Tennō 天皇 ist der offizielle Titel der japanischen Herrscher und wird im Deutschen üblicherweise mit „Kaiser“, im Englischen mit „emperor“ übersetzt. Der Begriff ist zugleich das Kennzeichen einer Dynastie, deren Besonderheit in ihrer langen Dauer liegt, die mythologisch bis an den Beginn der Geschichte, historisch bis zum Beginn der japanischen Geschichtsschreibung im 6. Jh. zurückreicht. Die Funktionen des Tennō bzw. seine politischen Befugnisse haben sich jedoch im Laufe der Geschichte mehrmals drastisch geändert.
Der Begriff Tennō
Historiker gehen heute davon aus, dass der Begriff „天皇“ unter Tenmu Tennō im siebten Jahrhundert entstand und danach auch für frühere Herrscher angewandt wurde. Wobei die Lesung der Schriftzeichen „天皇“ (Himmel + Kaiser) wohl noch bis zur Meiji-Zeit „てんおう“ (te-n-o-u) gelesen wurde, da erst in Folge der Renj[1] die Aussprache/Schreibung „てんのう“ (te-n-no-u) entsteht.
Bevor der Titel Tennō entstand, wurden folgende Bezeichnungen für die Herrscher von Yamato 倭国[2] (oder auch „和国“; sprich „Wakoku“) verwendet.
Auf nationaler Ebene (innerhalb des Herrschaftsbereichs):
In den fudoki aus dem 8. Jh. werden die Herrscher noch nicht als Tenno bezeichnet, sondern mit rein japanischen Namen und Titeln (z.B.: Homuda no sumera mikoto (Prinz Homuda) = Ōjin Tennō). Im Altertum war es außerdem üblich, die Herrscher durch ihren Palast zu identifizieren, da sich ursprünglich jeder Herrscher eine neue Residenz errichten ließ.
Posthume Namen der Tennō
Ähnlich wie der Titel tennō sind auch die posthum verliehenen Eigennamen der Tennō erst ein relativ spätes Produkt der japanischen Geschichte. Sie wurden erst nach der Abfassung von Kojiki 聖武天皇 und Nihon shoki 日本書紀 unter Shōmu Tennō 聖武天皇 (wtl. heilger Krieger) eingeführt. Die älteren Namen wurden rückblickend vom Hofgelehrten Ōmi
no Mifune 淡海 三船 (722–785) kreiert.[5] Für die frühen Kaiser wählte er häufig Namen, die sich auf ihre Biografie beziehen, z.B. Sujin 崇神 (in etwa „Verehrer der Götter“).
Sowohl der Titel tennō als auch die davor gestellten Eigennamen sind für die Perioden vor der Nara-Zeit 奈良時代 daher anachronistisch. Trotzdem werden auch die ältesten japanischen Herrscher heute üblicherweise mit diesen posthumen Namen bezeichnet, einfach weil dies angesichts der oft sehr langen und komplizierten Eigennamen der betreffenden die einfachste Methode ist.
Mythische Abstammung und Insignien
Herrschaftsauftrag
Der lange Zeit aufrecht erhaltene Anspruch der japanischen Tennō-Dynastie von der Sonnengöttin Amaterasu 天照 abzustammen, führt sich vor allem auf einen Auszug aus dem Nihon shoki zurück. Dort wird Ninigi no mikoto von Amaterasu der Auftrag erteilt über die Mittellande, interpretiert als Japan, zu herrschen.
Sodann befahl sie [Amaterasu] dem souveränen erlauchten Enkel Ninigi no mikoto und sprach: „Dieses Land der eintausend-fünfhundert herbstlichen frischen Ähren des Schilfgefildes ist die Region, welche meine Nachkommen als Herrscher beherrschen sollen. Gehe du, mein souveräner erlauchter Enkel, hin und regiere es! Möge das Blühen und Gedeihen der himmlischen Dynastie wie Himmel und Erde ohne Ende dauern!“
Als Herrschaftssymbole werden Ninigi von der Sönnengöttin außerdem drei Throninsignien überreicht, das/die yasakani-Krummjuwel(en) 八尺瓊曲玉[6], der yata-Spiegel 八咫鏡 und das kusanagi-Schwert 草薙の剣. Spiegel und Schwert wurden erstmals 690 n.Chr. bei einer Inthronisationszeremonie als Throninsignien eingeführt, das/die Krummjuwel(en) kamen erst später dazu.
Offiziell werden die drei Throninsignien immer noch in verschiedenen Schreinen verehrt. Allerdings gibt es keine offiziellen Abbildungen, weshalb der wirkliche Verbleib bzw. die bloße Existenz nicht endgültig gesichert ist.
Mögliche Form der Throninsignien des japanischen Kaiserhauses [Abb. 1]
Die Abstammung von Ninigi no Mikoto nach Florenz [Abb. 3]
Yata no kagami
Bis heute wird der Spiegel, bei dem es sich des Mythos zufolge um eben jenen Spiegel handelt mit dem die Götter Amaterasu aus der Höhle hervorlockten, und der im Kojiki als ihr tama bezeichnet wird, im Inneren Ise-Schrein 伊勢大神宮 verehrt.
Kusanagi no tsurugi
Das Schwert wird im Atsuta Schrein 熱田神宮 in Nagoya verwahrt und repräsentiert dort Amaterasu.
In seinem Aufsatz Myth in Metamorphosis: Ancient and Medieval Versions of the Yamatakeru Legend thematisiert Isomae Jun'ichi unter anderem auch die verschiedenen Theorien über den Verlust des Schwertes in der Schlacht von Dannoura 壇ノ浦の戦い (1185), sowie den Fokus den mittelalterliche Versionen der Yamatakeru Legenden auf die Geschichte des Schwertes legen.[7]
Yasakani no magatama
Das/die Krummjuwel(en) wird/werden im kaiserlichen Palast aufbewahrt, zusammen mit Repliken von Schwert und Spiegel, als Symbol für die Macht und Würde des Kaisers.
Mythische und historische Regierungsperioden
Die Lebens- und Regierungsdaten, wie sie den Herrscher von der traditionellen Geschichtsschreibung zugeschrieben werden, gelten heute erst ab dem 29. Tennō, Kinmei (s.u.), als historisch gesichert. Die Tennō bis inklusive Nintoku Tennō (17) werden sogar als mythische Gestalten angesehen, welche vermutlich keiner historischen Person entsprachen. Aus diesem Grund sind diese Herrscher in der folgenden Analyse unter den beiden Gruppen „mythisch“ (1. bis 16.) und „yamato“ (17. bis 28.) subsumiert.
Wie auf der Grafik ersichtlich sind aus rein statistisch/mathematischen Überlegungen die Datierungen vor dem 29. Tennō, auf jeden Fall jedoch vor dem 17. Tennō, als nicht glaubwürdig anzusehen. Während die Häufigkeitsverteilung der sicher datierten Tennō eine sehr klare Verteilung erkennen lässt, nämlich eine Regierungszeit zwischen 2 und 25 Jahren, liegt diese bei den mythischen Tennō bei etwa 50 Jahren. Dies ist ebenso unglaubwürdig wie auch die angeführten Lebensspannen dieser Personen, jedoch nicht verwunderlich oder außergewöhnlich. Ein möglichst früher Beginn des Herrschergeschlechts wurde in allen monarchischen Kulturen zur Erlangung einer größeren Legitimität angestrebt. Würde man die Regierungszeiten der (nicht sicher datierten) Tennō mit einem plausiblen Wert (wie die Regierungsdauern in den Perioden danach) annehmen, so würde Jimmu Tennō seine Regentschaft zwischen 250 und 300 nach unserer Zeitrechnung begonnen haben. Natürlich ist eine solche Berechnung ein reines Gedankenexperiment, aber dennoch möglicherweise plausibel, da es die Anfänge der Tennō-Clans eher in der ausgehenden Yayoi 弥生時代 und beginnenden Kofun-Zeit 古墳時代 sieht.
Schlussendlich ist aber die einzige wirkliche Funktion dieser Berechnung jene, auf die Unglaubwürdigkeit der Tennō-Datierung hinzuweisen und diese mit statistischen Mitteln zu untermauern.
Vollständige Liste der japanischen Tennō
Die Daten sind der Website von Dr. Eva-Maria Meyer (Universität Tübingen, s.u. Quellen) entnommen.
Die Bilder stammen aus einem Provinzmuseum mit stark patriotischer Orientierung namens
Nippon Rekishikan 日本歴史観 (Haus der Japanischen Geschichte) in Nagano.[8]
Anm: N.. repräsentiert die nach dem Schisma von 1336 entstandene "nördliche Linie", die nur während des 14. Jh. (in der sog. Nord-Süd-Hof Zeit) Bestand hatte.
Die historischen Quellen der Shinto-Religion. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1919. (Übersetzungen von Kojiki und Nihon shoki [in Auszügen] sowie Kogo shūi [ganz].)
↑Assimilationserscheinung wenn auf „chi“, „tsu“ oder den Silbenschlussnasal „n“ eine Silbe der a-, ya- oder wa-Reihe folgt; die zweite Silbe wechselt dann zur ta- bzw. na- oder ma-Reihe und der Konsonant wird verdoppelt
↑Vom ca. 2.Jh. - 7.Jh. eine Bezeichnung des Landes/Gebiets, das sich ab dem 7. Jh. als Nippon/Nihon (日本) bezeichnete.
↑ Dies berichtet jedenfalls das Shaku nihongi aus dem 13. Jh. Quelle: Wikipedia(ja) (2010/09/02).
↑es ist bisher nicht wirklich geklärt, was man sich unter dem yasakani no magatama vorzustellen hat, es gibt archäologische Funde die als Krummjuwelen bezeichnet werden und in der Form einer Hälfte des Yin-Yang ähneln
↑
Die Bilder sind natürlich in den meisten Fällen pure Fiktion. Sie kursierten eine Zeit lang auf diversen japanischen Blogs und wurden 2010 von einer Seminarteilnehmerin systematisch gesammelt.
Maler und Entstehungszeit der Bilder ließen sich nicht eruieren, sie dürften jedoch aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammen.
Bilder
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