Alltag/Gluecksbringer: Unterschied zwischen den Versionen

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== Diesseitiges Wohlergehen (''genze riyaku'') ==
 
== Diesseitiges Wohlergehen (''genze riyaku'') ==
  
Der Zweck all dieser kleinen Opfergaben und Talismane ist stets an einen bestimmten Wunsch an die Gottheit bzw. an bestimmte, mit der Gottheit assoziierte glücksbringende Effekte gebunden. Die meisten großen Schreine und Tempel spezialisieren sich auf bestimmte Lebensbereiche, in denen sie und ihre Glücksbringer besonders effektiv sind: Manche bringen Reichtum, manche Gesundheit, manche Erfolg in der Liebe und viele helfen bei Prüfungen. Fast immer haben sie jedoch ein diesseitsbezogenes Ziel. D.h. es geht um individuelles Glück in diesem Leben. Japanische Religion im Allgemeinen und Shintō im Besonderen widmet sich dem weltlichen Glück der Gläubigen in mannigfacher Weise. Der japanische Fachausdruck dafür ist {{g|genzeriyaku}} („Gewinn oder Belohnung [für religiöse Handlungen] in dieser Welt/diesem Leben“).
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Der Zweck all dieser kleinen Opfergaben und Talismane ist stets an einen bestimmten Wunsch an die Gottheit bzw. an bestimmte, mit der Gottheit assoziierte glücksbringende Effekte gebunden. Die meisten großen Schreine und Tempel spezialisieren sich auf bestimmte Lebensbereiche, in denen sie und ihre Glücksbringer besonders effektiv sind: Manche bringen Reichtum, manche Gesundheit, manche Erfolg in der Liebe und viele helfen bei Prüfungen. Darüber hinaus sorgt der Glaube an  „Unglücksjahre“ ({{g|yakudoshi}}), die jedem Menschen in bestimmten Jahren seines Lebens bevorstehen, für einen ständigen Bedarf an Glücksbringern. Fast immer geht es dabei um ein diesseitsbezogenes Ziel, um individuelles Glück (bzw. Abwehr von Unglück) in diesem Leben. Japanische Religion im Allgemeinen und Shintō im Besonderen widmet sich dem weltlichen Glück der Gläubigen in mannigfacher Weise. Der japanische Fachausdruck dafür ist {{g|genzeriyaku}} („Gewinn oder Belohnung [für religiöse Handlungen] in dieser Welt/diesem Leben“).
  
 
''Genze riyaku'' hat in der japanischen Religion eine lange Tradition, wird aber auch durch sehr unmittelbare gesellschaftliche Voraussetzungen unterstützt: In Japan gibt es keine Kirchensteuer und kaum staatliche Unterstützung von Religion (Ausnahme: Steuerenthebung). Religiöse Institutionen sind ähnlich wie kommerzielle Unternehmen auf direkte, freiwillige Zuwendungen angewiesen. Es gibt zweierlei Dienstleistungen, aus denen religiöse Institutionen Einnahmen lukrieren: a) Große Zeremonien, die aus Anlass wichtiger Schicksalsabschnitte vollzogen werden (Hochzeit, Geschäftsgründung, Hausbau, Begräbnis). Hierbei entscheidet oft die traditionelle Zugehörigkeit der Familie, welche religiöse Institution die Zeremonie vollzieht. b) Kleine religiöse Handlungen als spirituelle Rückversicherungen, die dem alltäglichen Leben zugute kommen sollen. Sie wirken zwar oft spielerisch, werden aber doch von vielen ernst genommen. Lokale Traditionen und Legenden spielen eine wichtige Rolle für die Glaubhaftigkeit glücksbringender Effekte, doch werden beständig neue Legenden und Traditionen geschaffen. Es ist ein offener Markt, der nur von einem immer dünner werdenden religiösen Vorverständnis der Allgemeinheit reguliert wird und immer mehr nach Innovationen verlangt.
 
''Genze riyaku'' hat in der japanischen Religion eine lange Tradition, wird aber auch durch sehr unmittelbare gesellschaftliche Voraussetzungen unterstützt: In Japan gibt es keine Kirchensteuer und kaum staatliche Unterstützung von Religion (Ausnahme: Steuerenthebung). Religiöse Institutionen sind ähnlich wie kommerzielle Unternehmen auf direkte, freiwillige Zuwendungen angewiesen. Es gibt zweierlei Dienstleistungen, aus denen religiöse Institutionen Einnahmen lukrieren: a) Große Zeremonien, die aus Anlass wichtiger Schicksalsabschnitte vollzogen werden (Hochzeit, Geschäftsgründung, Hausbau, Begräbnis). Hierbei entscheidet oft die traditionelle Zugehörigkeit der Familie, welche religiöse Institution die Zeremonie vollzieht. b) Kleine religiöse Handlungen als spirituelle Rückversicherungen, die dem alltäglichen Leben zugute kommen sollen. Sie wirken zwar oft spielerisch, werden aber doch von vielen ernst genommen. Lokale Traditionen und Legenden spielen eine wichtige Rolle für die Glaubhaftigkeit glücksbringender Effekte, doch werden beständig neue Legenden und Traditionen geschaffen. Es ist ein offener Markt, der nur von einem immer dünner werdenden religiösen Vorverständnis der Allgemeinheit reguliert wird und immer mehr nach Innovationen verlangt.
  
Die Religiosität, die sich in ''genze riyaku ''widerspiegelt, wirkt auf christlich geprägte Europäer oft irritierend oder zumindest oberflächlich. Sie schließt aber spirituelle Tiefe keineswegs aus, wenn sie diese auch nicht unbedingt erfordert. Zugleich gerät sie mit modernem Konsumverhalten nicht in Widerspruch. Daher sieht man in Japan viel mehr angewandte Religion im Alltagsleben als in Europa. Da die japanische Religion durch den traditionell hohen Stellenwert von ''genze riyaku'' auf Flexibilität eingestellt ist, hat sie unter dem permanenten Wandel einer kapitalistischen Konsumgesellschaft weit weniger zu leiden, als etwa das Christentum im Westen. Es besteht gibt darüber hinaus dennoch Anzeichen, dass  „ernsthafte“ Religionsausübung, die mit Opferbereitschaft und Leiden verbunden ist, auch in Japan eine Tradition hat, die heute allerdings stark in den Hintergrund gerückt ist (s. {{showTitel| Essays/Opfer}}).
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Die Religiosität, die sich in ''genze riyaku'' widerspiegelt, wirkt auf christlich geprägte Europäer oft irritierend oder zumindest oberflächlich. Sie schließt aber spirituelle Tiefe keineswegs aus, wenn sie diese auch nicht unbedingt erfordert. Zugleich gerät sie mit modernem Konsumverhalten nicht in Widerspruch. Daher sieht man in Japan viel mehr angewandte Religion im Alltagsleben als in Europa. Da die japanische Religion durch den traditionell hohen Stellenwert von ''genze riyaku'' auf Flexibilität eingestellt ist, hat sie unter dem permanenten Wandel einer kapitalistischen Konsumgesellschaft weit weniger zu leiden, als etwa das Christentum im Westen. Es gibt darüber hinaus dennoch Anzeichen, dass  „ernsthafte“ Religionsausübung, die mit Opferbereitschaft und Leiden verbunden ist, auch in Japan eine Tradition hat, die heute allerdings stark in den Hintergrund gerückt ist (s. {{showTitel| Essays/Opfer}}).
  
 
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Version vom 2. Oktober 2022, 20:14 Uhr

Glücksbringer und diesseitiges Wohlergehen

Jeder populäre Tempel oder Schrein bietet innerhalb des Schreinareals unzählige kleine Gegenstände zum Verkauf an, deren Zweck dem ausländischen Besucher lange rätselhaft bleibt. Es sind allesamt glücksbringende Gegenstände, die aber unterschiedlichen Zwecken dienen und verschiedene Behandlungen erfahren. Neben Opfergaben, die meist vor Ort dargebracht werden (z.B. Räucherstäbchen oder Holz und Rindenstücke für Feuerrituale), kann man auch Amulette oder Talismane erwerben, die man bei sich behält. Jeder berühmte Ort hat seine speziell gestalteten Glücksbringer, bestimmte Grundformen wiederholen sich jedoch.

Miko kasuga.jpg
1 Glücksverkauf
Schreinpriesterinnen beim Verkauf von Glücksbringern (o-mikuji) am Kasuga Taisha.
Brian Mcmorrow, 2004

Objekte

Die häufigsten Glücksbringer sind kleine Gegenstände, die man zur Abwehr von Unheil oder zur Erreichung bestimmter Wünsche bei sich trägt oder zu Hause aufstellt. Außerdem kann man an fast jeder größeren Verehrungsstätte Glücksorakel erwerben. Derartige Objekte sind zwar bereits für ein paar hundert Yen zu haben, verlieren ihre Wirkkraft aber nach spätestens einem Jahr, sodass man immer wieder neue kaufen muss. Sie werden sowohl in Schreinen als auch in Tempeln angeboten und sind somit an keine konfessionellen Grenzen gebunden.

O-fuda

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2 O-fuda
Talisman (o-fuda) des Mitsumine Schreins.
Encyclopedia of Shinto, Kokugakuin University

O-fuda [o-fuda (jap.) お札 Amulett oder Talisman in Gestalt eines symbolischen Zeichens, meist aus Papier; auch shinsatsu; das Zeichen 札 kann auch „Geldschein“ bedeuten, wird dann aber sinojap. satsu ausgesprochen;] (oder shinsatsu [shinsatsu (jap.) 神札 Amulett oder Talisman aus Papier; formelle Bezeichnung für o-fuda]), wtl. „[göttliche] Zettel“, sind Papierstreifen oder kleine Holztäfelchen mit einer Inschrift. Die Inschrift ist üblicherweise der Name einer Gottheit, deren Wirkkraft ofuda verkörpern. Sie sind dazu bestimmt, an fixen Orten aufgestellt oder angebracht zu werden. Oft findet man sie an einem Hausaltar oder Hausschrein, wo sie die verehrte Gottheit eines Schreins oder ein für einen Tempel wichtiges sutra [sūtra (skt.) सूत्र „Faden“, Lehrrede des Buddha, kanonische Schrift (jap. kyō 経 oder kyōten 経典)] repräsentieren. O-fuda können aber auch wie kleine Plakate irgendwo aufgeklebt werden. Passionierte Pilger führen oft solche frommen Aufkleber mit sich, um sie an den erreichten Pilgerstätten anzubringen.

O-mamori

Omamori.jpg
3 O-mamori
Traditionelle Glücksbringer (o-mamori).
Bildquelle: unbekannt

O-mamori [o-mamori (jap.) お守り Talisman, schutzbringender Gegenstand] sind die populärsten Glücksbringer in Tempeln und Schreinen. Mamori bedeutet wörtlich „Beschützer“ und wird manchmal auch als „Talisman“ übersetzt (das „o-“ ist hier eine honorative Vorsilbe). Meist handelt es sich um kleine Beutelchen aus Seide mit einer Aufschrift, die ihren Zweck (Gesundheit, Erfolg in Beruf oder Studium, Schutz im Straßenverkehr, etc. oder allg. „Schutz“) beschreibt. Im Inneren des Beutels befindet sich ein ofuda, zumeist aus Holz, das man jedoch nicht herausnehmen darf. O-mamori sind daher transportable o-fuda, dazu gedacht, ständig mitgeführt zu werden.

O-mikuji

O-mikuji [o-mikuji (jap.) 御籤/おみくじ Glückslos, Glücksorakel; auch mikuji] sind eine Kombination von Opfergabe und Orakel. Es sind Lose mit einer Weissagung, die einem Gutes oder weniger Gutes vorhersagt. Sie werden typischerweise in Schreinen verkauft, fallweise aber auch in buddhistischen Tempeln. Die Lose werden nach dem Kauf meist an Bäumen innerhalb des religiösen Areals aufgehängt: Bei positiven Vorhersagen um sicher zu gehen, dass sie sich auch erfüllen, bei negativen, damit sie sich mit Hilfe der kami [kami (jap.) Gottheit; im engeren Sinne einheimische oder lokale japanische Gottheit, Schreingottheit (s. jinja), Gottheit des Shintō] nicht erfüllen. Rund um berühmte Schreine sind die Bäume oft ganz weiß von den vielen Zetteln, die die Besucher dort angebunden haben.

Engimono

Daruma auge.jpg

Engimono [engimono (jap.) 縁起物 Glücksbringer] sind meist Figuren, die irgend eine glücksbringende Bedeutung haben. Sie können als Ziergegenstände an jedem beliebigen Platz aufgestellt werden. Ein charakteristisches Beispiel sind die sogenannten Daruma [Daruma (jap.) 達磨 Spitzname des Mönchs Bodhidharma; Bezeichnung der daruma-Puppe als Glücksbringer]-Figuren. Sie stellen in stilisierter Form den indischen Mönch Bodhidharma [Bodhidharma (skt.) बोधिधर्म legendärer buddh. Mönch aus Indien, in China aktiv; gilt als Begründer des Chan (Zen) Buddhismus (jap. Daruma 達磨 oder Bodaidaruma 菩提達磨)] dar. Er soll in Meditation erstarrt sein, daher werden Arme und Beine weggelassen. Beim Kauf sind beide Augen weiß. Man malt dann dem daruma selbst ein Auge, während man sich auf einen Wunsch konzentriert, oder man lässt das Auge — gegen weiteres Geld — von einem Mönch aufmalen. Geht der Wunsch in Erfüllung, bekommt der daruma ein zweites Auge. Zu bestimmten Anlässen, beispielsweise zu Neujahr, veranstalten manche Tempel sogenannte daruma-Märkte (daruma ichi [daruma ichi (jap.) 達磨市 spezielle Tempel-Märkte, die daruma-Figuren zum Kauf anbieten]). Dabei werden alle alten darumas in einem großen Feuer verbrannt und neue verkauft.

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4
daruma-Puppe.
Bildquelle: unbekannt
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5
Eine etwas verwitterte daruma-Figur neben einem Miniaturschrein (hokora). Die Figur hat nur ein Auge bemalt, was bedeutet, dass der an sie gerichtete Wunsch noch nicht in Erfüllung gegangen ist.
El-Branden Brazil, flickr 2007
Daruma-Puppen als religiöse Opfergaben
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6 Daruma-Markt
daruma-Puppen als Glücksbringer.
Chowitt, flickr 2005
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7 Daruma-Neujahrskarte
Neujahrskarte mit Daruma-Motiv. Werk von David Bull. 1999
David Bull
Manekineko.jpg
8 Manekineko
Skulptur einer maneki neko, wie man sie vielleicht aus diversen Restaurants kennt.
Nemo's Great Uncle, flickr 2011

Ein ähnliches Objekt, das vor allem den Erfolg von Geschäftslokalen fördern soll, ist die „Winkende Katze“ (maneki neko [maneki neko (jap.) 招き猫 winkende Katze, Winkekatze; Glücksbringer, besonders für geschäftlichen Erfolg]), die man sehr häufig in den Auslagen von Geschäften und Restaurants sehen kann. Die maneki neko hält typischerweise eine alte Goldmünze in der Pfote, auf der der unwahrscheinlich hohe Betrag senman ryō [senman ryō (jap.) 千万両 „10 Millionen ryō“; Goldmünzen der maneki neko] (10 Millionen Ryō) verzeichnet ist. Katzen zählen zu denjenigen Tieren, denen magische, mitunter auch gefährliche Kräfte und Fähigkeiten nachgesagt werden. Ähnliche Eigenschaften besitzen auch Füchse kitsune [kitsune (jap.) Fuchs; Botentier der Gottheit Inari], tanuki [tanuki (jap.) Tanuki; Marderhund], Schlangen hebi [hebi (jap.) Schlange] und andere Tiere, die ebenfalls als engimono in Tempeln, Schreinen und Souvenirläden zu erwerben sind. Siehe dazu auch „Verwandlungskünstler (Tiergötter und Götterboten, Teil 2)“ (Kap. Mythen).

Manekineko schrein.jpg
9 Manekineko Schrein, Shikoku
Schrein in Shikoku mit einer überwältigenden Anzahl von Winke-Katzen (maneki neko).
MAGphoto, 2008

Diesseitiges Wohlergehen (genze riyaku)

Der Zweck all dieser kleinen Opfergaben und Talismane ist stets an einen bestimmten Wunsch an die Gottheit bzw. an bestimmte, mit der Gottheit assoziierte glücksbringende Effekte gebunden. Die meisten großen Schreine und Tempel spezialisieren sich auf bestimmte Lebensbereiche, in denen sie und ihre Glücksbringer besonders effektiv sind: Manche bringen Reichtum, manche Gesundheit, manche Erfolg in der Liebe und viele helfen bei Prüfungen. Darüber hinaus sorgt der Glaube an „Unglücksjahre“ (yakudoshi [yakudoshi (jap.) 厄年 Unglücksjahr, kritisches Alter; laut Tradition bei Männern das 25., 42. und 61. Jahr, bei Frauen das 19., 33. und 37. Jahr]), die jedem Menschen in bestimmten Jahren seines Lebens bevorstehen, für einen ständigen Bedarf an Glücksbringern. Fast immer geht es dabei um ein diesseitsbezogenes Ziel, um individuelles Glück (bzw. Abwehr von Unglück) in diesem Leben. Japanische Religion im Allgemeinen und Shintō im Besonderen widmet sich dem weltlichen Glück der Gläubigen in mannigfacher Weise. Der japanische Fachausdruck dafür ist genze riyaku [genze riyaku (jap.) 現世利益 (religiöse) Belohnung in diesem Leben] („Gewinn oder Belohnung [für religiöse Handlungen] in dieser Welt/diesem Leben“).

Genze riyaku hat in der japanischen Religion eine lange Tradition, wird aber auch durch sehr unmittelbare gesellschaftliche Voraussetzungen unterstützt: In Japan gibt es keine Kirchensteuer und kaum staatliche Unterstützung von Religion (Ausnahme: Steuerenthebung). Religiöse Institutionen sind ähnlich wie kommerzielle Unternehmen auf direkte, freiwillige Zuwendungen angewiesen. Es gibt zweierlei Dienstleistungen, aus denen religiöse Institutionen Einnahmen lukrieren: a) Große Zeremonien, die aus Anlass wichtiger Schicksalsabschnitte vollzogen werden (Hochzeit, Geschäftsgründung, Hausbau, Begräbnis). Hierbei entscheidet oft die traditionelle Zugehörigkeit der Familie, welche religiöse Institution die Zeremonie vollzieht. b) Kleine religiöse Handlungen als spirituelle Rückversicherungen, die dem alltäglichen Leben zugute kommen sollen. Sie wirken zwar oft spielerisch, werden aber doch von vielen ernst genommen. Lokale Traditionen und Legenden spielen eine wichtige Rolle für die Glaubhaftigkeit glücksbringender Effekte, doch werden beständig neue Legenden und Traditionen geschaffen. Es ist ein offener Markt, der nur von einem immer dünner werdenden religiösen Vorverständnis der Allgemeinheit reguliert wird und immer mehr nach Innovationen verlangt.

Die Religiosität, die sich in genze riyaku widerspiegelt, wirkt auf christlich geprägte Europäer oft irritierend oder zumindest oberflächlich. Sie schließt aber spirituelle Tiefe keineswegs aus, wenn sie diese auch nicht unbedingt erfordert. Zugleich gerät sie mit modernem Konsumverhalten nicht in Widerspruch. Daher sieht man in Japan viel mehr angewandte Religion im Alltagsleben als in Europa. Da die japanische Religion durch den traditionell hohen Stellenwert von genze riyaku auf Flexibilität eingestellt ist, hat sie unter dem permanenten Wandel einer kapitalistischen Konsumgesellschaft weit weniger zu leiden, als etwa das Christentum im Westen. Es gibt darüber hinaus dennoch Anzeichen, dass „ernsthafte“ Religionsausübung, die mit Opferbereitschaft und Leiden verbunden ist, auch in Japan eine Tradition hat, die heute allerdings stark in den Hintergrund gerückt ist (s. Religiöse Gewalt in Japan: Blutopfer, Selbstopfer, Menschenopfer).

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10 Stofffärbeschablone mit glücksbringenden Motiven
Auf dieser Färbeschablone aus dem 19. Jahrhundert, die zum Drucken von Stoffmustern diente, sind diverse Motive versammelt, die alle mit populären religiösen Festen bzw. allgemein mit Glücksbringern zu tun haben. Von links oben nach rechts unten sind dies:
# hagoita, assoziiert mit dem dem Neujahrsfest (1.1.) # männliche und weibliche Papierfigur, assoziiert mit dem Puppenfest (3.3.) # Trommel und Trommelschlägel, assoziiert mit dem Ahnenfest O-bon # Sardine und Stechpalme zur Dämonenabwehr, assoziiert mit setsubun # mikoshi, ein tragbarer Schrein, wie er bei diversen Schreinfesten (matsuri) zum Einsatz kommt # Schwert und Schwertscheide, wahrscheinlich assoziiert mit dem Knabenfest (5.5.) # Opfertischchen (sanbō) mit Reisklößen und Schilf, assoziiert mit dem Fest der Mondschau (tsukimi, 15.8.) # geschmückter Bambus, assoziiert mit Tanabata (7.7.) # Trommel mit Hahn, altes chinesisches Friedenssymbol: die Kriegstrommel ist so lange nicht benützt, dass Vögel darauf ungestört ihre Nester bauen; häufiges Objekt bei Schreinumzügen # Brasse (tai), Attribut des Glücksgottes Ebisu # shimenawa, das heilige Strohseil des Shintō # Holzbottich und Holzstößeln für mochitsuki, Stampfen von gedämpftem Klebreis in Vorbereitung für das Neujahrsfest; # Otafuku, eine volkstümliche Glücksbringerin, und kumade („Bärentatze“), ein glücksbringender Bambusrechen # Banner(?) # Löwenmaske, assoziiert mit Löwentänzen (shishimai) zu Neujahr
Edo-Zeit, 19. Jh.
MAK, Museum für Angewandte Kunst, Wien

Verweise

Verwandte Themen

Internetquellen

  • Digital Photo Gallery Shintō Shrines & Temples, Hatada Isao (jap., tlw. en.)
    Bilder von Tempeln und Schreinen mit Schwerpunkt auf der religiösen Alltagskultur. Siehe insbesondere "Charms" und "Votive pictures".
  • Daruma-Museum, Gabriele Greve
    Wissenswertes, Unterhaltsames und Kurioses sowie zahlreiche weiterführende Links zu Daruma &Co.
  • Cyber Shrine, Kikutake Yuji
    Hier bietet Electric Samurai mikuji-Lose auch online in englischer Übersetzung an.


Letzte Überprüfung der Linkadressen: Jul. 2020

Literatur

Ian Reader, George J. Tanabe, Jr 1998
Practically Religious: Wordly Benefits and the Common Religion of Japan. Honolulu: University of Hawaii Press 1998.
Michael Pye, Katja Triplett (Hg.) 2007
Streben nach Glück: Schicksalsdeutung und Lebensgestaltung in japanischen Religionen. Berlin: Lit 2007.

Bilder

Quellen und Erläuterungen zu den Bildern auf dieser Seite:

  1. ^ 
    Miko kasuga.jpg

    Schreinpriesterinnen beim Verkauf von Glücksbringern (o-mikuji) am Kasuga Taisha.
    Brian Mcmorrow, 2004

  2. ^ 
    Fuda.jpg

    Talisman (o-fuda) des Mitsumine Schreins.
    Encyclopedia of Shinto, Kokugakuin University

  3. ^ 
    Omamori.jpg

    Traditionelle Glücksbringer (o-mamori).
    Bildquelle: unbekannt

  4. ^ 
    Daruma takayama.jpg

    daruma-Puppe.
    Bildquelle: unbekannt

  5. ^ 
    Daruma und hokora.jpg

    Eine etwas verwitterte daruma-Figur neben einem Miniaturschrein (hokora). Die Figur hat nur ein Auge bemalt, was bedeutet, dass der an sie gerichtete Wunsch noch nicht in Erfüllung gegangen ist.
    El-Branden Brazil, flickr 2007

  1. ^ 
    Darumaichi.jpg

    daruma-Puppen als Glücksbringer.
    Chowitt, flickr 2005

  2. ^ 
    Daruma3.jpg

    Neujahrskarte mit Daruma-Motiv. Werk von David Bull. 1999
    David Bull

  3. ^ 
    Manekineko.jpg

    Skulptur einer maneki neko, wie man sie vielleicht aus diversen Restaurants kennt.
    Nemo's Great Uncle, flickr 2011

  4. ^ 
    Manekineko schrein.jpg

    Schrein in Shikoku mit einer überwältigenden Anzahl von Winke-Katzen (maneki neko).
    MAGphoto, 2008

  5. ^ 
    Luck.jpg
    Auf dieser Färbeschablone aus dem 19. Jahrhundert, die zum Drucken von Stoffmustern diente, sind diverse Motive versammelt, die alle mit populären religiösen Festen bzw. allgemein mit Glücksbringern zu tun haben. Von links oben nach rechts unten sind dies:
    1. hagoita, assoziiert mit dem dem Neujahrsfest (1.1.)
    2. männliche und weibliche Papierfigur, assoziiert mit dem Puppenfest (3.3.)
    3. Trommel und Trommelschlägel, assoziiert mit dem Ahnenfest O-bon
    4. Sardine und Stechpalme zur Dämonenabwehr, assoziiert mit setsubun
    5. mikoshi, ein tragbarer Schrein, wie er bei diversen Schreinfesten (matsuri) zum Einsatz kommt
    6. Schwert und Schwertscheide, wahrscheinlich assoziiert mit dem Knabenfest (5.5.)
    7. Opfertischchen (sanbō) mit Reisklößen und Schilf, assoziiert mit dem Fest der Mondschau (tsukimi, 15.8.)
    8. geschmückter Bambus, assoziiert mit Tanabata (7.7.)
    9. Trommel mit Hahn, altes chinesisches Friedenssymbol: die Kriegstrommel ist so lange nicht benützt, dass Vögel darauf ungestört ihre Nester bauen; häufiges Objekt bei Schreinumzügen
    10. Brasse (tai), Attribut des Glücksgottes Ebisu
    11. shimenawa, das heilige Strohseil des Shintō
    12. Holzbottich und Holzstößeln für mochitsuki, Stampfen von gedämpftem Klebreis in Vorbereitung für das Neujahrsfest;
    13. Otafuku, eine volkstümliche Glücksbringerin, und kumade („Bärentatze“), ein glücksbringender Bambusrechen
    14. Banner(?)
    15. Löwenmaske, assoziiert mit Löwentänzen (shishimai) zu Neujahr
    Edo-Zeit, 19. Jh.
    MAK, Museum für Angewandte Kunst, Wien

Glossar

Namen und Fachbegriffe auf dieser Seite:

  • Bodhidharma (skt.) बोधिधर्म ^ legendärer buddh. Mönch aus Indien, in China aktiv; gilt als Begründer des Chan (Zen) Buddhismus (jap. Daruma 達磨 oder Bodaidaruma 菩提達磨)
  • Daruma 達磨 ^ Spitzname des Mönchs Bodhidharma; Bezeichnung der daruma-Puppe als Glücksbringer
  • daruma ichi 達磨市 ^ spezielle Tempel-Märkte, die daruma-Figuren zum Kauf anbieten
  • engimono 縁起物 ^ Glücksbringer
  • genze riyaku 現世利益 ^ (religiöse) Belohnung in diesem Leben
  • hebi^ Schlange
  • kami^ Gottheit; im engeren Sinne einheimische oder lokale japanische Gottheit, Schreingottheit (s. jinja), Gottheit des Shintō
  • kitsune^ Fuchs; Botentier der Gottheit Inari
  • maneki neko 招き猫 ^ winkende Katze, Winkekatze; Glücksbringer, besonders für geschäftlichen Erfolg
  • o-fuda お札 ^ Amulett oder Talisman in Gestalt eines symbolischen Zeichens, meist aus Papier; auch shinsatsu; das Zeichen 札 kann auch „Geldschein“ bedeuten, wird dann aber sinojap. satsu ausgesprochen;
  • o-mamori お守り ^ Talisman, schutzbringender Gegenstand
  • o-mikuji 御籤/おみくじ ^ Glückslos, Glücksorakel; auch mikuji
  • ryō^ vormoderne Währungseinheit; bestand in der Edo-Zeit aus ovalen Goldmünzen von ca. 17 Gramm
  • senman ryō 千万両 ^ „10 Millionen ryō“; Goldmünzen der maneki neko
  • shinsatsu 神札 ^ Amulett oder Talisman aus Papier; formelle Bezeichnung für o-fuda
  • sūtra (skt.) सूत्र ^ „Faden“, Lehrrede des Buddha, kanonische Schrift (jap. kyō 経 oder kyōten 経典)
  • tanuki^ Tanuki; Marderhund
  • yakudoshi 厄年 ^ Unglücksjahr, kritisches Alter; laut Tradition bei Männern das 25., 42. und 61. Jahr, bei Frauen das 19., 33. und 37. Jahr