Jinnō shōtō-ki (Shintō-Klassiker, Teil 1)

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Shintō-Klassiker, Teil 1Jinnō shōtō-ki

Das Jinnō shōtō-ki („Über die Wahre Abfolge der Göttlichen Herrscher“) ist ein umstrittenes Werk. Umstritten vor allem deshalb, weil es im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert als Quelltext der sogenannten Götterland-Ideologie interpretiert wurde und als Rechtfertigung für den japanischen Imperialismus und Ultra-Nationalismus diente. Auch als Quelle des Shintō wurde und wird das Werk immer wieder zitiert. Es wurde mit anderen Worten als Beleg herangezogen, um Shintō mit Tennō-Loyalismus zu verknüpfen und diese Verbindung als essenziellen Bestandteil der japanischen Kultur zu begründen. Auf dieser Seite werden die wichtigsten Ideologeme des Jinnō shōtō-ki vorgestellt und in ihrem historischen Kontext erklärt.

Autor und Zeitumstände

Der Autor, Kitabatake Chikafusa (1293–1354), stammte aus der Familie der Minamoto, also einem der führenden Krieger-Klans des japanischen Mittelalters, und wurde in die Spätzeit des von Minamoto no Yoritomo begründeten Kamakura Shōgunats geboren. Dieses Regime stand vor allem durch die aufwendigen Verteidigungsmaßnahmen gegen mögliche Angriffe der Mongolen unter zunehmenden Druck. In dieser Situation sah der ungewöhnlich tatkräftige Tennō Go-Daigo eine Chance, das Kamakura Shōgunat zu stürzen und die Regierungsgewalt wieder in die Hände des kaiserlichen Hofes zu überführen. Er erhielt dabei die Unterstützung verschiedener unzufriedener Krieger-Klans, selbst von Seitenlinien der Minamoto, u.a. von Kitabatake Chikafusa.

Einer von Chikafusas Verwandten, Ashikaga Takauji, zählte während der sogenannten Kenmu-Restauration (1333–1336) zu Go-Daigos wichtigsten Feldherrn. Takauji gelang es, das Kamakura Shōgunat endgültig zu stürzen, doch wandte er sich nach seinem Sieg gegen Go-Daigo. 1336 begründete er neuerlich ein Shōgunat, diesmal mit Sitz in Kyōto (Muromachi), und setzte einen Gegenkaiser ein. Go-Daigo vermochte allerdings eine Exil-Regierung ins Leben zu rufen, der auch unser Autor, Chikafusa, angehörte. Von 1336–1392 gab es daher zwei kaiserliche Dynastien, den Nordhof in Kyōto, der nach der Pfeife der Ashikaga tanzte, und den Südhof in den Bergen von Yoshino (südlich des Nara-Beckens). Go-Daigos Exilregierung war zwar politisch weitgehend machtlos, aber doch stark genug, um nicht vom Ashikaga Shōgunat überrannt zu werden. 1392 kam es zu einer friedlichen Einigung zwischen den beiden Parteien.

Chikafusa, der die meiste Zeit seines Lebens an kaiserlichen Höfen verbrachte, steuerte die Ideologie für die Loyalisten des Südhofes bei. Diese Ideologie klingt bereits im Titel des Jinnō shōtōki (in etwa „Über die wahre/legitime Abfolge der Göttlichen Herrscher“) an. Es ist eine Kurzdarstellung der japanischen Geschichte mit besonderer Betonung der Kontinuität — und daraus abgeleitet der einzig legitimen japanischen Herrschaftsform — des Tennō-Hauses. Chikafusa begann das Werk 1339, nach dem Tod Go-Daigos, als Unterweisung für dessen Sohn und Nachfolger. Er selbst saß zu dieser Zeit in seiner von Ashikaga-Truppen belagerten Festung in Hitachi (Ostjapan) fest, wo er sich vier Jahre halten konnte, bis er schließlich an den Südhof in Yoshino floh und dort bis zu seinem Tod (1354) weitere Werke verfasste.

Kämpfer für den Tennō

Kusunoki masashige.jpg
Standbild des Kusunoki Masashige, der besonders in der Meiji-Zeit als Inbegriff des Tennō-treuen Samurai verehrt wurde. Erstes und berühmtestes Reiterstandbild nach westlichem Muster. Entstand in Kooperation mehrer Bildhauer unter Führung Takamuras und japanischer Historiker. Werk von Takamura Kōun (1852–1934). Meiji-Zeit, 1893
Tōykō Views, flickr, 2011.
1 Kusunoki Masashige, Denkmal nahe dem Kaiserpalast in Tōkyō

Ähnlich wie Kitabatake Chikafusa schlugen sich auch andere Krieger sich auf die Seite von Tennō und Hofadel und kämpften für eine Rückkehr zu den politischen Verhältnissen der Heian-Zeit, als der Kriegerstand dem Hofadel eindeutig untergeordnet war. Der in militärischer Hinsicht bekannteste Repräsentant dieser Loyalisten ist Kusunoki Masashige, der quasi das militärische Gegenstück zu Chikafusa darstellt. Auf politisch-militärischem Gebiet werden diesem Masashige vor allem zwei legendäre Leistungen zugeschrieben: 1331 machte er durch eine taktische Meisterleistung (die Verteidigung von Chihaya und Akasaka) den Aufstieg Go-Daigos überhaupt erst möglich. 1336 zog er auf seiten Go-Daigos gegen Ashikaga Takauji in die Schlacht, obwohl er wusste, dass er diesmal unterliegen würde. Er plädierte daher für eine Hinhalte-Taktik, doch da der Tennō nicht auf seinen Rat hören wollte, fügte er sich in sein Schicksal und starb in einem aussichtslosen Angriff. Die meisten anderen Generäle dieser Zeit wären in einer solchen Situation zur Gegenseite übergelaufen. Aus diesem Grund gilt Masashige, insbesondere seit der Meiji-Zeit, als der Inbegriff des loyalen Untertanen in Japan.

Inhalt des Jinnō shōtō-ki

Groß-Japan ist ein Götterland. Die himmlischen Ahnen begründeten es und die Sonnengottheit übergab seine Herrschaft für ewig [an ihre Nachkommen]. Dies gibt es nur in unserem Land. Andere Dynastien haben nichts dergleichen. Deshalb nennt man dieses Land ein Götterland.1

Mit diesem berühmten Beginn des Jinnō shōtō-ki weist Chikafusa auf die göttliche Abstammung des Tennō (und davon abgeleitet auch der anderen Bewohner Japans) hin, wie dies in den alten Chroniken Kojiki und Nihon shoki beschrieben ist. Der Begriff Götterland (shinkoku) ist zwar keine Erfindung Chikafusas, wurde aber durch seine Schrift popularisiert.

Trotz dieser anscheinend „nationalistischen“ Grundhaltung macht Chikafusa auch von chinesischen Quellen Gebrauch und beweist große Gelehrsamkeit, wenn er japanische und chinesische Geschichte miteinander in Beziehung bringt. Als Kind seiner Zeit glaubt er außerdem an die buddhistische Zeitenlehre, nach der man sich in der Endzeit des buddhistischen Gesetzes (mappō oder masse) befände, und greift immer wieder auf die karma-Theorie zurück, um seine Zeitgenossen vor unmoralischem Verhalten zu warnen.

In seiner geschichtlichen Darstellung folgt Chikafusa aber der traditionellen japanischen Historiographie und strukturiert seine Erzählung entlang der „Regierungen“ der einzelnen Tennō, bis hin zu ihren göttlichen Ahnen. Vor allem durch diese Struktur erhält der Text seine rote Linie, nach der der kaiserliche Souverän den Brenn- und Angelpunkt aller geschichtlichen Ereignisse des Landes darstellt. Dazwischen streut der Autor immer wieder persönliche Interpretationen ein, die Kontinuität als Spezifikum der japanischen Geschichte herausstreichen und daraus umgekehrt die Fortdauer des imperialen Herrschaftsanspruchs legitimieren.

Kosmologie

Besonders am Anfang seiner Schrift versucht Chikafusa sein initiales Statement, dass Japan ein Götterland sei, durch eine Erörterung der Kosmologien und Kosmogonien der Drei Länder (Indien, China und Japan) zu untermauern. Dabei fällt eine besonders negative Sicht Chinas auf, die sich wohl aus den Zeitumständen (die Angriffe der Yuan-Dynastie liegen kaum ein Menschenalter zurück) erklären. Die buddhistische Lehre vom Weltenberg Sumeru wird dagegen durchaus ernst genommen. Aus ihr schließt Chikafusa, dass Indien das Zentrum der von Menschen bewohnten Welt darstelle, während China und Japan lediglich periphere Reiche am Rand dieser Welt seien. Auch die buddhistische Lehre vom sukzessiven Weltenverfall (vgl. mappō) wird in anschaulichen Bildern wiedergegeben. Chikafusa schließt sich sogar der buddhistischen Devolutionslehre an, der zur Folge die Menschen früher nahezu ewig lebten und um ein vielfaches größer waren als heute. Doch trifft dies scheinbar nur auf Indien zu, während für Japan die Weltentstehungsmythen der indigenen Chroniken gelten. Chikafusa lässt also die widersprüchlichen Kosmogonien unterschiedlicher Denktraditionen nebeneinander bestehen, um letztlich auf den für ihn wichtigsten Punkt zu kommen: Nur in Japan gibt es eine Herrschaftsdynastie, die sich bis auf den Anfang aller Zeiten zurück führen lässt. Die dynastische Ordnung Japans hat damit einen quasi naturgesetzlichen Charakter. In Indien und China hingegen sei es öfter vorgekommen, dass sich sogar Leute gemeinen Standes zum Herrscher aufschwangen.

Nach dem Klan des [ersten chinesischen Herrschers] Fuxi änderte sich der Klan-Name des Himmelssohnes sechsunddreißig Mal. Das Ausmaß dieser Unordnung ist nicht zu beschreiben! Nur in unserem Land wurde von der Zeit, als Himmel und Erde sich teilten, bis zum heutigen Tag nie von der Sonnenerbfolge (hitsugi) abgewichen. [...] Dieser Herrschaftsauftrag der Leuchtenden Gottheit (Amaterasu) ist etwas, das [uns] von anderen Ländern unterscheidet.2

Im Folgenden geht Chikafusa detailliert auf die japanischen Schöpfungsmythen ein, identifiziert Kuni no Tokotachi als die erste Gottheit und interpretiert alle weiteren im Sinne von Yin und Yang sowie den Fünf Wandlungen (gogyō). Chikafusas Nacherzählung der Mythen des Götterzeitalters folgt weitgehend den antiken Schriften Nihongi, Kuji hongi und Kogo shūi (die damals als orthodoxe historische Quellentexte galten), doch schleichen sich gelegentlich Varianten aus dem Ise Shintō ein, die in den klassischen Mythen fehlen. Man nimmt daher an, dass die Watarai Priester des Äußeren Ise Schreins zu Chikafusas Informanten in mythologischen Fragen zählten.

Anlässlich der ersten Erwähnung von Amaterasu betont Chikafusa, dass es sich um eine weibliche Gottheit handelt (was auf diesbezügliche Unsicherheiten in der damaligen Rezeption schließen lässt). In der weiteren Nacherzählung der Mythen des Götterzeitalters beweist Chikafusa große Quellenkompetenz und versteht es meisterhaft, die verschiedenen Erzählvarianten der Mythen anzudeuten, ohne die Geschichte allzu verwirrend zu gestalten. Als Einführung in die japanische Mythologie ist der erste Abschnitt des Werks in der Tat didaktisch gut gestaltet.

Herrschaftsauftrag

Die mythologische Szene, in der Amaterasu ihrem Enkel Ninigi zusammen mit den Drei Throninsignien den sogenannten Herrschaftsauftrag mit auf den Weg gibt, stellt einen der Höhepunkte in Chikafusas Abhandlung der Mythologie dar. Auch in späteren Abschnitten greift er immer wieder auf diese Passage zurück. Sie wird zunächst wortgetreu nach dem Nihon shoki (Nebenvariante 1) wiedergegeben:

Sodann übergab Amaterasu die drei göttlichen Schätze. Zuvor sprach sie zu ihrem Enkel: „Dieses Land der Schilfgefilde von eintausendfünfhundert Herbsten von Reisähren soll von meinen Nachkommen beherrscht werden. Geh du, mein erlauchter Enkel, hin und regiere es! Möge deine himmlische Dynastie blühen und gedeihen, unendlich wie Himmel und Erde!“ Dann nahm die Große Gottheit den Schatzspiegel in ihre Hände und übergab ihn dem erlauchten Enkel mit den Worten: „Mein Kind, wenn du in diesen Spiegel blickst, so sei es, als ob du mich anblicktest. An deinem Nachtlager und in deinem Palast verehre ihn als heiligen Spiegel.“3

Im Anschluss finden sich mittelalterliche Ausschmückungen, die in den Quellen des Altertums fehlen:

Zusammen mit den Yakasaka Krummjuwelen und dem Schwert Ama no Murokumo sind dies die Drei Insignien. Weiters sprach Amaterasu: „Erfülle das Reich mit Licht, gleich diesem Spiegel, beherrsche das Reich mit Wundern, wie sich diese Juwelen vermehren, und vernichte die Unfolgsamen mit diesem Schwert.“4

Daran schließt der Autor folgende persönliche Interpretation an:

Man erkennt daraus, dass [die Drei Insignien] als göttliche Geister dieses Landes wahrhaftig die eine kaiserliche Linie darstellen. Die Weitergabe der Drei Insignien gleicht Sonne, Mond und Sternen am Himmel. Der Spiegel ist der Körper der Sonne. Die Juwelen sind der Geist des Mondes. Und das Schwert ist die Essenz der Sterne.4

Zu den Insignien und ihrer magischen sowie symbolischen Bedeutung finden sich noch weitere, dem esoterischen Diskurs der Zeit entsprechende Ausführungen.

In einer späteren Passage geht Chikafusa noch einmal auf die Reichsinsignien ein. Diese sind ja, wie auch andere Quellen berichten, teilweise in der Seeschlacht von Dan no Ura (1185) zusammen mit dem Kindkaiser Antoku Tennō im Meer versunken, wie auch Chikafusa berichtet. Doch seien es im Grunde nur Kopien gewesen. Die Originale von Spiegel und Schwert befänden sich in den Schreinen Ise und Atsuta, von deren Gottheiten die kaiserliche Dynastie weiter beschützt werden würde.

Mandat des Himmels

Als direkter Verwandter Chikafusas wird Minamoto no Yoritomo naturgemäß sehr positiv dargestellt. Seine Shōgunatsregierung stimmte laut Chikafusa mit dem Willen Go-Shirakawas (die dominante Figur innerhalb des kaiserlichen Haushalts im späteren 12. Jh.) überein und war daher legitim. Das Minamoto-Shōgunat wird im übrigen durch die chaotischen politischen Zustände gerechtfertigt, die wiederum den Taira zur Last gelegt werden.

In der Darstellung der folgenden verworrenen Zeitumstände taucht überraschender Weise das Konzept des himmlischen Mandats (tenmei oder ten'i) mehrmals auf. Klassische chinesische Konfuzianer fassten das Mandat des Himmels als eine Art Grundkapital auf, mit Hilfe dessen eine neue Dynastie an die Macht gelangen konnte, das sie aber durch untugendhaftes Verhalten auch verspielen konnte. Der Konfuzianismus erklärte und rechtfertigte auf diese Weise den Umsturz historischer Dynastien. Ganz ähnlich argumentiert Chikafusa im Hinblick auf die Kriegerdynastien der Taira, Minamoto und Hōjō. Mit Einschränkungen gilt das Prinzip sogar für einzelne Mitglieder der kaiserlichen Dynastie. Doch kann kein Fehler eines Tennō so gravierend sein, dass die Dynastie selbst — nach dem Willen der kami — komplett ausgelöscht oder entmachtet wird.5

Am Ende des Werks kritisiert Chikafusa die Inflation an Rangerhöhungen, die seit der späten Heian-Zeit an Mitglieder des Kriegerstandes vergeben wurden, und macht diese Praxis dafür verantwortlich, dass Krieger mehr Macht anstrebten, als ihrem angestammten Status entsprach. Alle Untertanen, Krieger eingeschlossen, müssten bereit sein, gegebenenfalls ihr Leben für den Tennō zu geben, ohne an Belohnungen für ihre Verdienste zu denken. Die wichtigsten Faktoren, die für die Schwächung eines Regimes verantwortlich gemacht werden können, sind überzogene Ambitionen und Nichtachtung des angestammten gesellschaftlichen Status seitens der Untertanen. Diese Grundaussage ist zwar nicht besonders neu oder originell, doch sticht Chikafusas Werk dadurch hervor, dass er sie an so vielen Beispielen der japanischen Geschichte immer wieder demonstriert. Damit gelang ihm eine der ersten umfassenden Abhandlungen der Geschichte Japans aus einer — letztlich sehr konservativen — geschichtsphilosophischen Perspektive.

Rezeption durch die Nachwelt

Das Jinnō shōtō-ki erfuhr bereits in der Edo-Zeit große Beachtung und soll sogar die Große Geschichte Japans (Dai Nihon-shi) der Mito-Schule inspiriert haben. In der Tat entstand dieses über zwei Jahrhunderte fortgeführte Mammut-Projekt aus einer ähnlichen Grundhaltung wie die Chikafusas. Angefangen von Tokugawa Mitsukuni, Daimyo von Mito, waren die Mentoren dieses Projekts zwar verwandtschaftlich mit dem Tokugawa Shōgunat verbunden, teilten aber dennoch die Auffassung, dass letztlich der Tennō der oberste Souverän des Landes sei und versuchten dies historisch zu belegen. Auch in Mito wollte man den Kriegerstand einschließlich des Shōgun im Dienste der gesamtgesellschaftlichen Ordnung klar unter die Herrschaft des Tennō stellen.

Besonders einflussreich wurde das Jinnō shōtō-ki allerdings erst in der Meiji-Zeit. Im ersten quasi-universitären „Institut für Kaiserliche Studien“, das bereits 1868 gegründet wurde und stark von der kokugaku geprägt war, stellte das Werk die erste geschichtliche Quelle dar, mit der sich die Studenten auseinandersetzen sollten. Auch später blieb es ein wichtiger Bestandteil im Schulunterricht.

Hermann Bohner

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Hermann Bohner war ein führender deutscher Japanologe, der ab 1914 den Großteil seines Lebens in Japan verbrachte. 1932
Bildquelle: Adi Meyerhofer, über Internet Archive.
2 Hermann Bohner

Während die Pioniere der westlichen Japanologie das Jinnō shōtō-ki eher links liegen ließen, erlangte es in der Zwischenkriegszeit zumindest in der deutschsprachigen Forschung große Aufmerksamkeit. Verantwortlich dafür ist in erster Linie Hermann Bohner (1884–1963), der die meiste Zeit seines Lebens ab 1914 in Japan verbrachte und zweifellos der beste deutschsprachige Japankenner seiner Generation war. Er übersetzte das Jinnō shōtō-ki 1935 ins Deutsche und verfasste eine Einleitung dazu, die mit knapp 190 Seiten umfangreicher als die Übersetzung selbst geriet. Darin schrieb er dem Werk eine ähnliche Bedeutung für das aufkeimende Nationalgefühl Japans zu wie dem Buch Das Dritte Reich (1923) von Arthur Moeller van den Bruck (1876–1925) für den deutschen Nationalsozialismus. Der Vergleich des Jinnō shotō-ki mit einem wichtigen Propagandawerk des Nationalsozialsmus war als Lob gemeint, nicht als Kritik. Dies lässt natürlich unzweifelhaft auf Bohners eigene nationalsozialistische Grundhaltung schließen. Bohner repräsentierte damit die vorherrschende Geisteshaltung der damaligen deutschsprachigen Japanologie. Selbst der Jesuit Johannes Kraus, der Begründer der renommierten Fachzeitschrift Monumenta Nipponica, hob Bohners Übersetzung und Interpretation des Jinnō shōtō-ki in einer Rezension als ein „Bibelbuch der völkisch-nationalen Weltanschauung Japans“ lobend hervor.6

Für viele Japaner dieser Zeit galt das Jinnō shōtō-ki als Inbegriff des „nationalen Wesens“ (kokutai). In Übereinstimmung mit solchen Interpretationen setzte auch Bohner Chikafusas Götterland sowohl mit kokutai als auch mit Shintō gleich.7

Götterland und kokutai

Das Götterland Konzept sagt im Grunde nicht viel mehr aus, als dass Japan seit Uranfängen von einer Dynastie göttlichen Ursprungs regiert werden würde. Diese Behauptung wurde im 19. und 20. Jahrhundert auch als kokutai, als Essenz des japanischen Staates, definiert und/oder als Kern eines nationalistischen Shintō-Begriffs angesehen. Das Wort Shintō taucht im Jinnō shōtō-ki zwar auf, wird aber — wie etwa Michael Wachutka gezeigt hat — nicht in der Bedeutung einer nationalen Religion verwendet. Der Begriff kokutai war Chikafusa überhaupt unbekannt. Moderne Nationalisten aber bedienten sich dieser Begriffe, um die an sich recht simple Götterland-These des Jinnō shōtō-ki zu überhöhen und aus ihr einen universalen Herrschaftsanspruch Japans abzuleiten. Sie verschwiegen dabei zumeist, dass Chikafusa bei seinen Zwischenbetrachtungen der japanischen Geschichte auch Anleihen beim Buddhismus, dem Konfuzianismus und der chinesischen Naturphilosophie nahm.

Das wichtigste Argument sowohl bei Chikafusa als auch im modernen nationalistischen Diskurs ist die Kontinuität: Weil es die Herrschaft des Tennō immer gegeben hat, muss sie auch immer weiter bestehen. Chikafusa verschweigt dabei keineswegs, dass es fähige und unfähige Herrscher gegeben habe. Er sieht vielmehr in der Tatsache, dass sich die Dynastie trotz aller Krisen behaupten konnte, einen Beweis dafür, dass sie unter göttlichem Schutz steht.8 Auch das moderne kokutai Konzept lässt sich, wenn man versucht, es von allen Mystizismen zu entkleiden, auf diesen simplen Traditionalismus herunterbrechen.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Chikafusas Position und dem modernen Nationalismus besteht in der intendierten Leserschaft und im intendierten Zweck: Chikafusa richtete seine Schriften an den Adel seiner Zeit und versuchte erfolglos, die traditionellen Hierarchien zwischen Hof und Schwertadel wieder zu errichten, um die Konkurrenz zwischen den Kriegern einzudämmen. Die modernen Nationalisten hingegen richteten sich an die gesamte Bevölkerung und leiteten aus der ungebrochenen Herrschaftslinie eine Art Auftrag ab, die ganze Welt (oder zumindest ganz Asien) zu beherrschen.

Verweise

Verwandte Themen

Fußnoten

  1. Jinnō shōtō-ki 1, ü. B. Scheid nach Jinnō shōtōki, online (JS), S. 41/1.
  2. JS 1, S. 48/3–4.
  3. JS 1, S. 59/3.
  4. ab JS 1, S. 60/1.
  5. JS 3, S. 163/2.
  6. Monumenta Nipponica 1:1 (1938), S. 285.
  7. Bohner 1935; s.a. Wachutka 2013, S. 211–212.
  8. Das Jinnō shōtō-ki ist beispielsweise eine der ersten Quellen, die die Bedeutung der „göttlichen Winde“ (kamikaze) für die Abwehr der mongolischen Angriffe Ende des 13. Jh.s hervorhebt.

Internetquellen

Letzte Überprüfung der Linkadressen: Jul. 2020

Literatur

Hermann Bohner (Ü.) 1935
Jinnō-Shōtōki: „Buch von der Wahren Gott-Kaiser-Herrschaftslinie“. Tokyo: Deutsch-Japanisches Kulturinstitut 1935.
H. Paul Varley (Ü.) 1980
A Chronicle of Gods and Sovereigns: Jinnō Shōtōki of Kitabatake Chikafusa. New York: Columbia University Press 1980.
Michael Wachutka 2013
Kokugaku in Meiji-period Japan: The Modern Transformation of ‘National Learning’ and the Formation of Scholarly Societies. Leiden, Boston: Global Oriental 2013.

Bilder

Quellen und Erläuterungen zu den Bildern auf dieser Seite:

  1. ^ 
    Kusunoki masashige.jpg

    Standbild des Kusunoki Masashige, der besonders in der Meiji-Zeit als Inbegriff des Tennō-treuen Samurai verehrt wurde. Erstes und berühmtestes Reiterstandbild nach westlichem Muster. Entstand in Kooperation mehrer Bildhauer unter Führung Takamuras und japanischer Historiker. Werk von Takamura Kōun (1852–1934). Meiji-Zeit, 1893
    Tōykō Views, flickr, 2011.

  1. ^ 
    Hermann Bohner.jpg

    Hermann Bohner war ein führender deutscher Japanologe, der ab 1914 den Großteil seines Lebens in Japan verbrachte. 1932
    Bildquelle: Adi Meyerhofer, über Internet Archive.


Glossar

Namen und Fachbegriffe auf dieser Seite:

  • Amaterasu 天照 ^ Sonnengottheit; Ahnherrin des Tennō-Geschlechts; Hauptgottheit von Ise
  • Antoku Tennō 安徳天皇 ^ 1178–1185; Kindkaiser und Enkel des Taira no Kiyomori, starb in der Seeschlacht von Dan-no-ura, die die Niederlage der Taira besiegelte
  • Ashikaga Takauji 足利尊氏 ^ 1305–1358; Feldherr, Staatsmann; regierte als erster Ashikaga Shōgun 1338–1358; älterer Bruder von Ashikaga Tadayoshi
  • Bohner, Hermann (west.) ^ 1884–1963; deutscher Japanologe; ab dem Ersten Weltkrieg in Japan tätig
  • Dai Nihon-shi 大日本史 ^ Gesamtdarstellung der japanischen Geschichte bis 1392 in 397 Bänden, verfasst zw. 1657 und 1906
  • Fuxi (chin.) 伏羲 ^ Erster von drei mythologischen Herrschern in China, Begründer der chinesischen Kultur; jap. Fukugi
  • Go-Daigo 後醍醐 ^ 1288–1339; Tennō der späten Kamakura-Zeit, der versuchte, die pol. Autorität des Kaiserhofes wieder herzustellen.
  • gogyō 五行 ^ Fünf Wandlungsphasen; Prinzip der chin. Naturphilosophie
  • Go-Shirakawa Tennō 後白河天皇 ^ 1127–1192; 77. Kaiser von Japan (r. 1155–1158); stellte vor allem als Exkaiser im Mönchsstand ein wichtiges politisches Gegengewicht zu den Diktatoren Taira no Kiyomori und Minamoto no Yoritomo dar
  • Jinnō shōtō-ki 神皇正統記 ^ „Über die Wahre Abfolge der Göttlichen Herrscher“, Traktat von Kitabatake Chikafusa, 1339
  • karma (skt.) कर्म ^ „Tat“, auch „konsequente Folge“; moralische Bilanz der gesetzten Handlungen (jap. 業)
  • Kitabatake Chikafusa 北畠親房 ^ 1293–1354; Krieger und Gelehrter
  • Kojiki 古事記 ^ „Aufzeichnung alter Begebenheiten“; älteste jap. Chronik (712)
  • kokugaku 国学 ^ „Lehre des Landes“, Nationale Schule, Nativismus; in der Edo-Zeit entstandene Gelehrtentradition, die ihren Fokus auf das nationale Erbe Japans richtete
  • kokutai 国体 ^ Nationalwesen, wtl. „Landeskörper“
  • Kusunoki Masashige 楠木正成 ^ 1294?–1336; Feldherr und loyaler Gefolgsmann von Go-Daigo Tennō
  • mappō 末法 ^ Endzeit des Dharma
  • Meiji 明治 ^ posthumer Name von Kaiser Mutsuhito; nach ihm wird auch die Meiji-Zeit (1868–1912) benannt
  • Minamoto no Yoritomo 源頼朝 ^ 1147–1199; Feldherr, Staatsmann, Begründer des Minamoto Shōgunats
  • Muromachi 室町 ^ Stadtteil in Kyōto; Sitz des Ashikaga Shōgunats 1336–1573 (= Muromachi-Zeit)
  • Nihon shoki 日本書紀 ^ Zweitältestes Schriftwerk und erste offizielle Reichschronik Japans (720)
  • Ninigi 瓊瓊杵 ^ mytholog. Gottheit, Enkel Amaterasus
  • shinkoku 神国 ^ wtl. „Götterland“
  • Shintō 神道 ^ Shintō; wtl. Weg der Götter, Weg der kami
  • Sumeru (skt.) सुमेरु ^ Weltenberg des indisch-buddhistischen Universums, üblicherweise sanduhrförmig dargestellt; auch: Meru (jap. Shumisen 須弥山)
  • tenmei 天命 ^ „Mandat des Himmels“; konfuzianisches Konzept einer himmlischen Macht, die Herrscher oder Dynastien auf der Grundlage ihrer „Tugend“ einsetzt oder abberuft
  • Tokugawa Mitsukuni 徳川光圀 ^ 1628–1701; Daimyō von Mito-han, konfuzianischer Gelehrter und Historiker
  • Yoshino 吉野 ^ Bergregion im Süden des Nara-Beckens mit mehreren Zentren der Bergasketen (yamabushi); wichtige Pilgerstätte der Heian-Zeit
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Jinnō shōtō-ki (Shintō-Klassiker, Teil 1).“ In: Bernhard Scheid, Religion-in-Japan: Ein digitales Handbuch. Universität Wien, seit 2001