Der shōjō 猩々(chinesisch shēng-shēng 狌狌 oder xīng-xīng 猩猩) ist ein chinesisches Fantasietier, eine Art Affe, menschenähnlich, mit roten Händen und hellem, rotem Haar, der es liebt, große Mengen von heiligem, weißem Sake zu trinken. Diese betrunkenen Naturgeister repräsentieren die Zunft der Weinhändler: Sie verfügen über eine Sake-Quelle, die niemals versiegt. Es gibt auch ein Nō-Drama unter diesem Namen und eine Nō-Maske, die gleichgesetzt wird mit den dōji 童子 bzw. jidō 慈童, den ewig Jungen. Der Begriff shōjō 猩々 hat aber auch in die Zoologie Eingang gefunden und bezeichnet hier den Orang Utan, also Menschenaffen, die in waldigen Gebieten Sumatras oder Borneos leben. Außerdem ist der shōjō ein Seeungeheuer.
In der Han-zeitlichen Enzyklopädie Guideways through Mountains and Seas[1] werden bereits Wesen namens xīng-xīng mit weißen Ohren, roten Augen und einem langen Schwanz beschrieben. Illustrierte Fassungen des Werks zeigen sie als Mischwesen aus Affe und Mensch, die einen aufrechten, aber gebückten, kauernden Gang haben. Wenn man ein solches Wesen esse, erhöhe dies die eigene Fähigkeit, schnell zu laufen.
Das xīng-xīng wird auch in späteren Kapiteln erwähnt, aber dort ähnelt es einem Schwein oder grünem Biest mit menschlichem Gesicht und es soll fähig sein, sich Menschen per Namen zu merken. Weil es auch sprechen konnte, galten seine Lippen als Delikatesse. Die Menschen sollen es gefangen haben, indem sie Wein, der es betrunken macht, und aneinander gebundene Sandalen als Falle an seinen Wanderrouten, auf denen es normalerweise verkehrte, aufstellten. In einer anderen frühen Schrift namens Recovered Documents of Zhou (Yi Zhou shu 逸周書, Han-Zeit) wird es hingegen als Gestalt beschrieben, die einem gelben Hund mit einem Hahnenkopf ähnelt, bei dessen Verzehr man sich von Albträumen heilen kann.[2]
affenähnliches xīngxīng 猩猩 im Shanhai-jing[Abb. 6]
In der japanischen Bildenzyklopädie Wakan sansai zue 和漢三才圖會 aus der frühen Edo-Zeit wird der shōjō bereits ähnlich dargestellt, wie er auch in japanischen Legenden auftritt. Hier wird auch die Fangmethode mit Sake beschrieben.
Aus dem gesammelten Material der Tänze des Nō und des Kabuki schließt man, dass dieses Phantasiewesen auch aus folgender Geschichte entstanden sein könnte: In der Nähe der chinesischen Bucht von Jiangxi soll ein braves und pflichtbewusstes Kind Sake verkauft haben. Ein sogenannter shōjō habe seine Tugendhaftigkeit gelobt und ihm eine Sakequelle geschenkt, die niemals ende. Der shōjō hat eine natürliche Begabung zum Tanz, die durch Trunkenheit noch gesteigert wird. Das ist auch vielfach zu einem Sujet bildlicher Darstellung geworden. Außerdem hat er einen feierlichen, glücksverheißenden Charakter und wird deshalb auf Ukiyo-e und Surimono und ähnliche Einblatt-Drucke gezeichnet.[3]
Weiters gibt es eine sehr bekannte Legende von einem armen Mann namens Yurine, der in der Nähe des heiligen Berges Fuji lebte. Dieser wurde eines Tages sehr krank, und als er merkte, dass seine Tage gezählt waren, wollte er noch einen Becher Sake trinken, bevor er starb. Weil es keinen Sake mehr in der kleinen Hütte gab, ging Koyuri, sein Sohn, los, um den Wunsch seines sterbenden Vaters zu erfüllen. Er war nicht lange gegangen, da traf er auf zwei merkwürdig aussehende Kreaturen mit langem, rotem Haar, grünen Seetang-Gürteln um ihre Hüften und einer Hautfarbe wie pinke Kirschblüten. Als er näher kam, entdeckte er, dass sie Sake tranken. Die Wesen erklärten sich bereit, dem armen Jungen Sake für seinen Vater mitzugeben, den er auch sofort zu diesem brachte. Der Vater fühlte sich gleich besser und verlangte nach mehr. Also lief Koyuri zu den rothaarigen Kreaturen zurück, die ihm noch etwas abgaben und so seinen Vater fünf Tage lang versorgten, bis er gesund wurde. Yurines Nachbar Mamikiko hatte davon gehört und wurde eifersüchtig, denn er liebte Reiswein über alles. Er ging zu Koyuri, trank von dem Sake und behauptete, es sei keiner, sondern nur schmutziges Wasser. Er zwang den Jüngling, ihn zu den roten Wesen zu bringen, die ihm noch mehr Sake gaben. Mamikiko nahm sich eine besonders große Menge, aber als er davon trank, wurde ihm übel. Der rote Mann erklärte, dass er ein shōjō sei und in der Nähe des Drachenpalastes am Grunde des Ozeans lebe. Er sei gekommen, um den Berg Fuji anzusehen. Der Sake helfe nur guten Menschen, er mache sie gesund und verlängere deren Leben. Aber für gierige und egoistische Menschen sei dieser Reiswein Gift. Der shōjō hatte aber Mitleid mit Mamikiko und gab ihm ein Pulver, das er zusammen mit dem Sake trinken solle, um ihn zu heilen. Danach schloss Mamikiko Freundschaft mit Yurine.
Legend in Japanese art: A description of historical episodes, legendary characters, folklore, myths, religious symbolism illustrated in the arts of old Japan. Rutland, Vt. u.a.: Tuttle 1967.
↑Shanhai-jing 山海經, eine chin. Enzyklopädie zu den Themen Mythologie, Geographie, Ethographie, Zoologie, Medizin und religiöse Vorstellungen kompiliert zwischen dem 3. und 1. Jh. v.u.Z. Illustrierte Fassungen entstanden allerdings erst mit den ersten Druckversionen des Werks im 16. Jh.
↑ShōjōHängerollbild (Seide, bemalt) von Emura Shunpo 江村春甫 (Hōkyō Shunpo 法橋春甫). Edo-Zeit, um 1800; Sammlung Johannes WieningerSieben trinkfreudige shōjō-Geister beim Sake-Trinken. Nach den Gewändern zu schließen, handelt es sich um eine Parodie auf die Sieben Weisen im Bambushain, aber auch die Sieben Glücksgötter könnten Pate gestanden haben. Der Künstler entstammt der renommierten Kano-Schule.