Der berühmte Schrein von Nikkō, in dem Shōgun Tokugawa Ieyasu vergöttlicht wurde, zählt unter anderem ein Relief der Drei Weisen Affen zu seinen Sehenswürdigkeiten. Wie aber fanden diese Affen Eingang in das Mausoleum eines der mächtigsten Herrscher der gesamten japanischen Geschichte? Und aus welchem Grund halten sie sich Augen, Mund und Ohren zu (mizaru, iwazaru, kikazaru)? Und wieso findet man man die Drei Affen bei aufmerksamer Betrachtung auch an zahlreichen volkstümlichen Steinmonumenten, die kaum beachtet in den Arealen von Tempeln und Schreinen, am Rande von Friedhöfen oder in der freien Natur anzutreffen sind? Die Antwort auf derartige Fragen dürfte in einem eigenartigen Kult zu finden sein, der heute selbst in Japan kaum mehr bekannt ist, in der Edo-Zeit jedoch jedem geläufig war: der kōshin-Glaube. Um diesen Glauben zu erklären, ist ein kurzer Exkurs in die traditionelle Medizin- und Kalenderkunde notwendig.
Gemäß der traditionellen chinesischen Medizin, die bis zum Beginn der Moderne auch in Japan allgemein praktiziert wurde, wird der menschliche Körper von einer Unzahl an Geistern oder „Seelen“ bevölkert, die gute oder schlechte Einflüsse auf das körperliche Befinden haben. In manchen Fällen scheinen diese Geister oder Seelen durchaus eine eigenständige physische Existenz zu haben und sind insoferne weniger mit transzendenten Wesen als zum Beispiel mit Bakterien zu vergleichen. Zu diesen Bakterien-ähnlichen Geisterwesen zählen die sogenannten „Drei Würmer“. Sie haben einen direkten Einfluss auf die dem Menschen zugedachte Lebensspanne.
Darstellung der Drei Würmer (sanshi) (Bildquelle: Nihon kokugo daijiten (Shogakukan 1974), Band 9, S. 237)
„Drei Würmer“ ist die in der westlichen Literatur gängige Übersetzung für jap. sanshi. Der Zeichenbedeutung nach handelt es sich jedoch um drei Leichname 尸 oder um drei Leichnams-Würmer (sanshi no mushi), wobei mushi sowohl Kriechtiere als auch Insekten bezeichnet und daher nicht unbedingt „Wurm“, sondern eher „Gewürm“ oder „Getier“ bedeutet. Die entsprechenden Geistwesen haben aber, so sie überhaupt näher beschrieben werden, ganz eigenartige Gestalten, nämlich die eines daoistischen Weisen („Oberwurm“, sitzt im Kopf), eines Löwen („Mittelwurm“, im Brustraum) und eines menschlichen Beins mit Rinderkopf („Unterwurm“, im Unterleib). Alle drei haben außerdem jeweils eine Schriftrolle bei sich, was ihre Funktion als Protokollführer unterstreicht.
Nach ursprünglicher chinesischer Auffassung verhalten sich die Drei Würmer wie Parasiten, die den Körper schwächen und so sein Leben verkürzen.
Frühe Daoisten entwickelten auf der Grundlage dieser Vorstellung asketische Diäten, mittels derer sie die Drei Würmer in ihrem Körper aushungern wollten, und hofften so, dem Geheimnis des ewigen Lebens auf die Spur zu kommen.
Spätere, eher ethisch-moralisch ausgerichtete Theorien erklärten die Wirkungsweise der Drei Würmer hingegen folgendermaßen: Nachts, wenn der Mensch schläft, steigen die Drei Würmer zur Gottheit des Polarsterns (jap. Tentei, wtl. „Himmelsherrscher“) empor und berichten ihm die bösen Taten ihres „Wirts“. Tentei bestraft dann den betreffenden Menschen, und zwar vorwiegend mit Krankheit oder frühem Tod. Die Würmer verlassen den Körper ihres Wirts allerdings (aus mir unbekannten Gründen) nur einmal in sechzig Tagen, genauer am 57. Tag des traditionellen Sechziger Zyklus der chinesischen Kalenderkunde. Diesem Tag sind die Wandlungsphase „Metall“ und das Tierkreiszeichen „Affe“ zugeordnet. Auf Japanisch heißt dieser Tag kōshin, „Metall-Affe“. Aufgrund der vermuteten Tätigkeiten der Drei Würmer wurde nun diesem kōshin-Tag, oder besser, der kōshin-Nacht, eine ganz besondere Aufmerksamkeit zuteil. (S. dazu Yin und Yang und die chinesische Naturphilosophie; Himmelskunde und Himmelsdeutung; Tierkreiszeichen in der japanischen Kunst; Der traditionelle Kalender.)
Die kōshin Nacht
Bereits die Adeligen der Heian-Zeit waren der Überzeugung, dass es möglich sei, die Spionage der Würmer zu unterbinden, wenn man die entsprechende Nacht durchwachte und die Würmer so am Verlassen des Körpers hinderte. Aus diesem Grund organisierten sie in den kōshin-Nächten ein geselliges Zusammenseins und hielten sich mit allerlei Spielen bis zum frühen Morgen wach. Daraus entwickelte sich der Brauch der kōshin-Wache (kōshin machi), die bis zum Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in verschiedenen Formen in immer breiteren Schichten der Bevölkerung durchgeführt wurde.
Während die Heian-zeitlichen Adeligen eine eher säkuläre Form der Würmerkur pflegten, indem sie sich an schnöden Gesellschaftsspielen oder Gelagen ergötzten, griff auch der japanische Buddhismus den kōshin-Glauben auf. Die Buddhisten erklärten die drei Würmer zu missgünstigen Spionen im Dienste der karmischen Vergeltung. Als strafende Instanz wurde der daoistische Polarsterngott Tentei nach und nach von stärker buddhistisch konnotierten Gestalten abgelöst, u.a. von Indra (jap. Taishaku-ten), der obersten buddhistischen Wächtergottheit, später aber auch von Enma, dem obersten Richter der Totenwelt. Schließlich geriet eine bedrohliche Gottheit namens Shōmen Kongō (wtl. grüngesichtiger vajra) — urspünglich ein Diener des Indra, der äußerlich den esoterischen mantra-Königen (myōō) nachempfunden ist — ins Zentrum des kōshin-Glaubens. Zu Shōmen Kongō beteten die Gläubigen um Beistand, wenn sie das Tun der Würmer unterbinden und auf diese Weise ihr Leben verlängern wollten.
Die Drei Affen
Auf bildlichen Darstellungen wird Shōmen Kongō zumeist in Begleitung der Drei Affen dargestellt. Die Assoziation entstand möglicherweise daraus, dass der Tag bzw. die Nacht, in der die Drei Würmer den Körper verlassen, mit dem Tierkreiszeichen des Affen zu tun hat. In einem weiteren Assoziationsschritt wurde der Affe mit dem verbunden, was die Drei Würmer NICHT tun sollen: nichts sehen, nichts hören, und vor allem nichts ausplaudern. Auf Japanisch ist diese Verbindung leicht herzustellen, da saru („Affe“) zu -zaru („nicht tun“ [negative Verbalendung]) umgeformt werden kann: „nichts sehen“, „nichts sagen“, „nichts hören“ (mizaru, iwazaru, kikazaru) kann also auch als „Seh-Affe“, „Sprech-Affe“, und „Hör-Affe“ verstanden werden.
Abgesehen vom kōshin-Glauben lässt sich das Nicht-Sehen/Sprechen/Hören-Motiv auch als Variante einer moralischen Maxime verstehen, die aus den Analekten des Konfuzius bekannt ist:
Nichts ansehen, was nicht sittlich ist, nichts hören, was nicht sittlich ist, nichts sagen, was nicht sittlich ist, nichts tun, was nicht sittlich ist.
非禮勿視、非禮勿聽、非禮勿言、非禮勿動 (Konfuzius, Analekte XII/1) 1
Wahrscheinlich hat dieses Zitat bei der Benennung der Drei Affen eine Rolle gespielt, doch die Drei Affen lassen sich eigentlich nur mit Vorbehalt als Rollenbilder konfuzianischer Tugenden interpretieren. Sie stehen im Gegenteil für den Wunsch, dass die Drei Würmer, die jeder in sich trägt, von ihrer verräterischen Aufgabe abgehalten werden sollen und der Mensch selbst weiter seinen Lastern frönen kann, ohne sich dabei vor einem frühen Tod fürchten zu müssen. Obwohl dieses Vorhaben auf den ersten Blick gegen konfuzianische oder buddhistische Moralvorstellungen gerichtet zu sein scheint, widersprach es nicht der landläufigen buddhistischen Praxis. Diese war stets bemüht, Schlupflöcher im Gesetz des Karma ausfindig zu machen, und versprach den Gläubigen, mit dem geringsten möglichen Aufwand ein Maximum an gutem Karma zu erwirtschaften. Daher wurde der kōshin-Glauben vom Buddhismus gefördert, ja, es entstanden sogar eigene Tempel für Shōmen Kongō, die Hauptgottheit des kōshin-Glaubens. Der älteste Tempel dieser Art befindet sich im Gebäudekomplex des Shitennō-ji in Ōsaka und wurde bereits um das Jahr 700 errichtet.
Schematische Darstellung eines kōshin-Gedenksteins aus der Edo-Zeit
Das erwähnte Ensemble von Shōmen Kongō und den Drei Affen ist allerdings erst seit der frühen Edo-Zeit belegt. Es entstand wahrscheinlich Hand in Hand mit dem Aufkommen der sogenannten kōshin-Fraternitäten (kōshin-kō) im japanischen Spätmittelalter.
Dabei handelt es sich um gut organisierte Gruppen von Laienanhängern (kō) des kōshin-Glaubens, die sich gemeinsam bemühten, eine festgesetzte Anzahl von kōshin-Nächten zu durchwachen. Wenn es ihnen beispielsweise gelang, die Drei Würmer drei Jahre lang von ihrem Rapport abzuhalten, errichteten sie Gedenksteine oder kōshin-stupas (kōshin-tō). Typische Beispiele solcher kōshin-Gedenksteine stellen die Drei Affen zu Füßen des Shōmen Kongō dar. Oft sind sie auch mit den Symbolen von Sonne und Mond versehen, die hier für die Urkräfte des Universums, Yin und Yang, stehen.
Stilistisch haben diese einfachen Steinskulpturen Ähnlichkeiten mit den volkstümlichen Statuen des Jizō, die in Japan fast überall zu finden sind, oder mit den Wegegöttern (dōsojin). Andere Verwandte sind Kannon mit dem Pferdekopf (Batō Kannon), die komainu oder die buddhistischen Torwächter (niō), die oft von Laien in sehr individueller Art in Stein gehauen wurden. Sie alle stehen für eine volkstümliche Laienreligiosität, die unvoreingenommen von sämtlichen Traditionen Gebrauch macht. Obwohl die Wurzeln des kōshin-Glaubens aus einer Mischung von Buddhismus und Daoismus entstanden sind, zeigen Beispiele aus der Edo-Zeit, dass Shōmen Kongō auch mit Shintō-Riten verehrt wurde. Der kōshin-Glauben stellt insofern ein typisches Beispiel für die untrennbare Verflechtung von Buddhismus, Shintō und allen erdenklichen chinesischen Traditionen in der vormodernen Zeit dar.
Kōshin-Gedenksteine mit der oben beschriebenen Figur des Shōmen Kongō und/oder den Drei Affen finden sich besonders häufig entlang des Tōkaidō, der alten Überlandroute von Kyōto nach Tōkyō (bzw. Edo). Aber auch in anderen Landesteilen Japans sind einfache Steinskulpturen mit den Drei Affen anzutreffen.
Die Drei Affen (saru) als mizaru, iwazaru, kikazaru sind recht klein im unteren Feld des Reliefs zu sehen. Darüber Shōmen Kongō und zwei Begleiter. Die Vögel (Hühner) zu Füßen der Gottheit sind ebenfalls ein häufiges Motiv auf Kōshin-Steinen (kōshin-tō). Sie haben möglicherweise damit zu tun, dass auf den Tag des Affen der Tag des Hahns folgt und somit der Hahn dem Kōshin-Spuk ein Ende bereitet.
Die Halbinsel Kunisaki ist auch für andere eindrucksvolle Steinmonumente, z.B. Wächterstatuen (Niō) bekannt. (Bildquelle: unbekannt)
Rot eingekleideter kōshin-Affe (saru) mit zusätzlichem Drei-Affen-Motiv (mizaru, iwazaru, kikazaru). Dieser Schrein entwickelte sich in der Edo Zeit zu einem Zentrum des Kōshin-Glaubens.
Motive aus dem kōshin-Glauben finden sich z.B. auch ganz im Westen Japans, im Ondake Jinja auf der Insel Iki. In diesem Schrein wird allerdings nicht Shōmen Kongō, sondern der mythologische Gott Sarutahiko verehrt. Dieser ansonsten eher tengu-artige Gott kann aufgrund seines namens („Affen-Feld-Prinz“) auch mit Affendarstellungen verknüpft sein.
^Die Drei Affen (saru) als mizaru, iwazaru, kikazaru sind recht klein im unteren Feld des Reliefs zu sehen. Darüber Shōmen Kongō und zwei Begleiter. Die Vögel (Hühner) zu Füßen der Gottheit sind ebenfalls ein häufiges Motiv auf Kōshin-Steinen (kōshin-tō). Sie haben möglicherweise damit zu tun, dass auf den Tag des Affen der Tag des Hahns folgt und somit der Hahn dem Kōshin-Spuk ein Ende bereitet.
Die Halbinsel Kunisaki ist auch für andere eindrucksvolle Steinmonumente, z.B. Wächterstatuen (Niō) bekannt. (Bildquelle: unbekannt)
^Rot eingekleideter kōshin-Affe (saru) mit zusätzlichem Drei-Affen-Motiv (mizaru, iwazaru, kikazaru). Dieser Schrein entwickelte sich in der Edo Zeit zu einem Zentrum des Kōshin-Glaubens.
Karma (skt.) कर्म ^„Tat“, auch „konsequente Folge“; moralische Bilanz der gesetzten Handlungen (jap. gō 業)
komainu 狛犬 ^wtl. „Korea-Hund“, auch „Löwenhund“; Wächterfigur vor religiösen Gebäuden
Kong Zi (chin.) 孔子 ^verm. 551–479 v.u.Z.; chin. Philosoph zur Zeit der Östlichen Zhou-Dynastie; der latinisierte Name „Konfuzius“ (eine Kreation der Jesuiten des 16. Jh.s) leitet sich ab von Kong Fu Zi 孔夫子 (wtl. Lehrmeister Kong); auch bekannt unter seinem Geburtsnamen Kong Qiu 孔丘
kō 講 ^Bruderschaft; Bez. f. verschiedenste Arten von religiösen Gruppierungen, bes. in der Edo-Zeit; urspr. buddh. Studiengruppe
kōshin 庚申 ^Kalendereinheit; Kombination von Metall und Affe im 60er Zyklus
Taishaku-ten 帝釈天 ^Skt. Indra, eine der wichtigsten Gottheiten (deva) der indischen Mythologie. In Japan meist mit Brahma (jap. Bonten) in einem Atemzug genannt
tengu 天狗 ^wtl. Himmelshund; vogelartiger oder geflügelter Kobold, meist in den Bergen
Tentei 天帝 ^Daoist. Gottheit des Polarsterns, wtl. Himmelsherrscher