Itako

Aus Kamigraphie
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Themengruppe Personen (Einzelpersonen, Familien, Gruppen)
Name Itako イタコ
Sonstige Namen ichiko 市子
Funktion, Amt Schamaninnen
Bemerkung blinde Frauen
Diese Seite entstand im Kontext des Seminars Kamigraphie:Krankheiten .


Itako イタコ (auch ichiko 市子) sind blinde Frauen, die als Medium zwischen Menschen und Geistern bzw. kami 神 fungieren. Sie sind hauptsächlich in der Region Tōhoku 東北 tätig und werden oft als Schamaninnen bezeichnet.

Werdegang

Junge Mädchen, die blind geboren werden oder während ihrer Kindheit erblinden, erhalten in Tōhoku traditionellerweise die Möglichkeit, zur Itako ausgebildet zu werden, was vor allem unter vor-industriellen Verhältnissen eine Chance darstellte, ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden, anstatt anderen eine Bürde zu sein. Aus diesem Grund werden junge Mädchen zu älteren erfahrenen Itako geschickt, um dort eine harte, jahrelange Ausbildung zum Medium zu absolvieren.

Zweimal im Jahr, zu Festen im Sommer und im Herbst treffen sich Itako in einem buddhistischen Tempel auf dem Osorezan 恐山, ein Berg, der auch als “Angstberg” bezeichnet wird. Dieser Berg befindet sich im Krater eines Vulkans, umgeben von vulkanischem Gas und Schwefelgerüchen. Durch sein Aussehen hat man ihn auch als “Berg der Toten” bezeichnet, auf dem die Seelen der Verstorbenen herumwandern (Kaputu 2010:154–155). All jene die Kontakt mit den Toten aufnehmen wollen, nutzen diese Gelegenheit und bitten die Itako um ein kuchiyose 口寄せ, einer Beschwörung der Geister. Osorezan wird auch von Besuchern aufgesucht, um Opfergaben oder Geschenke für verstorbene Familienmitglieder und Freunde zu hinterlassen, die ihnen den Weg ins Jenseits vereinfachen sollen (Kaputu 2010:154–155). Da Itako meist von Dorf zu Dorf umherwandern und so ihre Kundschaft erweitern, fällt es für viele nicht leicht diese Schamanen ausfindig zu machen. Aus diesem Grund stellen die Festlichkeiten des Osorezan eine geeignete Möglichkeit dar, um die Dienste der Itako zu nutzen (Hara 2014:28).

Entstehung der Itako

Japan und so auch die Tōhoku-Region erlitt immer wieder im Laufe der Geschichte an Masernepidemien, die bei einem starken Krankheitsverlauf oft Blindheit oder Sehbeeinträchtigungen zur Folge hatten. Die Gesellschaft sah in den Erblindeten beziehungsweise sehschwachen Menschen, die auf Hilfe anderer angewiesen waren und wiederum als ungünstige Last wahrgenommen wurden (Kaputu 2010:158). Junge Mädchen, die blind geboren werden oder während ihrer Kindheit erblinden, erhalten die Möglichkeit zur Itako ausgebildet zu werden, was wiederum eine Chance darstellt, ein „brauchbares“ Mitglied der Gesellschaft zu werden, anstatt eine „Hürde“ für andere zu sein. Aus diesem Grund sind junge Mädchen, meist von ihren Eltern, zu älteren erfahrenen Itako geschickt worden, um dort ihre harte und jahrelange Ausbildung zum Medium durchzuziehen (Blacker 1975:141–142). Laut einer weiteren Legende, die die Entstehung der Itako beschreibt, gab es im Norden Japans aufgrund der eisigen Temperaturen und schlechten Ernährungsweisen mehr blinde Menschen als sonst. Diese wurden nach einigen Jahren zusammengebracht und exekutiert, da ihre Blindheit sie daran hinderte, ein „produktives“ Mitglied der Gesellschaft zu sein. Eines Tages rief ein hoher Beamter eine Itako zu sich, in der Hoffnung dass sich die blinden Frauen als „brauchbar“ erweisen würden. Er bat sie, seinen Garten zu beschreiben, durch ihre spirituellen Kräfte gelang es blinden Frau, eine passende Beschreibung abzugeben. So sah die Gesellschaft ein Nutzen der Itako und ihre Karriere als blindes Medium setzte an (Fairchild 1962:64).

Ausbildung

Die Itako-Schülerinnen beginnen üblicherweise ihre Ausbildung noch vor Anbruch der Pubertät, genauer genommen vor Eintreten ihrer ersten Menstruation. Denn das sexuelle Verlangen, das mit der Pubertät assoziiert wird, könnte zu Schwierigkeiten beim Initiationsritual (ein Ritual bei dem der Lehrling von einer Schutzgottheit als Itako angenommen wird) führen: es besteht das Risiko, dass die Schülerin sich leichter ablenken lässt. Außerdem könnten bei der Kommunikation mit kami, die Geister zögern mit der Itako in Kontakt zu treten, die ihre Ausbildung verspätet begonnen hatte, oder sie könnten sie sogar abweisen. Eine Itako, die aus diesem Grund Probleme bei der Vermittlung und Kontaktaufnahme mit Geistern hat, verliert selbstverständlich ihre Kundschaft (Blacker 1975:142).

Der Ausbildungsprozess der Itako kann je nach Schülerin bzw. Meisterin, den bereits ausgebildeten und erfahrenen Itako, abweichen, doch im Großen und Ganzen besteht der Alltag aus einem Wasserritual und dem Auswendiglernen von heiligen Texten und Sutras. Beim Wasserritual, welches mehrmals am Tag durchgeführt wurde, muss der weibliche Lehrling von einem Fluss oder Brunnen eine bestimmte Anzahl Kübel gefüllt mit eiskaltem Wasser über ihre Schultern schütten. Auch im Winter muss dieses Ritual durchgeführt werden, bei dem manche sogar das Bewusstsein verlieren können. Das Rezitieren von Sutras erleichtert die asketische Routine. Die Itako Ausbildung kann 2 bis 5 Jahre in Anspruch nehmen und der Schwierigkeitsgrad steigt stets an, um die Lehrlinge auf das Initiationsritual vorzubereiten.

Nach einigen Jahren der Ausbildung, wenn die Itako-Meisterin sie dafür bereit erklärt, kommt der nächste Schritt, der als Vorbereitung für das Initiationsritual dient. Die Auszubildende soll 100 Tage lang in einer Hütte leben, ihre Trainingsbedingungen nehmen an Schwierigkeit zu aufgrund der vermehrten Wasserrituale, Fasten und Ernährungsumstellungen und langen anstrengende Gebetseinheiten (Kobayashi 2013:41). Durch dieses intensive Training, gerät die Schülerin in einen völlig erschöpften Zustand; der Schlafmangel, die etlichen und eiskalten Wasserrituale und ständigen Rezitationen belasten sowohl psychisch als auch körperlich. Laut den Erfahrungen einiger Itako (Suzuki Tsuyako, Mrs Chichii Yae, Mrs Nara Naka) überkam sie nach diesem erschöpften Zustand eine plötzliche, überwältigende Kraft, ein neuer Energieschub, der sie für den Initiationsritual motivierte (Blacker 1975:142–145).

Das Initiationsritual findet in einem abgedunkelten Raum statt, der mit heiligen Seilen und Vorhängen zum Schutz vor bösartigen Geistern und Kräften geschmückt ist. Die Familie des ausgebildeten Mädchens und mehrere ältere Itako sind zu diesem Ritual eingeladen. Die Itako umkreisen die Schülerin und ihre Meisterin und rezitieren Sutras bis die Schülerin ihr Bewusstsein verliert. Anschließend wacht sie in einem anderen Raum auf und ihre Itako-Meisterin nennt ihr ihren Schutzgott, der während sie bewusstlos war, Besitz von ihr ergriffen hatte und nun die Rolle ihres Schutzpatrons übernimmt (Blacker 1975:142–147).

Mit der Vollendung dieses Rituals erfolgt der nächste Schritt, nämlich die spirituelle Vermählung des Mädchens mit ihrer Schutzgottheit in Form einer pompösen Hochzeit. Zum Abschluss ihrer Ausbildung erhält die Itako Werkzeuge bzw. Instrumente, die ihr beim Beschwören von Geistern und kami helfen soll, darunter zählen ein Rosenkranz, zwei Puppen und ein Bogen (Blacker 1975:147).

Aufgaben und Tätigkeiten

Itako betreiben hauptsächlich kuchiyose 口寄せ, dies bezeichnet Beschwörung von Geistern und kami, die anschließend von der Itako Besitz ergreifen und durch sie ihre Worte überliefern (Sasamori 1997:85). Hierbei wird zwischen folgenden Übermittlungen unterschieden: die Mittelung von Gottheiten kamikuchi 神口, von Verstorbenen shinikuchi 死口 und von lebenden Geistern ikikuchi 生口 (Groemer 2007:38). Die Trainingsgbedingungen der blinden Schamaninnen sind sowohl eine körperliche, als auch psychische Last, die die spirituellen Kräfte der jungen Frauen erwecken soll. Sie erlernen eine Vielzahl von Sutras, heiligen Texten und Gebeten und auch ihre Stimmlage und Tonhöhe müssen sie beherrschen können, um ihre erlernten Texte korrekt zu rezitieren und in Kontakt mit den Geistern treten zu können.

Verbot der spirituellen Heilung

Im Meiji-Zeitalter stand die Modernisierung Japans im Mittelpunkt: die Wissenschaft und Medizin des Westens. Da Schamanismus, unter anderem auch Itako, mit Aberglaube, spirituellen Heilkräften und Magie assoziiert wurde, stellte dies für den Staat eine Bedrohung dar, denn es erschwerte die Verbreitung der modernen Medizin (Knecht 2004:674–677). Gleichzeitig sollte auch der Shintoismus von den schamanistischen Praktizierenden getrennt werden, und so kam es 1874 zum Verbot gegen das Praktizieren von ritualen Heilungen. Doch diese Verbote hielten die Gesellschaft nicht davon ab die Dienste der Itako aufzusuchen, die für die nächsten Jahrzehnte im Geheimen durchgeführt wurden (Josephson 2012:181).

Mit Anbruch des zweiten Weltkrieges traten die blinden Schamaninnen wieder in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit. Der zweite Weltkrieg brachte viele Todesopfer mit sich: von verstorbenen Soldaten bis hin zu kranken und hungernden Menschen, die an den Folgen des Krieges erlitten. Aufgrund der vielen Verstorbenen und der Trostlosigkeit und Trauer, die daraus resultierten, wurden Itako für spirituelle Sitzungen aufgesucht (Schattschneider 2001:862–863). Eine weitere Katastrophe, nämlich das Tōhoku-Erdbeben im Jahre 2011, brachte viele Todesopfer und große Verwüstung mit sich. Im Sommer desselben Jahres fand am Osorezan-Tempel das Bon-Fest statt, welches den Vorfahren und Verstorbenen gewidmet ist. Auch zu diesem Festival erscheinen Itako regelmäßig und spenden ihrer Kundschaft durch kuchiyose Trost, die vor allem nach den schrecklichen Folgen des Erdbebens Trost in den Gesprächen mit ihren verstorbenen Geliebten suchten. Die derzeitigen Itako gehören einer älteren Generation an, demnach wird in Zukunft ihre Anzahl abnehmen.

Verweise

Literatur

  • Carmen Blacker 1975
    The Catalpa bow: A study of shamanistic practices in Japan. London: Allen & Unwin 1975.
  • William P. Fairchild 1962
    „Shamanism in Japan.“ Folklore Studies 21 (1962), S. 1-123.
  • Gerald Groemer 2007
    „Female shamans in Eastern Japan during the Edo period.“ Asian Folklore Studies 66 (2007), S. 27–53.
  • Eiko Hara 2014
    „What do people expect from itako (Japanese shamans) (IV)? How grief is expressed by Japanese shamans itako and participant in religious performance after the Great East Japan Earthquake.“ Bulletin of Morioka Junior College Iwate Prefectural University 16 (2014), S. 25-30.
  • Felix Ulombe Kaputu 2010
    „Global shamanism in context: Itako (from Osorezan, Aomori, Japan) and Mikishi (Lake Mweru, Katanga, Democratic Republic of Congo).“ International Christian University Publications 3-A, Asian Cultural Studies 36 (2010), S. 151-200.
  • Peter Knecht 2004
    „Japanese shamanism.“ In: Mariko Namba Walter und Eva Jane Neumann Fridman (Hg.), Shamanism: An Encyclopedia of World Beliefs, Practices, and Culture. Santa Barbara, CA: ABC-Clio 2004, S. 674-681.
  • Takefusa Sasamori 1997
    „Therapeutic rituals performed by itako (Japanese blind female shamans).“ The World of Music 39/1 (1997), S. 85-96.
  • Satoru Kaneko 1990
    „Dimensions of religiosity among believers in Japanese folk religion.“ Journal for the Scientific Study of Religion 29/1 (1990), S. 1-18.
  • Ellen Schattschneider 2001
    „Buy me a bride: Death and exchange in Northern Japanese bride-doll marriage.“ American ethnologist 28/4 (2001), S. 854-880.

Bilder

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  1. Itako.png
    Itako Photographie. 20. Jh.
    Bild © Sasamori 1997, S. 86