-kyō weitgehend in das traditionelle Bild von Religion eingefügt und hat für die meisten Japaner kaum einen sonderbaren oder verdächtigen Anstrich. Ausländer wie ich fühlen sich angesichts der gleich angezogenen, gleichermaßen freundlichen und gleichermaßen auf Sauberkeit bedachten Gläubigenmassen in Tenri allerdings doch unwillkürlich an Aldous Huxleys Brave New World erinnert.

Sōka Gakkai

Die erfolgreichste und zahlenmäßig stärkste Neureligion Japans ist die buddhistische Sōka Gakkai („Wertvermehrungs Gesellschaft“), die 1930 als Laienbewegung der Nichiren-Schule gegründet wurde, sich allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg massenwirksam verbreitete. Die Sōka Gakkai zählt heute innerhalb Japans geschätzte fünf Millionen Anhänger, ist aber auch im Ausland missionarisch tätig und soll etwa eine Million nicht-japanische Mitglieder haben. Die Gruppierung zeichnete sich besonders in ihrer Anfangszeit durch eine straffe innere Organisation und eine oft als „militant“ kritisierte Missionierungsstrategie aus, die sich auf Nichirens Motto „Brechen und Unterwerfen“ (shakubuku) beruft. Diese Strategie führte zu einer Polarisierung in überzeugte Anhänger und erbitterte Gegner der Sōka Gakkai, die bis heute anhält, obwohl die Militanz der Gruppierung zumindest in ihrem Auftritt nach außen heute weitgehend verschwunden ist.

Nach den ersten Erfolgen in der Nachkriegszeit entstand aus der Sōka Gakkai eine eigene politische Partei, die Kōmeitō (Partei der „öffentlichen Sauberkeit“, gegr. 1964, 1998 Neugründung als „New Kōmeitō“). Sie ist tendenziell konservativ ausgerichtet, setzt sich aber ebenso wie die Sōka Gakkai besonders für die Erhaltung von Frieden und „Humanität“ ein. Auch haben beide, Sōka Gakkai und Kōmeitō, eine traditionell kritische Haltung gegenüber jeder Form des Staatsshintō. Heute besteht zwischen der Neuen Kōmeitō und der Sōka Gakkai kein formaler Zusammenhang mehr, doch taucht die gegenseitige Beeinflussung von Religion und Politik, die von der japanischen Verfassung besonders streng geahndet wird, immer wieder in Diskussionen rund um die Sōka Gakkai auf. In den 1990er Jahren ist es überdies zu einem Zerwürfnis zwischen Sōka Gakkai und anderen Fraktionen des Nichiren-Buddhismus gekommen, was aber nichts daran ändert, dass die Lehren Nichirens und des Lotos Sutras nach wie vor im Zentrum der Sōka Gakkai stehen.

Aum-Sekte

Asahara.jpg
Der Führer der Aum-Sekte, Asahara Shōkō, auf dem Titelblatt des Time Magazine, unmittelbar nach dem Giftgasanschlag in Tōkyō 1995.
© Seite3, Apr. 3, 1995
4 Asahara Shōkō

Zu den bekanntesten „Neu-Neuen Religionen“ (shin shinshūkyō) zählt zweifellos die sogenannte Aum-Sekte (jap. Ōmu Shinri-kyō) von Asahara Shōkō, die 1995 durch einen Giftgasanschlag in der Tōkyōter U-Bahn weltweit Aufsehen erregte. Diese Gruppierung orientierte sich zunächst stark an westlich-esoterischen Bewegungen und nahm über diesen Umweg auch Elemente aus dem indischen und tibetischen Buddhismus auf. Es gelang ihr, die für manche Neuen Religionen typische Selbstausbeutung ihrer Anhänger so weit zu instrumentalisieren, dass sie trotz vergleichsweise geringer Anhängerschaft in den Besitz beachtlicher Reichtümer gelangte. Während einfache Mitglieder durch strenge Askese (z.B. Schlafentzug) oder Drogen weitgehend willenlos gemacht wurden, bildete sich innerhalb der religiösen Führungsschichte eine paramilitärische Kaderschmiede, zu der auch begabte Wissenschaftler zählten. Nach ersten Missionserfolgen versuchte sich Asahara Anfang der 90er Jahre auch in Japans Politik. Als er bei Wahlen scheiterte, entwickelte er mit seinem Führungsstab terroristische Strategien, um die Gesellschaft in seinem Sinne zu beeinflussen. 1995, nach dem Giftgasanschlag tauchte Asahara unter, konnte aber festgenommen werden und wurde mit mehreren anderen Anhängern zum Tode verurteilt.

Wie viele andere Neue Religionen missionierte auch die Aum Shinrikyō kräftig im Ausland, v.a. in Russland fand sie zahlreiche Anhänger. Nach dem Giftgasanschlag und der Verurteilung Asaharas kam es zu einer Art Neugründung unter dem Namen „Aleph“, die sich von den kriminellen Aktionen der Aum distanzierte.

Insgesamt hat der Aum Skandal nicht nur zum Ende der Aum-Sekte, sondern zu einem generellen Rückgang der Neuen Religionen in Japan geführt (Reader 2012).

Ende des Kapitels „Geschichte“


Verweise

Verwandte Themen

Internetquellen

Letzte Überprüfung der Linkadressen: Jul. 2020

Literatur

Ian Reader 2000
Religious Violence in Contemporary Japan: The Case of Aum Shinrikyo. London: Curzon 2000.
Ian Reader 2012
„Secularisation, R.I.P.? Nonsense!: The ‘Rush Hour Away from the Gods’ and the Decline of Religion in Contemporary Japan.“ Journal of Religion in Japan 1 (2012), S. 7–36.
Inken Prohl 2000
"Die spirituellen Intellektuellen" und das New Age in Japan. Hamburg: OAG 2000.
Birgit Staemmler 2009
Chinkon kishin: Mediated Spirit Possession in Japanese New Religions. Berlin: Lit. Verlag 2009.
Birgit Staemmler, Ulrich Dehn (Hg.) 2011
Establishing the Revolutionary: An Introduction to New Religions in Japan. (Bunka, Bd. 20.) Wien, Berlin: Lit 2011.
Iris Wieczorek 2001
Religion und Politik in Japan: Soka gakkai und Komeito.“ Buddhismus in Geschichte und Gegenwart, Bd. 6. Universität Hamburg: Asien-Afrika-Institut 2001, S. 77–104. [Online publiziertes Vortragsmanuskript.]

Bilder

Quellen und Erläuterungen zu den Bildern auf dieser Seite:

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    Haupttempel der Sekte Sukyō Mahikari (Verehrung des Lichts), errichtet 1979. 1979
    © Religious Information Center

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    Deguchi Nao ist die Gründerin der neureligiösen Sekte Ōmoto. Sie stammte aus einer verarmten Tischlerfamilie.
    © Oomoto

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    Tenri.jpg

    Anhänger der Tenri-kyō bei einer Messe im Haupttempel.
    © Tenrikyo Kyunsang Church, über Internet Archive

  2. ^ 
    Asahara.jpg

    Der Führer der Aum-Sekte, Asahara Shōkō, auf dem Titelblatt des Time Magazine, unmittelbar nach dem Giftgasanschlag in Tōkyō 1995.
    © Seite3, Apr. 3, 1995


Glossar

Namen und Fachbegriffe auf dieser Seite:

  • Amaterasu 天照 ^ Sonnengottheit; Ahnherrin des Tennō-Geschlechts
  • Asahara Shōkō 麻原彰晃 ^ 1955– ; Führer der Aum-Sekte; als Drahtzieher des Tōkyōter Giftgasanschlags (1995) zum Tode verurteilt
  • bakumatsu 幕末 ^ Ende des Tokugawa-Shōgunats, 1853–1867; wtl. Ende der Zeltregierung (bakufu)
  • Deguchi Nao 出口なお ^ 1837–1918; Gründerin der Shintō-nahen Neureligion Ōmoto
  • Deguchi Onisaburō 出口鬼三郎 ^ 1871–1948; Mitbegründer der neurel. Bewegung Ōmoto
  • Fukami Tōshū 深見東州 ^ 1951–; Gründer der Shintō-nahen Neureligion WorldMate; auch bekannt als Handa Haruhisa und Fukami Seizan
  • Hoke-kyō 法華経 ^ Lotos Sutra; skt. Saddharma pundarika sutra; jap. auch Hokkekyō oder Myōhō renge kyō; zählt zu den einflussreichsten Texten des Mahayana-Buddhismus, älteste Fassungen dürften im ersten Jh. v.u.Z. entstanden sein.
  • Kōmeitō 公明党 ^ „Partei der öffentlichen Sauberkeit“, buddhistisch orientierte politische Parlamentspartei
  • Nakayama Miki 中山みき ^ 1798–1887; Gründerin der Shintō-nahen Neureligion Tenrikyō, 1838
  • Nara 奈良 ^ Hauptstadt und Sitz des Tennō, 710–784 (= Nara-Zeit); auch: Heijō-kyō
  • Nichiren 日蓮 ^ 1222–1282; Begründer des Nichiren Buddhismus
  • Ōmoto 大本 ^ neurel. Bewegung (shinshūkyō), entstanden um 1900
  • Ōmu Shinri-kyō オーム真理教 ^ Aum Sekte, wtl. „Lehre vom Wahren Prinzip des [Mantras] Om“; neureligiöse Bewegung
  • Seichō-no-ie 生長の家 ^ wtl. „Haus des Wachstums“, eine Neureligion, gegründet 1930
  • shakubuku 折伏 ^ „brechen und unterwerfen“; Motto Nichirens
  • shinshūkyō 新宗教 ^ wtl. neue Religion oder Neureligion, wobei die ältesten der sog. Neureligionen im 19. Jh. entstanden
  • Sōka Gakkai 創価学会 ^ wtl. in etwa „Organisation zum Studium vermehrter Werte“; neu-religiöse buddhistische Laienorganisation, gegr. 1930
  • Tennō 天皇 ^ jap. „Kaiser“-Titel, wtl. Herrscher des Himmels
  • Tenri-kyō 天理教 ^ „Schule des Himmlischen Prinzips“; neureligiöse Gruppierung, gegr. 1838
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Diese Seite:

„Neue Religionen.“ In: Bernhard Scheid, Religion-in-Japan: Ein digitales Handbuch. Universität Wien, seit 2001