Die Religion(en) der Frühzeit

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Die Religion(en) der Frühzeit

Auch wenn über die japanische Religion vor Einführung des Buddhismus nur wenige gesicherte Aussagen möglich sind, kann man davon ausgehen, dass in Japan schon seit vorgeschichtlichen Zeiten kami verehrt wurden. Allerdings waren sowohl die Gestalten der kami als auch die Formen ihrer Verehrung sehr unterschiedlich. Auf dieser Seite sind einige Merkmale der vor- und frühgeschichtlichen Religion Japans am Übergang von einer Stammesgesellschaft zu einem zentralstaatlichen Reich hervorgehoben.

Die religiöse Rolle der Frauen

Aus frühen chinesischen Berichten und aus den Mythen selbst kann man entnehmen, dass Frauen einst eine wichtigere Rolle in der Religion spielten als in späteren Zeiten. Das chinesische Geschichtswerk Weizhi (Chronik der Wei, 297 u.Z.) berichtet, dass es um die Mitte des dritten Jahrhunderts in Japan eine Priesterkönigin namens Himiko gab, die das Volk mit Mitteln der Magie und Zauberei beherrschte. Diese Berichte erinnern an die mythologische Kaiserin Jingū, die mit magischen Mitteln einen erfolgreichen Feldzug gegen Korea führte, aber auch an die Gottheit Amaterasu, die sich mit magischen Mitteln gegen ihren ungehorsamen Bruder Susanoo behauptet.

Ausgehend von solchen Berichten und Legenden nehmen manche Religionshistoriker an, dass an der Spitze der frühgeschichtlichen japanischen Klangesellschaften Herrscherpaare standen, bei denen den Männern die weltlich-politische, den Frauen die geistlich-religiöse Autorität zukam. Die zahlreichen Götterpaare in den Mythen stützen diese Annahme. Doch bereits in vorbuddhistischer Zeit änderte sich die starke religiöse Stellung der Frau.

Hügelgräber und Ujigami

Vor der Übernahme des chinesischen Staats- und Rechtssystems im siebenten Jahrhundert wurde der frühe japanische Staat von einer Konföderation von Klans (uji) dominiert, unter denen der Klan des Tennō-Geschlechts eine führende Stellung innehatte. Ein heute noch sichtbares Zeichen dieser frühgeschichtlichen Zeit sind die riesigen Grabhügel (kofun), mit denen die Herrscher zwischen dem dritten und siebenten Jahrhundert ihre Autorität unter Beweis stellten. Die Anlagen reichen von zimmergroßen unterirdischen Grabkammern zu knapp 500 Meter langen künstlich angelegten Hügeln (Daisen Kofun, s. Abb. u.), oft in einer charakteristischen Schlüssellochform. In die Grabhügel sind häufig Tonfiguren (haniwa) integriert, die symbolisch für das Gefolge der Herrscher standen und interessante Hinweise auf Kleidung und Sitten der Zeit beinhalten.

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Das Daisen Kofun ist ein Hügelgrab (kofun) mit knapp einem halben Kilometer Länge. Es stellt das größte Mausoleum seiner Art in Japan und liegt heute mitten in der modernen Stadtlandschaft Ōsakas. Das Grab wird offiziell dem semi-mythologischen Nintoku Tennō zugeschrieben, doch ist die historische Existenz dieses Herrschers nicht über jeden Zweifel erhaben, sodass auch nicht sicher ist, wer wirklich in diesem Grab bestattet ist und aus welchem Jahr es stammt. Yamato-Zeit, Mitte des 5. Jh.
www.georggerster.com, Georg Gerster, 1985
1 Daisen Kofun, Ōsaka
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Die vier haniwa-Figuren stammen aus einem Hügelgrab in Kyūshū, dem Mukadezuke, das in der späten Kofun-Zeit errichtet wurde. Die beiden Figuren im Vordergrund tragen wahrscheinlich buddhistische Stolen (kesa), die Figur mit dem Hut dürfte ein Mann sein. Die Figuren wurden an der Außenseite der Hügelgräber in Reihen nebeneinander aufgestellt. Kofun-Zeit, 6. Jh.
Japanese Archaeological Association, 2006
2 Grabfiguren (haniwa)
Shionjiyama kofun.jpg
Ein Hügelgrab (kofun) im Gebiet des heutigen Ōsaka, wo es zwischen 300 und 600 zur Japan-weit größten Konzentration von Hügelgrabanlagen kam. Wer hier begraben wurde, ist nicht bekannt. Der Hügel ist in der typischen Schlüssellochform (runder Hügel mit rechteeckigem Zugangstunnel) angelegt. Kofun-Zeit, 5. Jh.?
Kansai explorer, 2008, Wikimedia Commons
3 Shionjiyama Kofun

Ganz ähnliche archäologische Zeugnisse finden sich auch in Korea. Man nimmt an, dass es in dieser Zeit in beiden Regionen zu einer zunehmenden Stratifizierung der Gesellschaft kam. Es bildete sich eine Aristokratie heraus, die ihren Status unter anderem durch die Verehrung ihrer Ahnen in Form von Klangottheiten (ujigami) hervorhob. Viele der ältesten heute noch bekannten Schreine, etwa der Kasuga Schrein in Nara, gingen aus diesen ujigami Verehrungsstätten hervor. Die kami-Verehrung der uji-Aristokratie stellt daher wahrscheinlich keine besonders urtümliche religiöse Praxis dar, sondern ist Ausdruck der Zentralisierung des frühen japanischen Staatswesens und der damit verbundenen Betonung der patrilinearen Erbfolge. Das Aufkommen der ujigami, die stets die Ahnen der männlichen Linie repräsentierten, steht möglicherweise mit einer Verdrängung der mütterlichen Erbfolge und damit einhergehend mit einer Schwächung der Stellung der Frau in rituellen Belangen in Zusammenhang.

Die ujigami standen nicht nur für die Ahnen eines patrilinearen Klans, sie waren auch mit dem Land des Klans verbunden und fungierten somit als Hüter der territorialen Klanrechte. Mit der Einführung des chinesischen Staatswesens im siebenten Jahrhundert wurde jedoch das ganze Land zumindest der Theorie nach dem Tennō unterstellt. Die alten Landrechte der uji-Aristokratie wandelten sich in Verwaltungsämter um, d.h. man konnte Land nicht mehr besitzen, sondern nur noch im Namen des Tennō verwalten. Wenn ein Verwalter in Ungnade fiel, konnten ihm seine Landrechte entzogen werden. Vor allem dagegen scheinen sich die „Konservativen“ bei Hof gerichtet zu haben. Diese Fraktion stellte ein Gegengewicht zur zunehmenden Sinisierung der Verwaltung dar und bestand im Gegensatz zum leistungsbetonten Modell der chinesischen Beamtenhierarchie auf den erblichen Privilegien der alten Klan-Aristokratie.

Genealogie

Die Bedeutung der Genealogie für die uji-Eliten des alten Japan wird bereits in den akribisch aufgezeichneten Abstammungslinien aus dem Kojiki und Nihon shoki deutlich. Sie spiegelt sich aber auch in einem der ältesten Schriftdokumente Japans wider, dem sogenannten Inariyama-Schwert. Dieses Schwert wurde nach seinem Fundort, dem Inariyama-Hügelgrab in der Präfektur Saitama (nördlich von Tōkyō), benannt und stammt wahrscheinlich aus dem Jahr 471. Es trägt eine Inschrift in Goldlettern, die die Umstände seiner Entstehung erläutert. Demnach handelt es sich um ein Zeichen der Anerkennung des Königs Wakatakeru (heute besser bekannt als Yūryaku Tennō) an einen gewissen Owake no Omi, der dem König als „oberster Schwertträger“ half das Reich zu konsolidieren, also vielleicht so etwas wie ein General oder Feldherr war. Der Großteil des Textes besteht allerdings aus einer Aufzählung der Ahnen des Owake, die acht Generationen in väterlicher Linie zurückreichen.

Inariyama schwert.jpg
Das Inariyama Schwert, das auch unter der Bezeichnung Kinsakumei Tekken (Eisenschwert mit Goldinschrift) bekannt ist, wurde im Inariyama Hügelgrab in der Präfektur Saitama (Ostjapan) gefunden und stellt eines der ältesten schriftlichen Dokumente Japans dar. Es ist auf Vorder- und Rückseite beschriftet und diente somit nicht als Waffe, sondern als Ehrenzeichen seines Besitzers, der sich in der Inschrift verewigen ließ. Die Inschrift besagt: : Aufgezeichnet im Jahr Metall/Eber [471?], 7. Monat, von Owake no Omi. Mein Stammvater hieß Ohohiko. Sein Sohn war Takari no Sukune. Dessen Sohn war Teyokariwake. Dessen Sohn war Takahashiwake. Dessen Sohn war Tasakiwake. Dessen Sohn war Hatehi. Dessen Sohn war Kasahayo. Dessen Sohn ist Owake no Omi. Von Generation zu Generation dienten wir bis auf den heutigen Tag als die Führer der Schwertträger. Als Großkönig Wakatakeru im Palast von Shiki weilte, stand ich ihm bei, das Reich zu beherrschen. Er ließ mich dieses hundertfach gehärtete Schwert anfertigen, um meine Dienste aufzuzeichnen. (Übersetzt nach Piggott 1997, S. 54 und Wikipedia (ja).) 471(?)
Bildquelle: Yōmawari (Blog)
4 Inariyama Schwert

Verweise

Verwandte Themen

Literatur

Nelly Naumann 1988
Die einheimische Religion Japans, Teil 1: Bis zum Ende der Heian Zeit. Leiden: Brill 1988.
Inoue Nobutaka, Endo Jun, Mori Mizue, Ito Satoshi 2003
Shinto: A New History. New York: RoutledgeCurzon 2003. [Originalausgabe 1998; Ü. ins Englische von Mark Teeuwen und John Breen.]
Joan Piggott 1997
The Emergence of Japanese Kingship. Stanford, CA: Stanford University Press 1997.

Bilder

Quellen und Erläuterungen zu den Bildern auf dieser Seite:

  1. ^ 
    Nintoku kofun.jpg

    Das Daisen Kofun ist ein Hügelgrab (kofun) mit knapp einem halben Kilometer Länge. Es stellt das größte Mausoleum seiner Art in Japan und liegt heute mitten in der modernen Stadtlandschaft Ōsakas. Das Grab wird offiziell dem semi-mythologischen Nintoku Tennō zugeschrieben, doch ist die historische Existenz dieses Herrschers nicht über jeden Zweifel erhaben, sodass auch nicht sicher ist, wer wirklich in diesem Grab bestattet ist und aus welchem Jahr es stammt. Yamato-Zeit, Mitte des 5. Jh.
    www.georggerster.com, Georg Gerster, 1985

  2. ^ 
    Haniwa mukade.jpg

    Die vier haniwa-Figuren stammen aus einem Hügelgrab in Kyūshū, dem Mukadezuke, das in der späten Kofun-Zeit errichtet wurde. Die beiden Figuren im Vordergrund tragen wahrscheinlich buddhistische Stolen (kesa), die Figur mit dem Hut dürfte ein Mann sein. Die Figuren wurden an der Außenseite der Hügelgräber in Reihen nebeneinander aufgestellt. Kofun-Zeit, 6. Jh.
    Japanese Archaeological Association, 2006

  1. ^ 
    Shionjiyama kofun.jpg

    Ein Hügelgrab (kofun) im Gebiet des heutigen Ōsaka, wo es zwischen 300 und 600 zur Japan-weit größten Konzentration von Hügelgrabanlagen kam. Wer hier begraben wurde, ist nicht bekannt. Der Hügel ist in der typischen Schlüssellochform (runder Hügel mit rechteeckigem Zugangstunnel) angelegt. Kofun-Zeit, 5. Jh.?
    Kansai explorer, 2008, Wikimedia Commons

  2. ^ 
    Inariyama schwert.jpg
    Das Inariyama Schwert, das auch unter der Bezeichnung Kinsakumei Tekken (Eisenschwert mit Goldinschrift) bekannt ist, wurde im Inariyama Hügelgrab in der Präfektur Saitama (Ostjapan) gefunden und stellt eines der ältesten schriftlichen Dokumente Japans dar. Es ist auf Vorder- und Rückseite beschriftet und diente somit nicht als Waffe, sondern als Ehrenzeichen seines Besitzers, der sich in der Inschrift verewigen ließ. Die Inschrift besagt:
    Aufgezeichnet im Jahr Metall/Eber [471?], 7. Monat, von Owake no Omi. Mein Stammvater hieß Ohohiko. Sein Sohn war Takari no Sukune. Dessen Sohn war Teyokariwake. Dessen Sohn war Takahashiwake. Dessen Sohn war Tasakiwake. Dessen Sohn war Hatehi. Dessen Sohn war Kasahayo. Dessen Sohn ist Owake no Omi. Von Generation zu Generation dienten wir bis auf den heutigen Tag als die Führer der Schwertträger. Als Großkönig Wakatakeru im Palast von Shiki weilte, stand ich ihm bei, das Reich zu beherrschen. Er ließ mich dieses hundertfach gehärtete Schwert anfertigen, um meine Dienste aufzuzeichnen. (Übersetzt nach Piggott 1997, S. 54 und Wikipedia (ja).) 471(?)
    Bildquelle: Yōmawari (Blog)

Glossar

Namen und Fachbegriffe auf dieser Seite:

  • Amaterasu 天照 ^ Sonnengottheit; Ahnherrin des Tennō-Geschlechts; Hauptgottheit von Ise
  • Daisen Kofun 大仙古墳 ^ Japans größtes Hügelgrab (kofun), in Sakai, Ōsaka; der Legende nach Grabmahl des Nintoku Tennō
  • haniwa 埴輪 ^ frühgeschichtliche Grabbeigaben aus Ton, meist in Form einfacher Skulpturen
  • Himiko 卑弥呼 ^ ca. 170–248; frühgeschichtliche Priesterkönigin; auch Pimiko (wahrscheinliche Bedeutung: „Kind der Sonne“); chin. Pei-mi-hu
  • Inariyama Tekken 稲荷山鉄剣 ^ Eisenlangschwert aus der kofun-Zeit (471?), 1968 im Inariyama Kofun (Saitama-ken) ausgegraben; Nationalschatz; Länge 73,5 cm
  • Jingū Kōgō 神功皇后 ^ mytholog. Herrscherin; Witwe des 14. Tennō, Chūai, und Mutter des Ōjin Tennō
  • kami ^ Gottheit; im engeren Sinne einheimische oder lokale japanische Gottheit, Schreingottheit (s. jinja), Gottheit des Shintō
  • Kasuga Taisha 春日大社 ^ Kasuga Schrein, Nara; ehemals Ahnenschrein der Fujiwara
  • kofun 古墳 ^ Hügelgrab der japanischen Frühzeit (ca. 300–700), wtl. „altes Grab“
  • Kojiki 古事記 ^ „Aufzeichnung alter Begebenheiten“; älteste jap. Chronik (712)
  • Nara 奈良 ^ Hauptstadt und Sitz des Tennō, 710–784 (= Nara-Zeit); auch: Heijō-kyō
  • Nihon shoki 日本書紀 ^ Zweitältestes Schriftwerk und erste offizielle Reichschronik Japans (720)
  • Saitama-ken 埼玉県 ^ Präfektur in der Kantō-Region Japans, nördlich von Tōkyō
  • Susanoo 須佐之男/素戔男 ^ mytholog. Gottheit; Trickster-Gott, Sturmgott, Mondgott; Bruder der Amaterasu
  • Tennō 天皇 ^ jap. „Kaiser“-Titel, wtl. Herrscher des Himmels
  • uji ^ altjap. Klan, Sippe, Familie
  • ujigami 氏神 ^ Altertum: Klangottheit; heute: lokale Schutzgottheit
  • Weizhi (chin.) 魏志 ^ Chin. Chronik der Wei Dynastie (220–266) aus dem 3. Jh. u.Z.; enthält die frühesten Berichte über Japan (Wa) (vgl. wo)
  • Yūryaku Tennō 雄略天皇 ^ 418–479; semi-historischer 21. Kaiser Japans; (r. 456–479); andere Namen: Ōhatsuse Wakatake; Wakatakeru no Ōkimi
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Diese Seite:

„Die Religion(en) der Frühzeit.“ In: Bernhard Scheid, Religion-in-Japan: Ein digitales Handbuch. Universität Wien, seit 2001