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− | | Feuer mit Feuer bekämpfen: Der ‚Gehörnte Meister‘ und sein Kult | + | | Feuer mit Feuer bekämpfen: Der Gehörnte Meister und sein Kult |
| + | | autor= Josko Kozic<ref>Der vorliegende Gastbeitrag von Josko Kozic beruht auf einem Aufsatz des Autors für die ''OAG-Notizen'' (Ausgabe März 2021) und wurde in Zusammenarbeit mit dem Herausgeber von ''Religion-in-Japan'' für die Online Präsentation adaptiert.</ref> |
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| + | In den komplex verwobenen Glaubensvorstellungen des japanischen Buddhismus und des Shintō finden sich viele Beispiele für verehrte Figuren, die im Laufe ihrer Geschichte „die Seiten wechseln“, sowohl was ihre religiöse Zugehörigkeit als auch, was ihre moralische Bewertung betrifft. Dazu lassen sich auch Dämonen zählen, welche nach ihrer Bezwingung und Unterwerfung (meist durch die Hand von mächtigen Mönchen) zu Wächtern der buddhistischen Lehre ({{s|dharma}}) und/oder zu Beschützern der Menschen vor Krankheit und Unheil werden. Als ein in ganz Japan prominenter Vertreter der letzteren Gruppe soll im folgenden Aufsatz der „Gehörnte Meister“ ({{g|Tsunodaishi}}) und sein Glaubenskult vorgestellt werden. |
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| + | |Ryōgen in doppelter Erscheinungsform |
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− | {{fl|I}}n den komplex verwobenen Glaubensvorstellungen des japanischen Buddhismus und des Shintō finden sich viele Beispiele für verehrte Figuren, die im Laufe ihrer Geschichte „die Seiten wechseln“, sowohl hinsichtlich ihrer religiöse Zugehörigkeit als ihrer moralischen Bewertung. Dazu lassen sich auch Dämonen zählen, welche nach ihrer Bezwingung und Unterwerfung (meist durch die Hand von mächtigen Mönchen) zu Wächtern der buddhistischen Lehre (dharma) und/oder zu Beschützern der Menschen vor Krankheit und Unheil werden. Als ein in ganz Japan prominenter Vertreter der letzteren Gruppe soll im folgenden Aufsatz der „Gehörnte Meister“ (Tsuno Daishi) und sein Glaubenskult vorgestellt werden.
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| == Ryōgen == | | == Ryōgen == |
− | Die komplexe Gestalt des Gehörnten Meisters stellt ein einzigartiges Beispiel für die Symbiose von Mensch und Dämon dar, und zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass sie eigene Glaubensbewegungen hervorrief, die einst weite Verbreitung in Japan fanden und auch heute noch Spuren im religiösen Alltag hinterlassen. Ausgangspunkt war die Legende eines gewissen {{g|Tendaishuu|Tendai}}-Mönchs namens {{g|Ryougen}}, der einen seuchenbringenden Dämon erfolgreich schlagen und vertreiben konnte, indem er zuvor selbst die Gestalt eines Dämons angenommen hatte. Es ist diese Gestalt, die als „Gehörnter Meister“ schließlich vergöttlicht wurde. Wie in diesem Artikel gezeigt wird, ist dieser Kult aber nicht zu erklären, wenn man nicht auch die historische Figur des Ryōgen, einschließlich seines politischen Einflusses und seines Charismas bei Klerus, Adel und Volk mit berücksichtigt. | + | Die komplexe Gestalt des Gehörnten Meisters stellt ein einzigartiges Beispiel für die Symbiose von Mensch und Dämon dar und zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass sie eigene Glaubensbewegungen hervorrief, die einst weite Verbreitung in Japan fanden und auch heute noch Spuren im religiösen Alltag hinterlassen. Ausgangspunkt war die Legende eines gewissen {{g|Tendaishuu|Tendai}}-Mönchs namens {{g|Ryougen}}, der einen seuchenbringenden Dämon erfolgreich schlagen und vertreiben konnte, indem er zuvor selbst die Gestalt eines Dämons angenommen hatte. Es ist diese Gestalt, die als „Gehörnter Meister“ schließlich vergöttlicht wurde. Wie in diesem Artikel gezeigt wird, ist dieser Kult aber nicht zu erklären, wenn man nicht auch die historische Figur des Ryōgen, einschließlich seines politischen Einflusses und seines Charismas bei Klerus, Adel und Volk mit berücksichtigt. |
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| === Biographie === | | === Biographie === |
− | Ryōgen wurde im Jahre 912 in der Gemeinde Azai der Provinz Ōmi (heutige Stadt Nagahama in der Präfektur Shiga), am Standort des heutigen Gyokusen-ji, dem „Tempel der Juwel-Quelle“ geboren. Sein Leben ist uns aus der relativ zeitnahen Biographie ''Jie daisōjō-den'' 慈恵大僧正伝 (1031 mit einem Zusatz aus 1032) sowie aus späteren eher hagiographischen Werken wie dem ''Jie daishi-den'' 慈恵大師伝 (1469) bekannt. Ryōgens Vater entstammte der chinesisch-stämmigen Familie Kozu 木津, seine Mutter dem alten {{g|Mononobe}}-Clan, doch scheint die Familie in eher bescheidenen Verhältnissen gelebt zu haben. Spätere Biographen versuchten, Ryōgen eine schillerndere Abstammung zuzuschreiben, sodass er bisweilen auch als ein Nachkömmling des Uda Tennō oder des Gelehrten und postum vergöttlichten {{g|Sugawaranomichizane}} ausgewiesen wird. Im Alter von 11 Jahren wurde Ryōgen im Tendai-Zentrum {{g|Enryakuji}} auf Berg {{g|Hieizan|Hiei}} als Mönchsschüler aufgenommen und soll bereits in jungen Jahren durch seine beeindruckende Intelligenz und seine außergewöhnliche Redegewandtheit die Gunst der mächtigen {{g|Fujiwara}} erworben haben. Er erlangte dank dieser Wertschätzung Positionen, die ansonsten nur Mitgliedern des Hochadels vorbehalten waren, und hielt u.a. Riten für das persönliche Wohl der kaiserlichen Familie und die Geburt eines Thronfolgers ab. 966 stieg er zum 18. Oberhaupt ({{g|sazu}}) der Tendai Schule auf. Mit 54 Jahren war er einer der jüngsten, die dieses Amt je innehatten.
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− | Der Enryaku-ji Klosterkomplex war zu Ryōgens Zeit von existenzbedrohenden Krisen bedroht: weite Teile der Anlage waren Opfer von Naturkatastrophen und Bränden geworden, während ein Schisma der Tendai Schule zu häufigen, mitunter gewaltsamen Auseinandersetzungen mit dem Erzrivalen Onjō-ji (Mii-dera), einem Tempel am Fuße des Klosterberges, führte. In dieser Situation setzte sich Ryōgen zum einen tatkräftig für eine Restauration der zerstörten Tempel und Pagoden ein, trieb aber auch die theoretischen Studien im Bergkloster voran und schärfte die religiösen Disziplinen und Mönchsvorschriften. Dadurch stärkte er die Position des Klosters und die Zahl der Novizen stieg neuerlich an. Des Weiteren sorgte Ryōgen als erster für eine systematische militärische Verteidigung und gilt insofern als Begründer der bewaffneten Mönchsheere (sōhei 僧兵),<!-- | + | Ryōgen wurde im Jahre 912 in der Gemeinde Azai der Provinz Ōmi (heutige Stadt Nagahama in der Präfektur Shiga), am Standort des heutigen {{g|Gyokusenji}} („Tempel der Juwel-Quelle“) geboren.<ref>Sein Leben ist uns aus der relativ zeitnahen Biographie ''Jie daisōjō-den'' 慈恵大僧正伝 (1031 mit einem Zusatz aus 1032) sowie aus späteren, stärker hagiographisch geprägten Werken wie dem ''Jie daishi-den'' 慈恵大師伝 (1469) bekannt.</ref> Ryōgens Vater entstammte der chinesisch-stämmigen Familie Kozu, seine Mutter dem alten {{g|Mononobe}}-Clan, doch scheint die Familie in eher bescheidenen Verhältnissen gelebt zu haben. Spätere Biographen versuchten, Ryōgen eine schillerndere Abstammung zuzuschreiben, sodass er bisweilen auch als ein Nachkömmling des {{g|Udatennou}} oder des Gelehrten und postum vergöttlichten {{g|Sugawaranomichizane}} ausgewiesen wird. Im Alter von 11 Jahren wurde Ryōgen im Tendai-Zentrum {{g|Enryakuji}} auf Berg {{g|Hieizan|Hiei}} als Mönchsschüler aufgenommen und soll bereits in jungen Jahren durch seine beeindruckende Intelligenz und seine außergewöhnliche Redegewandtheit die Gunst der mächtigen {{g|Fujiwara}} erworben haben. Er erlangte dank dieser Wertschätzung Positionen, die ansonsten nur Mitgliedern des Hochadels vorbehalten waren, und hielt u.a. Riten für das persönliche Wohl der kaiserlichen Familie und die Geburt eines Thronfolgers ab. 966 stieg er zum 18. Oberhaupt ({{g|zasu}}) der Tendai-Schule auf. Mit 54 Jahren war er einer der jüngsten, die dieses Amt je innehatten. |
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| + | | Ryōgen (1286) |
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| + | Der Enryaku-ji Klosterkomplex war zu Ryōgens Zeit von existenzbedrohenden Krisen bedroht: weite Teile der Anlage waren Opfer von Naturkatastrophen und Bränden geworden, während ein Schisma der Tendai-Schule zu häufigen, mitunter gewaltsamen Auseinandersetzungen mit dem Erzrivalen {{g|Onjouji}} (Mii-dera), einem Tempel am Fuße des Klosterberges, führte. In dieser Situation setzte sich Ryōgen zum einen tatkräftig für eine Restauration der zerstörten Tempel und Pagoden ein, trieb aber auch die theoretischen Studien im Bergkloster voran und schärfte die religiösen Disziplinen und Mönchsvorschriften. Dadurch stärkte er die Position des Klosters und die Zahl der Novizen stieg neuerlich an. Als Meister der Debatte, die damals in buddhistischen Kreisen häufig zwischen konkurrierenden Schulen gepflegt wurde, gelang es ihm, den Tendai Buddhismus bei Hof gegenüber den sogenannten {{g|Nara}}-Schulen in den Vordergrund zu rücken. Des Weiteren sorgte Ryōgen als erster für eine systematische militärische Verteidigung und gilt insofern als Begründer der bewaffneten Mönchsheere ({{g|souhei}}),<!-- |
| --><ref>Dies ist allerdings nur in späteren Biographien zu finden und dürfte wohl eine Vereinfachung der Geschichte der Mönchssoldaten darstellen, da diese zu Ryōgens Zeit noch nicht integraler Bestandteil des Klosterwesens waren (Groner 2002, S. 293)</ref> <!-- | | --><ref>Dies ist allerdings nur in späteren Biographien zu finden und dürfte wohl eine Vereinfachung der Geschichte der Mönchssoldaten darstellen, da diese zu Ryōgens Zeit noch nicht integraler Bestandteil des Klosterwesens waren (Groner 2002, S. 293)</ref> <!-- |
| -->die im Mittelalter an allen großen Tempeln und Klöstern Japans zu finden waren. | | -->die im Mittelalter an allen großen Tempeln und Klöstern Japans zu finden waren. |
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− | Ryōgens Karriere wurde schließlich durch Ernennungen zum Erzbischof (daisōzu, 975) und General-Erzbischofs (daisōjō 大僧正, 981) gekrönt, vom Hof vergebene Ämter, die den Vorsitz über sämtliche buddhistischen Einrichtungen des Landes implizierten. Er starb im Alter von 74 und erhielt als besondere Auszeichnung vom kaiserlichen Hof postum den Namen Jiei Daishi 慈恵大師 („Großer Meister der Mildtätigkeit“). Eine andere respektvolle Bezeichnung, die seine Leistung widerspiegelt, ist „Patriarch, der Berg Hiei neu erstehen ließ“ (Hiei-zan chūkō no so 比叡山 中興の祖). Weitere populäre Beinamen sind der bereits genannte Gehörnte Großmeister sowie „Großer Meister des Dritten Ersten“ (Ganzan Daishi 元三大師), was auf seinen Todestag am dritten Tag im neuen Jahr Bezug nimmt. Diese Namen spiegeln bereits die Legenden um Ryōgens Person wider, die im folgenden Abschnitt behandelt werden. Sein glanzvoller Ruf als ehrenvoller, tugendhafter Meister bleibt ihm bis heute erhalten. So zieht der an Ryōgens Geburtsort erbaute Tempel Gyokusen-ji weiterhin viele Besucher an, die ihre Gebete für einen segensreichen Neubeginn (zum Beispiel bei neuen Bauvorhaben oder Hochzeitsangelegenheiten) stets an ihren „großen Meister“ Ryōgen richten. | + | {{w500 |rh= auto | t=-40 |b= -20 |l=-40 |
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| + | |Ryōgen verwandelt sich in einen Buddha |
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| + | Ryōgens Karriere wurde schließlich durch Ernennungen zum Erzbischof ({{g|daisouzu}}, 975) und Kardinal ({{g|daisoujou}}, 981) gekrönt, vom Hof vergebene Ämter, die den Vorsitz über sämtliche buddhistischen Einrichtungen des Landes implizierten. Er starb im Alter von 74 und erhielt als besondere Auszeichnung vom kaiserlichen Hof postum den Namen {{g|Jiedaishi}} („Großer Meister der Mildtätigkeit“). Eine andere respektvolle Bezeichnung, die seine Leistung widerspiegelt, ist „Patriarch, der Berg Hiei neu erstehen ließ“.<ref>''Hiei-zan chūkō no so'' 比叡山 中興の祖).</ref> Weitere populäre Beinamen sind der bereits genannte Gehörnte Großmeister sowie „Großer Meister des Dritten Ersten“ ({{g|Ganzandaishi}}), was auf seinen Todestag am dritten Tag im neuen Jahr Bezug nimmt. Diese Namen spiegeln bereits die Legenden um Ryōgens Person wider, die im folgenden Abschnitt behandelt werden. |
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| + | === Grab und Gedenkstätte === |
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− | Trotz des oft prunkvollen öffentlichen Wirkens, durch das sich Ryōgen auszeichnete, bestand er darauf, dass man ihm kein prächtiges Grab errichten solle, weshalb auch heute nur ein bescheidener Grabstein auf Berg Hiei an ihn erinnert. Das Grab lässt lediglich auf einen schon zu Lebzeiten vorhanden Hang zur Dämonologie schließen, da Ryōgen offenbar verlangte, dass man seine Überreste im Tempelbezirk Yokawa, im nordöstlichsten Teil des Hiei-Komplexes errichten solle. Diese Himmelsrichtung wird traditionellerweise als „Dämonentor“ (kimon 鬼門) bezeichnet, da von hier — alteigesessenen geomantischen Vorstellungen zufolge — die unheilvollsten Einflüsse herrühren sollen. Ähnlich wie der Enryaku-ji selbst im Nordosten von Kyōto die Hauptstadt vor Dämonen schützte, wollte Ryōgen dies offenbar seinerseits für den Tempel tun. | + | Trotz des oft prunkvollen öffentlichen Wirkens, durch das sich Ryōgen auszeichnete, bestand er darauf, dass man ihm kein prächtiges Grab errichten solle, weshalb auch heute nur ein bescheidener Grabstein auf Berg Hiei an ihn erinnert. Allerdings entstanden daneben bald eine Tempelhalle und ein Mausoleum zu seinen Ehren. |
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| + | | Weg zu Ganzan Daishi |
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| + | | caption = Gedenkstätte Rōgens in Yokawa |
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| + | Das Grab lässt auf einen schon zu Lebzeiten vorhanden Hang zur Dämonologie schließen, da Ryōgen offenbar verlangte, dass man seine Überreste im Tempelbezirk {{g|Yokawa}}, im nordöstlichsten Teil des Hiei-Komplexes bestatten solle. Diese Himmelsrichtung wird traditionellerweise als „Dämonentor“ ({{g|kimon}}) bezeichnet, da von hier — alteingesessenen geomantischen Vorstellungen zufolge — die unheilvollsten Einflüsse herrühren sollen. Ähnlich wie der Enryaku-ji selbst im Nordosten von Kyōto die Hauptstadt vor Dämonen schützte, wollte Ryōgen dies offenbar seinerseits für den Tempel tun. |
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| == Vom Mönch zum Beschützer in dämonischer Gestalt == | | == Vom Mönch zum Beschützer in dämonischer Gestalt == |
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− | Noch besser bekannt als Ryōgen selbst ist seine Manifestation als dämonische Figur, die auch heute noch in ganz Japan in Form von Papiertalismanen an Eingängen von Häusern und Tempeln zu finden ist. Wenn man von zahlreichen lokalen Sonderformen absieht, lassen sich hinsichtlich Namen und ikonographischer Gestaltung drei gängige Abbildungsmuster identifizieren: | + | Noch besser bekannt als Ryōgen selbst ist seine Manifestation als dämonische Figur, die auch heute noch in ganz Japan in Form von Papiertalismanen an Eingängen von Häusern und Tempeln zu finden ist. Wenn man von zahlreichen lokalen Sonderformen absieht, lassen sich hinsichtlich Namen und ikonographischer Gestaltung drei gängige Abbildungsmuster des {{g|Ganzandaishi}} identifizieren: |
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− | * Tsuno Daishi („Gehörnter Meister“) oder Ganzan Daishi („Meister des dritten Ersten“), ein stilisierter Dämon mit Hörnern, mager, lächelnd bzw. mit weicheren Zügen dargestellt. Diese Ikonographie ist am häufigsten anzutreffen. | + | * {{g|Tsunodaishi}} („Gehörnter Meister“), ein stilisierter Dämon mit Hörnern, mager, lächelnd bzw. mit weicheren Zügen dargestellt. Diese Ikonographie ist am häufigsten anzutreffen. |
− | * Gōma daishi 降魔大師 („Dämonenbezwingender Meister“) oder Oni daishi 鬼大師 („Dämonenmeister“), in der Darstellung sehr kräftig und finster, mit „Wunschperle “ auf dem Haupt und einem Vajra-Zepter in der Hand, meist kniend auf einem Podest dargestellt | + | * {{g|Goumadaishi}} („Dämonenbezwingender Meister“) oder {{g|Oni}} Daishi („Dämonenmeister“), in der Darstellung sehr kräftig und finster, mit „Wunschperle“ ({{g|houju}})<!-- |
− | * Mame daishi 魔滅大師 („Dämonenvernichtender Meister“), 33 kleine Abbildungen des Ryōgen in menschlicher Mönchsgestalt. | + | --><ref>Häufiges Motiv in der buddhistischen Ikonographie, hier vielleicht eine Anspielung auf die Verbindung des Gehörnten Meisters mit Kannon (s.u.).</ref><!-- |
| + | --> auf dem Haupt und einem {{s|Vajra}}-Zepter in der Hand, meist kniend auf einem Podest dargestellt. |
| + | * {{g|Mamedaishi}} („Dämonenvernichtender Meister“), 33 kleine Abbildungen des Ryōgen in menschlicher Mönchsgestalt. |
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− | === Legende des Tsuno Daishi === | + | {{w500 | rh= auto |
− | 984 wurde Kyōto (wie öfter in seiner Geschichte) von einer fürchterlichen Seuche heimgesucht. Der Überlieferung nach gelang es Ryōgen , die dafür verantwortliche Gottheit auf dem Berg Hiei vor sich Gestalt annehmen zu lassen. Daraufhin unterwarf er sie, indem er sie über seinen kleinen Finger in seinen eigenen Leib einsog. Dort wütete die Gottheit und verursachte Ryōgen Fieber und unheimliche Schmerzen, welche er allein mithilfe buddhistischer, übernatürlicher Kraft (hōriki 法力) aushalten konnte. Schließlich gelang es ihm, die Seuchengottheit in seinem Körper unschädlich zu machen und davonzujagen. Gleich danach rief er seine Schüler zu sich, ließ einen großen Spiegel aufstellen und versank vor diesem in tiefe Kontemplation. Mit großem Staunen erblickten die Schüler im Spiegel die Gestalt ihres Meisters, dem auf einmal Hörner auf dem Kopf gewachsen waren und der sich dann im Spiegelbild in einen knochigen Dämon verwandelte. Sein mit dem Pinsel besonders begabter Schüler Myōbu Ajari 明普阿闍梨) fertigte eine handgezeichnete Kopie des dämonischen Spiegelbilds seines Meisters an, wonach Ryōgen befahl, einen Holzschnitt dieser Kopie zu erstellen. Er prophezeite, dass dieses Abbild allen Menschen dabei helfen werde, von Krankheit und Unheil verschont zu bleiben.
| + | | Daishi-varianten.jpg |
| + | | Varianten des Ganzan Daishi |
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− | === Legende des Gōma Daishi === | + | === Tsuno Daishi === |
− | Ryōgens Manifestationen als Gōma Daishi geht auf eine andere, ähnlich originelle Legende zurück. So soll sich Ryōgens Ruf am kaiserlichen Hofe nicht allein auf seine tugendhaften Qualitäten, sondern auch auf seine männliche Attraktivität gegründet haben. Diese war so betörend, dass Ryōgen sich vor weiblichen Verehrerinnen unkenntlich machen musste, indem er eine Dämonenmaske aufsetzte. Außerdem soll er sich bei Banketten sogar komplett in einen Dämon verwandelt haben. Die von ihm aufgesetzte Maske wurde als gōma-men 降魔面 („Dämonenbezwingermaske“) bezeichnet und wird heute als Schatz im von Ryōgen persönlich gegründeten Tempel Rozan-ji in Kyoto gehütet. Jährlich am 3. Februar, wenn das Setsubun-Fest stattfindet, wird diese gemeinsam mit zwei weiteren von Ryōgens Ritualgegenständen, einem einzackigen und dreizackigen Vajra-Zepter (dokko 独鈷 und sanko 三鈷) zu diesem besonderen Anlass ausgestellt.
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− | === Mame Daishi: Verbindung zu Kannon === | + | {{floatright | rh= auto | t=-35 |b= -20 |l= -60 | r= -40 |
| + | |Tsuno_corona.jpg |
| + | |Jindai-ji, Tōkyō |
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| + | 984 wurde Kyōto (wie öfter in seiner Geschichte) von einer fürchterlichen Seuche heimgesucht. Der Überlieferung nach gelang es Ryōgen, die dafür verantwortliche Gottheit auf dem Berg Hiei vor sich Gestalt annehmen zu lassen. Daraufhin unterwarf er sie, indem er sie über seinen kleinen Finger in seinen eigenen Leib einsog. Dort wütete die Gottheit und verursachte Ryōgen Fieber und unheimliche Schmerzen, welche er allein mithilfe seiner übernatürlichen Dharma-Kraft ({{g|houriki}}) aushalten konnte. Schließlich gelang es ihm, die Seuchengottheit in seinem Körper unschädlich zu machen und davonzujagen. Gleich danach rief er seine Schüler zu sich, ließ einen großen Spiegel aufstellen und versank vor diesem in tiefe Kontemplation. Mit großem Staunen erblickten die Schüler im Spiegel die Gestalt ihres Meisters, dem auf einmal Hörner auf dem Kopf gewachsen waren und der sich dann im Spiegelbild in einen knochigen Dämon verwandelte. Ein mit dem Pinsel besonders begabter Schüler fertigte eine handgezeichnete Kopie des dämonischen Spiegelbilds seines Meisters an. Von dieser Skizze ließ Ryōgen schließlich einen Holzschnitt erstellen. Er prophezeite, dass dieses Abbild allen Menschen dabei helfen werde, von Krankheit und Unheil verschont zu bleiben. |
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− | Die Zahl 33 im letzten Fall bezieht sich höchstwahrscheinlich darauf, dass Ryōgen bereits zu Lebzeiten einen gottgleichen Ruf erlangte und sogar als Inkarnation (keshin 化身) des Bodhisattva Kannon verstanden wurde. Im Kannon-Sutra (Kannon gyō 観音経) steht nämlich geschrieben, dass Kannon die Fähigkeit besitzt, sich in 33 Manifestationen zu verwandeln. Die Bezeichnung Mame Daishi enthält zudem ein bewusstes Wortspiel: obwohl mame den Zeichen nach das „Ausmerzen von Dämonen“ (ma o messuru 魔を滅する) bedeutet, ist es auch das japanische Wort für „Bohne“. Bohnen werden ihrerseits wiederum beim {{g|Setsubun}}-Fest auf Maskenträger geworfen, um damit die von ihnen dargestellten Dämonen auszutreiben.
| + | === Gōma Daishi === |
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− | Neben diesen Komponenten hat die Mame Daishi Ikonographie eine weitere, spezifische Ausgestaltung. Bei genauerer Betrachtung fällt nämlich auf, dass die Augenbrauen der 33 Mönche ungewöhnlich lang dargestellt sind. Diese lang gewachsenen Augenbrauen sind ein Charakteristikum der Arhats und reihen Ryōgen somit in dieses Ensemble buddhistischer Heiliger mit ein. Man erkennt allerdings auch auf Gemälden, die den Mönch Ryōgen zu Lebzeiten abbilden, dass er offenbar mit tatsächlich dieser Eigenheit ausgestattet war. Den Überlieferungen zufolge konzentrierte sich in Ryōgens Brauen seine asketische, übermenschliche Kraft. Diese soll so stark gewesen sein, dass beim Versuch, die Brauen zu zupfen, die Finger von diesen durch eine magische Wirkung abprallten.
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| + | | tsuno daishi.jpg |
| + | |Gōma Daishi |
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| + | Ryōgens Manifestationen als Gōma Daishi geht auf eine andere, ähnlich originelle Legende zurück. So soll sich Ryōgens Ruf am kaiserlichen Hofe nicht allein auf seine tugendhaften Qualitäten, sondern auch auf seine männliche Attraktivität gegründet haben. Diese war so betörend, dass Ryōgen sich vor weiblichen Verehrerinnen unkenntlich machen musste, indem er eine Dämonenmaske aufsetzte. Außerdem soll er sich bei Banketten sogar komplett in einen Dämon verwandelt haben. Die von ihm aufgesetzte Maske wurde als „Dämonenbezwingermaske“ ({{g|goumamen}}) bezeichnet und wird heute als Schatz im von Ryōgen persönlich gegründeten Tempel {{g|Rozanji}} in Kyōto gehütet. Jährlich am 3. Februar, wenn das {{g|Setsubun}}-Fest stattfindet, wird diese gemeinsam mit zwei weiteren von Ryōgens Ritualgegenständen, einem einzackigen und dreizackigen Vajra-Zepter zu diesem besonderen Anlass ausgestellt. |
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− | Der Schutzfigur des Mame Daishi wird ein besonderer segenspendender Beistand in weltliche Belangen (go-riyaku ご利益) zugesprochen. So soll einer Legende zufolge ein Bauer der Provinz Kawachi, (heute im südlichen Teil Ōsakas) einst zum Gebet auf Berg Hiei in den Bezirk Yokawa gekommen sein. Da heftiger Regen einsetzte, musste er im Tempel zu übernachten, wo ihn ein Mönch dazu bewegte, dem „großen Meister“ (Ryōgen) zu Ehren ein Gebet zu sprechen. Der Bauer machte sich nämlich große Sorgen um seinen frisch bearbeiteten Acker, der durch den heftigen Regen in Gefahr stand. Als der Bauer jedoch am nächsten Morgen nach Hause eilte, bemerkte er, dass inmitten aller überfluteten Felder nur seines verschont geblieben war. Den Aussagen seiner Nachbarn zufolge waren in dem Augenblick des Unwetters 30 Jünglinge aufgetaucht und hatten das Feld vor einer Überflutung geschützt. Diese Geste der Barmherzigkeit bestätigte die Vermutung von Ryōgens Anhängern und Adepten, dass er eine Inkarnation Kannons, des Bodhisattvas der Gnade und Barmherzigkeit, sei.
| + | === Mame Daishi und die Verbindung zu Kannon === |
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− | {{ThisWay}} | + | {{floatright |rh= auto |
− | {{Verweise}} | + | | Mamedaishi.jpg |
| + | | Mame Daishi |
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| + | Die Bezeichnung {{g|Mamedaishi}} enthält ein bewusstes Wortspiel: obwohl ''mame'' hier den Zeichen nach das „Ausmerzen von Dämonen“ bedeutet, ist es auch das japanische Wort für „Bohne“. Bohnen werden ihrerseits wiederum beim {{g|Setsubun}}-Fest auf Dämonen-Maskenträger geworfen, um damit die von ihnen dargestellten Unholde auszutreiben. In der Tat ist der Heilige in dieser Ikonographie auf die Form einer Bohne reduziert. |
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| + | Die Zahl 33 in der Darstellung des Mame Daishi bezieht sich darauf, dass Ryōgen bereits zu Lebzeiten einen gottgleichen Ruf erlangte und sogar als Inkarnation ({{g|keshin}}) des Bodhisattva {{g|Kannon}} verstanden wurde. Wie das [[Lotos Sutra]] (bzw. das von diesem abgeleitete ''Kannon Sūtra'') im Detail darlegt, besitzt Kannon die Fähigkeit, sich in 33 Manifestationen zu verwandeln, weshalb diese Zahl auch in anderen Zusammenhängen stets auf Kannon verweist (vgl. {{g|sanjuusangendou}}). |
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| + | Folgende Legende bekräftigt diesen Zusammenhang: Ein Bauer der Provinz Kawachi (heute im südlichen Teil Ōsakas) kam einst zum Gebet auf Berg Hiei in den Bezirk Yokawa (also zu Ryōgens Grab). Da heftiger Regen einsetzte, musste er im Tempel zu übernachten, wo ihn ein Mönch dazu bewegte, dem „großen Meister“ (Ryōgen) zu Ehren ein Gebet zu sprechen. Der Bauer machte sich nämlich große Sorgen um seinen frisch bearbeiteten Acker, der durch den heftigen Regen in Gefahr stand. Als der Bauer jedoch am nächsten Morgen nach Hause eilte, bemerkte er, dass inmitten aller überfluteten Felder nur seines verschont geblieben war. Den Aussagen seiner Nachbarn zufolge waren in dem Augenblick des Unwetters 30 Jünglinge aufgetaucht und hatten das Feld vor einer Überflutung geschützt. Diese Geste der Barmherzigkeit bestätigte die Vermutung von Ryōgens Anhängern und Adepten, dass er eine Inkarnation Kannons, des Bodhisattvas der Gnade und Barmherzigkeit, sei. |
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| + | ===Weitere Charakteristika === |
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| + | Neben den Assoziation mit Dämonen und Kannon hat die Mame Daishi Ikonographie eine weitere, spezifische Ausgestaltung. Bei genauerer Betrachtung fällt nämlich auf, dass die Augenbrauen der 33 Mönche ungewöhnlich lang dargestellt sind. Diese lang gewachsenen Augenbrauen sind ein Charakteristikum der {{s|arhat|Arhats}} und reihen Ryōgen somit in dieses Ensemble buddhistischer Heiliger mit ein. Man erkennt allerdings auch auf Gemälden, die den Mönch Ryōgen zu Lebzeiten abbilden, dass er offenbar mit tatsächlich dieser Eigenheit ausgestattet war. Den Überlieferungen zufolge konzentrierte sich in Ryōgens Brauen seine asketische, übermenschliche Kraft. Diese soll so stark gewesen sein, dass beim Versuch, die Brauen zu zupfen, die Finger von diesen durch eine magische Wirkung abprallten.<ref>Fukui 2020, S. 6.</ref> |
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| + | Schließlich fand der Kult um Ryōgen auch Eingang in die Zirkel der Mönchsgelehrten ({{g|gakuryo}}), die ihr Wissen in rituellen Debattierrunden untereinander austauschten. Während dieser Debattiertreffen war es Brauch, eine Statue des Ganzan Daishi aufzustellen. Dies dürfte als Referenz an die legendäre rhetorischen Begabung des Tendai-Oberhaupts zu verstehen sein. |
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| + | ==Tenkai und der Glaube an „Zwei Meister“== |
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| + | Obwohl die Figur des Ryōgen schon zu Lebzeiten von zahlreichen Legenden umrankt war, ist der Kult des Gehörnten Meisters wahrscheinlich erst nach einigen Transformationen entstanden. Seine heutige Form scheint in besonderer Weise durch den Tendai-Mönch {{g|Tenkai}} (1536–1643) geprägt worden zu sein. Tenkai, der offenbar über hundert Jahre alt wurde und eine Karriere als Krieger gemacht haben soll, bevor er in den Mönchsstand eintrat, gestaltete als Berater von {{g|Tokugawaieyasu}} die religiösen Verhältnisse unter dem Tokugawa-Regime (1600–1867) entscheidend mit. Nach Ieyasus Tod wurde er mit dessen Bestattung und Vergöttlichung in {{g|Nikkou}} betraut. Schon zuvor veranlasste er u.a. die Restauration des Enryaku-ji, welcher im Zuge einer Vergeltungsaktion durch {{g|Odanobunaga}} im Jahre 1571 dem Erdboden gleich gemacht worden war. Erst unter Tenkai erholte sich der Tendai Buddhismus von diesem Schlag. Allerdings verlagerte sich der Schwerpunkt der Schule unter Tenkai von Kyōto in die neue Shogunats-Hauptstadt {{g|Edo}}, wo mit dem {{g|Kaneiji}} ein neues Zentrum des Tendai-Buddhismus entstand. Neben diesen organisatorischen Leistungen erlangte Tenkai im Volk auch durch andere Gesten Beliebtheit. So soll er in Ueno einen Kirschblütenbaum aus Yoshino (Nara) für die Bewohner Edos herbeibringen lassen (und damit für die berühmte Kirschenblütenschau in diesem Park verantwortlich sein). Auch die Lotos-Pflanzen im nahe gelegenen {{g|shinobazunoike|Shinobazu}}-Teich sollen auf Tenkai zurückgehen, der den Teich als Ort für die buddhistische Freilassungszeremonie von Tieren ({{g|houjoue}}) etablierte. Tenkai initiierte zudem den ersten Druck des buddhistischen Kanons in Japan. Diese Errungenschaften waren Anlass dafür, dass Tenkai, ähnlich wie Ryōgen, vom Kaiserhof postum den nur in seltensten Fällen verliehenen ''daishi''-Titel erhielt und daher auch als {{g|Jigendaishi}} bekannt ist. |
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| + | {{floatright |rh= auto | t= -5 |b= -5| lr=-5 |
| + | |Ryodaishi.jpg |
| + | |Tenkai verehrt Ryōgen |
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| + | Tenkai lässt sich nicht nur hinsichtlich seines organisatorischen Genies mit Ryōgen vergleichen, er praktizierte offenbar auch einen persönlichen Ryōgen-Kult und mag sogar, bewusst oder unbewusst, seine Ernennung zum Daishi schon zu Lebzeiten in Anlehnung an Ryōgen vorbereitet haben. Unter anderem wurde er damit beauftragt, eine Bittzeremonie zu vollziehen, um die Geburt eines Nachfolgers für {{g|Tokugawaiemitsu}} zu erwirken. Zu diesem Anlass stellte Tenkai eine Skulptur des Jiei Daishi (Ryōgen) auf und richtete das Wunschgebet an diesen. Der Grund dafür lag wohl darin, dass auch Ryōgen für ein ähnliches Ritual zu seinen Lebzeiten bekannt war. Tenkais Gebet fand schließlich in Gestalt des vierten Tokugawa Shogunen, {{g|tokugawaietsuna|Ietsuna}}, Erhörung. |
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| + | === Ryō-daishi shinkō === |
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| + | Ende des 17. Jahrhunderts lässt sich schließlich ein „Kult der beiden Großmeister“ ({{g|ryoudaishishinkou}}) feststellen, der vom Kan’ei-ji in Edo, also von Tenkais unmittelbaren Nachfolgern ausging. So hatte man zu dieser Zeit an jedem Monatsende einen Festtag zu Ehren der beiden Meister festgelegt, an welchem ihre Skulpturen in einer zeremoniellen Parade zu Tempeln in der ganzen Stadt getragen wurden. Mächtige {{g|daimyou|Daimyō}} wetteiferten in ihrer Unterstützung dieses Kults, um den Umzug auch an Tempeln in ihren Stadtresidenzen vorbeikommen zu lassen und sicherten sich auf diese Weise das Wohlwollen lokaler Gemeinden. |
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| + | {{w500| rh= auto | lr=-5 |b = -10 |
| + | |Ryodaishi_senza.jpg |
| + | |Parade der Beiden Meister |
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| + | }} |
| + | Die eingangs zitierten Legenden, auf die sich die heutige Darstellung des Gehörnten Meisters stützen, lassen sich zwar schon im japanischen Mittelalter nachweisen, ihre Kodifizierung, Popularisierung und ikonographische Standardisierung dürfte aber unmittelbar mit dem Glauben an die „beiden Großmeister“ im Edo-zeitlichen Tendai-Buddhismus verknüpft sein. Auch die oben gezeigte illustrierte Biographie Ryōgens, das {{g|Ganzandaishiengiemaki}}, entstammt der von Tenkai und seinen Schülern begründeten Ryōgen-Verehrung. |
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| + | === Orakelwesen === |
| + | Ryōgen wurde im Verlauf dieser Popularisierung auch die Rolle des „Erfinders“ der in Japan heute allgegenwärtigen Orakelpapiere ({{g|Omikuji}}) zugesprochen. So finden sich einige Schriften, in welchem die einzelnen Orakelbotschaften erklärt werden.<ref>Beispielsweise das ''Ganzan daishi mikuji shoshō'' 元三大師御籤諸抄 (1895).</ref> Auch hier wird ein Bezug zwischen Ryōgen und Kannon hergestellt, da man in diesen Schriften behauptet, die ersten Orakelbotschaften entstammten den Aufzeichnungen einer Inkarnation Kannons aus China. Durch die nächste Inkarnation als Mönch Ryōgen seien diese nach Japan gelangt. Tatsächlich sollen aber auch die Orakel ihre größte Verbreitung im Volk unter Tenkai erlebt haben. Auch zu diesem Zusammenhang erzählt eine Legende, dass Ryōgen höchstpersönlich in einem Traum Tenkais erschien und ihm den Auftrag erteilte, zum Berg {{g|Togakushiyama}} (im heutigen Nagano) zu reisen, um dort vor der lokalen Gottheit aufbewahrte, „wundersame“ Orakelpapiere zu holen und vor einer Statue des Ganzan Daishi darzubringen, damit dieser den Menschen ihr Glück und Unglück vorhersagen kann. |
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| + | Neben diversen anderen, Ryōgen geweihten Tempeln dürfte der Orakelkult um seine Person am allerdeutlichsten am Ort seiner religiösen Herkunft, nämlich dem Tempel Enryaku-ji und seiner entlegenen Anlage Yokawa zu spüren sein. Neben Ryōgens Grab steht dort nämlich auch die {{g|Ganzandaishidou}}, eine Tempelhalle, die Ryōgen persönlich gewidmet ist. Dort existiert bis heute eine besondere Form des Orakels, bei welcher die fragende Person nicht — wie sonst üblich — ihr eigenes Los zieht und sowohl Botschaft als auch Deutung auf diesem abliest. In Yokawa ziehen die Mönche nach einer intensiven Besprechung über die Fragestellung von sich aus ein Los und erläutern dessen Bedeutung im Anschluss der fragenden Person mündlich im Detail. Dabei bestehen die Mönche darauf, dass es sich bei dem Inhalt nicht um reine Zukunftsprognosen oder Aussagen über Glück und Unglück handelt, sondern der fragenden Person als richtungsweisender Kompass bei entscheidenden Lebensfragen dienen soll. |
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| + | == Conclusio == |
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| + | Bei Ryōgens Manifestationen handelt es sich letztlich um Transformationen eines ehemals tatsächlich existenten religiösen Akteurs, dessen Charisma einen landesweit bekannten und nach wie vor präsenten Glaubenskult hervorrief. Dieser Kult vereint mehrere, scheinbar gegensätzliche Aspekte in sich: |
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| + | {{shortlist| |
| + | * der tugendhaften Erzbischof und „Erneuerer“ von Berg Hiei |
| + | * der dämonenabwehrende Meister, der selbst als Dämon auftritt |
| + | * die Inkarnation Kannons |
| + | * die bi-theistische Verehrung von Tenkai und Ryōgen |
| + | }} |
| + | Neben Ryōgen und seinen unmittelbaren Schülern und Hagiographen hat vor allem der Mönch Tenkai durch seine persönliche Identifikation mit diesem Vorgänger für eine vereinheitlichte, neue Struktur des Ryōgen-Kults innerhalb der Tendai-Schule gesorgt und so die Weichen für eine weit verbreitete Popularisierung Ryōgens gestellt, die sich zeitweilig zu einer eigenen religiösen Strömung entwickelte. Obwohl diese Popularität im Zuge der Modernisierung Japans zweifellos Rückschläge erfuhr, werben gerade in allerjüngster Zeit, im Zuge der Corona-Pandemie 2020/21 wieder viele Tempel und Schreine mit krankheitsabwehrenden Papiertalismanen, welche den Gehörnten Meister zeigen. Dieses Phänomen zeigt, wie tief verankert der Glaubenskult um Ryōgen noch heute ist und dass es sich bei dieser religiösen Figur um eine immer noch relevante, im Bewusstsein seiner Gläubigen existente und wirkmächtige Entität handelt. |
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| + | {{Verweise |
| + | |autor=Josko Kozic |
| + | |themen= |
| + | * {{showTitel| attr=0| Geschichte/Saicho}} |
| + | * {{showTitel| attr=0| Geschichte/Heian Zeit/Zoga}} |
| + | * {{showTitel| attr=0| Mythen/Oni und Kappa}} |
| + | |literatur= |
| + | {{Literatur:Fukui 2020}} |
| + | {{Literatur:Groner 2002}} |
| + | {{Literatur:Kozic 2021}} |
| + | {{Literatur:Ono 2009}} |
| + | {{Literatur:Shimada 2020}} |
| + | {{Literatur:Suzuki 2018}} |
| + | {{Literatur:Yanagizawa 2018}} |
| + | |links= |
| + | * [http://www.tendai.or.jp/houwashuu/kiji.php?nid=14 Offizielle Webseite der Tendai-Schule] mit Artikeln zu Ganzan Daishi. |
| + | * [http://kaneiji.jp/archives Kaneiji Archives], Teil der offiziellen Website des Kan’ei-ji, Tōkyō. |
| + | * [https://www.jindaiji.or.jp/about/ganzandaishi.php Jindai-ji], offizielle Webseite eine Tempels in Chōfu, Tōkyō, wo der Kult um Ganzan Daishi/Ryōgen besonders ausgeprägt ist. |
| + | * [https://www.kawagoe.com/kitain/jiedaishi.html Kita-in], offizielle Webseite eines Tendai-Tempels in Kawagoe, welcher Ryōgen in seiner Form als Jie Daishi verehrt. |
| + | * [https://www.city.nagahama.lg.jp/section/kyouken/children/category_02/01_kodai/ryougen/index.html Offizielle Webseite der Stadt Nagahama], Präfektur Shiga, Geburtsort von Ryōgen. |
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