Exzerpt:Butler L 1996

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Themengruppe Exzerpte
Behandeltes Werk
Lee A. Butler 1996
„The way of Yin and Yang: A tradition revived, sold, adopted.“ Monumenta Nipponica, 51/2 (1996), S. 189–217. (Exzerpt.)


Über den Autor

Lee A. Butler ist ein selbstständiger Forscher, der sich momentan besonders mit geschichtlicher Forschung zum späten Mittelalter und der frühen Moderne in Japan beschäftigt. Seine früheren Werke – so wie dieser Text – haben sich vor allem mit dem japanischen Hof und damit zusammenhängenden Dingen der damaligen Zeit beschäftigt.

Zusammenfassung

Lee A. Butler hat sich mit diesem Artikel das Ziel gesetzt eine Geschichte des (höfischen) onmyōdō 陰陽道und dessen Entwicklung durch die verschiedenen Perioden der japanischen Geschichte zu schaffen. Vor allem in Hinblick auf die Wiederbelebung beziehungsweise Wiederentdeckung des höfischen onmyōdō in der Edo-Zeit. Er geht auf den Aufstieg und letztendlich den Fall des höfischen onmyōdō ein und auch auf dessen Veränderungen in Kriegszeiten. Onmyōdō war, seit es einen gefestigten Platz im alltäglichen Leben der höfischen Elite der Heian-Zeit gefunden hat, ein fixer Bestandteil der japanischen Kultur, der nie verloren ging sondern sich an die Notwendigkeiten der damaligen Zeit angepasst und verändert hat, um schlussendlich in der Edo-Zeit durch die Hilfe des Kaisers, der onmyōji der Tsuchimikado Familie und des Kriegerstands langsam zu seinem Ursprung zurückfand.

Onmyōdō in der Heian-Zeit

Erstmals institutionalisiert und populär gemacht wurde onmyōdō durch die Einführung des Büros für Yin und Yang, onmyōryō, unter Kaiser Tenmu 天武. Die Beamten dieses Büros haben sich mit Phänomenen wie Kometen, Sonnen- und Mondfinsternissen, aber auch mit Ritualen für Gebete und Läuterungen beschäftigt. Das höfische onmyōdō der damaligen Zeit setzte sich aus unterschiedlichen Elementen aus mehreren Kulturen zusammen. Das Konzept von Yin und Yang und ihren komplementären kosmischen Prinzipien, sowie die Theorie der fünf Elemente, stammen aus China. Dasselbe gilt auch für Astronomie, den Kalender, die zwölf Sternzeichen und die damit zusammenhängenden Positionen und Kombinationen von Zahlen. Aus Japan stammen die Idee von Verunreinigung und Reinigung, die sehr an die kami-Verehrung des Shinto erinnern. Mit der Zeit haben sich weitere Elemente und Konzepte eingeschlichen, sodass onmyōdō am Ende der Heian-Zeit eine Sammlung offizieller Zeremonien und Praktiken war, die von Beamten des onmyōryō durchgeführt wurden. Darunter fallen die Beobachtung der Sterne, das Aufzeichnen von überirdischen Anomalien, das Durchführen von Reinigungsritualen und das Bestimmen von günstigen Tagen für gewisse Zeremonien oder andere offizielle oder private Ereignisse. Die Zeremonien, die von onmyōji durchgeführt wurden, waren oft sehr komplexe Rituale, die für die Regierung und den Kaiser geleistet wurden und die verschiedensten Themen abgedeckt haben, wie die bereits erwähnten überirdischen Anomalien, aber auch Naturkatastrophen, Albträume, böse Geister, Epidemien und alle möglichen Götter und Dämonen. Wie viele andere Dinge, die aus China nach Japan gekommen sind, wurde onmyōdō anfangs kritisch betrachtet und hatte Unterstützer und Skeptiker. Die größte Konkurrenz und heftigsten Kritiker waren die Beamten des jingikan 神祇官, dem das onmyōryō unterstellt war. Aus diesem Grund war es onmyōdō nicht wirklich möglich sich völlig zu entfalten, aber nach dem Tod des Kaisers Junna und dem langsamen Aufstieg der Fujiwara in der Regierung, erhielt onmyōdō zusehends mehr und mehr Einfluss.

Onmyōdō in Zeiten von Krieg

Der Ōnin-Krieg 1467-1477 hat höfisches onmyōdō fast ausgelöscht. Das onmyōryō brauchte nämlich ungeheure Mengen an Ressourcen und finanziellen Mitteln für die Zeremonien, die im Krieg einfach nicht vorhanden waren. Nur unter sehr ernsten Umständen, wie der Krankheit von Ashikaga Yoshimasa, dem Auftauchen eines Kometen oder einer Sonnen- oder Mondfinsternis wurden die onmyōji befragt. Die sonst regulär durchgeführten Zeremonien (onmyosai) wurden ebenfalls nur noch im äußersten Notfall abgehalten. Durch die Einführung des Muromachi Shōgunats ist das höfische onmyōdō dem Kriegerstand zugänglich geworden, der es nicht nur verwendete, um günstige Tage für militärische Aktionen zu bestimmen. Es wurde auch zu einem Weg für den Shōgun sich mit dem Kaiser und dem Staat in Verbindung zu bringen und sich so zu legitimieren. Höfisches onmyōdō hat in der Sengoku-Zeit zwar gelitten, wurde aber nicht ausgelöscht oder vergessen. Onmyōdō nahm durch die Förderungen und des Interesses des Kriegerstandes an der Stabilität bereits vorhandender Systeme, eine neue Form an – Krieger-onmyōdō. Sie haben sowohl das Bestimmen günstiger Tage übernommen, allerdings für Schlachten anstatt von Zeremonien, und das Vertreiben böser Geister. Es wurden auch ein paar zeremonielle Elemente, wie das Präsentieren eines jährlichen Kalenders, die mit der Verwaltung des Staats zu tun hatten, beibehalten.

Die Wiederentdeckung von Onmyōdō

Adelige der damaligen Zeit haben kleine onmyōdō-Bräuche über die Jahrhunderte hinweg selbst zu Hause gepflegt und so die Traditionen seit der Heian-Zeit aufrechterhalten. Ein gutes Beispiel ist ein Ritual bei dem man sich mit einem sogenannten nademono, ein Objekt, das die eigene Person repräsentiert, abstreicht, um angesammelte böse Energien loszuwerden. Nachdem man damit fertig war entsorgte man das nademono in einem Fluss oder auf andere Art. Solche kleinen Rituale und Bräuche konnten relativ einfach und ohne allzu großen Aufwand also einfach von Privatpersonen ausgeführt und dadurch über Generationen hinweg überliefert werden. Tagebücher von damals dokumentieren ebenfalls, dass sich ebendiese Adeligen bei wichtigen Ereignissen auch an die Kalender mit den günstigen beziehungsweise ungünstigen Tagen und Richtungen gehalten haben. Dieses Bewahren des höfischen Onmyōdō im privaten Rahmen hat definitiv zu seiner Wiederentdeckung beigetragen. Beispielsweise sind Zeremonien, die lange Zeit nur privat durchgeführt wurden, später auch wieder offiziell und regelmäßig abgehalten worden. Die Kaiser haben das sehr unterstützt, da sie durch die Wiedereinführung all dieser Zeremonien und Praktiken eine Möglichkeit sahen den Hof zu stärken, der in den vorherigen Jahrhunderten immer mehr an Bedeutung verloren hatte. Somit waren die Kaiser vermutlich auch verantwortlich für die Durchführung besonderer, also nicht regelmäßiger, Zeremonien und Rituale, was die Wiederbelebung von onmyōdō natürlich ebenfalls unterstützt hat. Butler fasst diesen Prozess in seinem Artikel sehr schön zusammen:

The renaissance of court onmyōdō in the late sixteenth and early seventeenth
centuries was seen most fully in the major festivals, in the regular and irregular
ceremonies meant to bless the state and endow authority upon the emperor. 

Die frühe Tokugawa-Zeit brachte also Stabilität und Wohlstand für onmyōdō und onmyōji und wurde auch vom Shōgunat gut angenommen und für eigene Zwecke verwendet, um die eigene Legitimität zu verstärken und die Macht der Regierung hervorzuheben.

Über den Text

Der Text gibt einen guten Überblick über die Geschichte und Entwicklung von onmyōdō bis in die Edo-Zeit. Es ist relativ schwierig aus dem Text herauszulesen, was wichtig ist und was nicht, da er sich sehr oft in Details verliert und dadurch ein wenig chaotisch wirkt, aber im Großen und Ganzen bietet er einen guten Einstieg in die Geschichte von onmyōdō, auch wenn man ohne Vorkenntnisse in das Thema einsteigt. Der Artikel ist inzwischen zwar ein wenig älter, aber da er sich mit historischen Begebenheiten befasst, sollte das kein allzu großes Problem darstellen.