Auf dieser Seite werden tengu als prominente Vertreter der japanischen Dämonen und Fabelwesen (yōkai) vorgestellt. Sie kombinieren wie die meisten yōkai Merkmale von Mensch und Tier (Vogel), doch unterscheiden sie sich von anderen Gestalten der unsichtbaren Welt — beispielsweise oni oder kappa — durch ihren engen Bezug zum buddhistischen Klerus: ehemals galten sie als transformierte sündhafte Mönche, heute als gespenstische Doubles der japanischen Bergasketen. In ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen veranschaulichen die tengu den klassischen japanischen Umgang mit Geistererscheinungen in seiner gesamten Bandbreite: Von gefürchteten Monstern zu Verehrungsgestalten in Tempeln und Schreinen.
Tengu bedeutet wörtlich „Himmelshund“, doch mit Hunden haben diese geflügelten Wesen wenig zu tun. Die Bezeichnung leitet sich vom chinesischen Stern oder Sternbild tiangou ab, ein „Himmelshund“, dem auch unerklärliche Himmelserscheinungen wie z.B. Kometen oder Sonnenfinsternisse zugeschrieben wurden. Solche bedrohlichen Himmelsereignisse galten als böse Omen, die Kriege oder sonstige Unruhen erwarten ließen. In dieser Bedeutung findet sich der Begriff tengu nicht nur im japanischen Nihon shoki (720), auch ein eindrucksvoller Komet im Jahr 1465 wurde als „tengu-Stern“ identifiziert und als Omen des bald folgenden Ōnin-Krieges (1467–1477) gedeutet.1Tengu mit den heute bekannten Charakteristika treten allerdings erst Ende der Heian-Zeit in Erscheinung. Wie sich die Transformation des chinesischen Himmelshundes in diese spezifisch japanische Gestalt vollzog, ist weitgehend unklar. Zweifellos haben auch Mythen- und Sagenmotive, die ursprünglich nichts mit dem chinesischen tiangou zu tun hatten, zu seiner Entstehung beigetragen.2
Äußerliche Merkmale
Japanische tengu treten in zwei Hauptvarianten auf: Langnasen und Vogelmenschen. Beide besitzen einen menschlichen Körper mit Flügeln und können daher auch fliegen bzw. sich augenblicklich von einem Ort zum anderen „beamen“. Für gewöhnlich tragen auch beide Arten von tengu die traditionelle Tracht der Bergasketen (yamabushi), mit denen sie eine gemeinsame Begabung für magische Künste verbindet (s. Yamabushi). Ähnlich wie die yamabushi sind tengu immer eher unheimlich, dabei aber nicht notwendigerweise böse oder arglistig.
Dieser tengu ist mit einem typischen Emblem ausgestattet: Einem magischen Fächer aus Vogelfedern (ha-uchiwa). Außerdem trägt er das Gewand eines Bergasketen (yamabushi) mit der typischen Kopfbedeckung tokin. 20. Jh. ( Takada Yoshikazu, Flickr, 2018)
Der typische tengu wird heute mit einer langen Nase dargestellt, tengu mit Vogelschnabel sind seltener. Langnasen-tengu werden manchmal als Groß-tengu (daitengu) bezeichnet, Vogelmenschen hingegen als Krähen-tengu (karasu tengu). Langnasen-tengu scheinen demnach eine höhere Kaste innerhalb der tengu-Gesellschaft zu bilden. Die Verwandtschaft der beiden Gruppen zeigt sich u.a. darin, dass alle tengu aus Eiern schlüpfen, möglicherweise nehmen sie erst nach und nach menschlichere Züge an. Viele tengu sind mit Schwertern bewaffnet oder benützen einen Fächer aus Vogelfedern (ha-uchiwa), der ihnen magische Fähigkeiten verleiht. Die meisten tragen außerdem eine runde, schwarze Miniaturmütze (tokin), die charakteristische Kopfbedeckung der Bergasketen.
Die lange Nase des tengu ist zumeist mit einem roten Gesicht verbunden, was die Vermutung nahelegt, dass es sich bei den tengu um zu Sagenfiguren transformierte Europäer handeln könnte. Doch gab es den langnasigen tengu bereits vor der intensiven Kontaktnahme Japans mit europäischen Händlern und Missionaren Mitte des 16. Jahrhunderts. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass eine mythologische Figur dem Langnasen-tengu Pate stand, nämlich der Gott Sarutahiko.
Sarutahiko
In den alten Mythen ist Sarutahiko ein wilder Geselle, der dem Tross des vom Himmel herabsteigenden Enkels der Sonnengottheit (Ninigi) als eine Art Bergführer dient (vgl. Die Götter der Erde (Zeitalter der Götter, Teil 2)). Er ist laut Beschreibung des Nihon shoki von hünenhafter Gestalt und hat eine sieben-Hand-lange Nase. Auf rezenten Abbildungen (z.B. Abb. unten) wird er meist in tengu-Gestalt dargestellt. Auch in Schreinfesten zu Ehren Sarutahikos wird er durch Tänzer mit tengu-Masken repräsentiert.
Der mythologische Gott Sarutahiko mit tengu-ähnlicher Nase und dem Gewand eines yamabushi. Das Bild erschien in einer Serie von Illustrationen zu Amaterasus Austritt aus der Höhle (daher auch Hahn und Henne), obwohl Sarutahiko im ursprünglichen Mythos damit gar nichts zu tun hat. Siehe auch Ame no Uzume. Werk von Totoya Hokkei (1780–1850). Edo-Zeit, 1820er Jahre ( Museum of Fine Arts, Boston)
Durch seine mythologische Rolle als wegekundiger Führer bot sich Sarutahiko überdies als Identifikationsfigur für die zahlreichen lokalen „Wegegötter“ (dōsojin) an, die es vor allem in vormoderner Zeit gab. Diese Wegegötter stehen wiederum häufig im Zentrum von Phalluskulten, was vielleicht Assoziationen mit Sarutahikos langer Nase begünstigte (s.u.).
Sarutahiko ist jedoch nicht der Ahnvater der tengu, denn historisch betrachtet ist die Figur des Krähen-tengu die ältere. Die Figur oben links, Atago Tarō-bō, ist als Gottheit in Gestalt eines Vogelmenschen schon seit dem 13. Jahrhundert bekannt (s.u.). Tengu waren also zunächst schlicht Dämonen mit Vogelgesicht, was auch ihre Flügel und Flugkünste erklärt. Insofern könnte die lange Nase der tengu auch aus dem Schnabel entstanden sein, mit dem die frühesten tengu-Gestalten ausgestattet sind. Figuren, bei denen sich Nase und Schnabel noch nicht klar ausdifferenziert haben, lassen sich z.B. in der berühmten „Nachtparade der Hundert Geister“ (hyakki yakō) ausmachen, eine Bildrolle aus dem frühen 16. Jahrhundert. Dies war auch die Zeit, in der die zuvor eher vogelartig imaginierten tengu mit der Figur des yamabushi verschmolzen.3
Wann und wie bürgerte sich nun die Idee eines vogelartigen Dämons in Japan ein? Wie bei so vielen Geisterwesen, führt uns auch diese Frage letztlich auf den Buddhismus bzw. die komplexe Götterwelt Indiens zurück. Dort gibt es die Gestalt des Vogelmenschen Garuḍa, der unter anderem als Reittier des Gottes Viṣṇu fungiert. Garudas sind halb göttliche, halb tierische Wesen mit großen Zauberkräften, ähnlich den Schlangen (in Indien als nāga-Gottheiten verehrt), mit denen sie eine erbitterte Feindschaft verbindet. Der Buddhismus integrierte die Gardudas (wie fast alle indischen Götter und Geister) in sein Pantheon und machte sie auf diese Weise auch in Ostasien bekannt.
Die ältesten japanischen Darstellungen Garudas stammen aus der Nara-Zeit (8. Jh., Abb. oben links). Garuda soll damals u.a. im Zusammenhang mit Regenriten verehrt worden sein. In der berühmten Sanjūsangen-dō in Kyōto gibt es eine Figurengruppe von 28 buddhistischen Beschützern aus der Kamakura-Zeit (12.–13. Jh.), zu denen auch ein Flöte-spielender Garuda (jap. karura) zählt (Abb. rechts). Er galt wohl zu dieser Zeit nicht als tengu, mag aber den tengu als visuelles Vorbild gedient haben.
Gigaku-Masken
Noch ältere Garuda-Figuren tauchen in der ältesten Theaterkunst Japans, dem höfischen gigaku, auf. Gigaku etablierte sich Hand in Hand mit dem Buddhismus bereits im sechsten Jahrhundert am japanischen Hof, wird aber seit dem 13. Jahrhundert nicht mehr praktiziert. Daher geben uns nur noch Masken, die bis ins siebente Jahrhundert zurückreichen, über diese Theaterform Auskunft. Die Masken stellen zumeist Geisterwesen wie etwa Garuda dar, oder aber exotische „Barbaren“ aus Indien, Persien oder den (damals) sagenhaften Bergen Kunglun im Norden Chinas. Viele dieser Masken fallen besonders durch ihre großen Nasen auf.
Der Vogelmensch Garuḍa (jap. karura) als Maske des höfischen gigaku-Theaters. Teil einer Sammlung von 31 Masken aus der Asuka-Zeit. Die Figur hält eine Wunsch-Perle (nyoi no tama) im Schnabel. Asuka-Zeit, 7. Jh. ( e-Museum, bildbearbeitet)
Gigaku-Maske eines Dämonen aus den Kunlun Bergen in Nord-China (jap. konron) am Rande der zivilisierten Welt, wovon die Maske ihren Namen hat. Es handelt sich um eine von 31 Masken gigaku-Masken aus dem 7. Jahrhundert, die bis heute im ältesten Schatzhaus Japans überdauert hat. Die Figur des Konron repräsentiert einen Bösewicht, der sich an die weibliche Hauptfigur heranmacht. Die Maske selbst könnte eine Inspirationsquelle für die späteren tengu-Maske darstellen. Asuka-Zeit, 7. Jh. ( e-Museum)
Maske eines „Straßenfegers“ (chidō 治道), eine von 31 bekannten gigaku-Masken aus dem 7. Jahrhundert. Die Maske trägt eindeutig europide exotische Züge, insbesondere eine überlange Nase und ein rötliches Gesicht. Beide Merkmale zeichnen auch spätere tengu-Masken aus. Es soll sich bei chidō um eine positiv besetzte priesterliche Figur gehandelt haben. Asuka-Zeit, 7. Jh. ( e-Museum)
Gigaku-Masken mit prominenter Nase
Somit finden wir im gigaku sowohl für den Krähen-tengu als auch für den Langnasen-tengu visuelle Prototypen. Wie, wann und warum sich diese Masken mit der Figur des tengu verbunden haben, liegt aber weitgehend im Dunkeln und kann am ehesten anhand von tengu-Legenden rekonstruiert werden.
Tengu und Mönche
17 Zegaibō, ein chinesischer Krähen-tengu in Mönchsgewand
Tengu gehören nicht allein ins Reich der Märchen und Sagen, sondern spielen auch in religiösen Lehrerzählungen (setsuwa) eine wichtige Rolle. Hier werden sie allerdings zunächst negativ dargestellt. Die frühesten tengu-Legenden aus dem Konjaku monogatari handeln zumeist von buddhistischen Mönchen, die vom rechten Weg abkommen um schließlich zu tengu zu werden, oder von tengu, die versuchen Mönche vom richtigen Weg abzubringen. In anderen Quellen, etwa dem Tengu zōshi (1296), erscheint die Existenz eines tengu als karmische Konsequenz übermäßiger klerikaler Arroganz.4
Klerikale Arroganz
Im japanischen Mittelalter war die Anwendung von Gewalt und/oder schadhafter Magie durch religiöse Institutionen ein allgegenwärtiges Thema (s. z.B. Rituelle Verwünschungen). Zumeist richtete sich die klösterliche Gewalt gegen Konkurrenz aus den eigenen Reihen. Ein beispielhafter Konflikt, der sich über Jahrhunderte hinzog, entspann sich etwa zwischen den Mönchen des Tempelberges Hiei-zan und dem Tempel Mii-dera (oder Onjō-ji). Beide gehörten der Tendai-Schule an, doch nur Hiei besaß eine Ordinationsplattform, d.h. die Möglichkeit, Mönche zu weihen.5 Mii-dera versuchte mehrmals, mit Unterstützung weltlicher Autoritäten eine eigene Plattform zu etablieren, die entsprechenden Tempelhallen wurden aber jedes Mal von Hiei-Mönchssoldaten gestürmt und niedergebrannt.
18 Versammlung hochrangiger Mönche, die zu tengu geworden sind
Geschichten rund um diesen Konflikt fanden in diverse mittelalterliche Werke Eingang, u.a. ins Tengu zōshi (Buch der tengu), ein Set aus sieben aufwändig illustrierten Querbildrollen aus dem Jahr 1296, das laut Haruko Wakabayashi in enger Verbindung mit den Konflikten zwischen Hiei-zan und Mii-dera steht.
In einer Episode wird erklärt, dass alle Oberhäupter der führenden buddhistischen Schulen im Grunde „Himmelsdämonen“ seien, die man geläufig als tengu bezeichnet. Aufgrund ihrer Arroganz und ihres Hochmuts seien sie zu Dämonen geworden. Das Tengu zōshi argumentiert jedoch auch, dass sich Mönche durch aufrichtige buddhistische Praxis aus dem Status eines tengu befreien können.6
Das Kriegerepos Taiheiki berichtet von tengu im Umfeld des ambitionierten, aber letztlich erfolglosen Tennō Go-Daigo. Nachdem sein Versuch, die Macht des Kaiserhauses durch einen Militärputsch wieder an sich zu reißen, gescheitert ist, stiften drei Mönche aus seinem Gefolge, die sich nach ihrem Tod in tengu verwandelten, weitere Verwirrung und Unruhe.7Tengu werden in diesem Zusammenhang als grollende Totengeister (onryō) von buddhistischen Mönchen gedeutet.
In jedem Fall reflektieren tengu in diesen Legenden ein negatives Bild des Klerus und bilden so eine inner-buddhistische Projektionsfläche für Kritik aus den eigenen Reihen. Es scheint, dass dass sich führende Mönche vor allem in der Kamakura-Zeit wechselseitig bezichtigten arrogante und ignorante „tengu“ zu sein.
Tengu, Bergasketen und Kriegskünste
19 Yoshitsunes Schaukampf vor tengu-Meister Sōjōbō
Im weiteren Verlauf des japanischen Mittelalters wurden die tengu mehr und mehr mit den bereits erwähnten yamabushi assoziiert, bis sie schließlich in der Edo-Zeit sogar in der Tracht der yamabushi — erkennbar an der charakteristischen Kopfbedeckung — dargestellt wurden. Durch die Assoziation mit den yamabushi rückte offenbar die Vorstellung von tengu als Totengeister von hochrangigen Klerikern in den Hintergrund. Dagegen können yamabushi-artige tengu auch positive Züge annehmen, vor allem dann, wenn sie analog zu den Bergasketen als tüchtige Kämpfer und Meister der Kriegskünste auftreten.
Langnasen-tengu in der Kleidung eines yamabushi, laut eingeschriebener Beschreibung mit weißem Haar, dunkelrotem Gesicht und hellroter Kleidung. Im Unterschied zu späteren Darstellungen besitzt der tengu hier schwach angedeutete Raubtierzähne und trägt unter seinem Mönchsgewand eine deutlich erkennbare Rüstung. Das Bild ist Teil einer Anthologie berühmter Kunstwerke. Wie in der Erklärung zu diesem Druck angemerkt, handelt es sich um die Reproduktion eines (mittlerweile verschollenen) Portraits des tengu-Meisters Sōjōbō durch Kanō Motonobu (1476–1559), auf der Grundlage einer Traumvision. Das Original wäre somit die älteste bekannte Darstellung eines Langnasen-tengu. Werk von Ōoka Shunboku. Edo-Zeit ( Internet Archive, Smithonian Libraries and Archives)
Der bekannteste und vielleicht sogar früheste Fall eines Schwertkunstmeisters in tengu-Gestalt ist ein Geist namens Sōjōbō, der in der Nähe des Tempels Kurama-dera im Norden Kyōtos gehaust haben soll. Von ihm soll einer der berühmtesten japanischen Helden, Minamoto no Yoshitsune, in seiner Jugend die Kunst des Schwertkampfes erlernt haben. Das Motiv taucht bereits in einem Nō-Stück aus der Muromachi-Zeit auf und wurde später mannigfach ausgebaut. Zahlreiche ukiyo-e stellen dar, wie sich Yoshitsune mit einem Holzschwert bewaffnet gegen eine Reihe von Krähen-tengu durchsetzt, während der langnasige Sōjōbō befriedigt die Leistungen seines menschlichen Schülers beobachtet. Der Name Sōjōbō bedeutet übrigens wörtlich nichts anderes als „Abt-Mönch“ und es mag sein, dass eine Art yamabushi den historischen Kern dieser Legende bildet.
Auch die angeblich älteste bildliche Darstellung eines Langnasen-tengu stellt Sōjōbō dar (Abb. links). Sie soll einer Traumvision des Hofmalers Kanō Motonobu entsprungen sein.8 Das Sōjōbō-Yoshitsune Motiv mag somit sowohl ein Grund für das Aufkommen des Langnasen-tengu als auch für den positiven Image-Wandel der tengu in der Edo-Zeit gewesen sein.
Der minderjährige Minamoto no Yoshitsune lernt die Kunst des Schwertkampfes bei den tengu. Werk von Utagawa Hiroshige. Edo-Zeit ( Colbase)
Tengu-artige Gottheiten
Der Takao-san, ein Berg am westlichen Stadtrand Tōkyōs, ist ein traditionelles Zentrum des Shugendō, des spezifischen Kults der yamabushi. Jeder Besucher wird sofort auf die zahlreichen tengu-Statuen aufmerksam, die das gesamte Areal bevölkern. Der Grund dafür liegt darin, dass es hier sowohl einen Tempel als auch einen Schrein gibt, in dem Izuna Gongen, eine Gottheit in tengu-Gestalt, verehrt wird. Ähnlich verhält es sich mit Akiha Gongen, der Gottheit eines weiteren Shugendō-Berges in der Präfektur Shizuoka, die auch als Sanshaku-bō bekannt ist. Die Gottheit Tarō-bō aus dem Atagoyama-Gebirge im Nordwesten Kyōtos ist wahrscheinlich der älteste Vertreter dieser Klasse von tengu-artigen Berggottheiten. Die yamabushi wurden also nicht nur mit tengu assoziiert, sie verehrten und verehren ihrerseits auch Gottheiten in tengu-Gestalt.
Die meisten tengu-Gottheiten erscheinen in Gestalt eines karasu tengu (oder Garuda), der auf einem weißen Fuchs reitet,9 mit Feuernimbus, Schwert und einem Seil in der Hand, also den Attributen des Fudō Myōō. Manchmal wird aus dem Schnabel auch eine lange Nase, doch scheinen alle auf dasselbe Grundmuster zurückzugehen.
Die tengu-Gottheit Izuna Gongen in einer enzyklopädischen Darstellung aus der frühen Edo-Zeit. In der Illustration ist angemerkt, dass es sich um eine Manifestation des Fudō Myōō handelt, was auch die Attribute Feuernimbus, Schwert und Seil erklärt. Das Reittier, ein weißer Fuchs, verbindet die Gottheit aber auch mit Dakini. Edo-Zeit, 1690 ( Ritsumeikan ARC)
Von Akiha weiß eine Legende zu berichten, dass er ursprünglich ein Asket war, der diese Gestalt annahm, nachdem er einen Ritus für Fudō praktiziert hatte. Fudō, der ja im Shugendō eine zentrale Rolle spielt, wird daher auch oft als die „Urform“ (honji) der jeweiligen tengu-Götter angesehen. Zudem deutet das fuchsartige Reittier aber auch auf eine Verbindung mit Dakini hin, eine fuchsreitende weibliche Gottheit, die in vielen Inari Schreinen die Rolle der Urform spielt. Verschiedene esoterische Gottheiten wurden also mit der Gestalt des tengu zu neuen Gottheiten verschmolzen. Viele dieser Shugendō-Götter standen im Übrigen mit Schulen der Kriegskünste und magischen Kampftechniken in Verbindung, die wiederum von den yamabushi betrieben wurden.
Glücksbringer
Talismane mit tengu, beispielsweise ema, findet man in Japan vor allem in Schreinen und Tempeln, die mit den yamabushi in Verbindung stehen, sowie in Schreinen, die Sarutahiko geweiht sind. In diesem Kontext sind auch tengu-Masken häufig anzutreffen.
Tengu-Gottheiten wurden und werden unter anderem um Schutz vor Feuer angebetet. O-fuda mit tengu-Abbildern werden zur Feuerprävention mit nach Hause genommen, es gibt aber auch eigenwillige Kaligraphien mit Texten wie hi no yōjin („Bewahrt das Feuer“), die in tengu-Verehrungsstätten zum Verkauf angeboten werden. Die Nahebeziehung zwischen tengu-Gottheiten und Feuer mag mit den Feuerriten zusammenhängen, die ein Markenzeichen der yamabushi darstellen (siehe dazu Feuer-Gang auf dem Berg Takao).
An den unten abgebildeten Beispielen ist zu erkennen, dass die phallische Form der tengu-Nase durchaus sexuelle Assoziationen weckte. Derartige Assoziationen wurden allerdings im vormodernen Japan nicht unbedingt als „obszön“ empfunden. Ähnlich wie im Fall des Glücksgottes Fukurokuju mit seinem phallisch verlängerten Schädel wird der Phallus eher als Symbol der Fruchtbarkeit oder allgemein des Glücks verstanden. Aufgrund dieser Logik waren Phallus-Kulte und phallische religiöse Symbolismen im vormodernen Japan weit verbreitet (s. Phallus-Kulte: Fruchtbarkeitsriten, Volksbräuche und shunga).
Erotische Darstellung (shunga) eines lesbischen Paars. Die tengu-Maske dient als Dildo. Edo-Zeit ( Wikimedia Commons)
Tengu als Phallus-Attrappe
Tengu in Edo-zeitlichen ukiyo-e und Buchdrucken
Wie bereits erwähnt, sind tengu-Legenden ein beliebtes Sujet der ukiyo-e-Künstler. In der Blütezeit des Genres im 19. Jahrhundert begegnen wir sowohl Krähen- als auch Langnasen-tengu, nicht selten in parodistischer Weise dargestellt.
Iga no Tsubone, eine unerschrockene Hofdame des Tennō Go-Daigo, besänftigt den tengu-Geist eines ehemaligen Vasallen des Tennō, der ungerechtfertigterweise zu Tode kam. Werk von Tsukioka Yoshitoshi (1839–1892). Meiji-Zeit ( Minneapolis Institute of Art)
Darüber hinaus gab es in der Edo-Zeit auch quasi-wissenschaftliche, enzyklopädische Abbildungen von tengu, die beweisen, dass ihre Existenz allgemein für real gehalten wurde.
Die Darstellung dieses tengu basiert auf einer Vorlage des Gelehrten und Malers Toriyama Sekien (1712–1788) aus dem Jahr 1776. Frühe Meiji-Zeit, 1881 ( The British Museum)
Japanische tengu sind das Produkt einer kreativen Vermischung von Figuren mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen. Im japanischen Altertum gab es eine wohl eher unspezifische Vorstellung von einem unheilvollen „Himmelshund“. Der Begriff verknüpfte sich mit dem durch den Buddhismus bekannt gewordenen Vogelmenschen Garuda, wodurch es zu einer konkreten Vorstellung von vogelartigen tengu-Dämonen kam. Diese wurden im frühen Mittelalter vor allem mit Mönchen assoziiert, die vom rechten Weg abgekommen waren. Doch etablierte sich rasch eine relativ große Bandbreite zwischen absolut bösen tengu und tengu mit sympathischen oder bewunderswerten Zügen. Ein positives Image der tengu wurde durch die Assoziation mit Bergasketen gestärkt, wobei deren Orden (Shugendō) vielleicht sogar von ihnen selbst mit tengu-gestaltigen Gottheiten verknüpft wurde. Ein frühes Beispiel dafür findet sich im Tengu zōshi von 1296, wo die Gottheit des Berges Atagoyama (bei Kyōto) unter dem Namen Atago Tarō-bō als Krähen-tengu auftritt. Er gilt heute, wie viele tengu-Gottheiten, als Beschützergottheit vor Feuersbrünsten.
Andere Zentren der yamabushi folgten offenbar dem Muster, wonach ein Chef-tengu mit dem Mönchstitel -bō umgeben von einem Gefolge niederrangiger tengu das spirituelle Zentrum des jeweiligen Bergkultes darstellte. Sōjōbō, der tengu-Meister des Tempels Kurama-dera war möglicherweise der erste dieser tengu-Halbgötter, den man in menschlicher Gestalt mit langer Nase imaginierte. Er wurde unter anderem im Nō-Theater als Meister der Schwertkunst gefeiert. Wie bei den Krähen-tengu mag das visuelle Vorbild dieser Gestalt den gigaku-Masken, also dem ältesten japanischen Theater, entstammen. Zu einer Assoziation mit dem langnasigen Gott Sarutahiko aus der einheimischen Mythologie kam es hingegen wohl erst, als sich die Figur des Langnasen-tengu etabliert hatte. Zweifellos ging damit auch eine zunehmend positive Bewertung der tengu Hand in Hand. Das spätmittelalterliche Aufkommen des Langnasen-tengu überschnitt sich mit den ersten Handelsbeziehungen zu Europa im Zeitalter der Entdeckungen. Somit mögen Europäer dem bereits in gigaku-Masken angelegten Bild europider „Barbaren“ einen letzten Schliff bei der Ausgestaltung des heute gängigen tengu-Bildes verliehen haben.
↑Der Name Himmelhund wurde allerdings schon in China mit seltenen Tieren verknüpft. Die chinesische Enzyklopädie Shanhaijing aus der Han-Zeit kennt etwa einen tiangou, dessen Gestalt einem Marderhund (jap. tanuki) ähnle. In einer illustrierten Fassung aus der Ming-Zeit erscheint dieser als ein nicht weiter auffallendes, eher katzenartiges Raubtier (vgl. National Diet Library, Shanhaijing und Shinma seiyō meijiten [2025/6/8]).
↑Das Reittier wird im Fall von Izuna nicht als Fuchs, sondern als izuna ausgegeben, ein Tiername, der heute Wiesel bezeichnet, aber je nach Region auch Dachse, tanuki oder Füchse bezeichnen kann. Der Name Izuna Gongen geht aber wahrscheinlich nicht auf das izuna-Tier, sondern auf eine Wildpflanze gleichen Namens zurück, die als Nahrung der Tengu galt (Wikipedia [ja.]).
Internetquellen
Tengu (en.) Ausführliche Darstellung auf Wikipedia.
Haruko Wakabayashi, „The Dharma for Sovereigns and Warriors: Onjo-ji's Claim for Legitimacy in Tengu zōshi“. Japanese Journal of Religious Studies 29/1–2 (2002), 35–66.
Haruko Wakabayashi, The Seven Tengu Scrolls: Evil and the Rhetoric of Legitimacy in Medieval Japanese Buddhism. Honolulu: University of Hawai’i Press, 2012.
Klaus Vollmer, „Der Kleriker als tengu: Notizen zu einem Motiv in der mittelalterlichen japanischen Literatur“. NOAG 154 (1993), 71–90. (Online.)
Bilder
Quellen und Erläuterungen zu den Bildern auf dieser Seite
^Dieser tengu ist mit einem typischen Emblem ausgestattet: Einem magischen Fächer aus Vogelfedern (ha-uchiwa). Außerdem trägt er das Gewand eines Bergasketen (yamabushi) mit der typischen Kopfbedeckung tokin. 20. Jh. ( Takada Yoshikazu, Flickr, 2018)
^Der mythologische Gott Sarutahiko mit tengu-ähnlicher Nase und dem Gewand eines yamabushi. Das Bild erschien in einer Serie von Illustrationen zu Amaterasus Austritt aus der Höhle (daher auch Hahn und Henne), obwohl Sarutahiko im ursprünglichen Mythos damit gar nichts zu tun hat. Siehe auch Ame no Uzume. Werk von Totoya Hokkei (1780–1850). Edo-Zeit, 1820er Jahre ( Museum of Fine Arts, Boston)
^Der Vogelmensch Garuḍa (jap. karura) als Maske des höfischen gigaku-Theaters. Teil einer Sammlung von 31 Masken aus der Asuka-Zeit. Die Figur hält eine Wunsch-Perle (nyoi no tama) im Schnabel. Asuka-Zeit, 7. Jh. ( e-Museum, bildbearbeitet)
^Gigaku-Maske eines Dämonen aus den Kunlun Bergen in Nord-China (jap. konron) am Rande der zivilisierten Welt, wovon die Maske ihren Namen hat. Es handelt sich um eine von 31 Masken gigaku-Masken aus dem 7. Jahrhundert, die bis heute im ältesten Schatzhaus Japans überdauert hat. Die Figur des Konron repräsentiert einen Bösewicht, der sich an die weibliche Hauptfigur heranmacht. Die Maske selbst könnte eine Inspirationsquelle für die späteren tengu-Maske darstellen. Asuka-Zeit, 7. Jh. ( e-Museum)
^Maske eines „Straßenfegers“ (chidō 治道), eine von 31 bekannten gigaku-Masken aus dem 7. Jahrhundert. Die Maske trägt eindeutig europide exotische Züge, insbesondere eine überlange Nase und ein rötliches Gesicht. Beide Merkmale zeichnen auch spätere tengu-Masken aus. Es soll sich bei chidō um eine positiv besetzte priesterliche Figur gehandelt haben. Asuka-Zeit, 7. Jh. ( e-Museum)
^Langnasen-tengu in der Kleidung eines yamabushi, laut eingeschriebener Beschreibung mit weißem Haar, dunkelrotem Gesicht und hellroter Kleidung. Im Unterschied zu späteren Darstellungen besitzt der tengu hier schwach angedeutete Raubtierzähne und trägt unter seinem Mönchsgewand eine deutlich erkennbare Rüstung. Das Bild ist Teil einer Anthologie berühmter Kunstwerke. Wie in der Erklärung zu diesem Druck angemerkt, handelt es sich um die Reproduktion eines (mittlerweile verschollenen) Portraits des tengu-Meisters Sōjōbō durch Kanō Motonobu (1476–1559), auf der Grundlage einer Traumvision. Das Original wäre somit die älteste bekannte Darstellung eines Langnasen-tengu. Werk von Ōoka Shunboku. Edo-Zeit ( Internet Archive, Smithonian Libraries and Archives)
^Die tengu-Gottheit Izuna Gongen in einer enzyklopädischen Darstellung aus der frühen Edo-Zeit. In der Illustration ist angemerkt, dass es sich um eine Manifestation des Fudō Myōō handelt, was auch die Attribute Feuernimbus, Schwert und Seil erklärt. Das Reittier, ein weißer Fuchs, verbindet die Gottheit aber auch mit Dakini. Edo-Zeit, 1690 ( Ritsumeikan ARC)
^Iga no Tsubone, eine unerschrockene Hofdame des Tennō Go-Daigo, besänftigt den tengu-Geist eines ehemaligen Vasallen des Tennō, der ungerechtfertigterweise zu Tode kam. Werk von Tsukioka Yoshitoshi (1839–1892). Meiji-Zeit ( Minneapolis Institute of Art)
^Die Darstellung dieses tengu basiert auf einer Vorlage des Gelehrten und Malers Toriyama Sekien (1712–1788) aus dem Jahr 1776. Frühe Meiji-Zeit, 1881 ( The British Museum)
Konjaku monogatari 今昔物語 ^„Geschichten aus alter und neuer Zeit“ (12. Jh.); umfangreiche Sammlung von Geschichten und Anekdoten, meist aus einem buddhistischen Kontext
Kurama-dera 鞍馬寺 ^Tempel im Norden Kyōtos, wo unter anderem Bishamon-ten, der Hüter des Nordens, als Beschützer der Hauptstadt verehrt wurde.
Mii-dera 三井寺 ^Tendai-Tempel am Biwa-See in Shiga-ken; wtl. Drei-Quellen-Tempel
o-fuda お札 ^Amulett oder Talisman in Gestalt eines symbolischen Zeichens, meist aus Papier; auch shinsatsu; das Zeichen 札 kann auch „Geldschein“ bedeuten, wird dann aber sinojap. satsu ausgesprochen;
oni 鬼 ^Dämon, „Teufel“; in sino-japanischer Aussprache (ki) ein allgemeiner Ausdruck für Geister
Onjō-ji 園城寺 ^auch Mii-dera; Tendai-Tempel am Biwa-See, unweit des Hiei-zan; Haupttempel der sogenannten Tempel-Fraktion (jimon 寺門) des Tendai Buddhismus
Sōjōbō 僧正坊 ^wtl. in etwa „Erzabt“; der buddhistische Titel ist aber in erster Line als Eigennamen eines tengu-Königs bekannt; Minamoto no Yoshitsune soll von diesem tengu die Kunst des Schwertkampfes erlernt haben
Taiheiki 太平記 ^Historisches Epos aus dem späten 14. Jh., behandelt den Konflikt zwischen Nördlichem und Südlichem Kaiserhof
Takao-san 高尾山 ^Berg Takao, rel. Zentrum im Westen Tōkyōs
tengu 天狗 ^wtl. Himmelshund; vogelartiger oder geflügelter Kobold, meist in den Bergen
Tengu zōshi 天狗草紙 ^fragmentarisch erhaltene Bildrolle aus der Kamakura-Zeit (1296), in deren Mittelpunkt als tengu dargestellte, unmoralische Mönche stehen
tiangou (chin.) 天狗 ^wtl. Himmelshund; mythol. Gestalt der chin. Kosmologie, Namensgeber des japanischen tengu
tokin 頭襟 ^Kopfbedeckung der yamabushi; in die Stirn gerückte, mit Bändern fixierte, schwarzlackierte Miniaturmütze
ukiyo-e 浮世絵 ^„Bilder der fließenden Welt“, populäre Farbholzschnitte der Edo-Zeit
Viṣṇu (skt.) विष्णु ^indische (vedische) Gottheit; gilt im Vishnuismus als Manifestation des höchsten Seins
Wakabayashi, Haruko (west.) ^Japanisch-amerikanische Japanologin mit Schwerpunkt auf dem japanischen Mittelalter
yamabushi 山伏 ^Bergasket, wtl. der in den Bergen schläft; Praktikant des Shugendō