Exzerpt:Nitobe 2003

Aus Kamigraphie
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In dem Buch Bushidō. Die Seele Japans behandelt der Autor Nitobe Inazō 新渡戸稲造 (1862-1933) das Thema Bushidō mit all seinen Vor- und Nachteilen. Dabei lässt er stark seine eigenen Erfahrungen einfließen und vergleicht Rituale mit denen westlicher Kulturen, wobei auch die Religion nicht zu kurz kommt. Wichtige Themengebiete sind hierbei die Entstehung des Bushidō, seine ethischen Grundsätze und sein Einfluss auf die Gegenwart.

Inhalt

Die Anfänge des Bushidō

Im ersten Abschnitt behandelt Nitobe die Anfänge des Bushidō und dessen Quellen. Er zeigt auf, dass Bushidō kein bestimmtes Anfangsjahr hat, sondern sich mit der Zeit im anfangs niedrig stehenden Kriegertum entwickelte. Als ungefähre Richtzeit kann man das Ende der Heian-Zeit sehen, da mit der neu gegründeten Militärregierung von Minamoto Yoritomo 源頼朝 (1147-1199) auch der Stand der Krieger ein viel höheres Ansehen genoss. Um diesem Ansehen auch gerecht zu werden wurden allgemeine Richtlinien nötig, auf die sich die Samurai berufen konnten, wodurch der Bushidō ab dieser Zeit eine hohe Bedeutung erlangte. Es gab im Laufe der Jahrhunderte unzählige Niederschriften verschiedenster Autoren zu diesem Thema, doch als einzig wahre kann keine gesehen werden. Es kamen ständig neue Vorgaben zum Bushidō hinzu und viele wurden auch nur mündlich überliefert.

Die Quellen des Bushidō

Hier geht Nitobe näher auf die Quellen, aus denen der Bushidō seine Grundsätze bezog, ein.
Eine der wichtigsten Quellen war der Buddhismus, der ein gelassenes Vertrauen ins Schicksal, eine stille Fügung ins Unvermeidliche, eine stoische Ruhe im Angesicht von Gefahren, eine Geringschätzung des Lebens und eine freundliche Einstellung gegenüber dem Tod vermittelte.
Vom Shintō übernahm der Bushidō die Treue gegenüber dem Herrscher und die Ehrerbietung gegenüber den Ahnen.
Für die ethischen Grundsätze des Bushidō waren die Lehren des Konfuzius 孔子 (551-479 v. Chr.) am wichtigsten. Er beschrieb die fünf moralischen Beziehungen zwischen Herrschendem und Gefolgsmann, Vater und Sohn, Ehemann und Ehefrau, älterem und jüngerem Bruder und Freund und Freund.
Auch Konfuzius Nachfolger Menzius 孟子 (370-290 v. Chr.) hatte mit seinen kraftvollen und oft demokratischen Lehren einen starken Einfluss auf den Bushidō. Bushidō setzte sich aber nicht das Erlangen von Wissen zum Ziel, sondern sah es als Mittel auf dem Weg zur Weisheit. Wissen sollte immer praktisch angewendet werden.

Die Grundsätze des Bushidō

In den nachfolgenden Kapiteln, die den Hauptteil des Buches ausmachen, geht Nitobe detailliert auf einige der wichtigsten Grundsätz im Buch ein. Hier bedient er sich oft vieler Vergleiche mit dem europäischen Rittertum.

  • Mut: Mut bedeutet zu tun was recht ist. Dazu gehörte aber nicht, sich blindlings in einen Kampf stürzen und dabei erschlagen zu werden. Wegen einer unwürdigen Sache war es nicht wert zu sterben und wenn es doch passierte, wurde es der „Tod eines Hundes“ genannt. Mut bedeutete im Bushidō zu leben, wenn es recht ist zu leben und nur dann zu sterben, wenn es recht ist zu sterben.
  • Güte: Mitgefühl, Mitleid und Zuneigung zu anderen wurden als erhabene Tugenden und die höchsten Attribute der Seele angesehen. Allerdings sollte diese, wie alle anderen Eigenschaften, in Maßen betrieben und nicht übertrieben werden. Güte war nötig, um Gerechtigkeit ausüben zu können. Es wurde stets als schicklich für einen Samurai angesehen, wenn er Schwachen und Besiegten gegenüber Wohlwollen zeigte.
  • Ehre: Es war selbstverständlich einen guten Namen zu haben und jede noch so kleine Verletzung seiner Integrität wurde als Schande empfunden. Von Kindheit an wurden die angehenden Samurai dazu erzogen sich für nichts schämen zu müssen und wegen nichts ausgelacht zu werden. Jede Demütigung wäre wie eine Narbe in einem Baum: Anstatt mit der Zeit zu verschwinden würde sie immer größer.
    Die Angst vor der Beschmutzung des eigenen Namens war so groß, dass manchmal Taten verübt wurden, die im Bushidō keine Rechtfertigung finden. So wurde bei der kleinsten Andeutung einer Beleidigung gleich das Schwert gezogen und so mancher starb aufgrund einer Nichtigkeit.
    Diesen Auswüchsen, in die Bushidō manchmal zu verkommen drohte, wurde mit den Lehren von Geduld und Großmut entgegengewirkt, indem man es als lächerlich hinstellte, sich von den kleinsten Anlässen reizen zu lassen. Ein passendes Sprichwort dazu lautet: „Das zu ertragen, was man nicht zu ertragen können glaubt, heißt wirklich ertragen“.
    Für einen Samurai galt es außerdem als unwürdig, Gemütsregungen auf seinem Gesicht zu zeigen. Gefühle wurden anderen gegenüber generell soweit wie möglich unterdrückt. So umarmte ein Vater seinen Sohn, oder küsste ein Mann seine Ehefrau nur, wenn niemand anwesend war.
    Ventil für diese ständig unterdrückten Gefühle war die Poesie. So war es nichts Ungewöhnliches, wenn ein Samurai mitten im Marsch zum Schlachtfeld anhielt um ein Gedicht zu verfassen.
    Ein weiteres Beispiel ist das Fürstentum Satsuma, wo alle jungen Männer unter 30 dazu angehalten wurden zarte Melodien auf der Biwa zu spielen um sie zu beruhigen und ihre Gedanken von Schlachten abzulenken.
  • Höflichkeit: Auch die Höflichkeit war ein wichtiger Grundsatz des Bushidō. Sie sollte aber nicht nur ausgeübt werden um nicht gegen die Regeln zu verstoßen, sondern man sollte damit wirklich Achtung vor den Empfindungen anderer zeigen. Es bildeten sich damals viele Schulen, die diese Etikette lehrten, deren bekannteste wohl die Ogasawara Schule war. Das gemeinsame Ziel war, durch ständiges Üben in gutem Benehmen alle Teile des Körpers in Einklang zu bringen und somit die Überlegenheit des Geistes gegenüber dem Fleisch zum Ausdruck zu bringen.
  • Wahrheit: Sie war eine zwingende Vorschrift des Kodex, denn ein Samurai sollte nichts mehr verabscheuen, als hinterlistig und unehrlich zu handeln. Man glaubte, dass eine höhere soziale Stellung auch eine entsprechend höhere Ehrlichkeit verlangte. Das bushi no ichi gon, das Wort eines Samurai, genügte um für die Wahrheit einer Aussage zu bürgen. Das ging sogar so weit, dass meistens auf schriftliche Bürgschaften verzichtet wurde, da die Samurai diese für unter ihrer Würde hielten.
  • Loyalität: Ein häufiger Grund, das eigene Leben zu opfern, war die Treue. Von klein auf wurden die Samurai dazu erzogen ihrem Herrn zu folgen, egal was auch passiere. Diese Ergebenheit ging oft sogar soweit, dass die eigenen Kinder geopfert wurden, nur um dem Herrn einen Dienst erweisen zu können.
    Im Bushidō wird der Staat dem Individuum übergeordnet. Das Individuum wird in den Staat hineingeboren und muss deshalb ganz für diesen leben und sterben. Der Staat hingegen wird wiederum von nur einer Person repräsentiert. Wenn ein Samurai in seiner Meinung gegenüber der seines Herrn abwich, so gehörte es zu seiner Pflicht diesen von seinem Irrtum zu überzeugen. Wenn das misslang, konnte der Herr mit ihm verfahren, wie er wollte. In solchen Fällen war es üblich, dass der Samurai durch die rituelle Selbsttötung seine Überzeugung unterstrich.

Erziehung eines Samurai

Das Leben eines Samurai wurde als Mittel betrachtet, seinem Herren zu dienen. Die Ehre galt als Ideal. Die ganze Erziehung des Samurai wurde darauf ausgerichtet. Der Studienplan eines Samurai bestand vornehmlich aus Fechten, Bogenschießen, Jiu-Jitsu, Reiten, Gebrauch des Speeres, Taktik, Schönschrift, Ethik, Literatur und Geschichte. Die Ritterschaft verstand nichts vom Wirtschaften und rühmte sich der Anspruchlosigkeit.

Selbstbeherrschung

Als wichtig galt Schmerzen ohne Seufzer zu ertragen und Höflichkeit, die verlangte, die Freude und Seelenruhe des anderen nicht durch eigenen Kummer zu trüben. Für einen Samurai galt es als unwürdig, Gemütsregungen auf seinem Gesicht zu verraten.

Selbsttötung

Der Selbstmord stellte eine gesetzliche und zeremonielle Einrichtung dar. Er war eine Erfindung des Mittelalters, durch die Krieger ihre Verbrechen sühnten, ihre Fehler wieder gut machten, der Schande entkamen, ihre Freunde befreiten oder ihre Aufrichtigkeit bewiesen. Die Verherrlichung des seppuku 切腹 (zu dt.: „Bauch schneiden“) führte natürlich in Versuchung, es auch ungerechtfertigt im Sinne des Ethos zu begehen. Es galt als feige, sich das Leben zu nehmen, auch wenn man Schlacht für Schlacht verloren hatte, abgekämpft war und alles verloren schien. Mit solchen Versen richtete man sich wieder auf: „Kommt nur, kommt herbei, ihr Sorgen, ihr Schmerzen! Häuft euch auf meinem schon beschwerten Rücken! Damit mir nicht ein Prüfung erspart bleibt, die zeigt, welche Kraft noch in mir steckt.“ Das Schwert, die Seele des Samurai Das Schwert sei das Symbol dessen, was der Krieger in seinem Herzen trage – Treue und Ehre. Erst in der Edo-Zeit wurde das Schwert zum Statussymbol, ideal zur Selbstzerfleischung und für Attentate. Es wurde zur Polizeiwaffe schlechthin.

Erziehung und Stellung der Frau

Das Bushidô-Ideal der Frau bezog sich wesentlich auf deren Häuslichkeit. Junge Mädchen wurden dazu erzogen, ihre Gefühle zu unterdrücken, ihre Nerven abzuhärten und den Umgang mit der Waffe zu erlernen, damit sie fähig waren, sich in gefährlichen Situationen zu behaupten. Die Frau sollte bewandert sein in Musik, Tanz und Literatur. Die Frau opferte sich auf als Gattin dem Manne, als Tochter dem Vater, als Mutter dem Sohne. Je niedriger der Stand war, desto gleichgestellter waren Mann und Frau. Als sozial-politisches Wesen galt die Frau wenig, als Gattin und Mutter genoss sie Achtung und Liebe.

Der Einfluß des Bushidō

Die Lehre der Ritterschaft wurde mit der Zeit zur Inspiration für die ganze Nation.

Ist Bushidō noch wirksam?

Sein Geist ist noch immer zu greifen. Die große Höflichkeit, die physische Beharrlichkeit, Stärke und Tapferkeit ist noch immer gegenwärtig.

Die Zukunft des Bushidō

Christentum und Materialismus werden sich die Welt teilen. Der Utilitarismus wird bedeutsam sein. Das Rittertum soll sich auf ein ehrenvolles Begräbnis vorbereiten.

Kommentar

Aus den verschiedensten Kommentaren und Vergleichen Nitobes im Laufe des Buches geht deutlich hervor, dass er es nicht nur aus der Sicht eines Japaners schrieb, sondern versuchte, das Thema aus mehreren kulturellen Perspektiven zu beleuchten. Allerdings ist es ihm leider nicht immer gelungen dabei neutral zu bleiben. So stellt er, der getaufter Christ war, im Laufe der Geschichte einmal die japanischen Bräuche im Vergleich zu den europäischen als barbarisch dar, ein andermal waren die Europäer wieder die Zurückgebliebenen. So einfach sollte man es wohl nicht darstellen, da es wohl in jeder Kultur andere Entwicklungen gab, die auf ihre Weise sinnvoll waren. Schafft man es aber diese Gefühlsausbrüche Nitobes nicht allzu ernst zu nehmen, so hat man hier eines der interessantesten und ersten nicht auf Japanisch verfassten Werke über Bushidō, auf das sich auch heute noch viele Publikationen zu dem Thema berufen.

Nitobe moralisiert an manchen Stellen unsachlich-polemisch ( S.72, 2. Abs.). Man hat das Gefühl, dass er ein wenig der Ideologie des rituellen Selbstmordes nachtrauert, wenn er von den damit verbundenen "edelsten Taten und rührendsten Feierlichkeiten" (S. 66, oben) spricht. Anderorts zieht Nitobe Parallelen zwischen dem Freitod der Samurai und dem Tode von Sokrates(S. 68), die wohl keiner genauen Betrachtung standhalten können. Er stellt allgemein viele Vergleiche zwischen der abendländischen und der fernöstlichen Tradition an, die eher verwirrend als erklärend wirken. Seine Darstellungen sind sehr plakativ und enden vielleicht etwas zu oft mit einem Rufzeichen. Der Autor schlägt zur Erläuterung oft recht schwärmerische Töne an, die den rationalen Charakter des Buches vermissen lassen. Der Verdacht eines nationalistisch-ideologischen Werkes scheint sich an manchen Stellen desselben zu erhärten. Als Einführung in die Gedankenwelt des Bushido hat "Bushido – Die Seele Japans" jedoch einen gewissen Wert, den man nicht in Abrede stellen kann.

Nitobes Lebensziel

Nitobe macht auch in seinem Werk sehr gerne Kulturvergleiche zwischen Japan und Westen, insbesondere in Bezug auf „Ehre“ und „Scham“.

Fasst man Nitobes Bushidō grob in einem Satz zusammen, würde es wie folgend lauten: „Bushidō ist das Kennenlernen des Schams (haji)“ (Ōta 2006, 111).

Wenn man über „Ehre“ gedanken macht, unterscheidet man zwischen zwei Arten von Menschen, die sich entweder nur an etwas „Sichtbares“ wie z.B. andere Leute orientieren, oder die sich auch an etwas „Unsichtbares“ wie z.B. Götter oder Gesetze orientieren. Nitobes Lebensziel war es auch, diese Ethik, die man von einer Samurai dringend verlangt wurde, auch im Bürgertum und vor allem unter Kaufleuten zu verbreiten, da die Kaufleute in Japan schon seit frühester Zeit mit dem Worten „Nimm den Gewinn, auch wenn es beschämend ist“ (恥をかいても得をとれ) erzogen worden waren. (Ōta 2006, 119)

Nitobe und Benedict

Es gibt ein Meinungsunterschied zwischen Nitobe und Benedict bezüglich Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit (gi).

Ruth Benedict, die mit ihrem Werk „Chrysantheme und Schwert“ bekannt ist, war nie in Japan. In „Chrysantheme und Schwert“ verwendete sie öfters Nitobes „Bushidō“ als Quelle.

In ihrem Werk fehlt zwar das Kapitel bezüglich Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit (gi), doch im Kapitel 6 ihres Werkes geht sie stattdessen auf on und giri ein. Als Erklärungsbeispiel nahm sie Rückzahlung einer Schuld im Westen und verbindet diese beiden Begriffe öfters mit den ähnlichen Begriffen wie Pflichten (chū) und Ehre (meiyo).

In Kapitel 6 definiert sie die Begriffe on und giri wie folgend: „On: Verpflichtungen, die passiv eingegangen werden. Man „empfängt ein on“; man „trägt ein on“, d.h. on sind Verpflichtungen aus der Perspektive des passiven Empfängers. “ „Giri: Diese Schulden sind mit mathematischer Genauigkeit für einmal erwiesene Gefälligkeiten zurückzuzahlen und unterliegen zeitlichen Grenzen. 1. Giri gegenüber der Welt: Pflichten gegenüber den Menschen wegen einmal empfangenen on, etwa in Form eines Geldgeschenkes, eines Gefallens oder geleisteter Arbeit. (…) 2. Giri gegenüber dem eigenen Namen: die japanische Variante des Begriffs Ehre. (…)“ (Benedict 1946, 106-107)

Nitobe hingegen definiert giri in Kapitel 3 „Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit“ (gi) als „Vernunft der Gerechtigkeit“ oder „rechte Vernunft“.

„Ich meine gi-ri, wörtlich „rechte Vernunft“, die im Laufe der Zeiten zu einem unbestimmten Pflichtgefühl wurde, das laut öffentlicher Meinung unbedingt erfüllt werden musste. (…) Eigentlich sollte Liebe das Gefühl sein, das alle unsere Handlungen gegenüber unseren Eltern bestimmt. Wo sie aber fehlt, muss etwas anderes dafür einstehen, das kindliche Ehrerbietung erzwingt; dieses andere ist giri.“ (Nitobe 2003, 29)

Nitobe erwähnt auch, dass dieser Begriff mit der Zeit zum unbestimmten Begriff und seiner Meinung nach zur Kasuistik erniedrigt wurde.

Quellen

  • Aito Ōta 2006
    Bushidō o yomu – Nitobe Inazō to haisha no seishinshi. Tōkyō: Heibonsha 2006.
  • Ruth Benedict 1946
    The chrysanthemum and the sword: Patterns of japanese culture. Boston: Houghton Mifflin Company 1946.

Dieser Artikel wurde ursprünglich für das Schwesterprojekt Hachiman-no-pedia verfasst.