Hungergeister

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Hungergeister
Gaki.gif

Hungergeister (skt. preta, jap. gaki) sind spindeldürre Wesen mit aufgequollenen Bäuchen, die der Karma-Theorie zufolge in früheren Leben zu gierig waren. Zur Strafe sind sie beständig hungrig und durstig, doch ihr dünner Hals gestattet keine ausreichende Nahrungsaufnahme. Sie ernähren sich von Kot, Urin und Leichenteilen, kurz, von allem, was Ekel erregt. Außerdem werden sie beständig von anderen Geistern drangsaliert. Dass man gerade diesen Geistern im ostasiatischen Buddhismus besondere Aufmerksamkeit schenkte, hängt vielleicht damit zusammen, dass Gier eine so universelle menschliche Eigenschaft ist. Demnach kann es leicht sein, dass man selbst einmal als Hungergeist wiedergeboren wird.

Rituelle Betreuung

Die folgenden Abbildungen entstammen einer Bildrolle aus der späten Heian-Zeit, die heute dem Nationalmuseum Kyōto gehört. Sie illustriert anhand von Legenden den Ursprung und die Bedeutung der rituelle Ausspeisung von Hungergeistern, die zu dieser Zeit in einem Ritus namens urabon vollzogen wurde. Dieser Ritus folgt dem Beispiel des Buddha-Schülers Ananda, der Hungergeister aus ihrer leidvollen Existenzform erlöst haben soll, indem er ihnen geweihte Speisen und Getränke vorsetzte.

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Ausspeisung der Hungergeister (gaki) durch buddhistische Mönche. 12. Jh.
© e-kokuhō
1 Ausspeisung der Hungergeister durch den Buddha-Schüler Ananda und seine Mitbrüder

Die Vorstellung der Hungergeistern ist aber auch mit Mokuren (skt. Maudgalyayana), einem weiteren Schüler des Buddha, verknüpft. Dank seiner übernatürlichen Fähigkeiten war er in der Lage, die Totenwelt zu durchwandern, wo er seine Mutter in Gestalt eines Hungergeistes traf. Als er ihr Speisen vorsetzte, verwandelten sich diese in glühende Kohlen. Als er Rat bei Buddha suchte, erklärte dieser, dass er seine Mutter durch eine rituelle Ausspeisung erlösen könne.1

Gakizoshi mokuren.jpg
Der Mönch Mokuren begegnet seiner Mutter als Hungergeist (gaki) und erwirkt bei Buddha ihre Befreiung aus dieser leidvollen Existenz. 12. Jh.
© e-kokuhō
2 Mokuren trifft seine Mutter als Hungergeist

Das folgende Bild zeigt, wie sich die Ausspeisung der Hungergeister in der Heian-Zeit vollzog: Einige Menschen beten am Friedhof (zu sehen ist links ein Grab-Stupa) und opfern den gaki Wasser, das diese gierig auflecken. Währenddessen halten andere eine fröhliche Feier ab.

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Trankopfer für die Hungergeister (gaki) beim O-bon-Fest. 12. Jh.
© e-kokuhō
3 Gaki zōshi

Das hier dargestellte urabon-Ritual ist eine frühe Form des Bon-Fests (O-bon), das heute zu Ehren der Ahnen Mitte August gefeiert wird (s. dazu Religion und Brauchtum im Jahreszyklus). Seinem ursprünglichen Sinn nach ist O-bon also eine religiöse Zeremonie, um die Ahnen, die zu Hungergeistern wurden, aus diesem niederen Bereich der Wiedergeburt zu befreien. Durch die Erlösung eines Hungergeists, kann man aber auch für sich selbst gutes Karma erwirken.

Verbindung mit dem Unreinen

Eine andere Bildrolle aus der gleichen Zeit, die heute im Tōkyō National Museum aufbewahrt wird, hebt mehr die unheimlichen und unappetitlichen Aspekte der Hungergeister hervor. Die gaki scheinen hier die Unreinheit selbst zu personifizieren. In den Zeremonien für das Seelenheil der gaki könnte also auch das Motiv mitschwingen, sich selbst von Unreinheiten in Gestalt der gaki zu befreien. Zugleich spricht aus der Art der Darstellung auch so etwas wie Sympathie für die Geister.

Gakizoshi notdurft.jpg
Die Hungergeister (gaki) warten geduldig, bis die Menschen ihre Notdurft verrichtet haben, um sich selbst daran zu laben. Das Bild ist auch für die Alltagsgeschichte der Heian-Zeit interessant, da es einerseits den Abort als öffentliche Fläche (wahrscheinlich in einer Hintergasse) darstellt und zugleich die Verwendung von sogenannten shit sticks (jap. chūgi 籌木) dokumentiert, also kleine Hölzchen, die ähnlich wie das heutige Klopapier verwendet wurden. Auch Stoff oder Papier ist im übrigen zu sehen. 12.–13. Jh.
© Tōkyō National Museum
4 Gaki zōshi
Gakizoshi geburt.jpg
Ein Hungergeist (gaki) beobachtet eine Geburt — zweifellos in der Hoffnung auf Nahrung. 12.–13. Jh.
© Tōkyō National Museum
5 Gaki zōshi
Gakizoshi friedhof.jpg
Die gaki streunen um die Gräber und teilen sich das Aas mit den Hunden. 12.–13. Jh.
© e-Museum, National Treasures & Important Cultural Properties of National Institutes for Cultural Heritage, Japan
6 Gaki zōshi

Das im ersten Bild erkennbare „Gemeinschaftsklo“, das die Menschen ohne große Hemmungen kollektiv nutzen, wirft einen interessanten Aspekt auf die Geschichte der Schamhaftigkeit in Japan. Die bildliche Darstellung einer Geburt ist, nicht nur in Japan, ähnlich selten und ungewöhnlich. Gebären an sich galt damals als etwas Unreines (und lockt daher den Hungergeist an). Schließlich offenbart die Friedhofszene die damalige Praxis, Leichen einfach den Tieren zum Fraß zu überlassen. In den Gräbern befanden sich wahrscheinlich nur höher gestellte Persönlichkeiten und buddhistische Mönche.

Gaki zōshi

Die hier vorgestellten Bildrollen der Hungergeister (Gaki zōshi) stammen aus der späten Heian-Zeit (11.–12. Jh.) und werden heute zu den offiziellen „Nationalen Kulturschätzen“ Japans gezählt. Sie wurden von Tennō Go-Shirakawa (1127–92; r.1155–58) persönlich in Auftrag gegeben und zusammen mit ähnlichen illustrierten Werken im Kannon Tempel Rengeō-in — besser bekannt als Sanjūsangen-dō — aufbewahrt (s. dazu auch Höllen und Höllenbilder). Der Glaube an die Hungergeister war also keineswegs ein obskurer Aberglaube, sondern wurde in der späten Heian-Zeit von der Elite der Hofkultur hochgehalten.

Die Darstellungen gewähren nicht nur einen ungewöhnlich lebendigen Einblick in das damalige Leben, sie portraitieren auch die Geister selbst mit fast liebevoller Detailversessenheit. Die gaki sind mit physiologischen Merkmalen — einem aufgeblähten Bauch und schütteren rötlichen Haaren — ausgestattet, die tatsächlich bei Hungernden auftreten.2 Die Darstellungen, und die Bedeutung der Hungergeister insgesamt, scheinen somit auch eine Reaktion auf die Ende der Heian-Zeit besonders häufigen Hungersnöte gewesen zu sein.

Obwohl in Indien entstanden und auf indische Verhältnisse zugeschnitten, erschien ihre Existenz auch in Japan plausibel. William LaFleur argumentiert in einem 1989 erschienenen Aufsatz, dass die Hungergeister eine quasi-naturwissenschaftliche Erklärung für das natürliche Verschwinden jeglicher Art von Abfall oder Unrat boten. Dank ihrer Genauigkeit machten die Gaki zōshi das Wirken der Hungergeister in natürlichen Verfallsprozessen für die Zeitgenossen sichtbar und geben uns heute einen Einblick in deren damalige Weltsicht.

Buddhistischer Hintergrund

Wie man anhand der obigen Bilder erkennen kann, sind die Hungergeister keine einheitliche Spezies, sondern gliedern sich in verschiedene Unterarten. Dies wird bereits in einem kanonischen Sutra spezifiziert, dem Shōbō nensho kyō (Übersetzung ins Chinesische 538–541), das ausführlich auf die Sechs Bereiche der Wiedergeburt eingeht. Dieser Text erklärt, dass Geiz und Eifersucht zur Wiedergeburt als Hungergeist führen. Dann werden 36 verschiedene Arten von gaki aufgezählt:

  1. die mit kesselartigen Körpern;
  2. die mit nadel[dünnen] Mündern;
  3. die Erbrochenes essen;
  4. die Exkremente essen;
  5. die garnichts essen;
  6. die Gas-Esser;
  7. die dharmas essen;
  8. die Wasser-Esser;
  9. die Sehnsuchtsvollen;
  10. die Speichel-Esser;
  11. die Ranken-Esser;
  12. die Blut-Esser;
  13. die Fleisch-Esser;
  14. die Duft-Esser;
  15. die Krankheitsbringer;
  16. die Exkremente inspizieren;
  17. die Unterirdischen;
  18. die mit magischen Kräften;
  19. die Brennenden;
  20. die die Exkremente von Kindern inspizieren;
  21. die Lüsternen;
  22. die auf Meeresinseln leben;
  23. Diener des Enma, die Stöcke tragen;
  24. die kleine Kinder essen;
  25. die die Kraft der Menschen rauben;
  26. die indischen rasetsu;
  27. die Feuer-Esser;
  28. die auf schmutzigen Pfaden;
  29. die Wind-Esser;
  30. die Kohle-Esser;
  31. die Gift-Esser;
  32. die in der Wildnis;
  33. die bei den Gräbern wohnen und Asche essen;
  34. die auf Bäumen wohnen;
  35. die an Wegkreuzungen;
  36. die den Körper töten.3

Das für die japanischen Jenseitsvorstellungen grundlegende Ōjō yōshū (985) orientiert sich an dieser Liste, greift jedoch nur einige Beispiele heraus, die dafür etwas ausführlicher behandelt werden. So heißt es etwa, dass jene, die sich von Erbrochenem ernähren müssen, in einem früheren Leben ihr Essen nicht mit Frau und Kind bzw. Mann und Kind teilten. Andere wie die „dharma-Esser“ sind auf Riten angewiesen, um sich zu ernähren. Es handelt sich zumeist um ehemalige Mönche, die nur auf den eigenen Ruhm bedacht waren. Ehemalige Sake-Verkäufer werden zu „Wasser-Essern“, die von speziellen Dämonen daran gehindert werden, an einen Fluss zu gelangen. Die gaki rund um Gräber sind ehemalige Gefängniswärter, die den Häftlingen nichts zu essen gaben. Wieder andere gebären ständig Kinder, die sie dann selbst aufessen. Eine weitere Spezies ernährt sich vom eigenen Gehirn. Schließlich paraphrasiert der Text die Aussage des Shōbō nensho kyō, dass die Hungergeister Münder so klein wie ein Nadelöhr und Bäuche so groß wie ein Berg hätten, sodass sie selbst dann, wenn sie Essbares fänden, nie satt werden würden.4

Verweise

Verwandte Themen

Fußnoten

  1. Diese Darstellung entspricht dem Urabon-kyō (Ullambana Sutra), jenem Sutra, von dem sich das Bon-Fest herleitet.
  2. Chronischer Hunger erzeugt Melanin-Mangel, was bei natürlich schwarzem Haar eine Rotfärbung hervorrufen kann (LaFleur 1989, S. 295).
  3. Shōbō nensho kyō, SAT Daizōkyō Text Database, T.721(17)92; s.a. LaFleur 1989, S. 284–286.
  4. Zitiert nach der Ausgabe in Nihon shisō taikei (Hg. Ishida Mizumao, Iwanami 1970), S. 30–32.

Internetquellen

Literatur

William LaFleur 1989
„Hungry Ghosts and Hungry People: Somaticity and Rationality in Medieval Japan.“ In: Michel Feher, Ramona Naddaff, Nadia Tazi (Hg.), Fragments for a History of the Human Body, part 1. New York: Zone 1989, S. 271–303.

Bilder

Quellen und Erläuterungen zu den Bildern auf dieser Seite:

  1. ^ 
    Gakizoshi ausspeisung.jpg

    Ausspeisung der Hungergeister (gaki) durch buddhistische Mönche. 12. Jh.
    © e-kokuhō

  2. ^ 
    Gakizoshi mokuren.jpg

    Der Mönch Mokuren begegnet seiner Mutter als Hungergeist (gaki) und erwirkt bei Buddha ihre Befreiung aus dieser leidvollen Existenz. 12. Jh.
    © e-kokuhō

  3. ^ 
    Gakizoshi urabon.jpg

    Trankopfer für die Hungergeister (gaki) beim O-bon-Fest. 12. Jh.
    © e-kokuhō

  1. ^ 
    Gakizoshi notdurft.jpg

    Die Hungergeister (gaki) warten geduldig, bis die Menschen ihre Notdurft verrichtet haben, um sich selbst daran zu laben. Das Bild ist auch für die Alltagsgeschichte der Heian-Zeit interessant, da es einerseits den Abort als öffentliche Fläche (wahrscheinlich in einer Hintergasse) darstellt und zugleich die Verwendung von sogenannten shit sticks (jap. chūgi 籌木) dokumentiert, also kleine Hölzchen, die ähnlich wie das heutige Klopapier verwendet wurden. Auch Stoff oder Papier ist im übrigen zu sehen. 12.–13. Jh.
    © Tōkyō National Museum

  2. ^ 
    Gakizoshi geburt.jpg

    Ein Hungergeist (gaki) beobachtet eine Geburt — zweifellos in der Hoffnung auf Nahrung. 12.–13. Jh.
    © Tōkyō National Museum

  3. ^ 
    Gakizoshi friedhof.jpg
    Die gaki streunen um die Gräber und teilen sich das Aas mit den Hunden. 12.–13. Jh.
    © e-Museum, National Treasures & Important Cultural Properties

    of National Institutes for Cultural Heritage, Japan


Glossar

Namen und Fachbegriffe auf dieser Seite:

  • Ānanda (skt.) आनन्द ^ „Freude“ (jap. Anan 阿難), Schüler des Buddha
  • Buddha (skt.) बुद्ध ^ „Der Erleuchtete“ (jap. butsu (hotoke) 仏 oder Budda 仏陀)
  • Enma 閻魔 ^ skt. Yama; König oder Richter der Unterwelt; auch Enra; meist als Enma-ten oder Enma-ō angesprochen
  • gaki 餓鬼 ^ Hungergeist; skt. preta
  • Gaki zōshi 餓鬼草紙 ^ Illustrierte Querbildrollen der Hungergeister
  • Go-Shirakawa Tennō 後白河天皇 ^ 1127–1192; 77. Kaiser von Japan (r. 1155–1158); stellte vor allem als Exkaiser im Mönchsstand ein wichtiges politisches Gegengewicht zu den Diktatoren Taira no Kiyomori und Minamoto no Yoritomo dar
  • Heian 平安 ^ auch Heian-kyō 平安京, „Stadt des Friedens“; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit)
  • Kannon Bosatsu 観音菩薩 ^ Bodhisattva Avalokiteshvara, wtl. „der den Klang der Welt erhört“; „Bodhisattva des Mitleids“; s.a. Kannon, Guanyin;
  • Karma (skt.) कर्म ^ „Tat“ (jap. Gō 業), auch „konsequente Folge“; moralische Bilanz der gesetzten Handlungen
  • LaFleur, William (west.) ^ 1936–2010; amerikanischer Japanologe und Buddhismusforscher; lehrte u.a. in Princeton
  • Maudgalyāyana (skt.) मौद्गल्यायन ^ 2. Schüler des Buddha; mit übersinnlichen Fähigkeiten begabt, war es ihm möglich, die Unterwelt zu besuchen; in ostasiatischen Versionen seiner Legende errettet er dort seine Mutter (jap. Mokuren 目連)
  • Mokuren 目連 ^ Schüler des Buddha; skt. Maudgalyayana; errettet seine Mutter aus der Hölle
  • O-bon お盆 ^ Fest der Ahnen; Bon-Fest
  • Ōjō yōshū 往生要集 ^ „Essentielle [Lehren] der Wiederbgeburt“, 985 von Genshin verfasst
  • preta (skt.) प्रेत ^ „Hungergeist“ (jap. gaki 餓鬼)
  • rasetsu 羅刹 ^ von skt. Raksha bzw. Rakshasi (weibl. Form); menschenfressende Dämonenrasse des indischen Pantheons
  • Sanjūsangen-dō 三十三間堂 ^ 33 Klafter Halle; Kannon-Tempelhalle in Kyōto; offizieller buddhistischer Tempelname: Rengeō-in
  • Shōbō nensho kyō 正法念處経 ^ kanonischer Text in 70 Kapiteln, der die Wiedergeburtslehre zum Thema hat; Skt. Saddharma-smṛty-upasthāna; 538–541 von Gautama Prajñāruci ins Chinesische übertragen
  • urabon 盂蘭盆 ^ Ursprünglicher (buddhistischer) Name des Bon-Fests, abgeleitet von ullambana
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Diese Seite:

„Hungergeister.“ In: Bernhard Scheid, Religion-in-Japan: Ein digitales Handbuch. Universität Wien, seit 2001