Höllen und Hungergeister

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Höllen und Hungergeister

Höllenbilder existierten in Japan wohl schon im frühen Buddhismus, konkret ausgestaltet wurden sie aber erst ab der späten Heian-Zeit. Sie entwickelten sich bezeichnenderweise Hand in Hand mit den Paradiesvorstellungen des Reinen Landes. Diese Jenseitsdarstellungen lassen wenig Zweifel, dass die meisten Verstorbenen, die nicht zur Erleuchtung fanden bzw. in Amidas Reines Land errettet wurden, mit schrecklichen Torturen zu rechnen hatten. Oft werden sie schon während der Befragung vor dem Gerichtshof Enmas gefoltert, um schließlich in einer der Höllen zu landen, wo sie von gehörnten Dämonen auf jede erdenkliche Weise gequält werden.

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Nach einer Vorlage aus dem 13. Jahrhundert. Verschiedene Bereiche der Hölle (jigoku), in denen tierartige Folterknechte die Seelen der Toten mit allen erdenklichen Foltern und Torturen drangsalieren. späte Edo-Zeit, 19. Jh.
The British Museum
1 Höllenszenen, Edo-Zeit
Osorezan flickr9.jpg
Ein Abbild der Unterwelt, wo vermummte Figuren von Jizō Bosatsu (skt. Kshitigarbha) zu unheimlichen Gespenstern zu werden scheinen.
© yuezhi, flickr 2005
2 Osore-zan

Ähnlich wie etwa auf den Bildern des Hieronymus Bosch gibt es auch im Buddhismus spezielle Höllenbereiche für spezielle Sünden. Für lasterhafte Männer gibt es einen Dornenbaum, auf dem eine schöne Frau sitzt. Wer zu ihr hinaufklettern will, wird auf den Dornen aufgespießt. Für Frauen gibt es wiederum den Blutsee (chi no ike). Dass verstorbene Frauen in diesem Blutsee ziellos umherschwimmen müssen, steht explizit mit der durch Menstruation verursachten „Verunreinigung“ in Zusammenhang. Andere Sünder werden zwischen Felsen zermalmt, mit glühenden Zangen traktiert, von wilden Tieren und Monstern angefallen und in großen Kesseln gegart. (Siehe dazu auch Osore-zan, der „Angstberg“.)

O-bon und die Hungergeister

Gebete und Rituale können dazu beitragen, Verstorbene von den Höllenqualen zu befreien. In der Tat wurde und wird ein bedeutender Teil buddhistischer Zeremonien zu diesem Zweck abgehalten. Beispielhaft ist die Geschichte des Mönchs Mokuren, (skt. Maudgalyayana), ein Schüler des Buddha, der durch seine Exerzitien und Gebete die Rettung seiner Mutter aus der Hölle erwirkte. Später wurde die Legende dergestalt ausgebaut, dass Mokuren persönlich auf der Suche nach seiner Mutter die Hölle durchquerte.

Diese Legende bildet den Ursprung des Bon Fests (O-bon), das heute zu Ehren der Ahnen Mitte August gefeiert wird. Bon ist die Abkürzung von urabon, abgeleitet von skt. ullambana, was „herab hängen“ bedeutet. Dieser Begriff soll auf die Torturen der Hölle bezogen sein. Seinem ursprünglichen Sinn nach ist O-bon also eine religiöse Zeremonie, um die Ahnen aus den niederen Bereichen der Wiedergeburt zu befreien.

Gaki.gif

In China und Taiwan, wo das Urabon (chin. yulanpen) Fest ursprünglich entstand, ist es auch als Fest der Hungrigen Geister bekannt (nach einer Version wurde Mokurens Mutter nämlich zu einem Hungergeist). Auch in Japan brachte man in früherer Zeit zum Bon-Fest Nahrungsopfer für die Hungergeister (gaki) dar. Die Vorstellung der Hungergeister wurde offenbar zusammen mit der Hölle Ende der Heian-Zeit populär. Illustrierte Bildrollen (Gaki zōshi) erläutern, was man sich unter Hungergeistern vorzustellen hat. Diese spindeldürren Wesen mit den aufgequollenen Bäuchen sind zugleich Mitleid und Ekel erregend. Sie ernähren sich von Kot, Urin und Leichenteilen, sind aber beständig hungrig und durstig, und werden außerdem von anderen Geistern drangsaliert. Sie verkörpern die Existenzform, in die man hineingeboren wird, wenn man gierig war. Dass man gerade diesen Geistern ein besonderes Fest bereitete, hängt vielleicht damit zusammen, dass Gier eine so universelle menschliche Eigenschaft ist. Demnach kann es leicht sein, dass man selbst einmal als Hungergeist wiedergeboren wird. Andererseits wirken die Darstellungen der gaki so, als würden diese die Unreinheit personifizieren. In den Zeremonien für das Seelenheil der gaki könnte also auch das Motiv mitschwingen, sich selbst von Unreinheit zu befreien, indem man die gaki zum Verschwinden bringt.

Verweise

Verwandte Themen

Internetquellen

  • Gaki zōshi, National Institutes for Cultural Heritage
    Mehrsprachig dokumentierte Präsentation einer Bildrolle zum Thema Hungergeister. Teil der Bild-Datenbank von „nationalen Kulturschätzen“ E-kokuhō.
  • Nihon zenkoku Sai-no-kawara meguri (jap.)
    Verschiedene Sai-no-kawara Kultstätten in ganz Japan.
Letzte Überprüfung der Linkadressen: Jul. 2020

Bilder

Quellen und Erläuterungen zu den Bildern auf dieser Seite:

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    Jigoku rokudoe.jpg

    Nach einer Vorlage aus dem 13. Jahrhundert. Verschiedene Bereiche der Hölle (jigoku), in denen tierartige Folterknechte die Seelen der Toten mit allen erdenklichen Foltern und Torturen drangsalieren. späte Edo-Zeit, 19. Jh.
    The British Museum

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    Osorezan flickr9.jpg

    Ein Abbild der Unterwelt, wo vermummte Figuren von Jizō Bosatsu (skt. Kshitigarbha) zu unheimlichen Gespenstern zu werden scheinen.
    © yuezhi, flickr 2005


Glossar

Namen und Fachbegriffe auf dieser Seite:

  • Amida 阿弥陀 ^ Buddha Amitabha; Hauptbuddha der Schulen des Reinen Landes (Jōdo-shū bzw. Jōdo Shinshū)
  • Bon ^ Bon-Fest (Ahnenfest); in der Alltagssprache meist O-bon
  • Bosch, Hieronymus (west.) ^ 1450–1516; niederländischer Maler, bekannt für seine apokalyptischen Höllendarstellungen
  • Buddha (skt.) बुद्ध ^ „Der Erleuchtete“ (jap. butsu (hotoke) 仏 oder Budda 仏陀)
  • chi no ike 血の池 ^ Blutsee; für Frauen vorbehaltener Bereich der buddhistischen Hölle
  • Enma 閻魔 ^ skt. Yama; König oder Richter der Unterwelt; auch Enra; meist als Enma-ten oder Enma-ō angesprochen
  • gaki 餓鬼 ^ Hungergeist; skt. preta
  • Gaki zōshi 餓鬼草紙 ^ Illustrierte Querbildrollen der Hungergeister
  • Heian 平安 ^ auch Heian-kyō 平安京, „Stadt des Friedens“; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit)
  • Maudgalyāyana (skt.) मौद्गल्यायन ^ 2. Schüler des Buddha; mit übersinnlichen Fähigkeiten begabt, war es ihm möglich, die Unterwelt zu besuchen; in ostasiatischen Versionen seiner Legende errettet er dort seine Mutter (jap. Mokuren 目連)
  • Mokuren 目連 ^ Schüler des Buddha; skt. Maudgalyayana; errettet seine Mutter aus der Hölle
  • O-bon お盆 ^ Fest der Ahnen; Bon-Fest
  • ullambana (skt.) उल्लम्बन ^ „Herab hängend“ (jap. urabon 盂蘭盆), Name eines (apokryphen) Sutras
  • urabon 盂蘭盆 ^ Ursprünglicher (buddhistischer) Name des Bon-Fests, abgeleitet von ullambana
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„Höllen und Hungergeister.“ In: Bernhard Scheid, Religion-in-Japan: Ein digitales Handbuch. Universität Wien, seit 2001