Gozu Tennō

Aus Kamigraphie
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Gozu tenno.jpg
Gozu Tennō[Abb. 1]
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Themengruppe Gottheiten (Götter, numinose Erscheinungen)
Name Gozu 牛頭 („Ochsenköpfiger Himmelskönig“)
Religiöse Titel Tennō 天王
Sonstige Namen Susanoo 須佐之男, Godō Daishin 五道大神, Gotō Tenno 五頭天王, Mutō Tenjin 武塔天神
Rel. Zugehörigkeiten Buddhismus, Shinto
Herkunft Indien, China und Korea
Funktion, Wirkkraft Seuchengottheit
Bemerkung Wird häufig mit Susanoo identifiziert.
Diese Seite entstand im Kontext des Seminars Kamigraphie: Wintersemester 2011.


Gozu Tennō 牛頭天王 bedeutet wörtlich „der ochsenköpfige Himmelskönig“. Die Gottheit wird unter anderem im Yasaka-Schrein 八坂神社 in Kyoto als eine der Gion-Gottheiten Gion Tenjin 祇園天神 und im Tsushima-Schrein 津島神社 in Aichi 愛知県 verehrt.

Der genaue Ursprung Gozu Tennōs ist unklar. Er ist eine Gottheit, die aus der Übermittlung und Transformation ausländischer Götter nach Japan entstand, und insofern indische, chinesische und koreanische Elemente aufweist. In Japan war unter anderem als Godō Daishin 五道大神 oder Gotō Tennō 五頭天王 bekannt, bevor sich die Bezeichnung Gozu Tennō durchsetzte. Ab der Heian-Zeit galt er vor allem als eine Seuchengottheit, die Krankheit und Epidemien verbreitet, in späteren Jahrhunderten entwickelte er sich aber auch zu einem kami, der vor Krankheiten bewahrt.

Seine erste Erwähnung findet sich im Geschichtswerk Honchō seiki 本朝世紀 aus dem Jahr 1148. Dort heißt es, dass im Jahr 1070 ein Feuer im Gion-Schrein ausbrach und „die Beine von Gozu Tennō beschädigte“ (Gozu Tennō o-ashi shōzon 牛頭天皇御足焼損, tennō ist hier mit den Zeichen für „Kaiser“ geschrieben).

Gion-Kult um Gozu Tennō

Herzstück des Gion-Kultes in Kyoto ist der Mythos der Brüder Kotan Shōrai 巨旦将来 und Somin Shōrai 蘇民将来, die einer himmlischen Gottheit begegnen und je nach ihrem Verhalten mit Krankheit bestraft oder eben verschont werden. Eine der bedeutsamsten Glaubensvorstellungen liegt in der Annahme, dass Krankheit und vor allem weitreichende Seuchenepidemien von Seuchengottheiten (ekijin 疫神) verursacht werden. Zu diesen zählt unter anderem Gozu Tennō. Auch können feindselige Seelen von Verstorbenen goryō 御霊 Unheil wie Krankheit, Erdbeben oder Totgeburt hervorrufen. Um deren Heimsuchung abzuwehren, werden goryō-e 御霊会 Rituale durchgeführt.

Ursprünge des Gozu Tennō

Im Folgenden sollen die Spuren Gozu Tennōs und seiner Göttervorfahren auf dem asiatischen Kontinent dargestellt werden.

Indien

Gozu Tennō wird mit der indischen Schutzgottheit Gosirsa Devaraja, dem Beschützer des palastartigen Anwesens Jetavana von Siddhartha Gautama (Eigenname des historischen Buddhas), identifiziert. Dieses wird als Gion shōja 祇園精舎 auf Japanisch übersetzt und inspirierte den Namen des kultischen Zentrums in Gion. Auch soll Gozu Tennō auf einem heiligen indischen Berg gewohnt haben, auf dem der Baum candana wuchs, der weiterverarbeitend als fiebersenkendes Mittel eingesetzt wurde. Der Berg wurde aufgrund seiner Form als „Ochsenkopfberg“ (japanisch gozusan 牛頭山) bezeichnet. In seiner indischen Herkunftslegende wird Gozu Tennō somit vor allem als Schutzgottheit angesehen und mit Medizin assoziiert.

China

Der alternative Name Gotō Tennō deutet allerdings auch auf Vorfahren in Gestalt des chinesischen Volksgottes Godō Daishin hin. Er kommt in literarischen Quellen zwar kaum vor, spielte aber eine wichtige Rolle im Ritualwesen rund um den Richter der Unterwelt, König Enma 焔魔天.[1] Dies wurde erst in jüngster Vergangenheit durch die Entdeckung von Holztafeln (mokkan 木簡) mit schriftlichen Schwüren (kishōmon 起請文)[2] ermittelt. Diesen Texten zufolge konnten als Alternative zu Godō Daishin auch die Götter Taizan-fukun 泰山府君 und Shimeishiroku 司命司禄 angerufen werden. Diese sind Totengötter aus dem Daoismus, die in das buddhistische Totenreich integriert wurden.

König Enma mit Gefolge auf einem Büffel, in der Hand hält er das Banner mit Menschenkopf [Abb. 2]

Eine Schrift aus der Tang-Dynastie erklärt ein Ritual für König Enma, welches in Zeiten von Seuchen und anderer Krankheiten ausgeführt werden sollte: Im Hof von Enma gibt es einen Speer mit einem Banner, auf dem ein Menschenkopf abgebildet ist. Indem König Enma das Feuerlicht sieht, das aus seinem Mund kommt oder sich eine weiße Lotusblume öffnet, kann er beurteilen, ob es sich um einen guten oder schlechten Menschen handelt. Taizan-fukun und Godō Daishin verwenden dann die Ergebnisse des Urteils des Königs, um die endgültige Entscheidung über die Person zu treffen und eine Strafe wie beispielsweise Tod durch Krankheit auszuführen. Wenn König Enma guter Laune ist, sterben Menschen nicht und es kommen keine Seuchen auf, aber es verbreiten sich Krankheit und Tod, wenn er zornig ist.

Obwohl Godō Daishin unter König Enma steht, trifft er die endgültige Entscheidung über Leben und Tod eines Menschen, weswegen er für die damaligen Menschen wie ein stellvertretender Vollstrecker des Urteils des Königs Enma gewirkt haben muss. In einem anderen Ritualbuch aus der Zeit des Kaisers Tang Xuanzong (...) werden Opfer im Kontext von Epidemien (ekibyō 疫病) behandelt. In einer Textstelle wird ein tapferer Dämonenkönig beschrieben, der hinter dem Berg lebt, auf dem Taizan-fukun wohnt. Es wird angenommen, dass dies Godō Daishin ist. In China war die Ansicht verbreitet, dass Seuchen von Dämonen und bösen Geistern verursacht werden, weswegen er als Befehlshaber der Dämonen aufgefasst wurde.

Godō Daishin taucht vor allem in japanischen buddhistischen Schriften zwischen dem 9. und 14. Jahrhundert auf, wobei er besonders häufig im 12. Jahrhundert erwähnt wird. In diesen Texten wird er als Familienmitglied von König Enma aufgefasst und wird in Passagen erwähnt, in denen Rituale und Praktiken von Enma beschrieben werden. Die Datierung der oben genannten mokkan auf den Zeitraum von 1137 bis 1191 bestätigt die aktive Ausübung des Rituals und häufige Verwendung des Namens Godō Daishin. Godō Daishin wurde insofern in Japan vermutlich als eine Gottheit eingeführt, die mit Ritualen für Enma (enmatenhō 焔魔天法) in Verbindung steht. Während die Tendai-Schule 天台宗 ihn bereits zu Ende des 9. Jahrhunderts akzeptiert, erwähnt ihn die Shingon-Schule 真言宗, erst zu Beginn des 12. Jahrhunderts.

Da das Ritual den Lehren des esoterischen Buddhismus mikkyō 密教 angehört, durften ihre Rituale eigentlich nur im Verborgenen ausgeübt werden. Ab der Heian-Zeit waren jedoch religiöse Rituale zur Verehrung von Seuchengöttern ekijin saishi 疫神祭祀 unter der allgemeinen Bevölkerung weit verbreitet (unter anderem das Gion Matsuri 祇園祭), und da esoterische Mönche weder Statuen von Godō Daishin noch seinen Namen öffentlich zur Schau stellen wollten, wurde es laut Yamaguchi Kenji 山口建治[3] nötig, speziell eine Gottheit für buddhistische Tempel zu haben.

Statue von Gozu Tennō des Tsushima-Schreins, die ungewöhnlichen Merkmale wie das Pferdegesicht gehen auf die Darstellung Gozu Tennōs in den Tsushima saimon zurück [Abb. 3]

Die bereits als Gion-Seuchengottheit verehrte Statue des Godō Daishin musste tief im Tempel versteckt oder zerstört werden, damit eine neue Statue der Gion-Gottheit als Ersatz geschaffen werden konnte. Somit wurde die Gion-Gottheit Gotō Tennō in Bezug auf Seuche und Krankheit kreiert, welche später den Namen Gozu Tennō annahm. Der Name Gozu Tennō wurde vermutlich später ausgewählt, da gotō godō zu sehr ähnelte und die Mönche die Tatsache verschleiern wollten, dass der Ursprung des Gion Tenjin Godō Daishin ist. Mit Änderung des Namens folgte auch eine andere Darstellung des Gottes: Die meisten früheren Statuen hatten die Form eines Kriegsherrn mit drei oder vier Gesichtern und Furcht einflößendem Aussehen, während Gozu Tennō als Statue mit Ochsenkopf sich erst später entwickelte.

Korea

Der Kult um Gozu Tennō gründet sich unter anderem auf die Version seiner Legende im Gion Gozu tennō go-engi 祇園牛頭天王御縁起[4] aus der späteren Muromachi-Zeit. In dieser Geschichte finden sich einige Elemente des koreanischen Volksglaubens.

In der frühesten Version der Erzählung hat die erwähnte Seuchengottheit den Namen Mutō Tenjin 武塔天神, welcher offenbar von dem koreanischen Wort mudang, welches Schamane oder Shamanin bedeutet, abgeleitet wird. Auf Japanisch wird er muta oder mutō ausgesprochen und kann sich auch auf Hügel oder Berge mit trapezförmigem Aussehen beziehen. Mutō ist dementsprechend eine Gottheit, die auf dem Gipfel trapezförmiger Berge wohnt. Ein frühes kultisches Zentrum im koreanischen Königreich Silla wurde soshimori genannt und lag in der Nähe solcher Hügel. Der Name lautete Ochsenkopfberg, da laut Kubota Osamu 久保田収著[5] soshi Ochse und mori Kopf bedeutet. Im frühen Korea und Japan war es unter anderem üblich, Rinder für gute Ernte und Vorbeugung gegen Krankheit zu opfern.

In einer anderen Version der Geschichte wird Mutō mit Gozu Tennō, dem ochsenköpfigen Himmelskönig identifiziert, in einer weiteren ist Gozu Tennō Mutōs ältester Sohn. Beide Namen sind mit dem koreanischen Begriff soshimori verbunden und sind mit der Zeit zu einer Gottheit verschmolzen, die unter mehreren Namen bekannt ist.

Interessant ist, dass die früheste Version der Legende im Bingo fudoki 備後風土記[6] vorkommt, nicht in einer aus der Gegend um Kyoto. Eine Theorie besagt, dass Menschen mit koreanischen Vorfahren sich in und um Bingo niederließen und Rituale gegen die Abwehr von Krankheiten praktizierten, welche vermutlich Vorläufer des Gion-Kultes sind. Laut Shiga Takeshi verehrten die Hata (koreanische Einwarderer, auf Koreanisch „Meer“), welches vor der Nara-Zeit nach Japan kamen, Gozu Tennō.

Zusammenfassung

In Japan wurde vermutlich bereits in der Nara-Zeit ein Gozu Tennō mit koreanischen Einflüssen verehrt, bevor Godō Daishin zu Beginn der Heian-Zeit nach Japan im sino-buddhistischen Ritualwesen des Königs Enma übermittelt wurde und sein Name in buddhistischen Schriften auftaucht. Die Ritualpraxis hat ihren Höhepunkt zu Ende der Heian-Zeit im 12. Jahrhundert, danach verschwindet der Name Godō Daishin aus japanischen Schriften und der Name Gozu Tennō setzt sich für diese Gion-Gottheit durch. Das Honchō seiki erwähnt den Namen Gozu Tennō 牛頭天皇 im Zusammenhang eines Brandes im Gion-Schrein 1070, woraus sich schließen lässt, dass Godō Daishin bzw. Gotō Tennō mit dieser Gottheit schlussendlich kombiniert wurden und er in eine Seuchengottheit mit indischen, chinesischen und koreanischen Göttervorfahren mündete.

Wesen der Gottheit

Gozu Tennō ist eine Seuchengottheit, welche in Schriften unterschiedlicher japanischer Glaubensströmungen immer wieder neue Funktionen und Eigenschaften attribuiert werden. Anhand zweier Beispiele sollen einige Aspekte seiner Natur in Japan erklärt werden.

Gozu Tennō als kalendarische Gottheit

Im Laufe der Zeit entstanden mehrere Versionen der Legende um Gozu Gozu Tennō, wovon sich eine im Hoki naiden 簠簋内伝 finden lässt. Sie wird als grundlegende Mythologie für kalendarische Annotationen im Hoki naiden verwendet, auftretende Gottheiten werden mit Onmyōdō 陰陽道-Gottheiten vermischt und so in die Welt der kalendarischen Kommentare rekichū 暦注 (Almanach)[7] als Götter eingegliedert. Unter anderem wird Gozu Tennō mit Tendō-jin 天道神 (Gott des himmlischen Weges) und Somin Shōrai 蘇民将来 mit Tentoku-jin 天徳神 kombiniert. Aus diesem Grund wird das Werk in der Forschung einer kalendarischen Schule zugeschrieben und nicht wie früher weitläufig angenommen Abe no Seimei 安倍晴明. Hoki naiden zählt daher auch als eine Repräsentation mittelalterlicher Mythologie um kalendarische Gottheiten.

Folgendes Zitat verdeutlicht die Natur von Gozu Tennō im Hoki naiden:

On the direction of Tendō-jin…

Here, Tendō-jin is in the direction of Gozu Tennō. This direction is very auspicious for all things and if one buries the placenta or sets for the first time a saddle pointing in this direction, everything one desires and seeks will be fulfilled.

(Hoki naiden, Schriftrolle 1; Saitō 2012:286)

In einer anderen Stelle wird die Richtung von Tentoku-jin beschrieben, welche überaus glücksverheißend für beispielsweise den Bau eines Hauses sei und es wird betont, dass nicht einmal die 84000 Götter der Seuchen diese Richtung stören können. Wenn jemand in diese Richtung geht, wird er zudem von Krankheit verschont. Der Bruder Kotan Shōrai hingegen wird als großer Dämonenkönig kotan daikiō 巨旦大鬼王 dargestellt, der sieben Bewohner eines Haushaltes umbringt, wenn jemand in seine Richtung geht. Basierend auf der Geschichte von Gozu Tennō verwalten die verschiedenen Protagonisten als Götter unterschiedliche Richtungen. Gozu Tennō ist somit als Tendō-jin im Hoki naiden eine schützende bzw. glücksbringende Gottheit.

Gozu Tennō als Krankheit in einem Ritual

Gozu Tennō ist im japanischen Volksglauben Izanagi-ryū いざなぎ流[8] unter Tengeshō 天下小[9] bekannt. Eine Sammlung von Erzählungen abgeleitet aus dem Hoki naiden mit dem Namen Tengeshō no saimon 天下小の蔡文[10] spielen eine wichtige Rolle in Heilungsriten für eine kranke Person. Durch die Rezitation des Tengeshō no saimon wird die Seuchengottheit Gozu Tennō bzw. Tengeshō vom Körper der Person „entfernt“ und zu einem Platz mit dem Namen Kotan no sato 臣旦の里 geschickt.

Dies ist auf die Reinterpretation der Erzählung um Gozu Tennō zurückzuführen: Während in der ursprünglichen Legende Gozu Tennō auf der Suche nach einer Ehefrau ist und auf seinem Rückweg Rache an Kotan Shōrai nimmt, der ihm zuvor Gastfreundschaft verweigerte, dreht sich im Tengeshō no saimon die Geschichte vor allem um eine Verschmutzung durch eine Geburt. Gozu Tennō reist in diesem saimon mit seiner hochschwangeren Frau Gion Daimyōjin 祇園大明神 und während Kotan das Paar aufgrund Angst gegenüber einer Verschmutzung durch eine mögliche Geburt nicht in sein Haus lässt, gewährt Somin Shōrai ihnen Unterkunft. Gozu Tennō bzw. Tengeshō wird also als ein Wesen aufgefasst, welches ein Haus durch Geburtsblutung verunreinigen könnte. Kotans Haus wird später von Gozu Tennō zerstört und genau an diesem Ort wird im rituellen Gebet die Seuchengottheit platziert

Tengeshō no saimon stellt folglich die Grundlage für das „zurücksendende Ritual“ und Reinigung der kranken Person dar. Die Besonderheit des Kultes um Gozu Tennō dreht sich im Izanagi-ryū um das Bewusstsein, dass er keine schützende Gottheit vor Krankheit ist, sondern als Seuchengott mit der Krankheit einer Person identifiziert wird und weggeschickt werden muss.

Gozu Tennō und Susanoo

Ungefähr zur Nara-Zeit gibt es erste Verknüpfungen zwischen Mutō Tenjin und Susannoo Mikoto 須佐之男命, welcher eine fundamentale Rolle in japanischen Legenden spielt und unter anderem als Berggottheit oder Agrargottheit verehrt wird. Wie genau sich diese Entwicklung vollzogen hat, ist bis heute nicht klar, es wird aber vermutet, dass sich im Jahr 877 eine große Epidemie verbreitete und Kräfte verschiedener Götter (Gozu Tennō, Susanoo, Mutō Tenjin und ähnliche ekijin), die mit Krankheiten verbunden waren, gegen die Seuche vereinigt wurden.[11] Laut Neil McMullin[12] zeigte sich jedoch erst in der Kamakura-Zeit, dass Susannoo auch als Gozu Tennō explizit identifiziert wurde.

Erste Seite des Nihon shoki sanso [Abb. 4]

Ichijō Kaneyoshi 一条兼良 (1402–1481)[13] gilt als die Person, welche die unterschiedlichen Gottheiten im Gion-Kult miteiander harmonisierte. In seinem Werk Kuji kongen 公事根源 zitiert er die Geschichte Somin Shōrais aus dem Shaku nihongi 釈日本紀 und den Eintrag über Gozu Tennō in der Enzyklopädie Iroha jiruishō 伊呂波字類抄 mit einigen Veränderungen, sodass sowohl Mutō Tenjin und Gozu Tennō mit Susanoo explizit assoziiert werden. In seinem späteren Werk Nihon shoki sanso 日本書記纂疏[14] inkludiert er eine leicht abgeänderte Legende von Mutō Tenjin und Gozu Tennō in die mythische Welt des Nihon shoki 日本書紀 und transformiert mit dieser Einbindung Susanoo in eine Seuchengottheit.[15]

Folgen des shinbutsu bunri

Im Zuge der Entwicklung eines neuen Staates mit Rückbesinnung auf shintoistische Werte in der Meiji-Zeit wurde versucht, Shintoismus und Buddhismus voneinander zu trennen (shinbutsu bunri 神仏分離). Alte Mythen und Geschichten wurden neu als heilige Texte des Shintoismus interpretiert, Namen von Schreinen und Ritualen geändert (Gion-Schrein wurde zum Yasaka-Schrein umbenannt, um die indische Herkunft des Namens zu verbergen).

Auch die ausländische Gottheit Gozu Tennō durfte nicht mehr verehrt werden, da aber der Gion-Schrein sich auf seine Legende gründete, somit als Schrein von Heilung von Krankheit bekannt war und unter anderem Somin Shōrai-Glücksbringer verkaufte, musste eine Lösung für das Bestehen und Rechfertigung des Schreins gefunden werden. Im Jahr 1906 wurde das zwei-bändige Werk Yasaka-shi 八坂誌 veröffentlicht, welches eine nahtlose Geschichte aus Sammlungen der Mythen um Susanoo in verschiedenen Quellen wie dem Nihon shoki, Mythen um Tan'gun sowie weiteren Materialen präsentiert. Indem Gozu Tennōs indische Herkunft negiert, mit einen koreanischen Ursprung ersetzt und Susanoo mit Tan'gun, dem mythischen Gründer des ältesten koreanischen Staates gleichgestellt wurde, gründet sich der Yasaka-Schrein auf eine scheinbar rein shintoistische Mythenwelt.[16]

Verweise

Literatur

  • John F. Embree 1939
    „Notes on the Indian god Gavagrīva (Godzu Tennō) in contemporary Japan.“ Journal of the American Oriental Society 59/1 (1939), S. 67-70.
  • Karl Florenz (Ü.) 1901
    Nihongi: Japanische Mythologie. (Mittheilungen d. Dt. Ges. f. Natur- und Völkerkunde Ostasiens, IV.) Tokyo: Hobunsha 1901. (Ü. von Nihon shoki, Götterzeitalter nebst Auszügen aus Kojiki und fudoki.)
  • Neil McMullin 1988
    „On placating the gods and pacifying the populace: The case of the Gion "Goryō" cult.“ History of Religions 27/3 (1988), S. 270 - 293. (Exzerpt.)
  • Fabio Rambelli 2006
    „Re-positioning the Gods: "Medieval Shintō" and the origins of non-Buddhist discourses on the kami.“ Cahiers d'Extrême-Asie 16/1 (2006), S. 305-325.
  • Hideki Saitō 2012
    „The worship of Gozu Tennō and the ritual world of the Izanagi-ryū.“ Cahiers d'Extrême-Asie 21/1 (2012), S. 277-301. (Exzerpt Übersetzung ins Englische: Giorgio Premoselli.)
  • Kōtaro Suzuki 2013
    „Gozu tennō engi ni kansuru kisoteki kenkyū.“ Ritsumeikan bungaku 立命館文学 630 (2013), S. 754–762. (An Introductory Study of 'Gozu-tenno-engi'.)
  • Kōtarō Suzuki 2019
    Gozu tennō shinkō no chūsei. Kyoto: Hōzōkan 2019. (The Faith of Gozu-Tennō in the Middle Ages.)
  • Sarah Thal 2002
    „Redefining the gods: Politics and survival in the creation of modern kami.“ Japanese Journal of Religious Studies 29/3 (2002), S. 397-404.
  • David Weiss 2020
    The shady little brother of the Sun Goddess: Susanoo and the close other in Japan’s cultural memory. Zur Publikation vorgelegtes Dissertationsmanuskript 2020. (Dissertation Universität Tübingen, 2016.)
  • Kenji Yamaguchi 2019
    „Gozu tennō tanjō no nazo o toku kagi: Shiotsukō iseki kishōmon-satsu ni shirusareta.“ Himoji shiryō kenkyū 非文字資料研究 [The study of nonwritten cultural materials] 19 (2019), S. 1-20. (Exzerpt The Key to Solving the Mystery of the Birth of Ancient Deity Gozu Tenno: "Gotoutenno" written in the Pledge Documents on the Wood Board of Shiozu Port ruins.)

Internetquellen

Letzte Überprüfung der Linkadressen: 2021/08/16

Fußnoten

  1. König Enma, Religion in Japan (Stand: 2021/08/16)
  2. Kishōmon ist ein schriftlicher Schwur an die Götter und besagt, dass bei Brechung des Eides die Person durch die magische Kraft der Götter oder des Buddhas bestraft wird.
  3. Emeritierter Professor, der über chinesische Literatur und chinesischen Volkglauben forschte, darüber hinaus publizierte er über Ursprünge von Oni 鬼 und Zeremonien ihrer Austreibung na no girei 儺の儀礼. vgl. Exzerpt:Yamaguchi 2019
  4. Engi 縁起 kann mehrere Bedeutungen wie gutes/schlechtes Omen (engi ga yoi/warui 縁起がよい/悪い), die Herkunft oder den Ursprung von etwas andeuten oder erklärt als buddhistischer Begriff, dass alle Dinge durch Kausalität auftreten. Siehe „縁起“, Weblio (Stand: 2021/08/16) In dem Kontext um die Seuchengottheit Gozu Tennō ist es als die Herkunfts-/Ursprungsgeschichte von Gozu Tennō zu verstehen.
  5. Kubota Osamu ist ein japanischer Wissenschaftler, der vor allem über Shintoismus und den Yasaka/Gion-Schrein forschte. vgl. Auswahl seiner Publikationen, CiNii (Stand: 2021/08/16)
  6. Eine Chronik der Provinz Bingo 備後, welche in der Nara-Zeit entstand. In diesem Bericht besucht die Gottheit Susanoo einen reichen und armen Bruder und erklärt zu Ende der Erzählung der ärmeren Familie ein Ritual, um von Krankheit verschont zu bleiben.
  7. Der Duden bezeichnet Almanach als eine mit einem Kalender verbundene bebilderte Sammlung von Texten. Die Herkunft des Wortes ist nicht genau geklärt, aber es wird auf das lateinische Wort "alachmanur", welches astronomisches Jahrbuch bedeutet, zurückgeführt. („Almanach“, Duden (Stand: 2021/08/16) ) Das japanische rekichū ist diesem Begriff in seiner Bedeutung ähnlich, generell werden in einem rekichū wissenschaftliche und astronomische Angelegenheiten und jährliche Ereignisse wie unter anderem Daten und Wochentage beschrieben sowie glücksverheißende bzw. unglücksverheißende Zeiten (Datum und Uhrzeit) und Richtungen angemerkt. („Rekichū 暦注“, Wikipedia[ja] (Stand: 2021/08/16) )
  8. In der Wissenschaft wird angenommen, dass der japanische Volksglauben Izanagi-ryū いざなぎ流 ein Synkretismus aus vielen verschiedenen Religionen wie unter anderem Onmyōdō 陰陽道, Shugendō 修験道, sowie Elemente des esoterischen Buddhismus mikkyō 密教 und Miwa-ryū Shintō 三輪流神道 beinhaltet. Im Zentrum des Volksglaubens steht der sogenannte tayū 太夫, ein Magier bzw. Ritualist, welcher Zeremonien für die Götter ausführt. vgl. Umeno 2012, S. 342–344
  9. laut dem Hoki naiden ist dies ein weiterer Name für den Seuchengott
  10. Saimon hat eine ähnliche Bedeutung wie engi, es handelt sich um Texte mit mythischen Erzählungen oder Ursprungsgeschichten, welche in Ritualen verwendet werden. vgl. Saitō 2012, S. 280
  11. Vgl. Entstehungsgeschichte des Gion Matsuri
  12. Emeritierter Professor, er lehrte und forschte unter anderem über Themen innerhalb des Buddhismus in Japan wie beispielweise über den Gion-Kult. vgl. Exzerpt:McMullin 1988
  13. Gilt als einer der letzten japanischen Hofadligen. „Ichijō Kaneyoshi“, Wikipedia[de] (Stand: 2021/08/16)
  14. eingescannte Manuskripte des „Nihon shoki sanso 日本書記纂疏“, Center for Open Data in the Humanities 人文学オープンデータ共同利用センタ (Stand: 2021/08/16)
  15. detaillierte Beschreibung dieser Entwicklung vgl. Weiss 2020, S. 185–192
  16. detaillierte Beschreibung dieser Entwicklung vgl. Weiss 2020, S. 230–238

Bilder

Quellen und Erläuterungen zu den Bildern auf dieser Seite:

  1. Gozu tenno.jpg
    Gozu Tennō und Inada-hime Blockdruck, nishiki-e 錦絵, musha-e 武者絵 (Papier, Tusche, Farbe) von Utagawa Kuniteru I (Sadashige) 歌川国輝 (貞重) (1808–1876). Edo-Zeit, 1847-52; aus der Serie 本朝英雄伝 (Biographien der Helden unseres Landes); 35,5 x 24,2 cm
    Bild © Museum of Fine Arts Boston. (Letzter Zugriff: 2014/8/7)
    William Sturgis Bigelow
    Gozu Tennō, Inada-hime 牛頭天皇<r (Die Schreibweise 天皇 ist eigentlich nicht korrekt. Für Gozu Tennō werden üblicherweise die Schriftzeichen 天王 verwendet.) 稲田姫. Gozu Tennō wird hier als Susanoo no Mikoto dargestellt, der Inada-hime (Kushinada-hime) vor dem Drachen Yamata no orochi 八岐大蛇 (Nihongi), bzw. 八俣遠呂智 (Kojiki) rettet. Inada-hime wird darauf hin seine Frau.
  2. Enma auf Büffel.jpg
    Enma-ten und Gefolge Tafel (Holz, Farbe), Detail. Kamakura-Zeit, 13.–14. Jh.; Tōkyō National Museum
    Bild © ursprüngliche Seite nicht mehr verfügbar. (Letzter Zugriff: 2021/8/23)
    König Enma auf einem Büffel. Mandala-artige Komposition, die Enmas Funktionen als Richter der Unterwelt und als Wächter des Dharma vereint. Das Bild befindet sich auf der Rückwand eines Miniaturaltars (zushi), in dessen Zentrum eigentlich eine Statue des Aizen Myōō steht.
  3. Gozu Statue.jpg
    Statue von Gozu Tennō (Mokuzō gozu tennō-izō) Statue (Holz); Höhe: 18,5 cm
    Bild © Tsushima Bunka. (Letzter Zugriff: 2021/1/4)
    Diese Statue unterscheidet sich von anderen Gozu Tennō-Statuen dadurch, dass das Hauptgesicht ein Pferdegesicht und die Füße Vogelfüße sind. Diese ungewöhnliche Form wird im Gozu tennō kō shiki 牛頭天王講式 und im Tsushima gozu tennō saimon 津島牛頭天王祭文 beschrieben, welche zum literaischen Kanon des Tsushima Schreins gehören.
  4. Nihonshoki sanso.jpg
    Nihon shoki sanso Ichijō Kaneyoshi (1402-1481)
    Bild © dhii.jp. (Letzter Zugriff: 2021/8/13)