Die Götter des Himmels (Zeitalter der Götter, Teil 1)

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Zeitalter der Götter, Teil 1Die Götter des Himmels
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Die Illustration aus dem späten 19. Jahrhundert zeigt das Urgötterpaar Izanagi und Izanami auf der schwebenden Himmelsbrücke (Ame no ukihashi), von wo aus sie die erste Insel im Urmeer erschaffen. Werk von Kobayashi Eitaku (1843–1890). um 1885
© Museum of Fine Arts, Boston
1 Erschaffung der Welt

Das „Zeitalter der Götter“ erscheint in den Mythen als verhältnismäßig klar abgegrenzte Zeitspanne zwischen der Entstehung der Welt und dem Beginn der Herrschaft der Tennō-Dynastie. In dieser Zeit bevölkern Menschen, Götter und Fabelwesen eine gemeinsame Sphäre, ähnlich wie in den Mythen der griechischen Antike oder anderen mythologischen Traditionen. Die Mythen dieser Götterzeit sind uns vor allem aus zwei staatlich kommissionierten Chroniken aus dem 8. Jahrhundert, Kojiki und Nihon shoki, bekannt. Die einzelnen Episoden sind zwar in eine fortlaufende Erzählung gegossen, anhand ihrer Protagonisten und ihrer regionalen Schwerpunkte lassen sich aber mehrere unterschiedliche Haupterzählungen identifizieren. Dies deutet darauf hin, dass es sich ursprünglich um von einander unabhängige Erzähltraditionen handelt. Aus meiner persönlichen Sicht lassen sich vier Hauptepisoden identifizieren, die möglicherweise aus jeweils eigenen Sagenkreisen stammen, nämlich: a) die Erschaffung der Welt, b) der Zwist zwischen Amaterasu und Susanoo, c) die Herrschaft der Nachkommen des Susanoo auf der Erde, und d) die Eroberung der Erde durch die Nachkommen der Sonnengottheit — die spätere Tennō-Dynastie. Auf dieser Seite werden die Episoden a) und b) behandelt, auf der nächsten Seite c) und d).

Götternamen

Mythische Orte

  • Izanagi – Göttervater
  • Izanami – Göttermutter
  • Amaterasu – Sonnengottheit
  • Susanoo – Sturmgott, „enfant terrible“, Trickster
  • Ōkuninushi – Weltbeherrscher von Izumo
  • Ninigi – Enkel der Sonnengottheit
  • Jinmu Tennō – erster „menschlicher“ Herrscher
  • Onogoroshima – die erste Insel
  • Takama no Hara/ Takamagahara – himmlische Gefilde, der Himmel
  • Yomi – Welt der Toten

Izanagi und Izanami

Sowohl das Kojiki als auch das Nihon shoki beginnen mit der Entstehung des Universums und greifen dabei auf chinesische Vorstellungen zurück. Sie erwähnen die Teilung der Urmaterie in Himmel und Erde (Yang und Yin) und listen anschließend eine Reihe von Urgöttern auf, die den Fünf Wandlungsphasen entsprechen. Diese Gottheiten besitzen kaum eine narrative Funktion für die folgende mythische Erzählung und fanden daher vermutlich erst relativ spät und unter dem Einfluss Chinas Eingang in die japanische Mythologie.1

Den eigentlichen Beginn des Mythos von der Erschaffung der Welt bildet die Erzählung von den Urgöttern Izanagi und Izanami,2 die sowohl als Geschwister als auch als Ehepaar auftreten. Izanagi und Izanami befinden sich zunächst in einem Raum, der bloß aus Wasser, Luft und einer frei schwebenden Brücke zu bestehen scheint. Auf dieser Brücke stehen sie jedenfalls, wobei der Mann, Izanagi, mit einem Speer unten im Wasser herumstochert. Als er den Speer aus dem Wasser zieht, bilden sich an seiner Spitze salzige Klumpen, die zurück ins Wasser fallen und dort die erste Insel (Onogoroshima, wtl. „die von selbst geronnene Insel“) bilden. Auf diese Insel steigen Izanagi und Izanami nun herab. Sie errichten auf der Insel einen „Himmelspfeiler“ (oder einen Palast) und umrunden ihn in einer Art Hochzeitsritus. Es folgt ihre geschlechtliche Vereinigung, aus der auf nicht näher beschriebene Weise „Kinder“ in Form der japanischen Inseln entstehen. Mit jeder Bewegung erzeugen sie zudem, fast wie nebenbei, eine Unmenge von Gottheiten, z.B. Windgötter, Nahrungsgötter und andere mehr.

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Izanagi tötet den Feuergott Kagutsuchi Werk von Katsushika Hokusai (1760-1849).
© Museum of Fine Arts, Houston
2 Izanagi erschlägt sein Feuerkind

Der dramatische Höhepunkt: Izanami gebiert den Feuergott, der ihren Schoß verbrennt. Sie „stirbt“ an den Folgen dieser Geburt, d.h. sie wird in die Totenwelt (Yomi) versetzt. Der entsetzte Vater Izanagi hingegen schlägt das Feuerkind mit seinem Schwert in Stücke, aus denen wiederum neue „Schwert-Feuer-Gottheiten“ entstehen, die später noch eine Rolle spielen werden. Dann macht sich Izanagi in seinem Schmerz auf die Suche nach Izanami. Er findet sie schließlich in der Totenwelt, kann sie allerdings in der Dunkelheit nicht sehen. Gegen Izanamis ausdrückliche Bitte entzündet er ein Licht (wtl. einen Span aus seinem Kamm) und erkennt ihre Schrecken erregende Verwandlung in einen verwesten Leichnam. Göttermutter Izanami fühlt sich durch diese Zurschaustellung zutiefst entehrt und verwandelt sich in eine Furie. Zusammen mit acht Gehilfinnen (weibliche Donnergötter, die auch als „hässliche Frauen“ shikome apostrophiert werden) jagt sie Izanagi bis zum Tor der Totenwelt, wo dieser die Verfolgerinnen abschüttelt, indem er das Tor mit einem großen Fels verrammelt. Diese Geste besiegelt die endgültige Trennung der Welt der Lebenden und der Toten. Izanami, die Herrin der Totenwelt, tut einen schrecklichen Schwur, täglich eintausend Leben zu vernichten; Izanagi, der Gott des Lebens, schwört dagegen, täglich eintausend fünfhundert Gebärhütten zu errichten. Damit ist der Zyklus von Geburt, Leben und Tod in Gang gesetzt.

Abschließend vollzieht Izanagi eine rituelle Waschung (misogi) in einem Fluss, um sich von den Verunreinigungen (kegare) der Welt des Todes zu befreien. Dabei entstehen wieder mehrere Gottheiten: Amaterasu, die Sonnengottheit (bei der Waschung des linken Auges), Tsukuyomi, der Mond (bei der Waschung des rechten Auges) und Susanoo, der etwas missratene Sohn (bei der Waschung der Nase). Vater Izanagi teilt sein Erbe unter diesen Kindern auf. Nachdem die Nachfolge endgültig geregelt ist, zieht er sich aus dem Weltgeschehen zurück und wird nicht mehr weiter erwähnt. Auch Izanami entschwindet sang- und klanglos aus der Erzählung.

Amaterasu und Susanoo

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ukiyo-e-Triptychon mit dem Titel „Ursprung des Tanzes vor der Felsenhöhle“ (Iwato kagura no kigen). Dieser Tanz stellt die mythologische Szene nach, in der Amaterasu durch den Tanz von Ame no Uzume aus ihrer Felsenhöhle gelockt wird. Solche kagura-Tänze werden auch heute noch häufig aufgeführt. In der Darstellung ist deutlich die Kabuki-artige Schminke der Darsteller zu erkennen. Siehe auch Iwado_kagura.jpg. Werk von Utagawa Kunisada (1786–1865). 1857
© Database of Folklore Illustrations, Nichibunken, Kyōto
3 Amaterasu tritt aus der Höhle

Amaterasu besitzt als Nachfolgerin Izanagis die höchste Autorität in den Himmlischen Gefilden (Takama no Hara/ Takamagahara) und repräsentiert zugleich die Sonne. Amaterasus wichtigster Partner und zugleich Widersacher ist ihr jüngerer Bruder Susanoo. Ihm wird nach manchen Varianten des Mythos zunächst die Herrschaft über die Erde oder das Meer zugeteilt, letztlich führt sein Weg aber in allen Mythenvarianten in eine Art Unterwelt, die als „Wurzelland“ (Ne no Kuni, Ne no Katasukuni) bezeichnet wird.3

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Susanoo no Mikoto (Drache). Werk von Utagawa Kuniyoshi (1797–1861).
The British Museum
Ein bloßfüßiger Krieger mit offenem Haar und gezücktem Schwert steht nächtens auf einer Klippe und blickt konzentriert in die Wellen des Meeres, wo undeutlich die Gestalt eines Drachens (tatsu) sichtbar wird. Der Krieger ist der mythologische Gott Susanoo, der sich anschickt, die Menschheit vom menschenfressenden Ungeheuer Yamata no Orochi (in den Mythen als „Schlange“ bezeichnet) zu befreien.
4 Susanoo

Susanoo benimmt sich zunächst sehr widersprüchlich, wie ein ungezogenes kleines Kind. Einerseits wird er als wild und ungestüm bezeichnet, andererseits streunt er die meiste Zeit weinend umher, stets auf der Suche nach seiner Mutter (eigentlich ein Widerspruch, denn er wurde ja von Izanagi allein gezeugt und geboren, doch der Mythos hält sich mit solchen Details nicht auf). Als Izanagi ihn daraufhin in die Unterwelt schickt (verbannt), möchte Susanoo noch einmal von seiner Schwester Abschied nehmen und verschafft sich Eingang in den Himmel. Amaterasu ahnt zwar Böses, lässt sich aber auf eine Art Kräftemessen ein, bei dem es darum geht, Kinder aus den Waffen des jeweils anderen zu erzeugen. Susanoo gewinnt diesen etwas rätselhaften Wettkampf und Amaterasu kann ihm den Zutritt zu ihrem Reich nicht verwehren (s.u.). Prompt vollführt Susanoo im Himmel alle nur erdenklichen Missetaten, die ganz offensichtlich als Provokation oder Rebellion gegen die Sonnengottheit zu verstehen sind.

Die meisten dieser Missetaten erscheinen uns heute als archaisch-unverständliche Tabubrüche: Susanoo zerstört zum einen die Bewässerungskanäle von Reisfeldern (wohlgemerkt, Reisfelder der Götter) und sabotiert damit die landwirtschaftliche Produktion, zum anderen verunreinigt er Amaterasus Palast mit Exkrementen und wirft schließlich — völlig mysteriös — „ein rückwärts gehäutetes Pferd“ in Amaterasus Webehalle, wobei eine Dienerin oder Schwester von Amaterasu zu Tode kommt. Amaterasu aber zieht sich, durch diese Untat ihres Bruders zutiefst verletzt, in die berühmte Felsenhöhle zurück, wodurch sich das Universum verdunkelt.

An dieser Stelle kommt plötzlich eine Unzahl weiterer Götter ins Spiel, die bislang unerwähnt geblieben waren. (Es sind zumeist die Ahnengötter der wichtigsten Familien am Hof der antiken Tennō.) Diese Götter versuchen mit den verschiedensten Mitteln, Amaterasu wieder aus der Höhle hervorzulocken: Sie lassen Hähne krähen um den Morgen anzukündigen, hängen einen Spiegel an einen heiligen Baum vor der Höhle und bedienen sich sogar verschiedener religiöser Rituale und Orakeltechniken.

Schließlich veranstalten sie ein ausgelassenes Fest, bei dem die Göttin Ame no Uzume (die Ahnherrin des japanischen Theaters) eine Art Striptease hinlegt (wtl. Brüste und Genitalien entblößt) und auf einem umgestürzten Zuber tanzt, bis daraus Stimmen zu hören sind wie bei einem Geisterbeschwörungsritual. Die versammelten Götter brechen daraufhin in schallendes Gelächter aus, das den gewünschten Erfolg zeitigt: Amaterasu ist neugierig geworden und öffnet die Höhle einen Spalt. Ihr eigener Anblick im Spiegel veranlasst sie, aus der Höhle hervorzutreten, worauf die anderen Götter ihren neuerlichen Rückzug mittels eines Götterseils (shimenawa) blockieren: Die Welt wird wieder hell. Susanoo aber wird aus dem Himmel verbannt.

Amaterasus „jungfräuliche Empfängnis“

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Amaterasu in einer Darstellung der späten Edo-Zeit. Gakutei imaginiert die Ahnengöttin des Kaiserhauses als Heian-zeitliche Hofdame mit aufgemalten Augenbrauen. Ihre Funktion als Sonnengottheit ist durch den Strahlenkranz symbolisiert, der dunkle Bildhintergrund gemahnt an die Höhle, in die sich Amaterasu zurückzieht. Werk von Yashima Gakutei (1786?–1868). späte Edo-Zeit
© Museum of Fine Arts, Boston
5 Amaterasu

Amaterasu erscheint in der gesamten Erzählung geheimnisvoll, priesterlich und unnahbar. Sie hat in dieser Hinsicht durchaus Ähnlichkeit mit der altjapanischen Priesterkönigin Himiko aus dem dritten Jahrhundert, von der eine chinesische Quelle berichtet, sie lebe in einem Palast, den Männer nicht betreten dürfen, und habe lediglich einen jüngeren Bruder, der für sie gewisse Regierungsaufgaben übernehme.4 Auch Amatersu bleibt unverheiratet. Ihre einzigen „Kinder“ entstehen aus einem seltsamen Wettstreit mit ihrem jüngeren Bruder Susanoo, als dieser Eingang in das von Amaterasu regierte Reich des Himmels begehrt: Beide Geschwister sind voll von gegenseitigem Misstrauen. Um dieses Misstrauen aus der Welt zu schaffen, übergeben sie einander ihre Waffen (ein Schwert im Fall Susanoos, magische Edelsteine, magatama, im Fall der Amaterasu), zerkauen diese und spucken die Überreste wieder aus. Daraus entstehen fünf männliche und drei weibliche Kinder. Gemäß ihrer zuvor getroffenen Abmachung werden die Kinder als „Beweis“ gedeutet, dass Susanoo „reinen Herzens“ ist (was sich in der Folge als falsch herausstellt).5

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Susanoo beim Erzeugen eines Kindes im Wettstreit mit Amaterasu. Aus einer illustrierten Nacherzählung der Mythen durch einen Gelehrten aus Izumo. Werk von Hosoda Tominobu (1783–1828).
© National Diet Library, Tōkyō
6 Mythologischer Wettstreit (1827)

Einer der männlichen Sprösslinge dieses Wettstreits ist jene Gottheit, über den sich die Tennō-Linie von Amaterasu ableitet (es handelt sich dabei um Ame no Oshihomimi, den Vater des Ninigi). Er könnte aber genau so gut als Sohn des Susanoo angesehen werden, da er seine Geburt der Tatsache verdankt, dass Susanoo die Edelsteine seiner Schwester zerkaut. Obwohl das Nihon shoki gerade zu dieser Episode eine Vielzahl von Varianten anführt, die sehr unterschiedliche Interpretationen zulassen, wird die Abkunft der Tennō-Linie von Amaterasu (und zwar nur von Amaterasu) in der Folge nicht mehr weiter in Frage gestellt.

Mythenvergleichende Anmerkungen

In den japanischen Weltentstehungsmythen sind zahlreiche Motive enthalten, die auch aus anderen Mythologien auf der ganzen Welt bekannt sind. Viele dieser Parallelen sind mythologisches Allgemeingut, manchmal lassen sich aber auch direkte historische Verbindungen rekonstruieren.

Tod und verbotene Blicke

Izanamis Tod bei der Geburt des Feuergottes reflektiert das Motiv „Tod der Urmutter“, ein Sinnbild der Erde, die im Laufe eines Jahres erblüht und „stirbt“, dadurch aber erst das Leben ihrer „Kinder“ ermöglicht. In einer Variante des Mythos wird ausgeführt, dass aus Izanamis Leiche sämtliche Getreidesorten entstehen, die den Menschen als Nahrung dienen. Auch dies ist ein Motiv, das in vielen Kulturen mit dem Tod der Urmutter verknüpft ist.

Die Totenwelt-Episode, in der Izanagi Izanami verbotenerweise anblickt, erinnert wiederum an die Orpheus-Sage, die ihrerseits ein universelles Mythenmotiv darstellt. Im Gegensatz zum griechischen Mythos ist allerdings hervorzuheben, dass das Verbot des Schauens von der Frau selbst formuliert wird, nicht von sonstigen Autoritäten der Unterwelt. Im Weiteren Verlauf ist es die Frau selbst, die — durch den männlichen Blick verletzt — die Trennung vollzieht. Das Motiv wiederholt sich in der japanischen Mythologie in der späteren Episode rund um Hiko Hohodemi, der verbotenerweise in die Gebärhütte seiner Frau Tamayori-hime lugt und diese dabei in ihrer wahren Gestalt als Drachen- bzw. Meerungeheuer erblickt. Auch hier ist es die Frau, die daraufhin aus gekränkter Ehre die Ehe auflöst und zurück ins Meer entschwindet.6

Eine weibliche Sonne

Der Rückzug der Sonne ist ein weiteres mythologisches Motiv, das mit dem jahreszeitlich zu- bzw. abnehmenden Sonnenstand in Verbindung steht und sich ebenfalls in zahlreichen Mythenkreisen findet. Die Tatsache, dass die Sonnengottheit Amaterasu in Japan als Frau dargestellt wird, erscheint dagegen rätselhaft, ist doch die Sonne in den meisten Mythologien männlich. Daher gibt es auch die Theorie, dass die Sonnengottheit erst in Anlehnung an Kaiserin Jitō als Frau dargestellt wurde. Unter Kaiserin Jitō begann man nämlich mit den Aufzeichnungen der Mythen, die schließlich in Form von Kojiki (712) und Nihon shoki (720) fertig gestellt wurden (s.a. Mythentexte).

Gegen diese These spricht, dass die Rolle der Frau als Priesterin offenbar in prähistorischer Zeit besonders ausgeprägt war, wie dies auch die bereits erwähnte chinesische Chronik aus dem dritten Jahrhundert anhand der japanischen Priesterkönigin Himiko berichtet. Diese prominente Rolle der Frau in der japanischen Frühzeit könnte ebenfalls erklären, warum die wichtigste Himmelsgottheit als weiblich gedacht wurde. Amaterasus Gestalt inspiriert daher auch immer wieder Hypothesen über ein urgeschichtliches Matriarchat in Japan.

Andererseits darf man nicht übersehen, dass in der Izanagi/Izanami Episode ein patriarchalisches Rollenmodell vorherrscht, das mit dem Amaterasu/Susanoo Mythos geradezu spiegelbildlich verflochten ist: Im ersten Fall repräsentiert der Mann den Himmel, das Licht und das Leben, während die Frau die Erde, die Dunkelheit und den Tod verkörpert; im zweiten Fall ist das Geschlechterverhältnis genau umgekehrt. Diese Konstruktion wirkt nicht zufällig, sondern entspricht eher der Lehre von Yin und Yang, nach der aus einem Übermaß an Yang (Himmel, Sonne) letzlich wieder ein Yin (weibliche Göttin) entsteht und umgekehrt. In weiterer Folge produziert Amatersu einen männlichen (Yang) Nachfolger, der die Erde (Yin) beherrscht. Insofern wäre das Geschlecht der Amaterasu auch aus den „Gesetzen“ von Yin und Yang zu erklären, die irgendwann auf den japanischen Mythos übertragen wurden.

Dieses Yin Yang-Schema wird natürlich nicht immer konsequent durchgehalten, sondern mehrfach durch erzählerische Elemente konterkariert, die möglicherweise aus älteren mythologischen Schichten stammen. Diese bricolage, also das behelfsmäßige Zusammenstückeln augenscheinlich widersprüchlicher narrativer Elemente, zeigt sich auch anhand der Geschwister von Amaterasu, Tsukuyomi und Susanoo: Tsukuyomi, der Mondgott, hat überhaupt keine narrative Funktion und scheint wie eine Verlegenheitslösung — eingeschoben, damit der Mythos auch als Fundament der Astronomie und Astrologie herhalten kann. Der eigentliche Partner Amaterasus ist Susanoo, der wie diese Yin und Yang Elemente in seinem Wesen vereint. Der Mythenforscherin Nelly Naumann zufolge verschmilzt Tsukuyomi mit Susanoo, der seinerseits Züge eines archaischen Mondgottes innehat.

Trickster

Susanoo kann aber daneben (oder zugleich) auch als ein „Trickster-Gott“ charakterisiert werden. Trickster (engl. „Gauner, Schelm, Halunke“) wurden von der Kulturanthropologie in nordamerikanischen Indianermärchen ausfindig gemacht, von der vergleichenden Mythenforschung werden sie aber auch mit Gestalten wie dem griechischen Prometheus gleichgesetzt. Zu den allgemeinen Merkmalen von Trickstern gehört, dass sie gegen die in der Welt der Götter herrschenden Gesetze verstoßen, mit den Menschen paktieren und sie in den Besitz aller möglichen kulturellen Errungenschaften, z.B. des Feuers, der Landwirtschaft, u.a.m. bringen. Wie auf der folgenden Seite zu erkennen, entspricht dies durchaus der Rolle, die Susanoo im weiteren Verlauf der Erzählung annimmt (siehe dazu auch die Sidepage Trickster).

Verlockendes Spiegelbild

Auch in der Hervorlockung der Sonnengottheit aus der Höhle lassen sich Motive finden, die in der griechischen Mythologie existieren. Eine wichtige Rolle spielt in dieser Episode ein Spiegel, in dem Amaterasu ihr eigenes Ebenbild erblickt und dadurch dazu angeregt wird, die Höhle zu verlassen. Ähnlich, aber mit anderen Folgen, ergeht es dem griechischen Gott Zagreus, einem Sohn des Zeus und der Persephone, der sich in einer Höhle vor den Titanen versteckt, die den Auftrag haben, ihn zu vernichten. Es gelingt ihnen jedoch, Zagreus ausfindig zu machen und durch einen Spiegel, in dem er sein Ebenbild erblickt, aus seinem Versteck zu locken. Dies hat in diesem Fall zur Folge, dass Zagreus getötet und von den Titanen gefressen wird, doch auch diese fallen schließlich Zeus' Blitzen zum Opfer. Aus den Leichen der Titanen und des Zagreus formt Prometheus schließlich den Menschen.

Verweise

Verwandte Themen

Fußnoten

  1. Die Yin-Yang Philosophie kommt vor allem im Nihon shoki explizit zum Ausdruck. Der erste Satz dieses Werks ist ein Zitat aus dem Huainanzi, einem chinesischen Werk der Han-Zeit, und beschreibt, wie sich das Universum aus der Teilung von Yin und Yang entwickelt hat.
  2. Die Silben -ki und -mi stehen für „Mann“ bzw. „Frau“. Izana- ist schwierig zu deuten. Eine traditionelle Erklärung, die auf Motoori Norinaga zurückgeht, leitet den Namen von izanau „einladen“ ab, was mit dem geschilderten Hochzeitsritus in Beziehung stehen könnte. Demgegenüber plädiert der Linguist Alexander Vovin für eine Verwandtschaft mit Koreanisch yenc („setzen, stellen“), woraus sich eine Bedeutung wie „[auf die Erde] gesetzte(r) Mann/Frau“ ergeben würde.
  3. Obwohl zunächst von drei Geschwistern die Rede ist, wird der Mondgott kaum näher beschrieben. Nur in einer Nebenvariante ist von einem Zerwürfnis von Sonne und Mond die Rede, während ansonsten stets Susanoo die Rolle eines Antagonisten der Sonne einnimmt. Susanoos letztendlicher Aufenthalt wird meist mit dem Totenreich seiner „Mutter“ Izanami gleichgesetzt. Kōnoshi Takamitsu argumentiert jedoch, dass zumindest das Kojiki dahin gehend interpretiert werden muss, dass es sich um unterschiedliche Reiche am Rande der sichtbaren Welt handelt. (Kōnoshi 1984)
  4. Vgl. Sidepage Himiko.
  5. Zu den Einzelheiten s. Kamigraphie, Wettstreit zwischen Amaterasu und Susanoo.
  6. S. dazu Grapard 1991, Scheid 2016.

Internetquellen

Letzte Überprüfung der Linkadressen: Jul. 2020

Literatur

William George Aston (Ü.) 1972
Nihongi: Chronicles of Japan from the Earliest Times to A.D. 697. Rutland, Vt: Tuttle 1972. [Erste Ausgabe: London 1896.]
Allan Grapard 1991
„Visions of Excess and Excess of Vision: Women and Transgression in Japanese Myth.“ Japanese Journal of Religious Studies 18/1 (1991), S. 3–22.
Takamitsu Kōnoshi 1984
The Land of Yomi: On the Mythical World of the Kojiki.“ JJRS 11:1 (1984), S. 57–76.
Nelly Naumann 1996
Die Mythen des alten Japan. München: Beck 1996.
Donald Philippi (Ü.) 1977
Kojiki: Translated with an Introduction and Notes. Tokyo: University of Tokyo Press 1977. [1. Aufl. 1968.]
Bernhard Scheid 2016
Kontinuierliche Brüche: Artikulationen des Unheimlichen in der japanischen Kulturgeschichte.“ Literaturkritik.de 2016/3 (2016). [Online-Essay.]

Bilder

Quellen und Erläuterungen zu den Bildern auf dieser Seite:

  1. ^ 
    Izanami izanagi.jpg

    Die Illustration aus dem späten 19. Jahrhundert zeigt das Urgötterpaar Izanagi und Izanami auf der schwebenden Himmelsbrücke (Ame no ukihashi), von wo aus sie die erste Insel im Urmeer erschaffen. Werk von Kobayashi Eitaku (1843–1890). um 1885
    © Museum of Fine Arts, Boston

  2. ^ 
    Izanagi kagutsuchi.jpg

    Izanagi tötet den Feuergott Kagutsuchi Werk von Katsushika Hokusai (1760-1849).
    © Museum of Fine Arts, Houston

  3. ^ 
    Iwado kagura2.jpg

    ukiyo-e-Triptychon mit dem Titel „Ursprung des Tanzes vor der Felsenhöhle“ (Iwato kagura no kigen). Dieser Tanz stellt die mythologische Szene nach, in der Amaterasu durch den Tanz von Ame no Uzume aus ihrer Felsenhöhle gelockt wird. Solche kagura-Tänze werden auch heute noch häufig aufgeführt. In der Darstellung ist deutlich die Kabuki-artige Schminke der Darsteller zu erkennen. Siehe auch Iwado_kagura.jpg. Werk von Utagawa Kunisada (1786–1865). 1857
    © Database of Folklore Illustrations, Nichibunken, Kyōto

  1. ^ 
    05drache.jpg

    Susanoo no Mikoto (Drache). Werk von Utagawa Kuniyoshi (1797–1861).
    The British Museum

  2. ^ 
    Amaterasu gakutei.jpg

    Amaterasu in einer Darstellung der späten Edo-Zeit. Gakutei imaginiert die Ahnengöttin des Kaiserhauses als Heian-zeitliche Hofdame mit aufgemalten Augenbrauen. Ihre Funktion als Sonnengottheit ist durch den Strahlenkranz symbolisiert, der dunkle Bildhintergrund gemahnt an die Höhle, in die sich Amaterasu zurückzieht. Werk von Yashima Gakutei (1786?–1868). späte Edo-Zeit
    © Museum of Fine Arts, Boston

  3. ^ 
    Ukehi 1827.jpg

    Susanoo beim Erzeugen eines Kindes im Wettstreit mit Amaterasu. Aus einer illustrierten Nacherzählung der Mythen durch einen Gelehrten aus Izumo. Werk von Hosoda Tominobu (1783–1828).
    © National Diet Library, Tōkyō


Glossar

Namen und Fachbegriffe auf dieser Seite:

  • Amaterasu 天照 ^ Sonnengottheit; Ahnherrin des Tennō-Geschlechts
  • Ame no Uzume 天鈿女/天宇受賣 ^ mythologische Gottheit, Ahnherrin des Theaters
  • Hiko Hohodemi 彦火火出見 ^ auch Hoori; mythologischer Vorfahre der Tennō Dynastie und Held des Mythos von Bergglück und Meerglück
  • Himiko 卑弥呼 ^ ca. 170–248; frühgeschichtliche Priesterkönigin; auch Pimiko (wahrscheinliche Bedeutung: „Kind der Sonne“); chin. Pei-mi-hu
  • Izanagi 伊耶那岐/伊奘諾 ^ Göttervater; auch Izanaki (ki hier männliche Endung)
  • Izanami 伊耶那美/伊奘冉 ^ Göttermutter, Göttin der Unterwelt (mi hier weibliche Endung)
  • Jinmu Tennō 神武天皇 ^ wtl. „göttlicher Krieger“; gemäß den japanischen Mythen der erste menschliche Herrscher (Tennō) Japans
  • Jitō Tennō 持統天皇 ^ 645–703, r. 686–697; 41. japanische Kaiserin
  • kegare 穢れ ^ rituelle Verunreinigung, Befleckung, Schande
  • Kojiki 古事記 ^ „Aufzeichnung alter Begebenheiten“; älteste jap. Chronik (712)
  • magatama 勾玉 ^ Krummjuwelen; archaischer Schmuck, Teil der Insignien des Tennō
  • misogi ^ Purifikation, Reinigungsritus, rituelle Waschung
  • Naumann, Nelly (west.) ^ 1922–2000; deutsche Japanologin und Mythenforscherin
  • Ne no Kuni 根の国 ^ wtl. Wurzelland, auch Ne no Katasukuni (根之堅州國); Unterwelt
  • Nihon shoki 日本書紀 ^ Zweitältestes Schriftwerk und erste offizielle Reichschronik Japans (720)
  • Ninigi 瓊瓊杵 ^ mytholog. Gottheit, Enkel Amaterasus
  • Onogoroshima 淤能碁呂島 ^ Mythologischer Ursprungsort Japans; die „von selbst geronnene Insel“
  • Ōkuninushi 大国主 ^ mythol. Gottheit; wtl. Großer Meister des Landes
  • shikome 醜女 ^ „hässliche Frau“; Figur des -Theaters; Variante der Ama no Uzume; auch: Dämonin der Unterwelt (in der Izanami-Episode)
  • shimenawa 注連縄 ^ shintōistisches „Götter-Seil“; geschlagene Taue aus Reisstroh.
  • Susanoo 須佐之男 ^ mytholog. Gottheit; Trickster-Gott, Sturmgott, Mondgott
  • Takama no Hara/ Takamagahara 高天原 ^ wtl. „Die himmlischen Gefilde“, mythol. Bez. für das Reich der Himmlischen Götter
  • Tamayori-hime 玉依姫 ^ Meeresgottheit; Tochter des Meereskönigs Watatsumi
  • Tennō 天皇 ^ jap. „Kaiser“-Titel, wtl. Herrscher des Himmels
  • Tsukuyomi 月読 ^ Mondgottheit, Bruder der Sonnengöttin Amaterasu; wtl. Mondleser oder Monatszähler; auch Tsukiyomi gelesen
  • Yin Yang (chin.) 陰陽 ^ Dualistisches Prinzip der chin. Naturphilosophie
  • Yomi 黄泉 ^ mytholog. Unterwelt; geschrieben mit den Zeichen „Gelbe Quellen“, eine chinesiche Bezeichnung für die Unterwelt
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„Die Götter des Himmels (Zeitalter der Götter, Teil 1).“ In: Bernhard Scheid, Religion-in-Japan: Ein digitales Handbuch. Universität Wien, seit 2001