Hiruko

Aus Kamigraphie
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Themengruppe Gottheiten (Götter, numinose Erscheinungen)
Name Hiruko 蛭子 („Blutegelkind“)
Rel. Zugehörigkeiten Shintō
Herkunft Japan
Ikonographie als Ebisu 恵比寿
Diese Seite entstand im Kontext des Seminars Kamigraphie:Glücksgötter.


Hiruko 蛭子 ist eine mythologische Figur, die sowohl im Kojiki 古事記 („Chronik alter Begebenheiten“) als auch im Nihon shoki 日本書紀 (wtl. „Chronik Japans“) vorkommt. Hiruko gilt als das erstgeborene Kind von Izanagi 伊邪那岐命 und Izanami 伊邪那美命, das aufgrund seiner körperlichen Unzulänglichkeiten schließlich ausgesetzt wird. Während es danach in den Mythen nicht weiter erwähnt wird, wird es heute auch mit dem Glücksgott Ebisu 恵比寿 in Verbindung gebracht.

Kojiki

Im Kojiki vollziehen Izanami und Izanagi zu Anfang ihre Ehe und zeugen Kinder. Im Zuge dieses Rituals entstehen Hiruko und eine Insel, die jedoch für nicht gut befunden werden und daher nicht zu ihren Kindern gezählt werden. Der Grund dafür ist die Tatsache, dass Izanami während dem Vollzug der Ehe vor Izanagi spricht. Die beiden setzen Hiruko aus und befragen die Himmelgötter, welche sie schließlich über ihr Fehlverhalten aufklären. Das Ritual wird wiederholt, und die japanischen Inseln werden geboren.

Als sie nach Abschluß dieses Versprechens demgemäß den Rundgang machten, rief Izanami no Mikoto zuerst: „Oh schöner, lieblicher Jüngling!“ Hierauf rief Izanagi no Mikoto: „Oh schöne, liebliche Jungfrau!“ Nachdem sie beide ihre Rede beendet hatten, sprach er zu seiner jüngeren Schwester und sagte: „Daß das Weib zuerst spricht, paßt sich nicht.“ Trotzdem vollzogen sie auf dem Brautlager den Beischlaf und erzeugten einen Sohn Hiru-ko. Diesen Sohn setzten sie in ein Schilf-Boot und ließen ihn fortschwimmen. Sodann erzeugten sie die Insel Aha. Auch diese schlossen sie nicht in die Zahl ihrer Kinder ein.
Florenz 1919, S. 13−14

Nihon shoki

Obwohl auch im Nihon shoki das Ritual der Ehe zunächst „falsch“ vollzogen wird, hat dies nicht in allen Varianten Folgen. In einigen Fällen entsteht Hiruko erst an späterer Stelle: Zunächst werden die Inseln, das Meer, Flüsse, Berge und Bäume gezeugt. Anschließend werden Amaterasu 天照 und Tsukuyomi 月読尊 geboren, doch bevor wie üblich Susanoo 須佐之男 entsteht, wird Hiruko gezeugt, der mit drei Jahren noch nicht auf seinen Beinen stehen kann und daher schließlich ausgesetzt wird. Wenn Hiruko in diesen Varianten auch nicht unmittelbar nach dem falsch durchgeführten Ritual geboren wird, wird dieses trotzdem als Grund für seine Unfähigkeit zu laufen angegeben.

Als nun die Zeit der Geburt herangekommen war, wurde zunächst die Insel Ahaji als Mutterkuchen betrachtet, und ihre Gemüter hatten keine Freude daran. Daher erhielt sie den Namen Insel Ahaji. [...] Hierauf erzeugten sie miteinander die Sonnengöttin, welche Oho-hiru-me no Muchi genannt wurde [...]. Sodann erzeugten sie den Mondgott [...]. Sodann erzeugten sie das Blutegel-Kind, welches selbst nachdem es drei Jahre alt geworden war noch immer nicht auf den Beinen stehen konnte. Daher setzten sie es in das himmlische Fels-Kampferholz-Boot und überließen es den Winden. Sodann erzeugten sie Susa no Wo no Mikoto.
Florenz 1919, S. 127−131

Variante I:

Da sprach die weibliche Gottheit zuerst und sagte: „Ach, wie schön! Ein lieblicher Jüngling!“ Die männliche Gottheit antwortete darauf und sprach: „Ach, wie schön! Eine liebliche Jungfrau!“ Endlich wurden sie Mann und Frau. Zuerst erzeugten sie das Blutegel-Kind, das sie sofort in ein Schilf-Boot setzten und fortschwimmen ließen. Darauf erzeugten sie die Insel Aha. Auch diese schlossen sie nicht in die Zahl ihrer Kinder ein. Daher kehrten sie zurück und stiegen wieder nach dem Himmel hinauf, wo sie von den Umständen genauen Bericht erstatteten.
Florenz 1919, S. 128

Variante II:

In einer Schrift heißt es: Nachdem die Sonne und der Mond schon erzeugt waren, erzeugten sie zunächst das Blutegel-Kind. Als dieses Kind das Alter von vollen drei Jahren erreicht hatte, konnte es immer noch nicht auf den Beinen stehen. Der Grund, warum ihnen jetzt das Blutegel-Kind geboren wurde, war, daß im Anfang, als Izanagi no Mikoto und Izanami no Mikoto um den Pfeiler herumgingen, die weibliche Gottheit zuerst Worte der Freude äußerte und so gegen das Prinzip von Mann und Weib verstieß. Sodann erzeugten sie Susa no Wo no Mikoto. [...] Sodann erzeugten sie das Vogel-Felsen-Kampferholz-Boot. Hierauf nahmen sie dies Boot und setzten das Blutegel-Kind hinein und überließen es der Strömung des Wassers.
Florenz 1919, S. 132

Variante X:

In einer Schrift heißt es: Die weibliche Gottheit sprach zuerst und sagte: „Ach, wie schön! ein lieblicher Jüngling!“ Hierauf nahm sie die männliche Gottheit bei der Hand und schließlich wurden sie Mann und Frau und erzeugten die Insel Ahaji und sodann das Blutegel-Kind.
Florenz 1919, S. 130

Interpretation

Hirukos Name bedeutet auf Deutsch „Blutegelkind“. Dies scheint von seiner körperlichen Beeinträchtigung herzurühren: Es wird vermutlich auf einen schwachen, weichen Körper ohne Knochen angespielt.[1] Wie Naumann auch erwähnt, wird Amaterasu in einer Variante Hirume bezeichnet. Demnach könnte der Name als Anspielung darauf auch einen Sonnengott bezeichnen. Hierfür gibt es aber keine weiteren Anhaltspunkte.[2]

Desweiteren ist Hiruko laut Katō ein Anzeichen dafür, dass die japanischen Gottheiten im Gegensatz zu theokratischen Göttern nicht allmächtig oder allwissend sind: Izanami und Izanagi müssen die richtige Durchführung des Rituals erst lernen, und obwohl sie Götter sind, kann eine fehlerhafte Handlung nicht verhindert werden.[3]

Die Aussetzung Hirukos scheint nach Florenz auf einen alten Brauch anzuspielen, schwächliche Kinder auszusetzen.[4]

Dass weibliches Fehlverhalten als Grund für das Misslingen des ehelichen Rituals angeführt wird, ist möglicherweise auf chinesischen Einfluss zurückzuführen, da die Frau am japanischen Hof zur Zeit der Verfassung der Mythen höheres Ansehen besaß, als man durch diese Stelle in der Mythologie annehmen möchte.[5]

Verweise

Literatur

  • Karl Florenz 1919
    Die historischen Quellen der Shinto-Religion. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1919. (Übersetzungen von Kojiki und Nihon shoki [in Auszügen] sowie Kogo shūi [ganz].)
  • Genchi Katō 1973
    A historical study of the religious development of Shintō. Tōkyō: Ministry of Education 1973. (Ü. ins Englische von Hanayama Shōyū.)
  • Nelly Naumann 1996
    Die Mythen des alten Japan. München: Beck 1996. (Exzerpt.)

Fußnoten

  1. Florenz 1919, S. 14
  2. Naumann 1996, S. 61
  3. Katō 1973, S. 35
  4. Florenz 1919, S.14
  5. Naumann 1996, S. 62