Ugetsu monogatari

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Themengruppe Primärquellen
Werktitel Ugetsu monogatari 雨月物語 („Unter dem Regenmond“)
Autor Ueda Akinari 上田 秋成
Entstehungszeit Edo-Zeit 江戸時代, 1776
Übersetzungen Ugetsu monogatari (W. Whitehouse, 1938); Tales of Moonlight and Rain (A. Chambers, 2007), Unter dem Regenmond (Benl 1980)
Bemerkung Gilt als Höhepunkt der japanischen Gespensterliteratur
Diese Seite entstand im Kontext des Seminars Kamigraphie:Geister.


Beim Ugetsu monogatari 雨月物語 handelt es sich um eine Novellensammlung aus der Feder von Ueda Akinari 上田秋成 (1734–1809). Das Werk enthält neun Geschichten, unter denen sich drei befinden, in denen übernatürliche Frauengestalten im Vordergrund stehen. Das Werk gilt als der Höhepunkt der japanischen Gespensterliteratur.

Das Ugetsu monogatari übte erheblichen Einfluss bis ins zwanzigste Jahrhundert aus. Viele Literaten – darunter Izumi Kyoka 泉鏡花 (1873–1939), Tanizaki Junichiro 谷崎潤一郎 (1886–1965), Akutagawa Ryunosuke 芥川龍之介 (1892–1927), Ishikawa Jun 石川淳 (1899–1987), Enchi Fumiko 円地文子 (1905–1986) und Mishima Yukio 三島由紀夫 (1925–1970) – waren begeisterte Leser der Novellensammlung. Zwei Geschichten dieses Werkes inspirierten Mizoguchi Kenjis 溝口健二 filmisches Meisterwerk Ugetsu monogatari (1953; westlichen Zuschauern bekannt als Ugetsu), der weithin als ein herausragender Film betrachtet wird. Tief verwurzelt im kulturellen Kontext des 18. Jahrhunderts ist das Ugetsu monogatari dennoch eine Arbeit von zeitloser Bedeutung und Faszination.[1]

Über den Titel

Der Titel Ugetsu monogatari (wörtlich „Regen-Mond-Geschichten“) stammt von der Phrase „nebliger Mond nach dem Regen“ im Vorwort. Es spielt auf das Nō Stück Ugetsu an, in welchem der Dichtermönch Saigyō 西行 erscheint, und in welchem der Regen und der Mond zentrale Bilder darstellen. Literaturhistoriker verweisen auch auf eine Stelle in Mudan deng ji (Pfingstrosenlaterne), eine Geschichte in Qu Yous Jiandeng Xinhua (Neue Geschichten nach dem Trimmen) eine der Hauptquellen von Uedas Novelle „Der Kessel von Kibitsu“. Darin wird suggeriert, dass mysteriöse Wesen in wolkigen, regnerischen Nächten und morgens mit einem noch zu erkennenden Mond erscheinen. Man geht davon aus, dass gebildete ostasiatische Leser wohl gleich erraten würden, dass ein Buch welches den Begriff „Regen-Mond“ in seinem Titel enthält, sich mit dem Fremden, wunderbaren, übernatürlichen befassen würde.[2] Den Begriff monogatari könnte man als „Erzählungen des alten Stils“ begreifen. Diese vom 9. bis 15. Jahrhundert gebräuchliche Bezeichnung wählte Ueda wohl deshalb, um kundzutun, dass er im Geist und Stil der klassischen Epoche zu schreiben gedenkt und um sich damit von der leichten Unterhaltungsliteratur abzugrenzen.[3]

Über den Autor

Ueda Akinaris Herkunft war lange Zeit ungeklärt. Ein paar Bemerkungen finden sich in zwei autobiographischen Skizzen, welche er im hohen alter verfasste. Sorgfältige Forschungen haben jedoch ergeben, dass er 1734 in Ōsaka geboren wurde. Er war der uneheliche Sohn einer Geisha und als sein Vater wurde Kobori Samon Masatsugu genannt. Mit drei bis vier Jahren wurde Ueda von seiner Mutter ausgesetzt, oder, wie er später selbst schreiben wird, „weggeworfen“. Er wurde jedoch von dem Papier- und Ölhändler Ueda Mitsuyoshi adoptiert.

Eine lebensgefährliche Pockenerkrankung befiehl den fünfjährigen Ueda und ließ den Mittelfinger seiner rechten und den Zeigefinger seiner linken Hand deformiert zurück, so dass er zeitlebens nur mühsam einen Pinsel halten konnte. Diese Pockenerkrankung führte in weiterer Folge auch zu einer Gehirnhautentzündung, welche Ueda zum Epileptiker machte. Durch dieses Schicksal entmutigt, betrieb er sein Studium nur, weil ihn sein hochgebildeter Adoptivvater antrieb. Nach dessen Tod übernahm er das Familiengeschäft. Dieses brannte jedoch 1771 nieder und ließ Ueda nun genügend Zeit um sich vollends seiner literarischen und wissenschaftlichen Arbeiten zu widmen.

Zwei seiner Werke zählen zu den sogenannten ukiyo zōshi 浮世草子 (Notizen der flüchtigen Welt), welche man als Unterhaltungsliteratur beschreiben könnte. Obwohl er mit seinen frühen Werken kommerzielle Erfolge verbuchen konnte, wandte er sich von diesem Genre ab und verfasste 1774 einen viel beachteten Essay über die Haikai 俳諧 -Problematik. Seine Beziehungen zu diversen Haikai-Dichteren machten ihn mit zeitgenössischen chinesischen Novellen bekannt, er widmete sich aber auch im großen Umfang den japanischen Klassikern. In den vierzig Jahren, die zwischen den Ugetsu monogatari und dem Harusame monogatari (Geschichten vom Frühlingsregen) liegen, schrieb Ueda keine Gespenstergeschichten mehr, er verfasste zwei, wenig umfangreiche Erzählungen. Der größte Teil seines literarischen Schaffens galt der Philologie in der Tradition der kokugaku 国学 („nationale Schule“), die sich in erster Linie um eine Neuerschließung der klassischen japanischen Literatur bemühte. Auch ließ er sich, ähnlich wie Motoori Norinaga, nach Jahren des intensiven Studiums 1775 als Arzt nieder. Er nutzte dieses medizinische Wissen auch in seinen literarischen Werken in welchen Krankheiten oft eine wichtige Rolle einnahmen. Als eine Patientin 1788 durch eine Fehldiagnose starb, stellte er seine medizinische Tätigkeit jedoch ein und widmete sich nur noch der Philologie. Trotz seiner anerkannten Leistungen auf diesem Gebiet, lebte ein sehr bescheidenes Leben. Seine Frau Otama starb 1797. Um 1800 begann und um 1807 vollendete er seine Arbeit am Harusame monogatari 春雨物語. Zwei Jahre später, also im Jahre 1809, starb er.[4]

Zur Entstehung

Die Novellensammlung Ugetsu monogatari entstand zu einer Zeit, in der zahlreiche chinesische Erzählungen, welche in der damaligen Umgangssprache verfasst waren, ins japanische Übersetzt wurden. Auf diesem Weg kam auch Ueda Akinari mit chinesischen Erzählungen in Kontakt, in welchen häufig das Übernatürliche im Vordergrund stand und ungewöhnliche Begebnisse beschrieben wurden. In diesem Sinne entstand auch diese besagte Sammlung. Man geht davon aus, dass sie in Rohform 1768 fertiggestellt war, aber erst 1776 im Druck erschien. Einzureihen ist das Ugetsu monogatari in die Reihen des yomihon 読本 (Bücher für Lektüre), die sich häufig mit Thematiken der japanischen und chinesischen Klassik annahmen und im Vergleich zu den meisten ukiyo zōshi (Hefte der fließenden Welt) inhaltlich sowie auch stilistisch anspruchsvoller waren. Da das Ugetsu monogatari in einem so elegantem Still verfasst wurde, wird von zahlreichen Literaturhistorikern, der vom Autor im Vorwort angegebene Verfassungszeitpunkt angezweifelt. Heute nimmt man daher an, dass Ueda das Werk bis zum eigentlichen Druck, einer mehrfachen Überarbeitung unterzog. Die Mehrzahl der enthaltenen Erzählungen lassen sich auf chinesische Quellen zurückführen. Wie Dominic Cheung in seiner Untersuchung des Geister-Ehefrauen-Motivs hervorhebt, lassen sich allein im Vorwort zum Ugetsu monogatari zehn Anspielungen auf klassische chinesische Werke finden.[5][6]

Verweise

Literatur

  • Elisabeth Scherer 2011
    Spuk der Frauenseele: Weibliche Geister im japanischen Film und ihre kulturhistorischen Ursprünge. Bielefeld: Transcript Verlag 2011. (Exzerpt.)
  • Akinari Ueda 1980
    Unter dem Regenmond: Phantastische Geschichten. Stuttgart: Klett-Cotta 1980.
  • Akinari Ueda, Wolfgang Schlecht (Ü.) 1990
    Erzählungen beim Frühlingsregen. Frankfurt am Main: Insel Verlag 1990.
  • Akinari Ueda, Anthony Chambers (Ü.) 2007
    Tales of moonlight and rain. New York: Columbia University Press 2007.

Internetquellen

Letzte Überprüfung der Linkadressen: 2021/09/02

Fußnoten

  1. Ueda 2007, S. 1–2
  2. Ueda 2007, S. 13
  3. Ueda 1980, S. 164
  4. Ueda 1980, S. 173–178
  5. Ueda 1990, S. 204–206
  6. Scherer 2011, S. 80–81