Denken/Yuiitsu shinto myobo yoshu: Unterschied zwischen den Versionen

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Das {{glossar:yuiitsushintoumyoubouyoushuu}} („Grundzüge von Namen und Gesetz des Einen und Einzigen Shinto“, kurz ''Myōbō yōshū'') stellt einen der ersten Texte dar, die den Begriff {{glossar:shintou}} im modernen Verständnis von „Shinto-Religion“ geprägt haben. Es ist eine Art Glaubens·bekenn·tnis einer im japa·nischen Mittelalter entstan·denen religiösen Schule, die sich selbst·bewusst den Namen „der Eine und Einzige Shinto“ ({{glossar:yuiitsushintou}}) gab, heute jedoch zumeist als {{glossar:yoshidashintou}} bezeichnet wird. Der Yoshida Shinto war vor allem in der ersten Hälfte der Edo-Zeit äußerst einflussreich.
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Der Text ist ebenso kompliziert wie sein Titel und damit ein typisches Produkt des japanischen Spätmittelalters. In einer Studie dieses Werks (Scheid 2001) habe ich die labyrinthische Struktur des ''Myōbō yōshū'' darauf zurück geführt, dass es wie ein esoterisches Ritual organisiert ist und gar nicht auf Anhieb verstanden werden möchte, sondern erst nach langem Üben Schicht für Schicht erarbeitet werden soll. Es enthält jedoch namentlich am Beginn und am Ende einige durchaus leicht verständliche  Passagen, die sich als Vorläufer der nationalistischen Shintō-Ideologien der Moderne lesen lassen.  
 
 
Der Text ist ebenso kompliziert wie sein Titel und damit ein typisches Produkt des japanischen Spätmittelalters. In einer Studie dieses Werks (Scheid 2001) habe ich die labyrinthische Struktur des ''Myōbō yōshū'' darauf zurück geführt, dass es wie ein esoterisches Ritual organisiert ist und gar nicht auf Anhieb verstanden werden möchte, sondern erst nach langem Üben Schicht für Schicht erarbeitet werden soll. Es enthält jedoch namentlich am Beginn und am Ende einige durchaus leicht verständliche  Passagen, die sich als Vorläufer der nationalistischen Shinto-Ideologien der Moderne lesen lassen.  
 
  
 
== Autor und Zeitumstände ==
 
== Autor und Zeitumstände ==
  
Der Begründer des Yoshida Shinto  {{glossar: yoshidakanetomo}} (1435–1511) war das Oberhaupt einer führenden höfischen Priesterfamilie, die sich u.a. der Überlieferung der {{glossar:kiki}}-Mythen verschrieben hatte. Ende des 15. Jahrhunderts standen die Yoshida jedoch vor dem Problem, dass ihre Familienbibliothek wie so viele andere Gebäude und Artefakte des kaiserlichen Hofes Opfer des {{glossar:ouninnoran|Ōnin}}-Krieges geworden waren. Damit war ein Großteil ihres kulturellen Kapitals vernichtet. In dieser Situation erfand Kanetomo seine Familien·tradition gleichsam neu und erweiterte sie dabei beträchtlich.  
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{{g| yoshidakanetomo}} (1435–1511) lässt sich aus heutiger Sicht als Gründer des Yoshida Shintō identifizieren. Er war das Oberhaupt einer höfischen Priesterfamilie, die sich u.a. der Überlieferung der {{g|kiki}}-Mythen verschrieben hatte. Höfische Familien wie die Yoshida blieben üblicherweise auch noch im Mittelalter den Traditionen aus der Heian-Zeit treu und unterwarfen sich einer strikten Hierarchie, die sich in der Blütezeiten der höfischen Kultur herausgebildet hatte.  Jede höfische Familie hatte bestimmte, klar definierte Aufgaben und in Verbindung damit ein gewisses Kapital an Kenntnissen und schriftlichen Quellen, die u.a. ihren Status bei Hof festlegten.  Ende des 15. Jahrhunderts standen die Yoshida jedoch vor dem Problem, dass ihre Familienbibliothek wie so viele andere Gebäude und Artefakte des kaiserlichen Hofes Opfer des {{g|ouninnoran|Ōnin}}-Krieges geworden waren. Damit war ein Großteil ihres kulturellen Kapitals vernichtet und die Basis ihres höfischen Status in höchstem Maße gefährdet. In dieser Situation erfand Kanetomo seine Familientradition gleichsam neu und erweiterte sie dabei beträchtlich.  
  
Aus strate·gischen Gründen schrieb Kanetomo das ''Myōbō yōshū'' nicht in seinem eigenen Namen, sondern legte es einem Vorfahren aus dem zehnten Jahrhundert, Urabe Kanenobu, in den Mund. Dieser Etiketten·schwindel wurde erst in der Edo-Zeit ruchbar. Kanetomo selbst konnte sowohl bei Hof als auch im Krieger·adel Interes·senten für seine Lehren gewinnen und wurde zu einer der einfluss·reichsten intellek·tuellen Persön·lich·keiten seiner Zeit.
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Aus Rücksicht auf den höfischen Traditionalismus schrieb Kanetomo das ''Myōbō yōshū'' nicht in seinem eigenen Namen, sondern legte es einem Vorfahren aus dem zehnten Jahrhundert, Urabe Kanenobu, in den Mund. Dieser Etikettenschwindel wurde erst in der Edo-Zeit ruchbar. Kanetomo selbst konnte sowohl bei Hof als auch im Kriegeradel Interessenten für seine Lehren gewinnen und wurde zu einer der einflussreichsten intellektuellen Persönlichkeiten seiner Zeit.
  
 
== Inhalt ==
 
== Inhalt ==
  
Das ''Myōbō yōshū'' ist nach einem Frage-Antwort Schema (''mondo'') abgefasst. Jede Frage bezieht sich auf die vorhergehende Antwort. Die erste Frage lautet: „Wie lässt sich der Begriff ,Shinto‘ unterteilen?“ Das ganze Werk ist folglich zumindest in formaler Hinsicht eine Erklärung von „Shinto“. Dabei wird deutlich, dass der Begriff sehr verschiedene Bedeutungen haben kann. Er kann, wie heute üblich, als Schulrichtung verstanden werden (neben dem Yuiitsu [oder Genpon-sōgen] Shinto gibt es auch den Ryōbu-shūgō und den Suijaku-engi Shinto).<ref>Scheid 2001, S. 301ff.</ref> ''Shintō'' kann aber auch eine göttliche Urkraft („''shintō'' der Drei Uranfänge“)<!--
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Das ''Myōbō yōshū'' ist nach einem Frage-Antwort Schema ({{g|mondou}}) abgefasst. Jede Frage bezieht sich auf die vorhergehende Antwort. Die erste Frage lautet: „Wie lässt sich der Begriff ,Shintō‘ unterteilen?“ Das ganze Werk ist folglich zumindest in formaler Hinsicht eine Erklärung von „Shintō“. Dabei wird deutlich, dass der Begriff sehr verschiedene Bedeutungen haben kann. Er kann, wie heute üblich, als Schulrichtung verstanden werden (neben dem Yuiitsu [oder Genpon-sōgen] Shintō gibt es auch den Ryōbu-shūgō und den Suijaku-engi Shintō).<ref>Scheid 2001, S. 301ff.</ref> ''Shintō'' kann aber auch eine göttliche Urkraft sein („''shintō'' der Drei Uranfänge“)<!--  
--><ref>Scheid 2001, S. 325. Ein anderes Zitat, das Shinto als Urkraft deutet, lautet: „Wäre im Himmel nicht ''shintō'', gäbe es nicht die Drei Lichter (Sonne, Mond, Sterne) und nicht die Vier [Jahres]zeiten. Wäre in der Erde nicht ''shintō'', gäbe es nicht die Fünf Phasen und nicht die Myriaden von Dingen. Wäre im Menschen nicht ''shintō'', gäbe es kein Leben (''ichimei'') und nicht die Myriaden von Dingen (''banpō'').“ (Scheid 2001, S. 363.)
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Scheid 2001, S. 325. Ein anderes Zitat, das Shintō als Urkraft deutet, lautet: „Wäre im Himmel nicht ''shintō'', gäbe es nicht die Drei Lichter (Sonne, Mond, Sterne) und nicht die Vier [Jahres]zeiten. Wäre in der Erde nicht ''shintō'', gäbe es nicht die Fünf Phasen und nicht die Myriaden von Dingen. Wäre im Menschen nicht ''shintō'', gäbe es kein Leben (''ichimei'') und nicht die Myriaden von Dingen (''banpō'').“ (Scheid 2001, S. 363.)
 
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--> oder einfach eine zeremonielle Handlung („Die unzähligen Regierungsangelegenheiten an unserem Hof, sie alle sind ''shintō''“)<ref>Scheid 2001, S. 348.</ref> sein.
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--> oder einfach eine zeremonielle Handlung („Die unzähligen Regierungsangelegenheiten an unserem Hof, sie alle sind ''shintō''“)<ref>Scheid 2001, S. 348.</ref>.
  
In der sogenannten „Baumtheorie“ wird Shinto schließlich als japanische Entsprechung von Buddhismus und Konfuzianismus bzw. als deren Grundlage definiert:  
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In der sogenannten „Baumtheorie“ wird Shintō schließlich als japanische Entsprechung von Buddhismus und Konfuzianismus bzw. als deren Grundlage definiert:  
 
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Unser Land Japan bringt den Samen hervor, in China zeigen sich Zweige und Blätter, in Indien öffnen sich Blüten und Früchte. Deshalb ist der Buddhismus die Blume und Blüte, der Konfuzianismus die Zweige und Blätter, der Shinto aber Wurzel und Stamm aller Dharmas. Die [ersten] beiden Lehren sind nichts anderes als Varianten des Shinto. Zweige und Blätter, Blüten und Früchte verweisen auf Wurzel und Stamm. Und wie die Blüten fallen und zu den Wurzeln zurückkehren, so kam auch der Buddhismus zurück in den Osten. Dieses zeigt, dass unser Land Wurzel und Stamm der Drei Länder ist.<ref>Kanetomo legt dieses Zitat dem antiken Prinzregenten {{glossar:shoutokutaishi}} in den Mund. Vgl. Scheid 2001, S. 243 und 350.</ref>
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Unser Land Japan bringt den Samen hervor, in China zeigen sich Zweige und Blätter, in Indien öffnen sich Blüten und Früchte. Deshalb ist der Buddhismus die Blume und Blüte, der Konfuzianismus die Zweige und Blätter, der Shintō aber Wurzel und Stamm aller Dharmas. Die ersten beiden Lehren sind nichts anderes als Varianten des Shintō. Zweige und Blätter, Blüten und Früchte verweisen auf Wurzel und Stamm. Und wie die Blüten fallen und zu den Wurzeln zurückkehren, so kam auch der Buddhismus zurück in den Osten. Dieses zeigt, dass unser Land Wurzel und Stamm der Drei Länder ist.<ref>Kanetomo legt dieses Zitat dem antiken Prinzregenten {{gb|shoutokutaishi}} in den Mund. Vgl. Scheid 2001, S. 243 und 350.</ref>
 
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Hier zeigen sich ähnliche Probleme und Gedankengänge, wie sie etwa auch im {{glossar:jinnoushoutouki}} anklingen: Wie lassen sich die verschiedenen Traditionen der „Drei Länder“ auf einen Nenner bringen? Wie lässt sich darüber hinaus, analog zu den Mythen, eine Vorrangstellung Japans gegenüber China und Indien rechtfertigen, ohne die kulturelle Errungenschaften und Einflüsse dieser Länder ganz zu negieren? Wie lässt sich all dies insbesondere aus der Geschichte ableiten?
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Hier zeigen sich ähnliche Gedankengänge, wie sie etwa auch im {{g|jinnoushoutouki}} anklingen: Wie lassen sich die verschiedenen Traditionen der „Drei Länder“ auf einen Nenner bringen? Wie lässt sich darüber hinaus, analog zu den Mythen, eine Vorrangstellung Japans gegenüber China und Indien rechtfertigen, ohne die kulturelle Errungenschaften und Einflüsse dieser Länder ganz zu negieren? Wie lässt sich all dies insbesondere aus der Geschichte ableiten?
  
Obwohl die Baummetapher selbst schon vor Kanetomo existierte, war die Verwendung von „Shinto“ als repräsentative Lehre Japans neu. Das konfrontierte Kanetomo mit dem Problem, dass es diese Lehre im Gegensatz zu Buddhismus und Konfuzianismus nicht in kodifizierter Form gab. Eine direkte Antwort auf dieses Problem bleibt das ''Myōbō yōshū'' zwar schuldig, doch deuten sich zwei Argumentationsstrategien an. Zum einen finden sich Argumente, dass es gar keiner kodifizierten Lehre bedarf, da Shinto so ursprünglich und gottgegeben ist, dass jeder Versuch der Kodifizierung ein Sakrileg darstellt. Zum anderen wird aber auch behauptet, dass es diese kodifizierte Lehre sehr wohl gibt, allerdings in geheimer Form, die nur den Yoshida Priestern zugänglich ist. Das ''Myōbō yōshū'' selbst wäre demnach die sichtbare Spitze eines Eisbergs, dessen eigentliche Masse unter dem Meeresspiegel esoterischer Kenntnisse verborgen ist.  
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Obwohl die Baummetapher selbst schon vor Kanetomo existierte, war die Verwendung von „Shintō“ als repräsentative Lehre Japans neu. Das konfrontierte Kanetomo mit dem Problem, dass es diese Lehre im Gegensatz zu Buddhismus und Konfuzianismus nicht in kodifizierter Form gab. Was also hatte Kanetomos Shintō Buddhismus und Konfuzianismus entgegenzusetzen? Eine direkte Antwort auf dieses Problem bleibt das ''Myōbō yōshū'' zwar schuldig, doch deuten sich zwei Argumentationsstrategien an. Zum einen finden sich Argumente, dass es gar keiner kodifizierten Lehre bedarf, da Shintō so ursprünglich und gottgegeben ist, dass jeder Versuch der Kodifizierung ein Sakrileg darstellt. Zum anderen wird aber auch behauptet, dass es diese kodifizierte Lehre sehr wohl gibt, allerdings in geheimer Form, die nur den Yoshida-Priestern zugänglich ist. Das ''Myōbō yōshū'' selbst wäre demnach die sichtbare Spitze eines Eisbergs, dessen eigentliche Masse unter dem Meeresspiegel esoterischer Geheimnisse verborgen ist.  
  
Die vorgeblich geheime Form der eigenen Shinto-Lehre konnte natürlich leicht zur Rechtfertigung unbeweisbarer und bislang unbekannter Behauptungen genützt werden. Unter anderem begründete Kanetomo damit auch die Umkehr der damals üblichen Rollenverteilung von ''kami'' und Buddhas in „Urform und Spur“ ({{glossar:honjisuijaku}}):  
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Die vorgeblich geheime Form der eigenen Shintō-Lehre konnte natürlich leicht zur Rechtfertigung unbeweisbarer und bislang unbekannter Behauptungen genützt werden. Unter anderem begründete Kanetomo damit auch die Umkehr der damals üblichen Rollenverteilung von ''kami'' und Buddhas in „Urform und Spur“ ({{g|honjisuijaku}}):  
  
 
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Auf diese Weise kehrte Kanetomo die implizite Hierarchie zwischen Buddhas und ''kami'' schlichtweg um. Er sprach dem Buddhismus also nicht jegliche Berechtigung ab, wie das die Shinto-Enthusiasten der Edo-Zeit taten, aber er wendete den inklusivistischen Kunstgriff, mit dem der Buddhismus bislang alle Arten von Kami-Glauben vereinnahmt hatte, in die umgekehrte Richtung an: „Im Grunde haben alle Lehren das gleiche Ziel, aber die wahre Natur dieses Ziels kennen nur wir.“  
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Auf diese Weise kehrte Kanetomo die Hierarchie zwischen Buddhas und ''kami'', die von den meisten seiner Zeitgenossen als unumstößliches Faktum angesehen wurde, schlichtweg um. Er sprach dem Buddhismus also nicht jegliche Berechtigung ab, wie das die Shintō-Enthusiasten der Edo-Zeit taten, aber er wendete den inklusivistischen Kunstgriff, mit dem der Buddhismus bislang alle Arten von ''kami''-Glauben vereinnahmt hatte, in die umgekehrte Richtung an: „Im Grunde haben alle Lehren das gleiche Ziel, aber die wahre Gestalt dieses Ziels kennen nur wir.“  
  
Ähnlich wie für {{glossar:kitabatakechikafusa}} stellte die höfische Tradition einschließlich ihrer Mythologie und ihrer Betonung der ungebrochenen kaiserlichen Herrschaftslinie für Kanetomo einen absoluten Fixpunkt dar. Bei Kanetomo finden wir daher die Verbindung von Tenno-Loyalismus und Shinto, die Chikafusa gerne unterstellt wird, wenn er schreibt:  
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Ähnlich wie für {{g|kitabatakechikafusa}} stellte die höfische Tradition einschließlich ihrer Mythologie und ihrer Betonung der ungebrochenen kaiserlichen Herrschaftslinie für Kanetomo einen absoluten Fixpunkt dar. Bei Kanetomo finden wir jedoch erstmals eine unmissverständliche Verbindung von Tennō-Loyalismus und Shintō, wie sie bei Chikafusa in Ermangelung eines entsprechenden Shintō-Begriffs noch nicht existiert hatte. Kanetomo postuliert:  
  
 
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Unser Land ist das Götterland. Unser Weg ist der Götterweg (''shintō''). Unser Landesherr ist ein göttlicher Herrscher.<ref>Scheid 2001, S. 248 und 361. „Göttlicher Herrscher“ übersetzt jap. ''shinkō'' oder ''jinnō'' 神皇, ein Bergriff der auch im Titel des ''Jinnō shōtō-ki'' verwendet wird.</ref>
 
Unser Land ist das Götterland. Unser Weg ist der Götterweg (''shintō''). Unser Landesherr ist ein göttlicher Herrscher.<ref>Scheid 2001, S. 248 und 361. „Göttlicher Herrscher“ übersetzt jap. ''shinkō'' oder ''jinnō'' 神皇, ein Bergriff der auch im Titel des ''Jinnō shōtō-ki'' verwendet wird.</ref>
 
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Die Motivation für Kanetomos Shinto-Innovationen erwuchs wohl nicht primär aus einer Gegnerschaft zum Buddhismus, sondern, wie erwähnt, aus dem Bedürfnis, das kulturelle Kapital der Familie wieder herzustellen. Ironischerweise erwies sich der  Ōnin-Krieg hier als unerwarteter Katalysator. Die Tatsache, dass nicht nur die Bibliothek der Yoshida, sondern die gesamte sakrosankte Ordnung der Hofaristorkratie über den Haufen geworfen wurde, ermöglichte es Kanetomo, viel weiter zu gehen, als seine Vorfahren zu träumen gewagt hätten. Kanetomos Ziel war nichts weniger als die oberste Autorität des  Götteramtes ({{glossar:jingikan}}) zu erlangen. Dies war seinen Vorfahren, die von ihrer Qualifikation her durchaus dazu in der Lage gewesen wären, aufgrund von Fragen des adeligen Familienstatus unmöglich gewesen. Unter den neuen Verhältnissen genügte jedoch so Kanetomos Kalkül ein möglichst vollmundiges Programm, um einen neuen status quo zu schaffen.  
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Die Motivation für Kanetomos Shintō-Innovationen erwuchs wohl nicht primär aus einer Gegnerschaft zum Buddhismus, sondern, wie erwähnt, aus dem Bedürfnis, das kulturelle Kapital der eigenen Familie wieder herzustellen. Ironischerweise erwies sich der  Ōnin-Krieg hier als unerwarteter Katalysator. Die Tatsache, dass nicht nur die Bibliothek der Yoshida, sondern die gesamte sakrosankte Ordnung der Hofaristokratie über den Haufen geworfen wurde, ermöglichte es Kanetomo viel weiter zu gehen, als seine Vorfahren zu träumen gewagt hätten. Kanetomos Ziel war nichts weniger als die oberste Autorität des  Götteramtes ({{g|jingikan}}) zu erlangen. Dies war seinen Vorfahren, die von ihrer Qualifikation her durchaus dazu in der Lage gewesen wären, aufgrund der Unverrückbarkeit ihres Familienstatus (sie standen immer im zweiten Glied der höfischen Priesterhierarchie) unmöglich gewesen. Unter den neuen Verhältnissen genügte jedoch so Kanetomos Kalkül ein möglichst vollmundiges Programm, um einen neuen ''status quo'' zu schaffen.  
  
Dieses Kalkül ging in vieler Hinsicht auf. Doch hatte der Yoshida Shinto immer auch erbitterte Gegner, die zumeist aus den Reihen jener Priesterfamilien stammten, deren Privilegien Kanetomo für sich usurpiert hatte. Dazu zählte u.a der Innere Schrein von Ise, dessen Schätze (zu denen auch der Yata-Spiegel, ein Bestandteil der Drei Throninsignien, zählte) Kanetomo für sich reklamierte, indem er schlichtweg behauptete, dass sie eines Nachts in seinen Schrein geflogen kamen.
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Dieses Kalkül ging in vieler Hinsicht auf. Doch hatte der Yoshida Shintō immer auch erbitterte Gegner, die zumeist aus den Reihen jener Priesterfamilien stammten, deren Privilegien Kanetomo für sich usurpiert hatte. Dazu zählte u.a der Innere Schrein von Ise, dessen Schätze (etwa der Yata-Spiegel, ein Bestandteil der Drei Throninsignien) Kanetomo für sich reklamierte, indem er schlichtweg behauptete, dass sie eines Nachts in seinen Schrein geflogen seien.
  
 
== Rezeption durch die Nachwelt ==
 
== Rezeption durch die Nachwelt ==
  
In der ''sengoku''-Zeit machten Kanetomo und seine Nachfolger ihre neuartigen Shinto-Interpretationen sowohl unter der Krieger-Elite als auch im Bauernstand bekannt. Darüber hinaus gelang es Kanetomo sogar, den Tenno selbst in den Einen und Einzigen Shinto einzuweihen. Der Hofadel sah jedoch wohl schon bald mit Skepsis auf die Yoshida, da sie historisch gewachsene Beziehungen zwischen Hof und Schreinen in der Provinz in Zweifel zogen bzw. in ihrer Bedeutung relativierten.  
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In der ''sengoku''-Zeit machten Kanetomo und seine Nachfolger ihre neuartigen Shintō-Interpretationen sowohl unter der Krieger-Elite als auch im Bauernstand bekannt. Darüber hinaus gelang es Kanetomo sogar, den Tennō selbst in den Einen und Einzigen Shintō einzuweihen. Der Hofadel sah jedoch wohl schon bald mit Skepsis auf die Yoshida, da sie historisch gewachsene Beziehungen zwischen Hof und Schreinen in der Provinz in Zweifel zogen bzw. in ihrer Bedeutung relativierten.  
  
Den größten „Coup“ landeten die Yoshida, als sie 1599 herangezogen wurden, um den eben verstorbenen Diktator {{glossar:toyotomihideyoshi}} zu einem Gott zu erklären. Auch sein Nachfolger, {{glossar:tokugawaieyasu}} interessierte sich für den Yoshida Shinto, wurde aber schließlich von seinem buddhistischen Ratgeber {{glossar:tenkai}} zum {{glossar:kami}} erklärt (s. [[Bauten:Bekannte Schreine/Nikko|Bekannte Schreine/Nikko]]). 1665 erhielten die Yoshida jedoch vom Tokugawa Shogunat eine Art General·voll·macht in Sachen Schrein·adminis·tration.  
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Den größten „Coup“ landeten die Yoshida, als sie 1599 herangezogen wurden, um den eben verstorbenen Diktator {{g|toyotomihideyoshi}} zu einem Gott zu erklären. Auch sein Nachfolger, {{g|tokugawaieyasu}} interessierte sich für den Yoshida Shintō, wurde aber schließlich von seinem buddhistischen Ratgeber {{g|tenkai}} zum {{g|kami}} erklärt (s. [[Bauten/Bekannte Schreine/Nikko|Bekannte Schreine/Nikko]]). 1665 erhielten die Yoshida jedoch vom Tokugawa Shōgunat eine Art Generalvollmacht in Sachen Schreinadministration.  
  
Gegen diese Vormachtsstellung regte sich von zwei Seiten Widerstand. Einerseits verwiesen andere höfische Priesterfamilien auf ältere Rechte als die Yoshida und wurden darin z.T. auch vom Shogunat anerkannt. Andererseits wiesen konfuzianisch geschulte Historiker auf die Schwach·stellen der Yoshida-spezifischen Geschichts·konstruk·tionen hin.   
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Gegen diese Vormachtstellung regte sich von zwei Seiten Widerstand. Einerseits verwiesen andere höfische Priesterfamilien auf ältere Rechte als die Yoshida und wurden darin z.T. auch vom Shōgunat anerkannt. Andererseits wiesen konfuzianisch geschulte Historiker auf die Schwachstellen der Yoshida-spezifischen Geschichtskonstruktionen hin.   
Für die {{glossar:kokugaku}} stellte der Yoshida Shinto schließlich den Inbegriff der Traditionsfälschung dar, obwohl beide Denkrichtungen in der Emanzipation vom Buddhismus ein gemeinsames Ziel hatten.  
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Für die {{g|kokugaku}} stellte der Yoshida Shintō schließlich den Inbegriff der Traditionsfälschung dar, obwohl beide Denkrichtungen in der Emanzipation vom Buddhismus ein gemeinsames Ziel hatten.  
  
Das von der ''kokugaku'' gezeichnete Bild beherrschte zu Beginn der Moderne den Shinto Diskurs und war wohl ein entscheidender Faktor dafür, dass die Yoshida Familie selbst sich vollkommen von ihren priesterlichen Traditionen löste und ihr kulturelles Kapital, bestehend aus dem Yoshida Schrein und einer umfangreichen Bibliothek, veräußerte. Die westliche Shinto-Forschung übernahm das Bild der ''kokugaku'' weitgehend unreflektiert. In Japan erkannte jedoch bereits der Shinto Historiker Miyaji Naokazu (1886–1949) die geschichtliche Bedeutung der Schule. Trotzdem beschränkt sich die Bekanntheit des Yoshida Shinto im heutigen Japan auf enge akademische Kreise.  
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Das von der ''kokugaku'' gezeichnete Bild beherrschte zu Beginn der Moderne den Shintō-Diskurs und war wohl ein entscheidender Faktor dafür, dass die Yoshida Familie selbst sich vollkommen von ihren priesterlichen Traditionen löste und ihr kulturelles Kapital, bestehend aus dem Yoshida Schrein und einer umfangreichen Bibliothek, veräußerte. Die westliche Shintō-Forschung übernahm das Bild der ''kokugaku'' weitgehend unreflektiert. In Japan erkannte jedoch bereits der Shintō Historiker Miyaji Naokazu (1886–1949) die geschichtliche Bedeutung der Schule. Trotzdem beschränkt sich die Bekanntheit des Yoshida Shintō im heutigen Japan auf enge akademische Kreise.  
  
 
== Innovationen ==
 
== Innovationen ==
  
Zu den nachhaltigsten Ideen, die Yoshida Kanetomo im ''Myōbō yōshū'' postulierte, zählt die Einteilung der verschiedenen Schreintraditionen in drei Gruppen: Yuiitsu, Ryōbu und Suijaku. Die erste Gruppe bezeichnete allein die Yoshida; die zweite im Wesentlichen den Ise Shinto; und die Dritte den buddhistisch geprägten Rest. Trotz dieser etwas seltsamen Gewichtung entstand damit erstmals ein Begriff von Shinto als Schulrichtung. In der Edo-Zeit wurde das Schema mannigfach variiert, die Grundstruktur „wir, unsere intimsten Gegner, die ahnungslose Masse“ findet sich aber auch bei vielen Gegnern des Yoshida Shinto.  
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Zu den nachhaltigsten Ideen, die Yoshida Kanetomo im ''Myōbō yōshū'' postulierte, zählt die Einteilung der verschiedenen Schreintraditionen in drei Gruppen: ''yuiitsu'', ''ryōbu'' und ''suijaku''. Die erste Gruppe bezeichnete allein die Yoshida; die zweite im Wesentlichen den Ise Shintō; und die Dritte den buddhistisch geprägten Rest. Trotz dieser etwas seltsamen Gewichtung entstand damit erstmals ein Begriff von Shintō als Schulrichtung. In der Edo-Zeit wurde das Schema mannigfach variiert, die Grundstruktur „wir, unsere intimsten Gegner, die ahnungslose Masse“ findet sich aber auch bei vielen Gegnern des Yoshida Shintō.  
  
Auch die Umkehr der konventionellen Hierarchie von Urform und Spur stellt eine wichtige Neuerung dar. Sie ermöglichte es, sich eine transzendente Welt ohne Buddhas vorzustellen. Damit eröffnete der Yoshida Shinto ein konzeptionelles Feld, von dem aus eine fundamentale Kritik am Buddhismus überhaupt erst möglich wurde.  
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Auch die Umkehr der konventionellen Hierarchie von Urform und Spur stellt eine wichtige Neuerung dar. Sie ermöglichte es, sich eine transzendente Welt ohne Buddhas vorzustellen. Damit eröffnete der Yoshida Shintō ein konzeptionelles Feld, von dem aus eine fundamentale Kritik am Buddhismus überhaupt erst möglich wurde.  
  
Auf rituellem Gebiet entwickelten die Yoshida u.a. eine Alternative zu buddhistischen Begräbnissen. Dadurch waren Shinto Priester hinsichtlich der Betreuung ihrer Toten nicht mehr auf den Buddhismus angewiesen für das japanische Mittelalter ein revolutionärer Schritt. Heutige shintoistische Begräbnisformen lassen sich zumeist direkt oder indirekt auf den Yoshida Shinto zurückführen, allgemein durchgesetzt hat sich diese Praxis jedoch nie.   
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Auf rituellem Gebiet entwickelten die Yoshida u.a. eine Alternative zu buddhistischen Begräbnissen. Dadurch waren Shintō-Priester hinsichtlich der Betreuung ihrer Toten nicht mehr auf den Buddhismus angewiesen für das japanische Mittelalter ein revolutionärer Schritt. Heutige shintōistische Begräbnisformen lassen sich zumeist direkt oder indirekt auf den Yoshida Shintō zurückführen, allgemein durchgesetzt hat sich diese Praxis jedoch nie.   
 
   
 
   
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<div class='bildbox'> ''Ende des Kapitels „Lehren und Schriften“''</div>
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* [[Grundbegriffe: Shinto| Shinto]]
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* [[Grundbegriffe/Shinto| Shinto]]
* [[Mythen:Goetter_des_Himmels| Götter des Himmels]]
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* [[Mythen:Goetter_der_Erde| Götter der Erde]]
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* [[Geschichte:Staatsshinto|Staatsshinto]]
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* [[Geschichte/Staatsshinto|Staatsshinto]]
* [[Texte:Mythentexte|''Kiki''-Mythen]]
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* [[Texte:Jinno shotoki|''Jinnō shōtō ki'']]
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Version vom 21. März 2022, 13:37 Uhr

Shintō-Klassiker, Teil 2Yuiitsu shintō myōbō yōshū

Das Yuiitsu shintō myōbō yōshū („Grundzüge von Namen und Gesetz des Einen und Einzigen Shintō“, kurz Myōbō yōshū) stellt einen der ersten Texte dar, die den Begriff Shintō im modernen Verständnis von „Shintō-Religion“ geprägt haben. Es ist eine Art Glaubensbekenntnis einer im japanischen Mittelalter entstandenen religiösen Schule, die sich selbstbewusst den Namen „der Eine und Einzige Shintō“ (Yuiitsu Shintō) gab, heute jedoch zumeist als Yoshida Shintō bezeichnet wird. Der Yoshida Shintō war vor allem in der ersten Hälfte der Edo-Zeit äußerst einflussreich.

Der Text ist ebenso kompliziert wie sein Titel und damit ein typisches Produkt des japanischen Spätmittelalters. In einer Studie dieses Werks (Scheid 2001) habe ich die labyrinthische Struktur des Myōbō yōshū darauf zurück geführt, dass es wie ein esoterisches Ritual organisiert ist und gar nicht auf Anhieb verstanden werden möchte, sondern erst nach langem Üben Schicht für Schicht erarbeitet werden soll. Es enthält jedoch namentlich am Beginn und am Ende einige durchaus leicht verständliche Passagen, die sich als Vorläufer der nationalistischen Shintō-Ideologien der Moderne lesen lassen.

Autor und Zeitumstände

Yoshida Kanetomo (1435–1511) lässt sich aus heutiger Sicht als Gründer des Yoshida Shintō identifizieren. Er war das Oberhaupt einer höfischen Priesterfamilie, die sich u.a. der Überlieferung der kiki-Mythen verschrieben hatte. Höfische Familien wie die Yoshida blieben üblicherweise auch noch im Mittelalter den Traditionen aus der Heian-Zeit treu und unterwarfen sich einer strikten Hierarchie, die sich in der Blütezeiten der höfischen Kultur herausgebildet hatte. Jede höfische Familie hatte bestimmte, klar definierte Aufgaben und in Verbindung damit ein gewisses Kapital an Kenntnissen und schriftlichen Quellen, die u.a. ihren Status bei Hof festlegten. Ende des 15. Jahrhunderts standen die Yoshida jedoch vor dem Problem, dass ihre Familienbibliothek wie so viele andere Gebäude und Artefakte des kaiserlichen Hofes Opfer des Ōnin-Krieges geworden waren. Damit war ein Großteil ihres kulturellen Kapitals vernichtet und die Basis ihres höfischen Status in höchstem Maße gefährdet. In dieser Situation erfand Kanetomo seine Familientradition gleichsam neu und erweiterte sie dabei beträchtlich.

Aus Rücksicht auf den höfischen Traditionalismus schrieb Kanetomo das Myōbō yōshū nicht in seinem eigenen Namen, sondern legte es einem Vorfahren aus dem zehnten Jahrhundert, Urabe Kanenobu, in den Mund. Dieser Etikettenschwindel wurde erst in der Edo-Zeit ruchbar. Kanetomo selbst konnte sowohl bei Hof als auch im Kriegeradel Interessenten für seine Lehren gewinnen und wurde zu einer der einflussreichsten intellektuellen Persönlichkeiten seiner Zeit.

Inhalt

Das Myōbō yōshū ist nach einem Frage-Antwort Schema (mondō) abgefasst. Jede Frage bezieht sich auf die vorhergehende Antwort. Die erste Frage lautet: „Wie lässt sich der Begriff ,Shintō‘ unterteilen?“ Das ganze Werk ist folglich — zumindest in formaler Hinsicht — eine Erklärung von „Shintō“. Dabei wird deutlich, dass der Begriff sehr verschiedene Bedeutungen haben kann. Er kann, wie heute üblich, als Schulrichtung verstanden werden (neben dem Yuiitsu [oder Genpon-sōgen] Shintō gibt es auch den Ryōbu-shūgō und den Suijaku-engi Shintō).1 Shintō kann aber auch eine göttliche Urkraft sein („shintō der Drei Uranfänge“)2 oder einfach eine zeremonielle Handlung („Die unzähligen Regierungsangelegenheiten an unserem Hof, sie alle sind shintō“)3.

In der sogenannten „Baumtheorie“ wird Shintō schließlich als japanische Entsprechung von Buddhismus und Konfuzianismus bzw. als deren Grundlage definiert:

Unser Land Japan bringt den Samen hervor, in China zeigen sich Zweige und Blätter, in Indien öffnen sich Blüten und Früchte. Deshalb ist der Buddhismus die Blume und Blüte, der Konfuzianismus die Zweige und Blätter, der Shintō aber Wurzel und Stamm aller Dharmas. Die ersten beiden Lehren sind nichts anderes als Varianten des Shintō. Zweige und Blätter, Blüten und Früchte verweisen auf Wurzel und Stamm. Und wie die Blüten fallen und zu den Wurzeln zurückkehren, so kam auch der Buddhismus zurück in den Osten. Dieses zeigt, dass unser Land Wurzel und Stamm der Drei Länder ist.4

Hier zeigen sich ähnliche Gedankengänge, wie sie etwa auch im Jinnō shōtō-ki anklingen: Wie lassen sich die verschiedenen Traditionen der „Drei Länder“ auf einen Nenner bringen? Wie lässt sich darüber hinaus, analog zu den Mythen, eine Vorrangstellung Japans gegenüber China und Indien rechtfertigen, ohne die kulturelle Errungenschaften und Einflüsse dieser Länder ganz zu negieren? Wie lässt sich all dies insbesondere aus der Geschichte ableiten?

Obwohl die Baummetapher selbst schon vor Kanetomo existierte, war die Verwendung von „Shintō“ als repräsentative Lehre Japans neu. Das konfrontierte Kanetomo mit dem Problem, dass es diese Lehre — im Gegensatz zu Buddhismus und Konfuzianismus — nicht in kodifizierter Form gab. Was also hatte Kanetomos Shintō Buddhismus und Konfuzianismus entgegenzusetzen? Eine direkte Antwort auf dieses Problem bleibt das Myōbō yōshū zwar schuldig, doch deuten sich zwei Argumentationsstrategien an. Zum einen finden sich Argumente, dass es gar keiner kodifizierten Lehre bedarf, da Shintō so ursprünglich und gottgegeben ist, dass jeder Versuch der Kodifizierung ein Sakrileg darstellt. Zum anderen wird aber auch behauptet, dass es diese kodifizierte Lehre sehr wohl gibt, allerdings in geheimer Form, die nur den Yoshida-Priestern zugänglich ist. Das Myōbō yōshū selbst wäre demnach die sichtbare Spitze eines Eisbergs, dessen eigentliche Masse unter dem Meeresspiegel esoterischer Geheimnisse verborgen ist.

Die vorgeblich geheime Form der eigenen Shintō-Lehre konnte natürlich leicht zur Rechtfertigung unbeweisbarer und bislang unbekannter Behauptungen genützt werden. Unter anderem begründete Kanetomo damit auch die Umkehr der damals üblichen Rollenverteilung von kami und Buddhas in „Urform und Spur“ (honji suijaku):

Die offene Lehre macht Buddha zur Urform. Diese Vereinfachung dient der Bekehrung. Die geheime Lehre stellt jedoch die kami an den Anfang. Auf ihrer tiefsten Stufe birgt sie die absolute Wahrheit.5

Auf diese Weise kehrte Kanetomo die Hierarchie zwischen Buddhas und kami, die von den meisten seiner Zeitgenossen als unumstößliches Faktum angesehen wurde, schlichtweg um. Er sprach dem Buddhismus also nicht jegliche Berechtigung ab, wie das die Shintō-Enthusiasten der Edo-Zeit taten, aber er wendete den inklusivistischen Kunstgriff, mit dem der Buddhismus bislang alle Arten von kami-Glauben vereinnahmt hatte, in die umgekehrte Richtung an: „Im Grunde haben alle Lehren das gleiche Ziel, aber die wahre Gestalt dieses Ziels kennen nur wir.“

Ähnlich wie für Kitabatake Chikafusa stellte die höfische Tradition einschließlich ihrer Mythologie und ihrer Betonung der ungebrochenen kaiserlichen Herrschaftslinie für Kanetomo einen absoluten Fixpunkt dar. Bei Kanetomo finden wir jedoch erstmals eine unmissverständliche Verbindung von Tennō-Loyalismus und Shintō, wie sie bei Chikafusa in Ermangelung eines entsprechenden Shintō-Begriffs noch nicht existiert hatte. Kanetomo postuliert:

Unser Land ist das Götterland. Unser Weg ist der Götterweg (shintō). Unser Landesherr ist ein göttlicher Herrscher.6

Die Motivation für Kanetomos Shintō-Innovationen erwuchs wohl nicht primär aus einer Gegnerschaft zum Buddhismus, sondern, wie erwähnt, aus dem Bedürfnis, das kulturelle Kapital der eigenen Familie wieder herzustellen. Ironischerweise erwies sich der Ōnin-Krieg hier als unerwarteter Katalysator. Die Tatsache, dass nicht nur die Bibliothek der Yoshida, sondern die gesamte sakrosankte Ordnung der Hofaristokratie über den Haufen geworfen wurde, ermöglichte es Kanetomo viel weiter zu gehen, als seine Vorfahren zu träumen gewagt hätten. Kanetomos Ziel war nichts weniger als die oberste Autorität des Götteramtes (Jingi-kan) zu erlangen. Dies war seinen Vorfahren, die von ihrer Qualifikation her durchaus dazu in der Lage gewesen wären, aufgrund der Unverrückbarkeit ihres Familienstatus (sie standen immer im zweiten Glied der höfischen Priesterhierarchie) unmöglich gewesen. Unter den neuen Verhältnissen genügte jedoch — so Kanetomos Kalkül — ein möglichst vollmundiges Programm, um einen neuen status quo zu schaffen.

Dieses Kalkül ging in vieler Hinsicht auf. Doch hatte der Yoshida Shintō immer auch erbitterte Gegner, die zumeist aus den Reihen jener Priesterfamilien stammten, deren Privilegien Kanetomo für sich usurpiert hatte. Dazu zählte u.a der Innere Schrein von Ise, dessen Schätze (etwa der Yata-Spiegel, ein Bestandteil der Drei Throninsignien) Kanetomo für sich reklamierte, indem er schlichtweg behauptete, dass sie eines Nachts in seinen Schrein geflogen seien.

Rezeption durch die Nachwelt

In der sengoku-Zeit machten Kanetomo und seine Nachfolger ihre neuartigen Shintō-Interpretationen sowohl unter der Krieger-Elite als auch im Bauernstand bekannt. Darüber hinaus gelang es Kanetomo sogar, den Tennō selbst in den Einen und Einzigen Shintō einzuweihen. Der Hofadel sah jedoch wohl schon bald mit Skepsis auf die Yoshida, da sie historisch gewachsene Beziehungen zwischen Hof und Schreinen in der Provinz in Zweifel zogen bzw. in ihrer Bedeutung relativierten.

Den größten „Coup“ landeten die Yoshida, als sie 1599 herangezogen wurden, um den eben verstorbenen Diktator Toyotomi Hideyoshi zu einem Gott zu erklären. Auch sein Nachfolger, Tokugawa Ieyasu interessierte sich für den Yoshida Shintō, wurde aber schließlich von seinem buddhistischen Ratgeber Tenkai zum kami erklärt (s. Bekannte Schreine/Nikko). 1665 erhielten die Yoshida jedoch vom Tokugawa Shōgunat eine Art Generalvollmacht in Sachen Schreinadministration.

Gegen diese Vormachtstellung regte sich von zwei Seiten Widerstand. Einerseits verwiesen andere höfische Priesterfamilien auf ältere Rechte als die Yoshida und wurden darin z.T. auch vom Shōgunat anerkannt. Andererseits wiesen konfuzianisch geschulte Historiker auf die Schwachstellen der Yoshida-spezifischen Geschichtskonstruktionen hin. Für die kokugaku stellte der Yoshida Shintō schließlich den Inbegriff der Traditionsfälschung dar, obwohl beide Denkrichtungen in der Emanzipation vom Buddhismus ein gemeinsames Ziel hatten.

Das von der kokugaku gezeichnete Bild beherrschte zu Beginn der Moderne den Shintō-Diskurs und war wohl ein entscheidender Faktor dafür, dass die Yoshida Familie selbst sich vollkommen von ihren priesterlichen Traditionen löste und ihr kulturelles Kapital, bestehend aus dem Yoshida Schrein und einer umfangreichen Bibliothek, veräußerte. Die westliche Shintō-Forschung übernahm das Bild der kokugaku weitgehend unreflektiert. In Japan erkannte jedoch bereits der Shintō Historiker Miyaji Naokazu (1886–1949) die geschichtliche Bedeutung der Schule. Trotzdem beschränkt sich die Bekanntheit des Yoshida Shintō im heutigen Japan auf enge akademische Kreise.

Innovationen

Zu den nachhaltigsten Ideen, die Yoshida Kanetomo im Myōbō yōshū postulierte, zählt die Einteilung der verschiedenen Schreintraditionen in drei Gruppen: yuiitsu, ryōbu und suijaku. Die erste Gruppe bezeichnete allein die Yoshida; die zweite im Wesentlichen den Ise Shintō; und die Dritte den — buddhistisch geprägten — Rest. Trotz dieser etwas seltsamen Gewichtung entstand damit erstmals ein Begriff von Shintō als Schulrichtung. In der Edo-Zeit wurde das Schema mannigfach variiert, die Grundstruktur „wir, unsere intimsten Gegner, die ahnungslose Masse“ findet sich aber auch bei vielen Gegnern des Yoshida Shintō.

Auch die Umkehr der konventionellen Hierarchie von Urform und Spur stellt eine wichtige Neuerung dar. Sie ermöglichte es, sich eine transzendente Welt ohne Buddhas vorzustellen. Damit eröffnete der Yoshida Shintō ein konzeptionelles Feld, von dem aus eine fundamentale Kritik am Buddhismus überhaupt erst möglich wurde.

Auf rituellem Gebiet entwickelten die Yoshida u.a. eine Alternative zu buddhistischen Begräbnissen. Dadurch waren Shintō-Priester hinsichtlich der Betreuung ihrer Toten nicht mehr auf den Buddhismus angewiesen — für das japanische Mittelalter ein revolutionärer Schritt. Heutige shintōistische Begräbnisformen lassen sich zumeist direkt oder indirekt auf den Yoshida Shintō zurückführen, allgemein durchgesetzt hat sich diese Praxis jedoch nie.

Ende des Kapitels „Lehren und Schriften“


Verweise

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Fußnoten

  1. Scheid 2001, S. 301ff.
  2. Scheid 2001, S. 325. Ein anderes Zitat, das Shintō als Urkraft deutet, lautet: „Wäre im Himmel nicht shintō, gäbe es nicht die Drei Lichter (Sonne, Mond, Sterne) und nicht die Vier [Jahres]zeiten. Wäre in der Erde nicht shintō, gäbe es nicht die Fünf Phasen und nicht die Myriaden von Dingen. Wäre im Menschen nicht shintō, gäbe es kein Leben (ichimei) und nicht die Myriaden von Dingen (banpō).“ (Scheid 2001, S. 363.)
  3. Scheid 2001, S. 348.
  4. Kanetomo legt dieses Zitat dem antiken Prinzregenten Shōtoku Taishi in den Mund. Vgl. Scheid 2001, S. 243 und 350.
  5. Scheid 2001, S. 245 und 354.
  6. Scheid 2001, S. 248 und 361. „Göttlicher Herrscher“ übersetzt jap. shinkō oder jinnō 神皇, ein Bergriff der auch im Titel des Jinnō shōtō-ki verwendet wird.

Literatur

Bernhard Scheid 2001
Der Eine und Einzige Weg der Götter: Yoshida Kanetomo und die Erfindung des Shinto. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 2001.

Glossar

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