Dainichi Nyorai: Der kosmische Buddha

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Dainichi Nyorai Der kosmische Buddha

Dainichi Nyorai ist der wichtigste Buddha des sogenannten esoterischen oder tantristischen Buddhismus, der in Japan vor allem in Gestalt der Shingon-shū und Teilen der Tendai-shū vertreten ist. Doch auch außerhalb dieser Richtungen zählt dieser Buddha zu den am häufigsten verehrten Heilsgestalten. Als die ersten christlichen Missionare im 16. Jahrhundert ihre Lehre in Japan zu verbreiten begannen, wählten sie „Dainichi“ sogar kurzfristig als Übersetzung für „Gott“ im christlichen Kontext. Nicht ganz zu Unrecht erachteten sie den Namen als Bezeichnung für das höchste Wesen.

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Eines der frühesten erhaltenen Werke des Meisterbildhauers Unkei. Dargestellt wird Buddha Dainichi mit der mudrā der Weisheit. Werk von Unkei (ca.1150–1223). Kamakura-Zeit, 1175
Bildquelle: Rosenfeld 2011, Portraits of Chōgen, pl. 98, S. 137
1 Dainichi mit Weisheits-Mudrā
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Darstellung des Dainichi Nyorai mit den Händen in der Haltung der Meditations-mudrā. 12. Jh.
Takatsuki Folk Museum, über Internet Archive
2 Dainichi mit Meditations-Mudrā

Dainichi im esoterischen Buddhismus

Dainichi bedeutet wtl. „Große Sonne“ oder „Großes Licht“. Es ist die Übersetzung von skt. Mahavairocana, unter welchem Namen dieser Buddha in Indien verehrt wird. Dainichi Nyorai wird auch als kosmischer Buddha bezeichnet, der nicht aus einer menschlichen Existenz hervorging, sondern von Anfang an eins mit dem universalen Dharma war. Er hält nach dieser Auffassung sowohl in der Welt der absoluten Erkenntnis, als auch in der Welt der sichtbaren Dinge (das sind also zwei unterschiedliche Welten!) die höchste Stellung inne. In esoterisch-buddhistischen Termini bezeichnet man diese Welten als „Yajra-Welt“ (= Bereich der absoluten Erkenntnis, Kongōkai) und „Mutterschoß-Welt“ (= Bereich der sichtbaren Dinge, Taizōkai). Ausdruck dieser beiden Welten sind die bereits erwähnten doppelten mandalas, in denen Dainichi jeweils die zentrale Position einnimmt. Seine ikonographischen Attribute sind jeweils unterschiedlich: Der Dainichi im Vajra-Welt-Mandala (Kongōkai mandara) ist durch die mudra der Höchsten Weisheit (chiken-in) zu identifizieren; im Mutterschoß-Mandala (Taizōkai mandara) wiederum erscheint er in „Meditationshaltung“, erkennbar an der Meditations-Mudra (jōin).

Dainichi sonsho mandara.jpg
Buddha Dainichi in der Mitte des Sonshō Mandara, auf dem Dainichi von acht Bodhisattvas umgeben ist. Dainichi formt die für ihn typische mudra der Weisheitsfaust. Das Mandala wurde in Riten zur Abwehr von Katastrophen, sicherer Geburt und Bitte um Regen eingesetzt. Kamakura-Zeit
Kūkai mandara: Kōbō Daishi to Kōya-san (Katalog), Reihōkan 2006, S. 120, Abb. 44
3 Dainichi inmitten eines Mandalas (Detail)
Dainichi usuki.jpg
Darstellung des Furuzono Dainichi aus Stein in der Stadt Usuki auf Kyūshū. 12. Jh.
Art Calendar, 2005, Japan Airlines
4 Dainichi aus Usuki

Eine ikonographische Besonderheit des Dainichi in beiden Welten besteht darin, dass er im Gegensatz zu anderen Buddhas meist mit einer Art Krone dargestellt wird. Der esoterische Buddhismus weicht hier vom asketischen Formenkanon der klassischen Buddha-Darstellung ab. Auch das Bild rechts stellt Dainichi mit Krone dar. Es handelt sich um den Kopf einer aus dem Felsen gehauenen Skulptur des Dainichi aus dem 12. Jahrhundert, die sich in der Stadt Usuki in Kyūshū befindet.

Birushana Nyorai

Dainichi Nyorai und seine beiden Mandalas begannen sich unter dem Einfluss des esoterischen Buddhismus ab dem 9. Jh. in Japan zu verbreiten. In der Nara-Zeit (8. Jh.) war der gleiche Buddha dagegen als Birushana — die japanisierte Aussprache von Vairocana — bekannt. Sowohl Dainichi als auch Birushana leiten sich also vom Sanskritnamen (Maha) Vairocana ab, dieser Buddha ist aber von verschiedenen Schulen des chinesischen und japanischen Buddhismus anders interpretiert und dementsprechend auch durch einen anderen Übersetzungsnamen gekennzeichnet worden. Birushana war vor allem für die Frühzeit des japanischen Buddhismus wichtig.

Der Große Buddha von Nara

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Der große Dainichi (skt. Vairocana) daibutsu des Tōdaiji. }}
5 Nara Daibutsu
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Einmal im Jahr, am 7. August, findet eine rituelle Großreinigung des Vairocana daibutsu und seiner Halle statt. Wie man sieht, werden ausgeklügelte traditionelle Techniken angewendet, um jedes Fleckchen des Budda zu erreichen. Insgesamt nehmen etwa 200 Mönche, alle in weiß gekleidet, an der Putzaktion teil. 752
Neko to Nara no shashinshū, J-Blog, 2009
6 Reinigung des Daibutsu

Das eindrucksvollste Monument des Birushana Nyorai ist der daibutsu des Tōdaiji in der alten Reichshauptstadt Nara. Wie fast alle nyorai-Figuren sitzt auch dieser Buddha auf einer überdimensionalen Lotosblüte, trägt ein schlichtes Mönchsgewand und ist durch Schädelauswuchs, Stirnmal und große Ohrläppchen charakterisiert. Seine Handhaltung gibt zwar einen gewissen Hinweis auf seine Identität, eine eindeutige Identifizierung nur aufgrund äußerlicher Merkmale ist in diesem Fall aber nicht möglich.

Die kolossale Bronzestatue des Birushana und die sie umgebende Haupthalle des Tōdaiji sind fast zu gigantomanisch für meinen Geschmack (der Daibutsu in Kamakura gefällt mir besser), aber aufgrund ihrer Geschichte auf jeden Fall faszinierend: Die Herstellung des Daibutsu war ein technisches Wunderwerk, seine Einweihung im Jahr 752 (!) ein buddhistisches Weltereignis. Der Daibutsu von Nara gilt als größte Bronzestatue der Welt. Auch die sie umgebende Halle erreicht Guinness-Ausmaße.

Sowohl die Halle als auch die Statue wurden im Laufe ihrer langen Geschichte mehrfach beschädigt und renoviert bzw. neu errichtet. Beide hatten ursprünglich noch gigantischere Ausmaße als heute. (Mehr dazu...)

Todaiji.jpg
Halle des Großen Buddas (daibutsu) des Tōdaiji in Nara. 745 errichtet, heutige Form seit 1709
Taelos Katran, 2008
7 Halle des Großen Buddha


Verweise

Verwandte Themen


Bilder

Quellen und Erläuterungen zu den Bildern auf dieser Seite:

  1. ^ 
    Dainichi unkei.jpg

    Eines der frühesten erhaltenen Werke des Meisterbildhauers Unkei. Dargestellt wird Buddha Dainichi mit der mudrā der Weisheit. Werk von Unkei (ca.1150–1223). Kamakura-Zeit, 1175
    Bildquelle: Rosenfeld 2011, Portraits of Chōgen, pl. 98, S. 137

  2. ^ 
    Dainichi douganji.jpg

    Darstellung des Dainichi Nyorai mit den Händen in der Haltung der Meditations-mudrā. 12. Jh.
    Takatsuki Folk Museum, über Internet Archive

  3. ^ 
    Dainichi sonsho mandara.jpg

    Buddha Dainichi in der Mitte des Sonshō Mandara, auf dem Dainichi von acht Bodhisattvas umgeben ist. Dainichi formt die für ihn typische mudra der Weisheitsfaust. Das Mandala wurde in Riten zur Abwehr von Katastrophen, sicherer Geburt und Bitte um Regen eingesetzt. Kamakura-Zeit
    Kūkai mandara: Kōbō Daishi to Kōya-san (Katalog), Reihōkan 2006, S. 120, Abb. 44

  4. ^ 
    Dainichi usuki.jpg

    Darstellung des Furuzono Dainichi aus Stein in der Stadt Usuki auf Kyūshū. 12. Jh.
    Art Calendar, 2005, Japan Airlines

  1. ^ Naradaibutsu.jpg 
  2. ^ 
    Daibutsu reinigung.jpg

    Einmal im Jahr, am 7. August, findet eine rituelle Großreinigung des Vairocana daibutsu und seiner Halle statt. Wie man sieht, werden ausgeklügelte traditionelle Techniken angewendet, um jedes Fleckchen des Budda zu erreichen. Insgesamt nehmen etwa 200 Mönche, alle in weiß gekleidet, an der Putzaktion teil. 752
    Neko to Nara no shashinshū, J-Blog, 2009

  3. ^ 
    Todaiji.jpg

    Halle des Großen Buddas (daibutsu) des Tōdaiji in Nara. 745 errichtet, heutige Form seit 1709
    Taelos Katran, 2008


Glossar

Namen und Fachbegriffe auf dieser Seite:

  • Birushana 毘盧遮那 ^ Buddha Vairocana; ältere jap. Namensform von Dainichi
  • Buddha (skt.) बुद्ध ^ „Der Erleuchtete“ (jap. butsu, hotoke 仏 oder Budda 仏陀)
  • chiken-in 智拳印 ^ Mudrā der Weisheitsfaust
  • daibutsu 大仏 ^ wtl. „Großer Buddha“; monumentale Buddha-Statue
  • Dainichi 大日 ^ Buddha Vairocana, der „kosmische Buddha“; wtl. „Großes Licht“ oder „Große Sonne“
  • Dainichi Nyorai 大日如来 ^ Buddha Vairocana, der „kosmische Buddha“; wtl. „Großes Licht“ oder „Große Sonne“
  • Dharma (skt.) धर्म ^ Gesetz (des Universums), Lehre (des Buddha) (jap. 法)
  • jōin 定印 ^ mudrā der Meditation
  • Kongōkai 金剛界 ^ Vajra-Welt, Diamant-Welt; Welt der absoluten Erkenntnis des Dainichi Nyorai; s.a. Taizōkai
  • Kongōkai mandara 金剛界曼陀羅 ^ Vajra-Welt-Mandala, Diamant-Welt-Mandala; Mandala des Buddha Dainichi in seiner „Vajra-Welt“ (Kongōkai)
  • Mahāvairocana (skt.) महावैरोचन ^ „Große Sonne, Großes Licht“, auch Vairocana (jap. Dainichi 大日)
  • maṇḍala (skt.) मण्डल ^ „Kreis“, schematische Darstellung der kosmischen Ordnung (jap. mandara 曼荼羅)
  • mudrā (skt.) मुद्रा ^ „Siegel“, Gebetsgeste (jap. inzō 印相)
  • Nara 奈良 ^ Hauptstadt und Sitz des Tennō, 710–784 (= Nara-Zeit); auch: Heijō-kyō
  • Shingon-shū 真言宗 ^ Shingon-Schule, wtl. Schule des Wahren Wortes; wichtigste Vertreterin des esoterischen Buddhismus (mikkyō) in Japan
  • Taizōkai 胎蔵界 ^ Mutterschoß-Welt; Welt der sichtbaren Dinge des Dainichi Nyorai; s.a. Kongōkai
  • Taizōkai mandara 胎蔵界曼陀羅 ^ Mutterschoß-Welt-Mandala; Mandala des Buddha Dainichi in seiner „Mutterschoß-Welt“ (Taizōkai)
  • tantra (skt.) तन्त्र ^ „Gewebe“, Lehrschrift des esoterischen Buddhismus (ähnlich sutra, aber meist mit rituellem Inhalt)
  • Tendai-shū 天台宗 ^ Tendai-Schule, chin. Tiantai
  • Tōdaiji 東大寺 ^ Tempel des Großen Buddha von Nara; wtl. Großer Ost-Tempel
  • Vairocana (skt.) वैरोचन ^ „Sonne, sonnenhaft“, Buddha-Name (jap. Birushana/Rushana 毘盧舎那/盧舎那 oder Dainichi 大日)
  • vajra (skt.) वज्र ^ „Donnerkeil“, Ritualinstrument und Symbol des tantristischen/esoterischen Buddhismus (jap. kongō 金剛)
Religion in JapanIkonographieDainichi
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„Dainichi Nyorai: Der kosmische Buddha.“ In: Bernhard Scheid, Religion-in-Japan: Ein digitales Handbuch. Universität Wien, seit 2001