Mandalas sind besonders im Shingon Buddhismus zentrale rituelle Bildwerke, die man u.a. als Gegenstand der Meditation nützt, um sich die Wahrheiten des Buddhismus visuell zu vergegenwärtigen. Die beiden Hauptmandalas der Shingon-Schule repräsentieren jeweils eine eigene „Welt“, die zusammen alle Aspekte der Realität umfassen: „Mutterschoß“- und „Vajra-Welt“. Da sie fast immer in Kombination auftreten, werden diese beiden Mandalas auch Ryōgai mandara, Mandalas der beiden Welten, genannt. In beiden Welten nimmt Dainichi Nyorai, der zentrale Buddha des Shingon Buddhismus, die wichtigste Stellung ein. Dieser Buddha zeigt sich, je nachdem ob man ihn aus der realen, uns umgebenden Mutterschoß-Welt oder aus der Vajra-Welt — dem Zustand der perfekten Erleuchtung — betrachtet, in unterschiedlichen Formen, und dieser Unterschied oder Doppelaspekt soll sich symbolisch in den Mandalas der beiden Welten widerspiegeln. Wichtig ist dabei, dass keine der beiden Welten der anderen untergeordnet ist, sondern dass sie sich perfekt ergänzen. In den Riten des Shingon Buddhismus sollen daher beide Mandalas neben dem Altar aufgehängt werden, das Vajra-Welt Mandala im Westen, das Mutterschoß-Mandala im Osten.
Vajra-Welt (Kongōkai)
Im Vajra-Welt Mandala (Kongōkai mandara) erkennt man Dainichi im mittleren oberen Feld der drei-mal-drei Hauptfelder. Diese Anordnung entspricht dem idealen Grundriss einer Hauptstadt (nach chinesischem oder auch klassisch-japanischem Muster): Der Palast des Kaisers beherrscht nach diesem Schema vom Norden her die Stadt. Dainichi trägt, im Gegensatz zu sonstigen Buddha-Darstellungen, eine Krone und faltet die Hände zur mudrā der Weisheit.
Der Hauptbuddha dieses Kongōkai mandara, Dainichi mit der Weisheits-mudrā, befindet sich im mittleren, oberen Feld. Dieses maṇḍala ist einer Hauptstadt mit dem Palast im Norden nachempfunden (s.a. ten Grotenhuis 1999, Japanese Mandalas, plate 6). Heian-Zeit, 9. Jh. Bildquelle: Wikimedia Commons, bildbearbeitet.
Die neun Felder sind in streng geometrische Formen unterteilt. Im Fachjargon werden die Einzelfelder des Kongōkai mandara als „Versammlungen“ bezeichnet. Die Versammlungen bestehen bei genauer Betrachtung aus unzähligen Buddha- und Bodhisattva-Gestalten, doch ist ihre Zahl und Anordnung genau festgelegt. Dainichi kommt im übrigen, wie andere Buddhas auch, in mehreren dieser Versammlungen vor. Jede Versammlung kann auch als einzelnes Mandala gelesen und dargestellt werden.
Die „Versammlungen“ der neun Felder des Kongōkai von oben links nach unten rechts:
1) Vier mudrā-Versammlung 2) Ein mudrā-Versammlung 3) Höchstes Prinzip Versammlung
4) Opfer Versammlung 5) Perfekter Körper Versammlung 6) Versammlung des Gōsanze Myōō
7) Subtile Versammlung 8) Samadhi Versammlung 9) Gōsanze Samadhi Versammlung Bukkyō no benkyōshitsu, über Internet Archive.
1) Vier Mudrā Versammlung
2) Ein Mudrā Versammlung
3) Versammlung des Höchsten Prinzips
4) Opfer Versammlung
5) Perfekter Körper Versammlung
6) Versammlung des Gōsanze [Myōō]
7) Subtile Versammlung
8) Samadhi Versammlung
9) Gōsanze Samadhi Versammlung
Mutterschoß-Welt (Taizōkai)
Im Mutterschoß-Welt Mandala (Taizōkai mandara) nimmt Dainichi die Position im Zentrum des Bildes ein. Auch hier hat er — typisch für den esoterischen Buddhismus — eine Krone auf, seine Hände sind allerdings zur Meditations-mudra gefaltet. Dieses Mandala ist einem Palast nachempfunden, die einzelnen Felder werden hier als „Hallen“ bezeichnet.
Der Hauptbuddha dieses Mutterschoß-Welt Mandalas (Taizōkai mandara) ist Dainichi mit der Meditations-mudrā. Er befindet sich im Zentrum des Bildes. Dieses maṇḍala ist einem Palast nachempfunden (s.a. ten Grotenhuis 1999, Japanese Mandalas, plate 8). Heian-Zeit, 9. Jh. Bildquelle: Wikimedia Commons, bildbearbeitet.
Auch hier sind die jeweiligen Buddha- und Heilsgestalten ganz genau festgelegt. In manchen Mandalas werden sie gar nicht figurativ ausgestaltet, sondern durch ihre „Samen-Zeichen“ (jap. shuji, skt. bīja) repräsentiert. Diese sind Silbenzeichen in einer indischen Schrift namens siddhaṃ,1 die symbolisch für einen Buddha stehen. Diese besondere Symbolschrift wird in Japan vor allem im esoterischen Buddhismus (mikkyō) verwendet. Sie ist noch heute im Shingon und in Zweigen des Tendai Buddhismus in Gebrauch.
Taizōkai mandara mit shuji. Shūji (skt. bīja) sind Silbenzeichen in einer indischen Schrift namens siddham. Sie stehen hier jeweils für einen Buddha des konventionellen Taizōkai mandara. Heian-Zeit, 9. Jh. Bildquelle: Bukkyō no benkyōshitsu, über Internet Archive.
Die Namen der beiden Mandalas, Mutterschoß und vajra (oft auch als Diamant oder Donnerkeil bezeichnet), leiten sich von verschiedenen Sutren ab, die ursprünglich unabhängig von einander entstanden, aber von Kūkai, dem Begründer des japanischen Shingon, oder von seinem chinesischen Lehrer Huiguo, als elementare Lehrschriften ihrer Schule ausgewählt wurden. Es ist allerdings bis heute strittig, wie die Anordnung der einzelnen Buddhas genau mit den jeweiligen Texten in Beziehung steht.
Bei der Kombination der beiden Mandalas, die außerhalb Japans kaum bekannt ist, dürfte wohl auch die Yin Yang-Philosophie, bzw. die Berücksichtigung eines männlichen und eines weiblichen Prinzips, eine Rolle gespielt haben: Obwohl dieser Punkt selten erwähnt wird, erscheint mir der geschlechtliche Aspekt von „Mutterschoß“ und „Vajra“ in der Kombination der beiden Mandalas keineswegs zufällig.
↑Siddham ist verwandt aber nicht identisch mit der Devanagari-Schrift, in der Sanskrit üblicherweise geschrieben wird.
Bilder
Quellen und Erläuterungen zu den Bildern auf dieser Seite
^Der Hauptbuddha dieses Kongōkai mandara, Dainichi mit der Weisheits-mudrā, befindet sich im mittleren, oberen Feld. Dieses maṇḍala ist einer Hauptstadt mit dem Palast im Norden nachempfunden (s.a. ten Grotenhuis 1999, Japanese Mandalas, plate 6). Heian-Zeit, 9. Jh. Bildquelle: Wikimedia Commons, bildbearbeitet.
^Die „Versammlungen“ der neun Felder des Kongōkai von oben links nach unten rechts:
1) Vier mudrā-Versammlung 2) Ein mudrā-Versammlung 3) Höchstes Prinzip Versammlung
4) Opfer Versammlung 5) Perfekter Körper Versammlung 6) Versammlung des Gōsanze Myōō
7) Subtile Versammlung 8) Samadhi Versammlung 9) Gōsanze Samadhi Versammlung Bukkyō no benkyōshitsu, über Internet Archive.
^Der Hauptbuddha dieses Mutterschoß-Welt Mandalas (Taizōkai mandara) ist Dainichi mit der Meditations-mudrā. Er befindet sich im Zentrum des Bildes. Dieses maṇḍala ist einem Palast nachempfunden (s.a. ten Grotenhuis 1999, Japanese Mandalas, plate 8). Heian-Zeit, 9. Jh. Bildquelle: Wikimedia Commons, bildbearbeitet.
^Taizōkai mandara mit shuji. Shūji (skt. bīja) sind Silbenzeichen in einer indischen Schrift namens siddham. Sie stehen hier jeweils für einen Buddha des konventionellen Taizōkai mandara. Heian-Zeit, 9. Jh. Bildquelle: Bukkyō no benkyōshitsu, über Internet Archive.
mikkyō 密教 ^esoterischer Buddhismus, Tantrismus; wtl. geheime Lehre; Gegenstück zu kengyō; in Japan vor allem durch den Shingon, aber auch durch Teile des Tendai Buddhismus vertreten
mudrā (skt.) मुद्रा ^„Siegel“, Gebetsgeste; jap. inzō 印相
Ryōgai mandara 両界曼荼羅 ^wtl. Mandalas der beiden Welten; Doppelset von Mandalas im Shingon Buddhismus
Shingon-shū 真言宗 ^Shingon-Schule, wtl. Schule des Wahren Wortes; wichtigste Vertreterin des esoterischen Buddhismus (mikkyō) in Japan
shuji 種子 ^Symbolische Sanskrit-Zeichen in siddhaṃ-Schrift; wtl. Samen (Skt. bīja); auch bonji 梵字, „indische Zeichen“; v.a. in rituellen Texten des esoterischen Buddhismus (mikkyō) in Gebrauch
siddhaṃ (skt.) सिद्धं ^„Vollendet“, antike Schriftform der indischen Brahmanen, die später auch im ostasiat. esoterischen Buddhismus Anwendung fand; jap. shittan 悉曇 oder bonji 梵字
sūtra (skt.) सूत्र ^„Faden“, Lehrrede des Buddha, kanonische Schrift; jap. kyō 経 oder kyōten 経典