Dakini

Aus Kamigraphie
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Vajravarahi(1).jpg
Weisheits-Dakini Vajravahari[Abb. 1]
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Themengruppe Gottheiten (Götter, numinose Erscheinungen)
Name Ḍākinī डाकिनी („Himmelstänzerin“)
Rel. Zugehörigkeiten Hinduismus, Buddhismus
Herkunft Indien
Ikonographie Ausdruck von Gefahr und Bedrohung im Gesicht; tanzende, sexuell herausfordernde Pose; Wechselgestalt schöne Frau oder hässliche Dämonin
Attribute, Begleiter Schädelschale, Hackmesser
Funktion, Wirkkraft Urspr. menschenfressende Dämonin
Diese Seite entstand im Kontext des Seminars Kamigraphie: Randfiguren.


Es scheint fast unmöglich, eine systematische Beschreibung für die Ḍākinī-Figur zu finden.[1] Gelehrte des tibetischen Vajrayana-Buddhismus bezeichnen den Term „Dakini“ als „semantisch doppeldeutig“, „mehrwertig“, „verrückt“ oder gar „unmöglich, um auf eine einheitliche Definition festzusetzen“.[2]

Bei genauer Untersuchung lässt sich aber doch eine gewisse Beständigkeit ihrer Figur feststellen: Abhängig von der jeweiligen Religion und Literatur kann der Begriff der Dakini folglich also für verschiedene Aspekte stehen und beinhaltet somit ein ganzes Spektrum von unterschiedlichen Konzepten; unter anderem gibt es sie als weibliche Gottheit und menschliche Frau, aber auch für die Bezeichnung eines Geistwesens oder einer Art esoterischer Energie ist der Dakini-Begriff geläufig.

Die Herkunft des Sanskrit-Begriffs „Dakini“ ist unsicher. Das wird deutlich an unterschiedlichsten Interpretationen, welche für ihn stehen sollen. In der tantrischen Tradition des Buddhismus wird er von der Sanskritwurzel di-, welche für „fliegen“ steht, abgeleitet und somit wird die Dakini zur „Luft-“ „Raum-“ oder „Himmelsgeherin“ erklärt.[3] Andere Quellen wiederum richten sich klar gegen die Annahme, dass seine Wurzeln mit den Bedeutungen wie „Himmel“ oder „Raum“ in Verbindung stehen.[4] Was aus diesen verschiedenen Interpretationen deutlich wird, ist die Tatsache, dass die Dakini im Laufe ihres Daseins als zornige, aber auch als durchaus gnädige Figur in Erscheinung trat und sie ihr Wesen generell in unzähligen, teilweise widersprüchlichen Formen, preisgab. Wie im folgenden Punkt noch ausführlicher erläutert wird, ist das tibetische Wort für Dakini khandro und wird aufgrund seiner Übersetzung – „sie, die durch den Himmel geht“ – ähnlich wie die erstgenannte Interpretation des Wortes Dakini mit den Bedeutungen „Himmel“ und „Raum“ in Verbindung gesetzt.

Nichtsdestotrotz, aufgrund der nur vagen und bei Weitem nicht stichfesten Quellen zu den Wurzeln des Wortes, bleibt es zu bezweifeln, ob beide Begriffe, khandro und Dakini, so wie es heute üblich ist, tatsächlich als völlig synonym anzusehen sind.[5]

Die nun geläufige Konnotation der Dakini mit der einer „Himmelsgängerin“ und die Vorstellung des „Sich-durch-den-Himmel-Bewegens“ weisen zum einen auf die magischen und übernatürlichen Eigenschaften hin, welche diese besitzt. Zum anderen kennzeichnen sie aber auch ihre Zugehörigkeit zum – religiösen - Himmel. Außerdem wird deutlich, dass die Begriffe „Zeit“ und „Raum“ eine durchaus signifikante Rolle für sie spielen. So ist sie ständig in Bewegung, allerdings benötigt sie hierfür keinen triftigen Grund – sie bewegt sich einfach im „Raum“.[6]

Ikonographisch werden der Dakini folgende Hauptmerkmale zugeschrieben: Ein Ausdruck von Gefahr und Bedrohung im Gesicht, eine ungezügelte Wildheit vorzufinden vor allem in den frevelhaften Posen sowie eine Stimmung von grenzenloser Energie, die sie scheinbar fast nicht zu kontrollieren vermag.[7] Passend zu ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen gibt es aber durchaus auch - gegensätzlich zu diesen eher grimmigen Beschreibungen – positivere Darstellungen. So faszinieren sie in anderen Kontexten mit ihrer grenzenlosen Schönheit und ihrem vollen Haar als schöne, lächelnde junge Frauen.

Die Bedeutung der Dakini im tibetischen Buddhismus

Das tibetische Wort für die Dakini, khandro, bedeutet wörtlich übersetzt etwa so viel wie „sie, die durch den Himmel geht“. Die Ursprünge des Wortes liegen zunächst in kha, was „Raum“ oder „Himmel“ bedeutet und sich auf die grenzenlose Weite der Leere bezieht. Der zweite Teil des Namens dro, kann übersetzt werden mit „die Gehende“ oder „die Reisende“. Er bezieht sich somit auf Bewegung und genau diese Qualität ist äußerst bezeichnend für die Dakini, findet man sie in ikonographischen Darstellungen meist in fliegender, tanzender oder andersartiger Form der Bewegung vor.[8] In Tibet besitzt das Wort „khandro“ kein bestimmtes Geschlecht. Grund hierfür ist der Aufbau der tibetischen Sprache, in welcher das Geschlecht nicht eindeutig durch Syntax gekennzeichnet wird. Aufgrund der Tatsache, dass es sich aber meist um die feminine Form des Wortes handelt, wird üblicherweise noch die weibliche Endung –ma an khandro angehängt. Jene feminine Endung weist also noch einmal explizit darauf hin, dass es sich um eine „sie“ handelt, welche sich in der Grenzenlosigkeit des Himmels bewegt. Allerdings ist es für die Tibeter bereits im Wort „khandro“ kulturell wie auch kontextuell impliziert, dass dieses ein weibliches Geschlecht besitzt- es sei denn, es wird explizit auf seine Männlichkeit hingewiesen.[9]

Desweiteren ist khandroma lediglich eine gekürzte Form des tibetischen Ausdrucks khekham su khyappar droma, welcher in etwa mit den Worten „sie, die überall im Reich des Raumes fliegt“ zu übersetzen ist. Auch hier wird also wieder ihr Charakteristikum einer „Himmelstänzerin“ deutlich; überhaupt wurde ihren Kräften des Fliegens ab dem Zeitpunkt ihrer ersten Erscheinungen in indischen Pantheons fortan eine große Bedeutung zugeschrieben. Neben dem Sanskrit-Begriff Dakini gibt es noch weitere Ausdrücke, die als äquivalent zu diesem gelten. Auch sehr geläufig sind beispielsweise die Sanskrit-Bezeichnungen khecari oder vyomacari, in tibetischer Sprache übersetzt mit khachöma, was so viel bedeutet wie „sie, die den Himmel genießt oder beherrscht“ und sich somit also sehr der populäreren Bedeutung von khandroma ähnelt.[10]

Männliche Äquivalente

Der männliche Gegenpart zur Dakini ist in Sanskrit bekannt als Daka und erschien im hinduistischen Pantheon zunächst ebenfalls als Figur mit schaurigen Gelüsten, als fleischfressender Hexer, der – wie auch die Dakini – an der Seite Kalis oder Sivas stand. Mit der Entwicklung der Dakini im tantrischen Indien wurde allerdings auch ihm eine tiefergehende Rolle zugeschrieben. Beschrieben werden die dakas als männliche Himmelstänzer, die als Gatten der Dakinis und spirituelle Mentoren für yogins, yoginis und menschliche Dakinis dienen. Während der Übertragung des Buddhismus nach Tibet wurde dem Daki oftmals die Bezeichnung des pawo, eines Helden oder furchtlosem Kämpfer, zugeschrieben. In Verbindung mit der Dakini wurde diese dann zur pamos, also zum weiblichen Gegenpart.[11] Nichtsdestotrotz ist zu betonen, dass die dakas eher als sekundär und zweitrangig anzusehen sind und die Dakini in Tibet als eine Figur auftrat, welche ihre eigenen Rechte besaß und grundsätzlich auf sich allein gestellt war. Aus diesem Grund trat sie also auch meist alleine, das heißt ohne den Daka, in Erscheinung.[12]

Ikonographie

Die Ambiguität der Dakinis ist Teil ihrer tibetischen Lehre. Innerhalb Tibets Vajrayana-Buddhismus besiedeln die Dakinis dessen zahlreiche Texte, das Wissen und die Praktiken und repräsentieren hierbei eine große Anzahl an unterschiedlichen Rollen mit verschiedenen Eingruppierungen.[13] Die beiden wichtigsten dieser Rollen sind die loka-dakinis, die sogenannten „innerweltlichen“ oder „Welt-Dakinis“, sowie die jñana-dakinis, die „Wissens-“ oder „Weisheits-Dakinis“. Die Welt-Dakinis werden dabei mit der ursprünglichen Bosheit der vor-tantrischen Zeit in Beziehung gesetzt, die Weisheits-Dakinis hingegen gelten als vollkommen erleuchtet und – wie der Name schon sagt – weise.

Die religionsgeschichtliche Herkunft der buddhistischen Dakinis ist also insofern wichtig, als dass nicht nur die „bekehrten“, sondern gleichermaßen auch die „unbekehrten“, hinduistischen Dakinis – die „Welt-Dakinis“ – ihren festen Platz innerhalb der Dakini-Mythologie des tantrischen Buddhismus innehaben. Dies lässt sich mit der Tatsache erklären, dass der Vorgang der „Bekehrung“ der Dakinis nicht ein nur einmal vorkommendes und historisches Ereignis darstellt, welches einst in der Vergangenheit stattgefunden hat. Vielmehr ist es so, dass die Hagiographie die Begegnung mit feindlichen Dakinis immer wieder als ein Ereignis beschreibt, „das in der inneren Entwicklung jedes/r einzelnen Tantrapraktizierenden vorkommen kann.“[14] Eine solche Überwindung oder Bekehrung böswilliger Dakinis kann somit als Initiation oder auch als Prüfung religiöser Vollkommenheit im individuellen, persönlichen Tantrikerleben auftreten. Da schlussendlich also beide „bekehrte“ wie auch „unbekehrte“ Dakinis für die Praktizierenden wichtig sind, differenziert die Dakini-Mythologie zwischen den „Welt-Dakinis“ und „Weisheits-Dakinis“.[15]

Während die Trennung dieser beiden Dakini-„Arten“ in ihren indischen Formen klar und konsistent war, überschneiden sie sich in Tibet ab und an in ihrer Erscheinung und Funktion.[16]

Welt-Dakini

Welt-Dakini [Abb. 2]

Diese Abbildung zeigt eine Welt-Dakini. Welt-Dakinis gelten als niedere, unerleuchtete Geisteswesen, die entsprechend dem indischen Dakini-Bild in Form von unheimlichen Dämoninnen auf Leichenverbrennungsstätten hausen. Sie ernähren sich vom Fleisch der Toten und treten als Schrecknis bzw. Versuchung an die Tantriker heran, welche zur Überwindung ihrer Todesfurcht auf den Leichenstätten meditieren. In Tibet werden die Welt-Dakinis auch als "fleischfressende Dakinis" bezeichnet, und phramena ist die geläufige tibetische Übersetzung, wenn es sich um solch unerleuchtete Dakinis handelt. Gewöhnlich stehen die Welt-Dakinis also für negative und dem Buddhismus feindliche Kräfte, zum Beispiel treten sie, wie oben schon erwähnt, als Störerinnen der Meditation auf.

Weisheits-Dakini

Die Weisheits-Dakinis versinnbildlichen, wie der Name schon angibt, die Weisheit, welche die Buddhas hervorbringt, sowie den inneren Impuls, der zur Buddhaschaft führt. Sie verkörpern daher den weiblichen Aspekt der Buddhawerdung, wie auch der Buddhaschaft. Auf der Abbildung ist die Göttin Vajravarahi zu sehen, welche als eine der wichtigsten Weisheits-Dakinis gilt. Sie trägt zudem häufige Attribute der Dakinis: in der rechten Hand ein Hackmesser und in der linken Hand vor der Brust eine Schädelschale. Außerdem lehnt an ihrer linken Schulter der tantrische Stab. An ihrer rechten Schläfe findet man den für sie typischen Schweinekopf wieder.

Die Dakini Vajrayogini

Als Königin aller dakinis im tibetisch-buddhistischen Pantheon gilt eindeutig die Vajrayoginī, welche angesehen wird als haupt-tantrische Form der weiblichen Buddha-Figur. Obwohl eine große Anzahl verschiedener Vajrayoginī-Formen vorherrscht, sind viele ihrer Eigenschaften konstant bei allen ihrer Figuren vorzufinden. Zunächst ist zu beachten, dass der Term yoginī im Kontext der Vajrayoginī nicht verwechselt werden darf mit den gleichermaßen als „Yoginī“ bezeichneten weiblichen Siddhas, sowie mit jenen Frauen, die an der Seite eines Yogins als tantrische Partnerin leben. Vielmehr stellen die hier gemeinten yoginīs eine spezielle Form der dakinis dar, so treten sie in der Regel als yoginī dem männlichen Yogin zum Vorschein, um diesen durch ihre verführerische Art zu faszinieren. Betrachtet man diesbezüglich beispielsweise die berühmte Gruppe der sogenannten „fünf Dakinis“ (Buddha-Dakini, Vajra-Dakini, Ratna-Dakini, Padma-Dakini und Viśva-Dakini), so findet man zu jeder der zugehörigen Dakini-Gottheit meist ebenso auch einen – für gewöhnlich freundlicheren - Yoginī-Aspekt vor; für die Vajra-Dakini in unserem Fall also die Vajrayoginī.[17]

Vajrayoginī innerhalb tibetischer Schulen

Die vielen unterschiedlichen Manifestationen der Vajrayoginī sind in allen Schulen des tibetischen Buddhismus vorhanden. Der Schwerpunkt ihrer Formen liegt aber wohl in der Kagyü-, sowie in der Sakya-Schule, zugehörig zu den „Schulen der Neuen Übersetzungen“ oder auch Sarma-Schulen, welche innerhalb des 11. Jahrhunderts buddhistische Schriften aus dem Sanskrit ins Tibetische übersetzten und den „Schulen der alten Übersetzung“ aus dem 9. Jahrhundert gegenüber stehen. Besondere Beachtung in der Kagyü-Tradition erhält dabei die Vajravārāhī, die sicherlich bedeutendste Form der Vajrayoginī. Diese Hochschätzung wird zurückgeführt auf den Siddha Tilopa, der viele Visionen der Gottheit hatte und diese an seinen Schüler Nāropa weiter trug.[18] Auch Nāropa besaß viele Vorstellungen und Visionen von Dakini-Formen, bekannt von diesen wurde vor allem jene, in der ihm Vajrayoginī als eine alte hässliche Hexe erscheint und ihn dazu drängt, klösterliche Scholastik zugunsten tantrischer Praxis aufzugeben. Die Manifestation der Vajrayoginī, welche besonders in Tibet mit Nāropa verbunden wird, ist die bereits erwähnte Nā ro mkha’spyod, verstanden als „Nāropas Überlieferung der Ḍâkinî“.[19]

Verweise

Verwandte Themen

Literatur

  • Henk Blezer 2002
    Religion and secular culture in Tibet. Leiden, Boston und Köln: Brill 2002.
  • June Campbell 1997
    Göttinnen, Dakinis und ganz normale Frauen: Weibliche Identität im tibetischen Tantra. Berlin: Theseus Verlag 1997.
  • Elizabeth English 2002
    Vajrayoginī - her visualizations, rituals & forms: A study of the cult of Vajrayoginī in India. Boston: Wisdom Publications 2002.
  • Adelheid Herrmann-Pfandt 1992
    „Dākinīs in Indo-Tibetan Tantric Buddhism: Some results of recent research.“ Studies in Central and East Asian Religions 5/6 (1992-3) (1992), S. 45-63.
  • Hans Wolfgang Schumann 1997
    Buddhistische Bilderwelt: Ein ikonographisches Handbuch des Mahāyāna- und Tantrayāna-Buddhismus. München: Eugen Diederichs Verlag 1997. (Erste Auflage 1986.)
  • Judith Simmer-Brown 2002
    Dakini's warm breath. Boston und London: Shambala Publications 2002.

Fußnoten

  1. Der vorliegende Artikel wurde ursprünglich im Rahmen eines Seminars an der Universität Göttingen, im Sommersemester 2012 erstellt. Für eine ausführliche Erörterung des Themas siehe die Hausarbeit von Lena von Schwartz.
  2. Simmer-Brown 2001, S. 43
  3. Herrmann-Pfandt 1992, S. 115
  4. Campbell 1997, S. 197
  5. Campbell 1997, S. 197
  6. Campbell 1997, S. 198
  7. Blezer 2000, S. 117
  8. Herrmann-Pfandt 1992, S. 115
  9. Simmer-Brown 2001, S. 52
  10. Simmer-Brown 2001, S. 52
  11. Campbell 1997, S. 197
  12. Simmer-Brown 2001, S. 53
  13. Simmer-Brown 2001, S. 53
  14. Herrmann-Pfandt 1992, S. 118
  15. Herrmann-Pfandt 1992, S. 118
  16. Simmer-Brown 2001, S. 53
  17. Schumann 1986, S. 174
  18. English 2002, S. xxii
  19. English 2002, S. xxii

Bilder

Quellen und Erläuterungen zu den Bildern auf dieser Seite:

  1. Vajravarahi(1).jpg
    Weisheits-Ḍākinī Vajravarahi Gemälde
    Bild © Hzcmc. (Letzter Zugriff: 2021/8/24)
  2. Dakini böse.jpg

    Dakini Hängerollbild
    Bild © Himalayanart. (Letzter Zugriff: 2016/8/9)