Die weiße Taube (hato) war nach den Regularien der kaiserlichen Hofregierung (Engi shiki) des zehnten Jahrhunderts ein glückverheißendes Omen der dritten Klasse.2 Eine Begründung, warum die weiße Taube ein glückverheißendes Omen darstelle, wurde im Engi shiki nicht gegeben, ebenso bleibt ihre Einordnung in glückverheißende Omina der dritten Kategorie unkommentiert. Die weiße Taube steht auch nicht allein da, sie steht innerhalb der dritten Kategorie an erster Stelle einer ganzen Reihe weiterer Tiere, Pflanzen und natürlicher Erscheinungen. Das kaiserliche Annalenwerk Shoku Nihongi meldet für den 9. Tag des 3. Monats des 3. Regierungsjahres des Kaisers Monmu Tennō (14. April 699), daß dem Kaiser eine weiße Taube von der Provinz Kawachi präsentiert wurde. Durch kaiserlichen Erlaß wurden der Familie, aus welcher der Mann stammte, der die weiße Taube gefangen hatte, für die Dauer von drei Jahren die Landsteuern und Fronen erlassen, der Heimdistrikt dieser Familie für die Dauer von einem Jahr von diesen Lasten freigestellt. Zusätzlich wurden Sträflinge aus Kawachi und den umliegenden Provinzen begnadigt, die zu Zwangsarbeit bis zu zweieinhalb Jahren verurteilt waren.3 Die hier erwähnte weiße Taube war in der Tat ein Glücksbringer gewesen, vor allem für den Finder und seine Heimatgemeinde. Es gibt weitere Meldungen darüber, daß dem Hof weiße Tauben präsentiert wurden, doch enthalten sie keine detaillierten Angaben über Belohnungen.
Bekannt waren die Tauben am Hachiman Schrein von Iwashimizu nahe Kyōto. Im Ōkagami erscheinen die Wildtauben des Hachiman Schreins anläßlich der Freilassung von Lebewesen als Glücksboten, welche die Gottheit sendet.4Hachiman wurde aber seit der Heian-Zeit als der vergöttlichte Geist des legendären Kaisers Ōjin verehrt. Mit ihm zusammen wurden seine Mutter Jingū und seine Gattin Hime Ōkami verehrt und zuweilen als Hachiman zusammengefaßt. Wegen der militärischen Erfolge, die seine Mutter und er errungen haben sollen, entwickelte sich Hachiman zu einer Kriegsgottheit, zu einer besonderen Schutzgottheit der Krieger. Da sich Hachiman nach einem Orakelspruch auch für die Errichtung der großen Buddha-Statue in Nara eingesetzt haben sollte, wurde ihm zusätzlich die buddhistische Verehrung als Großer Bodhisattva zuteil.
Schreintafel am Eingang der Haupthalle des Tsurugaoka Hachiman-gū mit den Zeichen hachi-man-gū: „Schrein des Hachiman“. Das erste Zeichen hachi („Acht“) hat die Form von zwei Tauben, den Botentieren dieses Gottes. (Bildquelle: unbekannt)
Die Tauben am Hachiman Schrein wurden von den Kriegern als Boten des Hachiman angesehen, welche Glück im Krieg ankündigten. Schon im Mutsu waki erscheint jeweils eine Taube über dem Heer des Minamoto no Yoriyoshi (998–1076), nachdem die drei Gottheiten vom Hachiman Schrein beschworen worden waren, und wird ehrerbietig vom Heerführer und seinen Kriegern begrüßt.5
Im Heike monogatari können wir lesen, wie Minamoto no Yoshinaka (1154–84), nachdem er unvermutet auf einen Schrein stieß, der dem Hachiman geweiht war, den buddhistischen Mönch Kakumei ein Bittgebet an Hachiman in seiner dreifachen Gestalt schreiben ließ. Hierin bat Yoshinaka um den Sieg über die Taira und um ein Zeichen für die Erhörung seines Gebetes. Daraufhin stießen drei Wildtauben aus den Wolken und flatterten über die weißen Fahnen der Minamoto.6
Mit Minamoto no Yoritomo (1147–1199), dem ersten der Shogune, sind eine ganze Reihe von Taubennachrichten und -legenden verbunden. Hōjō Masako (1157–1225), die sich mit List einen Platz an der Seite Yoritomos erkämpft haben soll, träumte von einer weißen Taube, die ein goldenes Behältnis im Schnabel trug, in dem sich ein Brief des Yoritomo befand. Diese Taube sollte wohl eher als Bote des Kriegsgottes denn als Brieftaube angesehen werden. Yoritomo selber träumte, drei Wildtauben seien vom Himmel herabgeflogen, hätten ein Nest in seinen Haaren gebaut und Küken aufgezogen. Dies soll er als ein Zeichen dafür angesehen haben, daß er unter dem besonderen Schutz des großen Bodhisattva Hachiman stünde.7
Weiter will es die Legende, daß sich Yoritomo nach der unglücklich verlaufenen Schlacht bei Ishibashiyama in einen hohlen Baum flüchtete und sein getreuer Gefolgsmann Kumagai Naozane (1141–1208) ihn unter Efeuzweigen verbarg. Seine Verfolger gelangten zwar zu dem Baum, zogen aber weiter, als aus dem Baum drei Tauben aufgeflogen seien; denn sie hätten sich nicht vorstellen können, daß sich da ein Mensch verborgen hätte. Daraufhin habe Yoritomo unter Anspielung auf diese Rettung dem Naozane das Wappen „Tauben und Mistel“ verliehen.8 Historisch korrekt dürfte die Meldung des Azuma kagami für den 8. Tag des 7. Monats des 5. Jahres Bunji (18.9.1189) sein, in dem berichtet wird, daß auf die Fahne des Yoritomo, die er beim Feldzug gegen Fujiwara no Yasuhira (1155–89) mit sich führte, unter den Schriftzügen „Ise Daijingū“ (Große Ahnengottheit des Kaiserhauses) und „Hachiman Daibosatsu“ (Großer Hachiman Bodhisattva), das Wappen „Zwei gegeneinander gewandte Tauben“ eingenäht gewesen sei.
„Der Regen hörte auf, der Nebel lichtete sich“, heißt es sehr stimmungsvoll im Hōki no maki, „und irgendwoher kamen sieben, acht glückverheißende Tauben herbeigeflogen, kreisten über dem Feldlager des (Nawa) Motonaga und flogen dann weiter in Richtung des Kaiserpalastes.“9 Daß die Tauben hier in Richtung Kaiserpalast weiterfliegen, soll auch Kriegsglück für Kaiser Go-Daigo (1288–1339) ankündigen.
Takeda Shingen
Die folgende Taubenanekdote von Takeda Shingen (1521–73) charakterisiert sehr schön den Typ des „modernen“ Feudalfürsten in der Zeit der kämpfenden Reiche von der zweiten Hälfte des fünfzehnten bis zur zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts.
Als Takeda Shingen mit seinem Heer nach Shinano aufbrach, kam eine Taube auf einen Baum im Park geflogen. Als seine Soldaten das sahen, zeigten sie sich frohen Mutes. Als Shingen nach dem Grund ihrer Stimmung fragte, antworteten sie: „Von den bisherigen Fällen her gesehen hat noch jedes Heer, bei dessen (Aufbruch) eine Taube auf einen Baum geflogen kam, einen großen Sieg erringen können. Weil es sich um ein glückliches Vorzeichen handelt, sind wir alle guten Mutes.“ Shingen konnte sich dies nicht anhören. Er griff zur Vogelflinte, schoß mit eigener Hand die Taube herunter und rückte mit dem Heer aus. Dies, so hieß es, sei aus weiser Vorsicht geschehen, damit es nicht, wenn hernach bei einem Abmarsch keine Taube käme, seinen Leuten an Mut gebrechen könnte. 10
Takeda Shingen erscheint hier nicht nur als Aufklärer gegen Aberglauben. Im Herunterschießen der Taube zeigt sich nicht nur seine Qualität als Schütze, sondern es wird eine Metapher berufen, nämlich die der großen Macht, die der besitzt, der Vögel im Flug abstürzen lassen oder abschießen kann. Im Heiji monogatari erscheint diese Metapher auf den politisch mächtigen Fujiwara no Michinori (1106–60) angewandt, wo es heißt, daß durch seine Macht gezwungen „sowohl Vögel im Flug zu Boden kamen als auch Gräser und Bäume sich beugten.“11 Im Edo-zeitlichen Uchū no kansu wird dieses Bild auf den Staatsmann Tanuma Okitsugu (1719–88) übertragen, einem Krieger aus dem „Tanuma-Haus, das die Vögel im Flug herunterbrachte.“ 12
Portait des Takeda Shingen (1521–1573) mit Falken als Emblem der unter Samurai beliebten Falkenjagd; Shingen war ein berühmter Kriegsherr der sengoku-Zeit (Bildquelle: unbekannt)
Diese Metapher galt nicht nur für die Macht von Politikern oder Herrschern. Der Mönch Mongaku wird im Heike monogatari als ein Mensch mit magischen Fähigkeiten beschrieben, „der Vögel im Flug herunterbeten konnte.“ 13 Eine ähnliche Metapher führte mir ein Freund in der deutschen Literatur vor. In seinem Sommermeteor läßt Arno Schmidt die Erzählkünste eines gewissen Herrn mit den Worten bewundern: „Oh. Geschichten weiß der Herr Rat: der könnte die Vögel von den Bäumen locken.“14
↑Der vorliegende Gastbeitrag des Japanologen und Historikers Ulrich Goch erschien ursprünglich als „Miniatur Nummer 7“ in der online Publikationsreihe Miniaturen der Fakultät für Ostasienwissenschaften, Sektion Geschichte Japans, Universität Bochum. Die Serie wurde leider vom Netz genommen. Für Religion-in-Japan wurden mit freundlicher Genehmigung des Autors ein paar kleine Änderungen vorgenommen.
Ulrich Goch, „Der Herrscher ist (wie) der Wind: Naturmetaphern und -vergleiche zur Herrschaft und zum Herrscher in der japanischen Geschichtsschreibung“. In: Irmela Hijiya-Kirschnereit und Jürgen Stalph (Hg.), Bruno Lewin zu Ehren. Festschrift aus Anlaß seines 65.Geburtstages, Bd. II: Japan, Geschichts- und kulturwissenschaftliche Beiträge. Bochum: Brockmeyer, 1989, 105–123. Bochumer Jahrbuch zur Ostasienforschung 12.
Helen Craig McCullough, „A Tale of Mutsu“. Harvard Journal of Asiatic Studies 25 (1964), 178–211.
Helen Craig McCullough, Ōkagami. The Great Mirror: Fujiwara Michinaga (966–1027) and his times. Princeton: Princeton University Press, 1980.
Helen Craig McCullough, The Tale of the Heike. Stanford: Stanford University Press, 1988.
^Schreintafel am Eingang der Haupthalle des Tsurugaoka Hachiman-gū mit den Zeichen hachi-man-gū: „Schrein des Hachiman“. Das erste Zeichen hachi („Acht“) hat die Form von zwei Tauben, den Botentieren dieses Gottes. (Bildquelle: unbekannt)
^Portait des Takeda Shingen (1521–1573) mit Falken als Emblem der unter Samurai beliebten Falkenjagd; Shingen war ein berühmter Kriegsherr der sengoku-Zeit (Bildquelle: unbekannt)
Engishiki 延喜式 ^„Bestimmungen der Engi Ära“; Gesetzeswerk mit zahlreichen religionspol. Bestimmungen, v.a. zum Schreinzeremoniell, aus dem 10. Jh.
Fujiwara no Michinori 藤原通憲 ^1106–1160; Staatsmann und wichtiger Verbündeter des Taira no Kiyomori in der Heiji-Rebellion (1159–1160); auch bekannt als Shinzei 信西
Minamoto no Yoritomo 源頼朝 ^1147–1199; Feldherr, Staatsmann, Begründer des Minamoto Shōgunats
Minamoto no Yoriyoshi 源頼義 ^998–1076; Oberbefehlshaber der imperialen Streitkräfte in den Kämpfen gegen Rebellen aus dem Norden in den Jahren 1051–1063; unter Yoriyoshi und seinem Sohn Yoshiie etablierten sich die Minamoto als Kriegsherrn in Ostjapan und setzten damit den Grundstein für das spätere Kamakura-Shōgunat
Mutsu waki 陸奥話記 ^„Chronik von Mutsu [=Nord-Japan]“; japanisches Kriegerepos aus der späten Heian-Zeit (11. Jh.) über einen Aufstand und seine Niederschlagung im Jahr 1062.
Nara 奈良 ^Hauptstadt und Sitz des Tennō, 710–784 (= Nara-Zeit); auch: Heijō-kyō
Ōkagami 大鏡 ^„großer Spiegel“; historische Chronik aus der späten Heian-Zeit, die Ereignisse zwischen 850 und 1025 beschreibt; Verfasser unbekannt
Ōjin Tennō 応神天皇 ^auch Homuda Wake 誉田別; mytholog. Herrscher, offiziell der 15. Tennō; trad. Lebensdaten: 200–310, r. 270–310; später in der Gestalt der Gottheit Hachiman auch religiös verehrt
Schmidt, Arno (west.) ^1914–1979; deutscher Schriftsteller
Shoku Nihongi 続日本紀 ^2. offizielle Reichschronik (797), Nachfolger des Nihon shoki (Nihongi), daher der Name „Fortsetzung des Nihongi“
Taira 平 ^Kriegerfamilie, die im 12. Jh. um die pol. Vorherrschaft in Japan kämpfte; auch Heike
Tanuma Okitsugu 田沼意次 ^1719–1788; Berater des Tokugawa-Shōgunats; arbeitete sich vom niederen Samurai in die Regierungsspitze hoch und initiierte eine Währungsreform